Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Gerhard Henkel

Geschichte und Gegenwart des Dorfes

Wenn jemand von einem Dorf erzählt, das er gerade besucht hat, wird ihm mit Sicherheit bald die Frage gestellt: Wie groß ist das Dorf denn eigentlich? Die Größe einer Siedlung ist für uns offenbar ein wichtiges Ordnungsraster. Die unterschiedlichen Größen signalisieren auch etwas über die inneren Eigenschaften. Von einem großen Dorf erwarten wir zum Beispiel, dass es dort eine Kirche, eine Schule, einen Gasthof und einen Sportplatz gibt. In einem kleinen Dorf vermuten wir eine kleine Kapelle, einen Kindergarten und auf jeden Fall eine Feuerwehr, aber nicht unbedingt einen Tennisplatz oder eine Apotheke.

Für Deutschland gilt die folgende Klassifizierung der ländlichen Siedlungsgrößen, die im Wesentlichen von der Anzahl der Hausstätten und der Einwohnerzahl abhängt: Einzelsiedlung, kleine Gruppensiedlung, große Gruppensiedlung (Dorf), Kleinstadt. Gemeinhin unterscheidet man vier Größenstufen des deutschen beziehungsweise mitteleuropäischen Dorfes:[1]
  • das kleine bis mäßig große Dorf mit 20 bis 100 Hausstätten beziehungsweise 100 bis 500 Einwohnern,
  • das mittelgroße Dorf mit 100 bis 400 Hausstätten beziehungsweise 500 bis 2.000 Einwohnern,
  • das große Dorf mit 400 bis 1.000 Hausstätten beziehungsweise 2.000 bis 5.000 Einwohnern und
  • das sehr große Dorf mit mehr als 1.000 Hausstätten und 5.000 Einwohnern.
Für die beiden letztgenannten Größenstufen werden vielfach auch die Bezeichnungen "Großdorf" und "Stadtdorf" gebraucht, womit die statistische Nähe zur städtischen Siedlung deutlich wird. Der Übergang vom Großdorf zur ländlichen Kleinstadt, die heute im Allgemeinen mit 5.000 bis 25.000, bisweilen sogar bis 50.000 Einwohnern ausgewiesen wird, ist im Einzelfall oft schwer zu begründen.

Wir haben das Wort "Dorf" bisher vor allem als einen Begriff der Siedlungsgröße kennengelernt. Doch in der Regel hat "das Dorf" eine umfassendere Bedeutung. Im Duden heißt es schlicht "ländliche Ortschaft" und "Gesamtheit der Dorfbewohner".[2] In dieser Bedeutung ist das Wort seit dem Mittelalter geläufig. "Dorf" ist also ein Sammelbegriff für den ländlichen Lebensraum, das Gegenstück zur Stadt – ein Sammelbegriff für die rund 35.000 Ortschaften des ländlichen Raumes in Deutschland, die sich heute als Dorf bezeichnen, ob sie nun am Rande einer Großstadt oder im Erzgebirge liegen. Jedes dieser Dörfer hat ein anderes Aussehen und eine andere wirtschaftliche Basis.

Können wir heute das Dorf im Unterschied zur Stadt noch einheitlich und inhaltlich genauer definieren? Das "alte" Dorf hatte es da leichter. Es wurde durch seine agrarwirtschaftlichen Tätigkeiten bestimmt. Diese klassische Definition, die bis vor wenigen Jahrzehnten galt, ist nicht mehr allzu hilfreich. Heute werden daher häufiger soziale und kulturelle Kriterien herangezogen. Das Dorf wird mit Dorfgemeinschaft, Nachbarschaftshilfe, Traditionsbewusstsein, Kirchentreue, mit engen sozialen Netzwerken und hohem ehrenamtlichen Engagement, seiner Vereinsdichte und Aktivkultur, mit Naturnähe oder insgesamt mit seinen ländlichen Lebensstilen beschrieben. Eher nüchtern und pragmatisch ist jedoch die Definition, die sich am äußeren Dorfbild orientiert: Wir sprechen von einem Dorf, wenn die Gestalt der Siedlung von der Agrarwirtschaft geprägt wird, das heißt durch Bauern-, Landarbeiter- und Handwerkerhäuser, Gehöfte und Gutshöfe, auch wenn die Landwirtschaft selbst heute nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.[3] Wir orientieren uns damit also an den überlieferten Bauformen der Vergangenheit, die tief in die Dorfgeschichte zurückreichen.

Das alte Dorf

Geht es um das Thema "Dorf", haben wir alle meist auch Bilder des "alten" Dorfes im Kopf. Diese sind oft mit der Einschätzung einer "guten alten Zeit" verknüpft – es sind Vorstellungen einer romantischen Grundstimmung: Die Dörfer liegen idyllisch inmitten der Natur mit Bach, Feldern und Wäldern. Die Bauern arbeiten munter und fast frohgelaunt im Stall oder bei der Ernte. Aufwendige und große Hochzeiten, Beerdigungen, Kirchweih- und Schützenfeste belegen eine enge Dorfgemeinschaft, die Kirche bildet den optischen sowie kulturell-sozialen und sinnstiftenden Mittelpunkt für alle Dorfbewohner. Es gibt aber auch andere, deutlich negativere Bilder und Bewertungen zum alten Dorf. Wir haben die Armut der großen Mehrheit der Dorfbewohner vor Augen, die Missernten und Hungersnöte, die häufigen Brände und Krankheiten, die besonders viele Säuglinge und Kinder sterben ließen. Das Dorfleben erscheint uns dann als ein fast täglicher Kampf ums Überleben, ohne Chancen eines wirtschaftlichen oder sozialen Aufstiegs.

Die Dorfforschung zeichnet ein facettenreiches und regional unterschiedliches Bild des Dorfes vor 200 Jahren. Es war eine Umbruchzeit – die Ideen der Französischen Revolution gingen durch Europa und drangen auch in das politisch kleingekammerte Deutschland hinein. Die Befreiung der Landbevölkerung aus den diversen Zwängen der Feudalzeit durch Agrar- und Bildungsreformen deutete sich in manchen Regionen bereits an. Aus sozialer Sicht war das Dorf um 1800 noch eine recht festgefügte Klassengesellschaft in Form einer Pyramide: An der (kleinen) Spitze standen unangefochten Klerus und Adel, die beide auch als Grundherren – als Verpächter des Landes und häufig auch mit eigenen Gütern – in Erscheinung traten. Darunter kam die Schicht der großen, landbesitzenden Bauern. Danach die der kleineren Bauern und der Handwerker, die meist zur Existenzsicherung auch eine kleine Landwirtschaft betrieben. Man würde hier heute von oberer und unterer Mittelschicht sprechen. Zur zahlenmäßig umfangreichen Unterschicht gehörten damals die landlosen Landarbeiter und Tagelöhner, die in einem eigenen Haushalt lebten, sowie die unmittelbar auf den größeren Höfen und Gütern arbeitenden und wohnenden Knechte und Mägde. Aufstiege aus der Unterschicht waren kaum möglich. Durch das festgefügte Dienst-Lehen-Verhältnis zwischen Bauern und Grundherren gab es aber auch für die Mittelschicht nur geringe Möglichkeiten des sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs.

Im Mittelpunkt der dörflichen Wirtschaft stand eindeutig die Land- und Forstwirtschaft. Alle mittleren und größeren Höfe betrieben in der Regel den ganzen Umfang an Ackerbau und Viehzucht bis hin zur Kleinviehhaltung. Natürlich gab es regionale Unterschiede. Die heute übliche Spezialisierung der landwirtschaftlichen Produktion war um 1800 noch weitgehend unbekannt. Das wichtigste Ziel der Hofhaltung stellte die Selbstversorgung der meist großen Familie und des Gesindes mit Nahrung und Kleidung dar. Durch die starke Abgabenlast an Grundherren und Kirche (letztere bekam den sogenannten Zehnten) sowie durch die ebenfalls zu leistenden Hand- und Spanndienste für den Hof des Grundherren waren die wirtschaftlichen Spielräume der Bauern äußerst gering. Aus vielen Gerichtsprotokollen wissen wir, dass säumige Bauern immer wieder um Aufschub und Erlass ihrer Abgaben baten und als Begründung Hunger und Krankheit in ihren großen Familien angaben.

Auch das Dorfhandwerk wurde um 1800 meist in Kombination mit einer kleinen Landwirtschaft betrieben, um die eigene Nahrungsversorgung zu sichern. Die typisch dörflichen Handwerkszweige wie Schmiede, Stellmacher, Maurer und Zimmerer versorgten vor allem die landwirtschaftlichen Betriebe und dienten im Wesentlichen der Versorgung des eigenen Ortes. Das Dorf vor 200 Jahren war somit wirtschaftlich weitgehend selbstständig. Das Wirtschaftsleben auf dem Land war in der Regel ganz auf das eigene Dorf bezogen. Praktisch alle arbeitenden Dorfbewohner hatten ihren Arbeitsplatz im eigenen Dorf. Das Verbleiben im Dorf ermöglichte eine hohe lokale Arbeitsmobilität: So konnten viele Dorfbewohner mehrere Tätigkeiten nebeneinander ausüben, zum Beispiel als Handwerker, Kleinbauer und Waldarbeiter (im Winter). Auch die älteren Kinder mussten bereits bei den vielfältigen Arbeiten in Haus, Hof, Garten und Flur mitanpacken und wurden damit früh in das Erwerbsleben einbezogen.

Die dörfliche Infrastruktur befand sich um 1800 aus heutiger Sicht erst in den Anfängen. Die größte Sorgfalt diente einer regelmäßigen Wasserversorgung, an Flüssen oder Bächen liegende Dörfer hatten hier ihre Vorteile. Andernorts waren Brunnenbauten oder kleine Wasserleitungen von den lokalen Quellen zu den sogenannten Kümpen innerhalb des Dorfes errichtet worden. Von dort musste man sich das Wasser mühsam in die Häuser holen. Hygiene und medizinische Versorgung hatten im Vergleich zu heute einen niedrigen Stand. Entsprechend hoch war die Sterblichkeitsquote vor allem bei den Kleinkindern und entsprechend niedrig die generelle Lebenserwartung der Menschen, die weniger als die Hälfte der heutigen betrug. Der Energieversorgung dienten Wasser- und Windmühlen, zum Kochen und Heizen wurden das Holz beziehungsweise die Holzkohle der lokalen Wälder oder der getrocknete Torf aus den Moorgebieten genutzt. Auch hinsichtlich seiner Wasser- und Energieversorgung war das alte Dorf weitestgehend auf seine lokalen Ressourcen angewiesen, die allerdings auch intensivst genutzt wurden.

Die politische Selbstverwaltung ländlicher Gemeinden war um 1800 bereits in beachtlichen Ausmaßen entwickelt, aber von Region zu Region, ja von Dorf zu Dorf sehr unterschiedlich ausgeprägt. Sie bestand im Wesentlichen in der lokalen Wirtschaftsführung sowie in allgemeinen Ordnungs- und Schutzaufgaben. Feuerwehr und Schützenvereine hatten als älteste und wichtigste Dorfvereine bereits Bestand. Die gemeinsamen öffentlichen Aufgaben waren in speziellen innerdörflichen "Ordnungen" festgehalten. So gab es zum Beispiel für das jährliche Schützenfest Verhaltensempfehlungen, Verbote und Sanktionen. Rechtlich gehörten zur dörflichen Gemeinde allerdings nur die Grundbesitzer, was sich erst zum Ende des 19. Jahrhunderts änderte.

Der Sprung des Dorfes in die moderne Zeit stand um 1800 noch bevor. Die Antriebskräfte der bald beginnenden revolutionären Veränderungen auf dem Land, allen voran die Industrialisierung und die Agrarreformen, deuteten sich erst vereinzelt an.

Fußnoten

1.
Vgl. u. a. Cay Lienau, Die Siedlungen des ländlichen Raumes, Braunschweig 19952, S. 64.
2.
Duden "Deutsches Universalwörterbuch", Wien–Zürich 1983.
3.
In Anlehnung an Martin Born, Geographie der ländlichen Siedlungen, Bd. 1, Stuttgart 1977.
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Autor: Gerhard Henkel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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