Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.
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11.11.2016 | Von:
Claudia Neu

Neue Ländlichkeit. Eine kritische Betrachtung - Essay

Junge Familien pachten begeistert Schrebergärten oder Äcker beim Bauern, urbane Gemeinschaftsgärten schießen wie Pilze aus dem Boden, Landmagazine erreichen Millionenauflagen und Wildkräutersammelkurse sind ausgebucht. Mehr Landgefühl war nie. Die Trendsetter der "Neuen Ländlichkeit" sind jedoch nicht etwa Dorfbewohner, sondern zumeist Städter, die sich im Anbauen, Ernten und Einkochen versuchen. Es ist müßig, zu erwähnen, dass es sich zumeist um idealisierte Vorstellungen vom Landleben handelt, die mit "realen" Verhältnissen auf dem Land oder gar in der Landwirtschaft wenig zu tun haben.[1] Dies kann auch nicht wirklich verwundern, denn die Imaginierung des Ländlichen diente stets als Kontrapunkt zum (modernen) Stadtleben. Die aktuelle Land-Renaissance steht damit in einer langen Tradition, denn "echtes" Landleben hatten selbst die Literaten und Maler der Frühen Neuzeit nicht im Sinn, als sie Arkadien suchten und damit selbst idealisierte Sehnsuchtsorte in Form von Schäfer-Idyllen schufen. Auch die Aufklärer des 19. Jahrhunderts verfassten die "Lieder für den Landmann" nicht für das Landvolk, sondern für das gebildete Bürgertum, das sich an der vermeintlichen Natürlichkeit der Bauern und Sämänner erfreute.[2]

Der Antagonismus zwischen "unverfälschtem Landleben" und "städtischer Entfremdung" ist tief in den "Quellcode der Moderne eingeschrieben", so der Kulturwissenschaftler Stefan Höhne.[3] Daher greift es zu kurz, die Idyllisierung des Landlebens à la "Musikantenstadl" oder "Landlust" nur als schlechten Geschmack von Senioren und Hausfrauen abzutun. Vielmehr lässt sich fragen, welche Bilder von Stadt und Land erzeugt werden. Von wem, für wen? Oder anders: Auf welche gesellschaftlichen Veränderungsprozesse antwortet die Neue Ländlichkeit?

Aktuelle Gesellschaftsanalysen legen nahe, dass die (urbane) Mittelschicht zutiefst verunsichert, verbittert, von Statuspanik geplagt ist und sich bei der Jagd nach der Work-Life-Balance in der Rushhour des Lebens zerreibt.[4] Die "erschöpfte Gesellschaft" ist auf der Suche nach Entschleunigung, authentischen Erfahrungen, echter Natur, Nahraumerfahrungen und Gemeinschaft.[5] Die Rhetorik des Verlustes treibt uns in die Arme einer vermeintlich besseren, der guten alten Zeit. So antwortet die Neue Ländlichkeit auf verschiedene gesellschaftliche Anforderungen, Überforderungen, Befindlichkeiten, Sehnsüchte und Ängste der Spätmoderne.

Ländliche Idylle

Die äußerst beliebten Landmagazine, die in millionenfacher Auflage erscheinen, sprechen zwar, ebenso wie die nicht weniger gern gesehenen Volksmusiksendungen, sozialstrukturell unterschiedliche und medienanalytisch fein austarierte Nutzergruppen an, "arbeiten" jedoch beide mit der idyllischen Repräsentation des Ländlichen und der Landwirtschaft: Erntedank- und Oktoberfest, Weinlese, Oldtimer-Traktoren, herbstliche Wildmenüs – die Themen der neuesten "Heuballen-Hefte".

Die "ländliche Idylle" ist, ebenso wie das Dorf als Ort des "guten Lebens", von jeher fester Bestandteil der künstlerisch-literarischen Bearbeitung von Land.[6] Seit der Antike finden sich mit dem locus amoenus (dem lieblichen Ort) idealisierte Naturschilderungen, mit den Landschaften Arkadiens oder der Hirtenliteratur (Bukolik) ähnliche Leitmotive, die in der Renaissance mit der Wiederentdeckung der antiken Klassiker zu neuer Blüte kamen. Im 18. Jahrhundert entdeckten Künstler und Intellektuelle dann die von Menschenhand geschaffenen Kulturlandschaften als Naturlandschaften und priesen die Schönheit der bäuerlichen Arbeit und ländlicher Gegenden. Bereits hier sind erste Züge einer Romantisierung der Naturlandschaften, als Gegenbild zur Unterwerfung der Natur unter zunehmend ökonomische Ziele, zu erkennen. Die bearbeitete Natur sollte keineswegs wieder in ihren Urzustand versetzt werden, im Gegenteil, die bäuerliche Idylle sollte konserviert werden.[7]

Sehnte sich das aufstrebende (klein)städtische Bürgertum in Kunst, Musik und Literatur nach unberührter Natur und urwüchsigem Landvolk, so tritt mit dem Aufkommen der Industriegesellschaft und der zunehmenden Verstädterung im 19. Jahrhundert stärker das Motiv der Antiurbanität in den Vordergrund. Land und Dorf wurden nun explizit zum Gegenentwurf zur entfremdenden, schmutzigen, krankmachenden, anonymen Großstadt. Auch in den kommenden Jahren, die verschiedene Wellen von Landromantik (Lebensreform, Wandervogelbewegung) bis hin zur Landperversion (NS-Blut- und Bodenideologie) erlebten, tauchen stets die gleichen Ingredienzien zur Imagination des Ländlichen auf – das "gute Leben", Gemeinschaft, Naturnähe und Homogenität.[8] Das Dorf wird als Ort des "guten Lebens", der Tradition und des Bewahrens gefasst; Mensch, Tier und Natur leben im Einklang miteinander, was sich im immer wiederkehrenden Tages- und Jahresablauf, in den Arbeits- und Bauweisen sowie dem Brauchtum wiederfindet. Die ländliche Gesellschaft gilt als eine wenig differenzierte Gemeinschaft, die sich bei allem Unbill des Lebens selbstlos beisteht, und das Dorf als eine geschlossene Gesellschaft, die autark lebt und sich selbst genügt. Das Fremde stört und bedroht die Gemeinschaft.

Dass die "realen" Verhältnisse auf dem Land oft eher einem "Not- und Terrorzusammenhang"[9] ähnelten und die ländliche Gesellschaft eine stark hierarchisch gegliederte Gesellschaft war – zu denken sei hier nur an die unzähligen Formen von Köttern, Kossäten, Kätnern, Hufnern und anderen Formen von Voll-, Halb-, Viertelbauern –, die soziale Abweichungen hart sanktionierte, war und ist freilich bis heute selten Gegenstand populärkultureller Darbietung. Peripherisierung und Entleerung ländlicher Räume, Ressourcenübernutzung, Armut und Arbeitslosigkeit stören das Bild ländlicher Idylle, in der allzeit Hausgärten blühen und Mutti Marmelade kocht.

Das Glück liegt auf dem Land?

Nicht Antiurbanität, sondern der Wunsch nach Naturnähe und sozialem Miteinander, Entschleunigung und Achtsamkeit wecken die "Sehnsucht der Städter nach dem ‚Land‘".[10] Und das in den vergangenen 60 Jahren mit stetig steigender Tendenz: 1956 antworteten auf die Frage "Wo haben die Menschen Ihrer Ansicht nach ganz allgemein mehr vom Leben: auf dem Land oder in der Stadt?" 54 Prozent der Befragten, dies sei in der Stadt der Fall, wohingegen lediglich 19 Prozent dem Land eine höhere Attraktivität bescheinigten. Bereits 1977 hatte sich die Einschätzung zugunsten des Landes geändert: 43 Prozent entschieden sich für das Landleben, nur noch 39 Prozent für die Stadt. Heute erscheint das Stadtleben den Befragten nur noch halb so attraktiv wie das Landleben: 2014 stimmten 41 Prozent für das Land, 21 Prozent für die Stadt. Mithin hält nur noch jeder Fünfte das Stadtleben für besser. Das Glück vermutet die Mehrheit der Befragten ohnehin eher auf dem Land (Großstädter zu 23 Prozent, Klein-/Mittelstädter zu 38 Prozent und Landbewohner zu 54 Prozent). Gleichwohl bleibt der Zuzug in die Städte ungebremst. Lediglich knapp 32 Prozent der Bevölkerung lebt noch im ländlichen Umland oder im ländlichen Raum.[11] In Verbindung mit der Vorstellung einer intakten Gemeinschaft und guter Nachbarschaften steht wohl auch die Annahme, dass Einsamkeit eher Städter heimsucht als Landbewohner (Land: 27 Prozent, Stadt: 39 Prozent). So bleibt die Stadt der Raum zum Überleben im Alltag, während das Land der Raum der Imagination eines besseren Lebens ist.

Bastelbogen für das Landleben

"Landlust" lesen ist eine Sache, eine Kräuterspirale anlegen, einen Garten mieten oder gar als Selbstversorger aufs Land ziehen eine andere. Wer sind die Gestalter der Neuen Ländlichkeit? Raumpioniere, urbane Gärtner, Selbstversorger, Landlustleser – die unterschiedlichsten Phänomene und Akteure tummeln sich auf diesem Feld. Medial besonders präsent ist die Selbstversorgerbewegung, die, mit Hunderten von Ratgebern bestens versorgt, in ihr neues Leben als Gärtner, Kräutersammler, Einkocher startet. Auf der Basis einer qualitativen Inhaltsanalyse verschiedenster Ratgeber, Erlebnis- und Selbsterfahrungsberichte von Selbstversorgern konnten unterschiedliche Typen und Motivstrukturen extrahiert werden.[12]

Die Landlustigen holen sich die Anregungen zur Selbstversorgung light, im Hausgarten oder auf dem Balkon, in den genannten Landmagazinen. Auch das Sammeln von Wildkräutern und Einlegen der selbsterzeugten Produkte dient eher der Entschleunigung des Alltags denn der Ernährungssicherung. Ihnen geht es vor allem anderen um das "gute Leben". Genuss, Geschmack und gutes Gewissen beim Konsum stehen im Vordergrund.

Eine weitere Gruppe fühlt sich zu den Ideen praktischer Landarbeit hingezogen: die grüne Familie. Die jungen Erwachsenen, oft junge Eltern, möchten für sich und ihre Kinder frisches selbstangebautes Gemüse produzieren und verarbeiten. Um dem Nachwuchs einen Bezug zur Natur und den Nahrungsquellen zu vermitteln, wird eine Parzelle im Selbsternteprojekt oder ein Schrebergarten gepachtet oder auch bei einem urbanen Gemeinschaftsgarten mitgemacht. Die grüne Familie fühlt sich einem nachhaltigen Lebensstil verpflichtet, kauft gern im Bioladen und kocht vollwertig. (Teil-)Selbstversorgung und Lebensmittelverarbeitung werden als Freizeitspaß für die ganze Familie, aber durchaus auch als pädagogisches Konzept in der Kindererziehung verstanden.

Medial wenig präsent, dennoch sicher die größte Gruppe der (Teil-)Selbstversorger, sind die Heimatler, die Traditionalisten unter den Gärtnern und Köchen. Sie sind meist älter und leben häufig im ländlichen Raum. Aufgewachsen mit großem Nutzgarten, Schrebergarten oder auf einem Hof, ist private Hauswirtschaft für sie kein Fremdwort, zudem beherrschen sie die alten Kulturtechniken noch. Geht es bei den neuen Selbstversorgern vor allem um den Anbau von Obst und Gemüse und nur selten um die Haltung von Nutztieren, so finden sich gerade im ländlichen Raum Ostdeutschlands durchaus noch viele Halter von Kleintieren wie Hühnern, Gänsen oder Kaninchen.[13] Das Motiv, auf Selbstgemachtes zu setzen, ist bei den Heimatlern nicht Konsumkritik oder der Wunsch, nachhaltig zu leben, vielmehr sind es Heimatverbundenheit und Bescheidenheit.

Den Money-Poor-Time-Rich-Typ verbindet mit den Heimatlern, dass der Eigenanbau und die Verarbeitung von Lebensmitteln nicht nur Freude bereitet, sondern auch eine Entlastung in der Haushaltskasse bringen kann. Die Hinwendung zu mehr Eigenarbeit und privater Hauswirtschaft kann bei diesem Typus eine unfreiwillige Entscheidung sein, etwa durch den Verlust des Arbeitsplatzes, oder aber eine freigewählte Reduzierung der Erwerbsarbeit, um mehr persönliche Freiräume zu erlangen. Auch hier finden wir das Motiv des "guten Lebens", das Erwerbs- und Eigenarbeit harmonisch miteinander verbindet und Raum für kreative Selbstentfaltung lässt.

Einen deutlichen Schritt in Richtung Voll-Selbstversorger-Leben vollziehen dann die Aussteiger, die sich einer alternativen Lebensweise verschreiben. Während der Money-Poor-Time-Rich-Typ die Bindung zur Erwerbsarbeit nicht ganz verloren hat, sondern lediglich die Arbeitszeit reduziert, verlässt der Aussteiger seine "alte Welt". Dieser Typus investiert einen Großteil seiner Zeit in die Selbstversorgung. Er wohnt vorwiegend im ländlichen Raum oder den Stadtrandlagen und bewirtschaftet entweder Mietäcker oder das zum Wohnhaus gehörende Grundstück. Konsumkritik wird entweder auf kultureller Ebene als Herrschaftskritik geübt oder als Kritik am Naturverbrauch und der Naturzerstörung.

Noch einen Schritt weiter gehen die Aktivisten, die so unabhängig und ressourcenschonend wie möglich leben wollen. Sie konzentrieren sich ähnlich wie die Aussteiger darauf, möglichst nur zu verbrauchen, was sie auch produzieren. Allerdings steht hier Autarkie nicht synonym für soziale Isolation, sondern impliziert vielmehr Vernetzung und Kooperation mit Gleichgesinnten. Unter den Aktivisten sind etwa die Organisatoren der Transitiontown-Bewegung[14] oder urbaner Gemeinschaftsgärten wie dem Allmende-Kontor in Berlin zu finden.

Zusammenfassend lässt die vorgestellte Inhaltsanalyse einen ersten Eindruck über die Bandbreite der unterschiedlichen (Teil-)Selbstversorgung zu, ohne Angaben über die quantitative Verteilung der Typen geben zu können. An dem einen Ende der Skala stehen die Landlustigen, die Selbstversorger light, die die private Hauswirtschaft für sich als Freizeitbeschäftigung entdeckt haben. Am anderen Ende stehen die Aussteiger und Aktivisten, die Selbstversorgung als Gegenstrategie zur kapitalistischen "konsumverseuchten" Welt sehen und versuchen, weitgehend autark zu leben. Der Gedanke, der sich bei vielen US-amerikanischen Selbsthilfeprojekten wie den communal gardens finden lässt, (anderen) Zugang zu Lebensmitteln sowie Gütern- und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs zu verschaffen oder den öffentlichen Raum zurückzuerobern, ist wenig ausgeprägt.[15] (Teil-)Selbstversorgung als Beitrag zur Ernährungssicherung des eigenen Haushalts ist kein primäres Motiv, bei den Heimatlern findet es jedoch traditionelle Anknüpfungspunkte und wird von den Aussteigern als bewusste Entscheidung gewählt. Entschleunigung, Nachhaltigkeit, Ökologie sowie Konsumkritik und Konsumverzicht spielen eine wichtigere Rolle. Lebensmittelproduktion und -konsumption werden vorrangig als Mittel der Stilisierung und sozialen Abgrenzung verwendet – mehr individueller Wohlfühlfaktor denn politischer Aktionismus.

Jenseits der Idylle

Nun wirkt das doch alles recht idyllisch! Landmagazine erfreuen ein Millionenpublikum, urbane Gärtner begrünen die städtischen Brachen und Kinder werden auf Mietäckern an gesunde Ernährung herangeführt. Soweit – so harmlos? Ein Blick auf die aktuellen politischen Diskurse um den Wandel des Wohlfahrtsstaates und den Rückzug der Daseinsvorsorge aus der Fläche macht deutlich, dass auch hier die Schlagworte der ländlichen Imagination auftauchen: das "gute Leben", Gemeinschaft und Homogenität – allerdings als Trojaner, um mit diesen positiv besetzten Bildern gesellschaftliche Veränderungen und harte politische Einschnitte zu verschleiern.

Das Dorf als Ort des "guten Lebens" hat eine lange Tradition. Das "gute Leben" meint aber heute zunehmend das gute individuelle Leben, nicht etwa ein besseres Leben für alle. Für naturliebende Neubürger in der Uckermark, so konnte die Geografin Julia Rössel zeigen, ist die ländliche Idylle vor allem ein Privatvergnügen, das auch schon mal mit den Anforderungen der Landwirtschaft vor Ort in Konflikt gerät.[16] Ganz ähnlich verhält es sich auf der politischen Ebene: Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ist aufgegeben – entgegen anderslautender politischer Beschwörungen. Die Solidarität zwischen prosperierenden Metropolen und darniederliegenden Regionen sinkt. Entlegene ländliche Räume werden ihrem Schicksal überlassen. Und die Kanzlerin lässt das "gute Leben" suchen.[17]

Vor diesem Hintergrund besteht die Gefahr, dass der allmähliche Abbau von Infrastrukturen, die schleichende Akzeptanz von Versorgungsengpässen oder die Abwertung des öffentlichen Raums zu regionalen und kulturellen Eigenheiten umgedeutet werden. Verödete Räume werden in Kreativzonen umbenannt, Raumpioniere sollen sterbenden Dörfern neues Leben einhauchen, Dorfläden und Bürgerbusse müssen lokale Defizite ausgleichen. Die soziale Frage nach Gleichheit und Zusammenhalt wird auf der Suche nach dem "guten Leben" emotional individualisiert. Diese Fragmentierung der sozialen Frage in Teilaspekte des "guten Lebens", in private oder regionale Wohlfühlfaktoren, ist insofern besorgniserregend, da der Wert der gleichen Lebensverhältnisse ein zentrales, normatives und strukturelles Prinzip des sozialen Rechtsstaates der demokratischen Wohlfahrtsgesellschaft und des sozialen Zusammenhalts repräsentiert.[18] Es reicht nicht, dass urbane Mittelschichten sich mithilfe von Bastelbögen, Strickanleitung und Tomatensamen das Dorf in die Stadt holen, während andernorts Dörfer veröden.

Die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Nahraumerfahrungen, nach lokalen Produkten und zwischenmenschlichen Kontakten scheint groß in Zeiten der Digitalisierung. Die dörfliche Gemeinschaft, oft als Idealform menschlichen Zusammenlebens imaginiert, in der enge soziale Kontakte Geborgenheit und Sicherheit spenden, scheint nun auch für Politiker attraktiv, die nicht mehr wissen, wie sie die Konsequenzen des demografischen Wandel in den Griff bekommen sollen. Sorgende Gemeinschaft (caring community) heißt das Zauberwort. Mit dem Rückzug des Wohlfahrtsstaates aus einzelnen Bereichen der Daseinsvorsorge, besonders aber aus der Fläche, geht eine verstärkte Suche nach Kooperationspartnern und Allianzen mit Unternehmen und Bürgern einher. Gerade in ländlichen Räumen wird gerne an die "ureigenen Kräfte" wie Nachbarschaftshilfe und bürgerschaftliches Engagement appelliert, um die Bürger auf ihre neuen "Aufgaben", wie etwa die Unterstützung von pflegebedürftigen Nachbarn, vorzubereiten. Die heimeligen Begriffe "Nachbarschaftshilfe", "Solidarität" und "Gemeinschaft" verschleiern aber letztlich nur, dass die Kosten für die wegbrechenden sozialen und kulturellen Daseinsvorsorgeleistungen mehr und mehr privatisiert werden, während die Anforderungen an die individuellen Bewältigungskompetenzen steigen. War es ein wohlfahrtstaatlicher Gewinn, dass im Notfall Hilfe- und Unterstützungsleistungen zuverlässig zu erwarten waren, so schwindet diese Sicherheit mehr und mehr. Mit dem Hinweis auf das genuin Dörfliche wird Solidarität re-familialisiert und mithin wieder Angelegenheit lieber Verwandter und wohlmeinender Nachbarn.

Angesichts der aktuellen Debatten um die Aufnahme von Flüchtlingen, die mit Aufmärschen "besorgter Bürger", brennenden Flüchtlingsunterkünften sowie einem deutlichen Rechtsruck in der Parteienlandschaft einhergehen, entsteht der Eindruck, dass Teile der Öffentlichkeit, aber auch der Politik glauben, wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Homogenität sei nach wie vor möglich. Dass dies ein fataler Irrglaube ist, zeigt sich gerade an den Entwicklungen in entlegenen ländlichen Räumen. Das Dorf, fantasierter Ort sozialer Gleichheit, entwickelt sich unter Schrumpfungsbedingungen eben nicht zurück zu einem imaginierten sozialen Ganzen, das im Transformationsprozess zur postmodernen Gesellschaft irgendwie verloren gegangen war, doch potenziell wieder herstellbar ist. Die funktionalen Differenzierungen der ökonomischen, sozialen und politischen Wirklichkeit, die unter Wachstumsbedingungen entstanden sind, kehren sich unter den Bedingungen der demografischen De-Infrastrukturalisierung keineswegs einfach um. Im Gegenteil: Diese "Entdichtung" wird von einer stärkeren sozialen Ausdifferenzierung und Polarisierung der Arbeits- und Lebensweisen begleitet werden. Infrastrukturelle und sozialstrukturelle Perforationen und Lichtungen, Polarisierungen und Ungleichheiten breiten sich bereits inmitten prosperierender Regionen aus. Der demografische Wandel führt zu keiner "Retro-Homogenität" räumlicher und sozialer Wirklichkeiten, in der eine Region, ein Ort, ein Quartier zu ihren "Ursprüngen" zurückkehrt.[19]

Gesellschaftliches Grundrauschen

So bleibt die Neue Ländlichkeit, was sie seit dem Idyll Arkadiens immer schon war, nämlich ein irdisches Paradies, eine Welt imaginierten Glücks, die Orientierung in Zeiten fundamentaler Umbrüche gibt. Empirisch betrachtet, sind die Aktivisten der Neuen Ländlichkeit (Raumpioniere, städtische Gemeinschaftsgärtner, Selbstversorger) wohl eher eine kleine Gruppe, die aber – medial gehypt – das Grundrauschen zu einer neuen gesellschaftlichen Stimmung liefern können, die im besten Fall den Weg zu mehr Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Solidarität weist. Gleichzeitig gilt es, einen Blick darauf zu haben, dass diese positive Belegung durch die "reale" Ländlichkeit nicht überholt wird, die im schlechtesten Fall "Bullerbü in braun",[20] Homogenitätsfantasien und einfache Antworten auf komplexe Fragen favorisiert.
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Fußnoten

1.
"Ländlichkeit" wird daher nicht als Raumkategorie oder -eigenschaft aufgefasst, sondern als etwas soziokulturell Hergestelltes (etwa in Anlehnung an das doing gender ein doing rural). Dies können Diskurse, Repräsentationen, Literatur oder vermeintlich ländliche Praktiken wie der Anbau von Obst und Gemüse sein. Es geht mithin darum, zu hinterfragen, welche kulturelle Bedeutung Ländlichkeit heute hat.
2.
Vgl. Michael Fischer, Lieder für den Landmann, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 1/2016, S. 39–56.
3.
Stefan Höhne, Die Idiotie des Stadtlebens, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 2/2015, S. 39–46.
4.
Vgl. Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014; Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, Berlin 2013.
5.
Vgl. Stefan Grünewald, Die erschöpfte Gesellschaft, Frankfurt/M.–New York 2013.
6.
Selbstverständlich soll keineswegs verschwiegen werden, dass Rückständigkeit, soziale Enge, Härte und Armut, eben die unschönen Seiten des Landlebens, stets sehr präsent in Kunst und Literatur waren. Zu denken sei nur an "Schlafes Bruder" von Robert Schneider oder "Schwabenkinder" von Jo Baier.
7.
Vgl. Eva Barlösius/Claudia Neu, Die Wildnis wagen, in: Berliner Debatte Initial 6/2001, S. 65–76; Christoph Baumann, Die Lust am Ländlichen, in: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (Hrsg.), Landflucht? Gesellschaft in Bewegung, Bonn 2016, S. 249–259.
8.
Vgl. Werner Bätzing, Das Dorf als Ort des guten Lebens zwischen Inszenierung und Verschwinden, in: Hans-Peter Ecker (Hrsg.), Orte des guten Lebens – Entwürfe humaner Lebensräume, Würzburg 2007, S. 103–114; Werner Nell/Marc Weiland, Imaginationsraum Dorf, in: dies. (Hrsg.), Imaginäre Dörfer. Zur Wiederkehr des Dörflichen in Literatur, Film und Lebenswelt, Bielefeld 2014, S. 13–50.
9.
Utz Jeggle/Albert Illien, Die Dorfgemeinschaft als Not- und Terrorzusammenhang, in: Hans Günter Wehling (Hrsg.), Dorfpolitik, Opladen 1978, S. 38–53.
10.
Thomas Petersen, Die Sehnsucht der Städter nach dem "Land", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. 7. 2014.
11.
Vgl. BBSR, Referenz Kreise/Kreisregionen zu Kreistypen, Gebietsstand 31. 12. 2014, http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Raumbeobachtung/Raumabgrenzungen/Kreistypen4
/Downloadangebote.html?nn=443222
.
12.
Vgl. Ljubica Nikolic, Selbstversorgung – Ein Trend zwischen Lifestyle und nachhaltiger Ernährungskultur, Vortrag, Sektion Land- und Agrarsoziologie der DGS, Bonn, 8. 10. 2011; Claudia Neu/dies., Die (neuen) Selbstversorger – zwischen Not und Weltanschauung, in: Peter A. Berger et al. (Hrsg.), Urbane Ungleichheiten. Neue Entwicklungen zwischen Zentrum und Peripherie, Wiesbaden 2014, S. 253–271.
13.
Vgl. Claudia Neu/Ljubica Nikolic, Versorgung im ländlichen Raum der Zukunft: Chancen und Herausforderungen, in: Uwe Fachinger/Harald Künemund (Hrsg.), Gerontologie und ländlicher Raum, Wiesbaden 2014, S. 185–208; Ljubica Nikolic, Selbstversorgung zwischen Daseinsvorsorge und Ernährungssicherung – Vergleichende Analyse von zwei Fallstudien aus peripheren ländlichen Räumen, Masterarbeit, Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach 2013.
14.
Vgl. Philipp Krohn, Schrumpfen von unten, 26. 12. 2013, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/transition-towns-schrumpfen-von-unten-12727247.html«.
15.
Im Projekt INNSULA des Zentrums für Agrarlandforschung wurde u. a. eine Typologie urbaner Landwirtschaft erstellt, die auch nach den Hauptzielen der Gärtner fragt. Drei Ausrichtungen ließen sich erkennen: 1. die Subsistenzorientierten (Ziel: Zugang zu (Bio-)Lebensmitteln), 2. die soziokulturell Ausgerichteten (Ziel: Gemeinschaftsleben, Bildung, Kultur), 2. die kommerziell Ausgerichteten (Ziel: Einkommen, Arbeitsplätze schaffen). Vgl. Regine Berges et al., Urbane Landwirtschaft – Innovationsfelder für die nachhaltige Stadt?, Müncheberg 2014, S. 14.
16.
Vgl. Julia Rössel, Unterwegs zum guten Leben, Bielefeld 2014, S. 193.
17.
Vgl. Bundeskanzleramt, Gut leben – Lebensqualität in Deutschland, http://www.gut-leben-in-deutschland.de/DE/Ueber/der-dialog-im-ueberblick/_node.html«.
18.
Vgl. Jens Kersten/Claudia Neu/Berthold Vogel, Der Wert gleicher Lebensverhältnisse, Bonn 2015, S. 3.
19.
Vgl. dies., Demographie und Demokratie, Hamburg 2012, S. 105 f.
20.
Christian Thiele, Bullerbü in braun, in: Die Zeit, 17. 11. 2011.
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Autor: Claudia Neu für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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