Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Claudia Neu

Neue Ländlichkeit. Eine kritische Betrachtung - Essay

Junge Familien pachten begeistert Schrebergärten oder Äcker beim Bauern, urbane Gemeinschaftsgärten schießen wie Pilze aus dem Boden, Landmagazine erreichen Millionenauflagen und Wildkräutersammelkurse sind ausgebucht. Mehr Landgefühl war nie. Die Trendsetter der "Neuen Ländlichkeit" sind jedoch nicht etwa Dorfbewohner, sondern zumeist Städter, die sich im Anbauen, Ernten und Einkochen versuchen. Es ist müßig, zu erwähnen, dass es sich zumeist um idealisierte Vorstellungen vom Landleben handelt, die mit "realen" Verhältnissen auf dem Land oder gar in der Landwirtschaft wenig zu tun haben.[1] Dies kann auch nicht wirklich verwundern, denn die Imaginierung des Ländlichen diente stets als Kontrapunkt zum (modernen) Stadtleben. Die aktuelle Land-Renaissance steht damit in einer langen Tradition, denn "echtes" Landleben hatten selbst die Literaten und Maler der Frühen Neuzeit nicht im Sinn, als sie Arkadien suchten und damit selbst idealisierte Sehnsuchtsorte in Form von Schäfer-Idyllen schufen. Auch die Aufklärer des 19. Jahrhunderts verfassten die "Lieder für den Landmann" nicht für das Landvolk, sondern für das gebildete Bürgertum, das sich an der vermeintlichen Natürlichkeit der Bauern und Sämänner erfreute.[2]

Der Antagonismus zwischen "unverfälschtem Landleben" und "städtischer Entfremdung" ist tief in den "Quellcode der Moderne eingeschrieben", so der Kulturwissenschaftler Stefan Höhne.[3] Daher greift es zu kurz, die Idyllisierung des Landlebens à la "Musikantenstadl" oder "Landlust" nur als schlechten Geschmack von Senioren und Hausfrauen abzutun. Vielmehr lässt sich fragen, welche Bilder von Stadt und Land erzeugt werden. Von wem, für wen? Oder anders: Auf welche gesellschaftlichen Veränderungsprozesse antwortet die Neue Ländlichkeit?

Aktuelle Gesellschaftsanalysen legen nahe, dass die (urbane) Mittelschicht zutiefst verunsichert, verbittert, von Statuspanik geplagt ist und sich bei der Jagd nach der Work-Life-Balance in der Rushhour des Lebens zerreibt.[4] Die "erschöpfte Gesellschaft" ist auf der Suche nach Entschleunigung, authentischen Erfahrungen, echter Natur, Nahraumerfahrungen und Gemeinschaft.[5] Die Rhetorik des Verlustes treibt uns in die Arme einer vermeintlich besseren, der guten alten Zeit. So antwortet die Neue Ländlichkeit auf verschiedene gesellschaftliche Anforderungen, Überforderungen, Befindlichkeiten, Sehnsüchte und Ängste der Spätmoderne.

Ländliche Idylle

Die äußerst beliebten Landmagazine, die in millionenfacher Auflage erscheinen, sprechen zwar, ebenso wie die nicht weniger gern gesehenen Volksmusiksendungen, sozialstrukturell unterschiedliche und medienanalytisch fein austarierte Nutzergruppen an, "arbeiten" jedoch beide mit der idyllischen Repräsentation des Ländlichen und der Landwirtschaft: Erntedank- und Oktoberfest, Weinlese, Oldtimer-Traktoren, herbstliche Wildmenüs – die Themen der neuesten "Heuballen-Hefte".

Die "ländliche Idylle" ist, ebenso wie das Dorf als Ort des "guten Lebens", von jeher fester Bestandteil der künstlerisch-literarischen Bearbeitung von Land.[6] Seit der Antike finden sich mit dem locus amoenus (dem lieblichen Ort) idealisierte Naturschilderungen, mit den Landschaften Arkadiens oder der Hirtenliteratur (Bukolik) ähnliche Leitmotive, die in der Renaissance mit der Wiederentdeckung der antiken Klassiker zu neuer Blüte kamen. Im 18. Jahrhundert entdeckten Künstler und Intellektuelle dann die von Menschenhand geschaffenen Kulturlandschaften als Naturlandschaften und priesen die Schönheit der bäuerlichen Arbeit und ländlicher Gegenden. Bereits hier sind erste Züge einer Romantisierung der Naturlandschaften, als Gegenbild zur Unterwerfung der Natur unter zunehmend ökonomische Ziele, zu erkennen. Die bearbeitete Natur sollte keineswegs wieder in ihren Urzustand versetzt werden, im Gegenteil, die bäuerliche Idylle sollte konserviert werden.[7]

Sehnte sich das aufstrebende (klein)städtische Bürgertum in Kunst, Musik und Literatur nach unberührter Natur und urwüchsigem Landvolk, so tritt mit dem Aufkommen der Industriegesellschaft und der zunehmenden Verstädterung im 19. Jahrhundert stärker das Motiv der Antiurbanität in den Vordergrund. Land und Dorf wurden nun explizit zum Gegenentwurf zur entfremdenden, schmutzigen, krankmachenden, anonymen Großstadt. Auch in den kommenden Jahren, die verschiedene Wellen von Landromantik (Lebensreform, Wandervogelbewegung) bis hin zur Landperversion (NS-Blut- und Bodenideologie) erlebten, tauchen stets die gleichen Ingredienzien zur Imagination des Ländlichen auf – das "gute Leben", Gemeinschaft, Naturnähe und Homogenität.[8] Das Dorf wird als Ort des "guten Lebens", der Tradition und des Bewahrens gefasst; Mensch, Tier und Natur leben im Einklang miteinander, was sich im immer wiederkehrenden Tages- und Jahresablauf, in den Arbeits- und Bauweisen sowie dem Brauchtum wiederfindet. Die ländliche Gesellschaft gilt als eine wenig differenzierte Gemeinschaft, die sich bei allem Unbill des Lebens selbstlos beisteht, und das Dorf als eine geschlossene Gesellschaft, die autark lebt und sich selbst genügt. Das Fremde stört und bedroht die Gemeinschaft.

Dass die "realen" Verhältnisse auf dem Land oft eher einem "Not- und Terrorzusammenhang"[9] ähnelten und die ländliche Gesellschaft eine stark hierarchisch gegliederte Gesellschaft war – zu denken sei hier nur an die unzähligen Formen von Köttern, Kossäten, Kätnern, Hufnern und anderen Formen von Voll-, Halb-, Viertelbauern –, die soziale Abweichungen hart sanktionierte, war und ist freilich bis heute selten Gegenstand populärkultureller Darbietung. Peripherisierung und Entleerung ländlicher Räume, Ressourcenübernutzung, Armut und Arbeitslosigkeit stören das Bild ländlicher Idylle, in der allzeit Hausgärten blühen und Mutti Marmelade kocht.

Das Glück liegt auf dem Land?

Nicht Antiurbanität, sondern der Wunsch nach Naturnähe und sozialem Miteinander, Entschleunigung und Achtsamkeit wecken die "Sehnsucht der Städter nach dem ‚Land‘".[10] Und das in den vergangenen 60 Jahren mit stetig steigender Tendenz: 1956 antworteten auf die Frage "Wo haben die Menschen Ihrer Ansicht nach ganz allgemein mehr vom Leben: auf dem Land oder in der Stadt?" 54 Prozent der Befragten, dies sei in der Stadt der Fall, wohingegen lediglich 19 Prozent dem Land eine höhere Attraktivität bescheinigten. Bereits 1977 hatte sich die Einschätzung zugunsten des Landes geändert: 43 Prozent entschieden sich für das Landleben, nur noch 39 Prozent für die Stadt. Heute erscheint das Stadtleben den Befragten nur noch halb so attraktiv wie das Landleben: 2014 stimmten 41 Prozent für das Land, 21 Prozent für die Stadt. Mithin hält nur noch jeder Fünfte das Stadtleben für besser. Das Glück vermutet die Mehrheit der Befragten ohnehin eher auf dem Land (Großstädter zu 23 Prozent, Klein-/Mittelstädter zu 38 Prozent und Landbewohner zu 54 Prozent). Gleichwohl bleibt der Zuzug in die Städte ungebremst. Lediglich knapp 32 Prozent der Bevölkerung lebt noch im ländlichen Umland oder im ländlichen Raum.[11] In Verbindung mit der Vorstellung einer intakten Gemeinschaft und guter Nachbarschaften steht wohl auch die Annahme, dass Einsamkeit eher Städter heimsucht als Landbewohner (Land: 27 Prozent, Stadt: 39 Prozent). So bleibt die Stadt der Raum zum Überleben im Alltag, während das Land der Raum der Imagination eines besseren Lebens ist.

Fußnoten

1.
"Ländlichkeit" wird daher nicht als Raumkategorie oder -eigenschaft aufgefasst, sondern als etwas soziokulturell Hergestelltes (etwa in Anlehnung an das doing gender ein doing rural). Dies können Diskurse, Repräsentationen, Literatur oder vermeintlich ländliche Praktiken wie der Anbau von Obst und Gemüse sein. Es geht mithin darum, zu hinterfragen, welche kulturelle Bedeutung Ländlichkeit heute hat.
2.
Vgl. Michael Fischer, Lieder für den Landmann, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 1/2016, S. 39–56.
3.
Stefan Höhne, Die Idiotie des Stadtlebens, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 2/2015, S. 39–46.
4.
Vgl. Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014; Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, Berlin 2013.
5.
Vgl. Stefan Grünewald, Die erschöpfte Gesellschaft, Frankfurt/M.–New York 2013.
6.
Selbstverständlich soll keineswegs verschwiegen werden, dass Rückständigkeit, soziale Enge, Härte und Armut, eben die unschönen Seiten des Landlebens, stets sehr präsent in Kunst und Literatur waren. Zu denken sei nur an "Schlafes Bruder" von Robert Schneider oder "Schwabenkinder" von Jo Baier.
7.
Vgl. Eva Barlösius/Claudia Neu, Die Wildnis wagen, in: Berliner Debatte Initial 6/2001, S. 65–76; Christoph Baumann, Die Lust am Ländlichen, in: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (Hrsg.), Landflucht? Gesellschaft in Bewegung, Bonn 2016, S. 249–259.
8.
Vgl. Werner Bätzing, Das Dorf als Ort des guten Lebens zwischen Inszenierung und Verschwinden, in: Hans-Peter Ecker (Hrsg.), Orte des guten Lebens – Entwürfe humaner Lebensräume, Würzburg 2007, S. 103–114; Werner Nell/Marc Weiland, Imaginationsraum Dorf, in: dies. (Hrsg.), Imaginäre Dörfer. Zur Wiederkehr des Dörflichen in Literatur, Film und Lebenswelt, Bielefeld 2014, S. 13–50.
9.
Utz Jeggle/Albert Illien, Die Dorfgemeinschaft als Not- und Terrorzusammenhang, in: Hans Günter Wehling (Hrsg.), Dorfpolitik, Opladen 1978, S. 38–53.
10.
Thomas Petersen, Die Sehnsucht der Städter nach dem "Land", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. 7. 2014.
11.
Vgl. BBSR, Referenz Kreise/Kreisregionen zu Kreistypen, Gebietsstand 31. 12. 2014, http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Raumbeobachtung/Raumabgrenzungen/Kreistypen4
/Downloadangebote.html?nn=443222
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Autor: Claudia Neu für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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