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"Shoot their hearts and blow their minds". Terrorismusbekämpfung in Israel: Vorbild für Europa?


21.10.2016
Israels Geschichte ist auch eine Geschichte des Terrorismus und seiner Bekämpfung. Der jüdische Staat wird seit seiner Gründung 1948 mit allen erdenklichen Formen terroristischer Gewalt konfrontiert. Trotz gelegentlicher Rückschläge sind die Erfolge des Landes eindrucksvoll: Obgleich es in den vergangenen knapp 70 Jahren stetig Anschlägen und Angriffen ausgesetzt war, behauptet sich Israel als wohlhabende Demokratie. Die Terroranschläge, die Frankreich, Belgien und Deutschland jüngst erschütterten, deuten darauf hin, dass sich auch Europa zukünftig verstärkt mit Terrorbekämpfung zu befassen hat. Daher lohnt ein Blick auf die Erfahrungen Israels.

Die Ursprünge israelischer Terrorismusbekämpfung wurzeln in vorstaatlicher Zeit. In den 1930er Jahren baute der Brite Orde Wingate zum Schutz der zionistischen Siedlungen vor arabischen Überfällen die "Special Night Squads" auf. Er setzte auf demonstrativ gewalttätige, offensive Operationen zur Abschreckung – bis heute ein wesentlicher Bestandteil israelischer Militärdoktrin.

Im Israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 flohen rund 700.000 Palästinenser in die Nachbarländer beziehungsweise wurden dorthin vertrieben. Einzelpersonen und Gruppen aus diesen palästinensischen Exilgemeinden wurden zur primären nichtstaatlichen Bedrohung für Israel. In den 1950er Jahren kosteten Sabotage-, Mord- und Raubüberfälle palästinensischer Eindringlinge 286 Israelis das Leben und richteten einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden an. Die Israel Defence Forces (IDF) verübten massive Vergeltungsschläge in angrenzenden Staatsgebieten. Der spätere Ministerpräsident Ariel Sharon baute 1953 hierzu Israels erste Spezialeinheit auf (Unit 101).[1]

Vom Sechstagekrieg bis in die 1980er Jahre



Mit der Eroberung der Westbank und des Gazastreifens im Sechstagekrieg 1967 waren die IDF mit der Kontrolle einer feindlich gesonnenen Bevölkerung konfrontiert. Insbesondere in Gaza war die Gewaltbereitschaft gegen die Besatzer hoch. Innerhalb kurzer Zeit ergaben sich die Palästinenser jedoch nach Ausgangssperren, Verhaftungen und flächendeckender Geheimdienstarbeit Israels in ihr Schicksal.[2]

Ein wesentlich größeres Sicherheitsproblem waren die Terrorgruppen, die sich in den palästinensischen Flüchtlingslagern in den arabischen Nachbarländern bildeten. Unter dem Dach der Palestine Liberation Organisation (PLO) hatten sie zunächst in Jordanien ihre Operationsbasis. Zu den bedrohlichsten gehörte neben Jassir Arafats Fatah die Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP). Diese Gruppe "erfand" 1968 die Flugzeugentführung und leitete damit die Entstehung des modernen internationalen Terrorismus ein. Bis 1976 sollten palästinensische Terroristen 16 Flugzeuge entführen, oft mit dem Ziel, inhaftierte Mitstreiter freizupressen.

Israel war zunächst unvorbereitet, entwickelte dann jedoch effektive Gegentaktiken: Die Sicherheitskontrollen der Flugpassagiere wurden verschärft, und Piloten wurden geschult, Flugzeugentführer durch unerwartete Manöver zu überraschen. Außerdem war Israel eines der ersten Länder, das Flugsicherheitsbegleiter einsetzte und Spezialeinheiten zur Geiselbefreiung aufbaute. Als geradezu legendär gilt in diesem Zusammenhang der erfolgreiche Sturm auf eine entführte Air-France-Maschine in Entebbe (Uganda) im Juni 1976.[3]

Die Geiselnahme und Ermordung israelischer Athleten bei den Olympischen Spielen in München 1972 durch die Fatah-nahe Organisation "Schwarzer September" beantwortete Israel mit Vergeltungsaktionen durch den Mossad: Der israelische Auslandsgeheimdienst tötete in der Folge weltweit mehr als 20 palästinensische Terroristen.[4]

Nach ihrer Vertreibung aus Jordanien 1970/71 setzten die palästinensischen Terrorgruppen ihre Anschläge auf Israel von ihrer neuen Operationsbasis im Libanon fort. Nach einer besonders verlustreichen Attacke im März 1978, bei der 35 Israelis starben, drangen die IDF mit 25.000 Soldaten zeitweise im Libanon ein, um die PLO-Basen an der Grenze zu zerstören ("Operation Litani"); allerdings ohne nachhaltigen Erfolg. Israel begann daher im August 1982 eine Invasion des Libanon ("Operation Peace for Galilee"). Zwar gelang es den IDF, die PLO zur Flucht nach Tunis zu zwingen, doch Israels ausgedehnte Militärpräsenz im Libanon geriet mit fast 3.000 Terroranschlägen zwischen 1982 und 1985 zum Fiasko. Schließlich zogen sich die IDF auf einen schmalen Sicherheitskorridor im Süden des Landes zurück.[5]

Intifada I + II



Im Dezember 1987 begannen die Palästinenser in der Westbank und dem Gazastreifen einen Aufstand gegen die Besatzung – die Intifada (arabisch: "abschütteln"). Auf Demonstrationen, Streiks und Straßenkämpfe waren die IDF zunächst nicht eingestellt. Anstelle von Panzerschlachten auf den Golanhöhen galt es nun, Steine werfende Teenager unter Kontrolle zu bekommen. Mit dem harten Einsatz von Schlagstöcken und Gummigeschossen bei Demonstrationen sowie Ausgangssperren und der Schließung von Schulen und Universitäten sorgte Israel schließlich für Ruhe. Die Frustration über die Wirkungslosigkeit des Aufstands führte jedoch zu einer stärkeren Rolle islamistischer Bewegungen und zum Aufstieg der Hamas.

Die PLO verlor im tunesischen Exil an Einfluss. Daher wandte sich Arafat Friedensverhandlungen zu, die im Rahmen der Oslo-Abkommen 1993/95 zur weitgehenden Selbstverwaltung des Gazastreifens und Teilen der Westbank unter der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) führten. Doch die Hamas positionierte sich gegen den Friedensprozess und beförderte dessen Scheitern durch Terrorakte, häufig Selbstmordattentate. Palästinensische Anschläge forderten bis 2.000 über 250 Tote. Zwar setzte Israel die Verhandlungen fort, doch die mangelnde Bereitschaft der PA, gegen die Hamas vorzugehen, vergiftete die Atmosphäre. Die IDF setzten der Hamas vor allem durch eine Verhaftungswelle heftig zu. Die Zahl der Anschläge und Opfer nahm erheblich ab.[6]

Bereits im September 2000 eskalierte die Lage mit dem Beginn der zweiten Intifada erneut. Sogenannte drive-by-shootings, Heckenschützen und Selbstmordattentate rückten vorrangig israelische Zivilisten ins Visier. Rund 1.000 Israelis fielen Anschlägen zum Opfer. 2002 wurde mit 53 Selbstmordattentaten, 277 getöteten israelischen Zivilisten und 149 getöteten Soldaten das blutigste Jahr der Intifada. Das öffentliche Leben in Israel war aus der Bahn geworfen. Selbst die zentralen Küstenstädte wie Tel Aviv und Netanya waren nicht mehr sicher. Entsprechend hoch war der Druck auf die Regierung, Entschlossenheit zu zeigen.

Premierminister Ariel Sharon reagierte mit der "Operation Defensive Shield": Es wurden 30.000 Reservisten einberufen, anschließend isolierten die IDF die arabischen Städte, besetzten sie und verhafteten zahlreiche Palästinenser. Die Operation inmitten der palästinensischen Bevölkerungszentren war ein militärischer Albtraum. Besonders heikel gestaltete sich die Einnahme von Jenin, wo sich die IDF einen Häuserkampf mit gut vorbereiteten Terroristen lieferten, die Tausende Sprengfallen gelegt hatten. Ab Mitte 2003 zogen sich die Streitkräfte aus den palästinensischen Städten zurück und kontrollierten lediglich die Zugangswege.

Dennoch brach der palästinensische Widerstand sukzessive zusammen. Die Erkenntnisse, die durch den Einsatz des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet in den palästinensischen Städten gewonnen wurden, waren beträchtlich. Nach der Verhaftung von schätzungsweise 7.000 Palästinensern und entsprechenden Verhören verfügte der Dienst über beinahe lückenlose Informationen über die Terrorgruppen. Der permanente Druck durch gezielte Tötungen und Verhaftungen zermürbte sie. Schon bald konnten die israelischen Sicherheitskräfte Selbstmordanschläge fast vollständig neutralisieren.[7]


Fußnoten

1.
Vgl. Ben-Horin/Barry Posen, Israel’s Strategic Doctrine, Santa Monica 1981; Simon Anglim, Orde Wingate and the Special Night Squads: A Feasible Policy for Counter-Terrorism, in: Contemporary Security Policy 1/2007, S. 28–41; David Landau, Arik. The Life of Ariel Sharon, New York 2014, S. 20–29; Benny Morris, Israel’s Border Wars 1949–1956, Oxford u.a. 1993, S. 28, S. 32, S. 49–54, S. 70, S. 83ff., S. 262, S. 419f.
2.
Vgl. Daniel Byman, A High Price. The Triumphs and Failures of Israeli Counterterrorism, Oxford u.a. 2011, S. 34–38; Ahron Bregman, Cursed Victory. A History of Israel and the Occupied Territories, London 2014, S. 3–34, S. 56–66.
3.
Vgl. Ami Pedahzur, The Israeli Secret Services and the Struggle Against Terrorism, New York 2010, S. 34ff.
4.
Vgl. Aaron Klein, Striking Back. The 1972 Munich Olympics Massacre and Israel’s Deadly Response, Tel Aviv 2006.
5.
Vgl. Eyal Zisser, The 1982 "Peace for Galilee" War. Looking Back in Anger – Between an Option of a War and a War of No Option, in: Mordechai Bar-On (Hrsg.), A Never-Ending Conflict, Westport 2004, S. 193–211, hier S. 196f., S. 203–208; Benny Michelsohn, Insurgency and Counterinsurgency in Israel, 1965–1985, in: ebd., S. 179–192, hier S. 189f.
6.
Vgl. Reuven Aharoni, The Palestinian Intifada, 1987–1991, in: ebd., S. 211–230; Ahron Bregman, Israel’s Wars. A History Since 1947, Abingdon–New York 2010, S. 179–203; Byman (Anm. 2), S. 79f., S. 99f., S. 109f.
7.
Vgl. Sergio Catignani, Israeli Counter-Insurgency and the Intifadas. Dilemmas of a Conventional Army, Abingdon–New York 2008, S. 102–141; Byman (Anm. 2), S. 115f., S. 121–128, S. 139–159; Hirsh Goodman/Jonathan Cummings (Hrsg.), The Battle of Jenin. A Case Study in Israel’s Communications Strategy, Tel Aviv 2003.
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Autor: Marcel Serr für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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