Eine Frau geht am 04.03.2016 in einer U-Bahn-Station in Washington an einer Werbetafel für die neue Staffel von "House of Cards" vorbei.
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Politserien: Unterhaltsame Blicke auf die Hinterbühnen der Politik


16.12.2016
Die Hauptstadt der USA ist in Aufruhr. Der amtierende Präsident, bei einem Attentat durch mehrere Schüsse niedergestreckt, liegt bewusstlos im Krankenhaus. Der mutmaßliche Täter wird in den Kellern der CIA vor den Augen des zuständigen Staatsanwalts gefoltert. Zeitgleich befindet sich ein politischer Großskandal um die Manipulation der jüngsten Präsidentschaftswahl kurz vor der Aufdeckung. In dieser hektischen Gemengelage formuliert Harrison Wright, Mitarbeiter der Krisenberaterin Olivia Pope, worum es in der Politik geht: "There’s a whole other layer of D.C., you know, where real politics happen. Where decisions are made. Not about democracy or the flag, but power. This is about things that go bump in the night. Stuff that regular Americans never hear about. This is the real deal!"[1]

Dieses Zitat aus der erfolgreichen US-Fernsehserie "Scandal" verdeutlicht: Politserien bieten uns mediale Konstruktionen des Politischen, die klar von dem aus der üblichen Berichterstattung bekannten Bild abweichen. Diese verdichten sich in expliziten Definitionen wie der oben zitierten, wo uns gesagt wird: Reale Politik dreht sich nicht um normative Vorstellungen von Demokratie und ihre feiertäglichen Symbole, sondern um die moralfreien, machtorientierten Motive des politischen Alltags. Die Episoden und Staffeln von Politserien sind dann als erzählerische Entfaltungen dieser Definitionen zu verstehen.[2] Politserien versprechen einen Blick auf die Hinterbühnen der Politik,[3] sie verheißen uns Einsichten, "von denen der Normalbürger noch nie gehört hat", wie der bereits zitierte Harrison Wright sagt.

Dieses Versprechen lockt viele Zuschauerinnen und Zuschauer an – zumal da, wo Serien durch intensiven Realitätsbezug an Glaubwürdigkeit gewinnen. So greifen die fiktionalen Serienwelten stets außermediale Realitäten auf: "Scandal" etwa verursachte heftige Diskussionen in der US-amerikanischen Öffentlichkeit, als in Staffel 4, Folge 14 das Problem der Polizeigewalt gegen Schwarze thematisiert wurde, das in den vergangenen Jahren in verschiedenen Landesteilen mehrfach zu Unruhen geführt hat. Der Ausstrahlungszeitpunkt der Episode war, unabsichtlich, perfekt getimt: Sie lief erstmals am 5. März 2015, einen Tag nachdem die Grand Jury in Ferguson, Missouri entschieden hatte, dass der weiße Polizist, der den Schwarzen Michael Brown getötet hatte, nicht vor Gericht muss. Die fiktive Welt der Serie schien auf einmal mit der außermedialen Welt zu verschmelzen; die Folge ließ sich als direkter Kommentar zum skandalösen Freispruch interpretieren.

Auch die Serienfiguren sind teilweise an reale Personen angelehnt. Die Krisenmanagerin Olivia Pope, Hauptfigur in "Scandal", ist erkennbar der real existierenden PR-Fachfrau Judy Smith nachempfunden. Smith war früher in der Administration von George W. Bush tätig und gilt seit Jahren als eine der prominentesten Krisenmanagerinnen im politischen und wirtschaftlichen Leben der USA. Wenn Smith dann auch noch im Produktionsteam der Serie als Koproduzentin tätig ist und die Autoren mit ihrem Praxiswissen berät, ist die Brücke zwischen Fiktion und Alltagswelt perfekt. Eine solche Einbindung von Fachleuten und Insidern ist in der Serienproduktion durchaus üblich. Michael Dobbs, Autor der Buchvorlage der "House of Cards"-Serien, war in den 1970er und 1980er Jahren unter anderem Berater von Margaret Thatcher und Stabschef der britischen Regierung. Und auch die ZDF-Produktion "Kanzleramt" nahm bei den Drehbüchern die Dienste des früheren Redenschreibers und politischen Redakteurs Martin E. Süskind in Anspruch.

Wie sehr sich politische Realität und Serienfiktion ineinanderschieben können, wurde auch im Präsidentschaftswahljahr 2016 in den USA deutlich. So spielte Netflix mit Frank Underwood, der Hauptfigur in "House of Cards", ein Verwirrspiel, als sie Underwoods fiktive Präsidentschaftskampagne ohne deutliche Markierung des fiktionalen Charakters in die politische Medienöffentlichkeit der Vereinigten Staaten einspeiste. Underwood bekam, wie bei realen Wahlkämpfen üblich, eine eigene Kampagnenhomepage eingerichtet, täuschend echt gestaltete Werbespots des "Kandidaten" wurden im Fernsehen geschaltet und gezielt sogar in der Pause der TV-Debatte republikanischer Präsidentschaftsbewerber im Dezember 2015 ausgestrahlt.[4] Die Spots sollten als Werbung für die ab März 2016 auf Netflix veröffentliche vierte Staffel der Politserie fungieren, führten aber vor allem vor Augen, dass reale und fiktive Kampagnen mitunter kaum voneinander zu unterscheiden sind.

Trotz der genannten Indikatoren für eine gewisse Realitätsnähe politischer Serien ist allen Beobachtern in der Regel klar, dass es relevante Unterschiede zwischen der Serienrealität und der politischen Alltagswelt gibt. Niemand würde unterstellen, politische Betrugsmanöver, Mord und Folter prägten in dem Maße die Politik, wie es "Scandal" oder "House of Cards" behaupten. Was also macht die spezifische Realität politischer Unterhaltungsserien aus, welche Bilder des Politischen produzieren sie, und welchen Einfluss können sie entfalten?

Politserien im Boom



"Scandal" ist ein symptomatisches Beispiel für den gegenwärtigen Boom von Politserien in den USA. Die Serie basiert auf einer Idee der erfahrenen Produzentin Shonda Rhimes, die schon seit vielen Jahren mit Produktionen wie "Grey’s Anatomy" (bislang 278 Folgen in 13 Staffeln) erfolgreich im Geschäft ist. Rhimes hatte Judy Smith 2010 kennengelernt und war danach fasziniert von dem Gedanken, eine im politischen Raum angesiedelte Unterhaltungsserie zu produzieren. "Scandal" zeigt ein für moderne Qualitätsserien typisches Profil:[5]
  • Sie ist ein Genremix aus Krimi, Action, Spionagethriller und Melodram.
  • Ihre komplexe Erzählstruktur verbindet die klassischen Episodenstücke (series) mit übergreifenden Handlungssträngen der Fortsetzungsserie (serial).
  • Sie zeichnet sich aus durch ein hohes Erzähltempo mit geschliffenen Dialogen und modernem, schnellem Schnitt.
  • Die Figuren sind vielschichtig, moralisch ambivalent und ungewöhnlich komponiert; sie zeigen Stärke und Schwäche zugleich, haben dunkle Geheimnisse und lassen sich nicht auf traditionelle Muster von Gut und Böse, Helden und Schurken reduzieren.[6]
  • Die Serie zeichnet ein illusionsloses und pessimistisches Bild der Politik; das politische Parkett ist hier kein Terrain für Idealisten, sondern für egoistische, machtfixierte und skrupellose Akteure. Diejenigen, die angetreten sind, um für das Gute einzutreten, scheitern am System und werden in Zusammenhänge verwickelt, wo sie Böses tun müssen. Selbst moralisch anständige Interventionen verleihen der korrupten politischen Ordnung so nur den Anschein von Recht und Moral.
Der anhaltende Politserien-Boom umfasst politische Prozessdramen[7] – neben "Scandal" etwa "House of Cards" (Netflix, vier Staffeln seit 2013) und "The Good Wife" (CBS, sieben Staffeln seit 2009) sowie nationale Sicherheitsdramen wie "Homeland" (Showtime, fünf Staffeln seit 2011) und "Madame Secretary" (CBS, zwei Staffeln seit 2014). Daneben florieren Comedy-Formate, etwa "Veep" über die verzweifelten Profilierungsversuche einer Vizepräsidentin (HBO, fünf Staffeln seit 2012) oder "Alpha House" über eine Washingtoner Wohngemeinschaft aus vier Senatoren (Amazon, zwei Staffeln seit 2013). Vorreiter des aktuellen Booms waren die Erfolgsserien "The West Wing" (NBC, sieben Staffeln von 1999 bis 2006) bei den Prozessdramen und "24" (Fox, acht Staffeln von 2001 bis 2010) bei den Sicherheitsdramen. Die meisten dieser Serien werden auch ins Ausland verkauft und finden dort attraktive Sendeplätze.

Und sie haben politische Serienproduktionen auch in anderen Ländern angeregt, so zum Beispiel "Kanzleramt" in Deutschland (ZDF, eine Staffel 2005), "Les hommes de l’ombre" in Frankreich (France 2, drei Staffeln seit 2012) und "Borgen" in Dänemark (DR1, drei Staffeln von 2010 bis 2013). In Großbritannien sind politische Serien und Mehrteiler schon seit Längerem beliebt. So waren die Episoden der "House of Cards"-Trilogie (drei Mehrteiler, BBC, 1990 bis 1995) nicht nur im heimischen Fernsehen erfolgreich, sondern lieferten auch die Vorlage für die gleichnamige US-Produktion bei Netflix. In ähnlicher Weise bildete Armando Iannuccis satirischer Einblick in den Regierungsalltag mit dem Titel "The Thick of it" (BBC, vier Staffeln von 2005 bis 2012) das Vorbild für die amerikanische Version "Veep", die ebenfalls von Iannucci produziert wurde. Der Boom der Politserien ist also ein internationales Phänomen, das sein treibendes Kraftzentrum jedoch in den USA hat: in einer politischen Medienkultur, in der die enge Verbindung von Politik und Unterhaltung schon lange etabliert ist.[8]

Balanceakt zwischen Realitätsbezug und Unterhaltungswert



Eine Politserie ist eine in Episoden und Staffeln unterteilte, fiktionale und audiovisuelle Erzählung über "politische Wirklichkeiten". Mit politischen Wirklichkeiten sind dabei zunächst politische Zusammenhänge im engeren Sinne gemeint: Geschehnisse, die mit Institutionen und Akteuren wie Regierungen und Parlamenten, Präsidenten, Parteien und Journalisten, Geheimdiensten und Spionage zu tun haben. Teilweise wird bei dem Begriff "Politserie" auch ein weiterer Politikbegriff zugrunde gelegt, sodass Serien, die sich allgemein mit Macht und Herrschaft sowie mit Kämpfen um Anerkennung befassen, ebenfalls einbezogen werden. In diesem Sinne könnte etwa auch die "Lindenstraße" als Politserie bezeichnet werden.

Der Geltungsanspruch einer Serie ist ein anderer als der eines Berichts oder einer Reportage. Die Erzählung ist gerahmt wie eine Als-ob-Welt, vergleichbar einem Spiel, bei dem alle wissen, dass es eine zur Alltagswelt differente Wirklichkeit konstruiert.[9] Und dennoch bleibt sie stets auf die Alltagswelt bezogen. Gerade dieser Rückbezug, der ständige Vergleich zwischen fiktionaler Welt und außermedialer Alltagswelt begründet die Relevanz der erfundenen Wirklichkeit einer Serie.[10]

Für das Laienpublikum besteht die große Faszination politischer Serien in dem Versprechen, einen sonst in der medialen Berichterstattung unmöglichen Blick hinter die Kulissen des politischen Betriebs erheischen zu können. Die Zuschauer sind dabei, wenn geheime Absprachen getroffen und Intrigen geschmiedet werden. Sie blicken den Protagonisten bei der politischen Arbeit über die Schulter. Sie erfahren sogar die geheimsten Gedanken der Akteure, wenn diese mit sich selbst sprechen, mit der Ehefrau eine Zigarette am Fenster teilen oder sich in vertrauensvollem Ton direkt ans Publikum wenden. Mit solchen asides produziert etwa die US-Serie "House of Cards" eine Komplizenschaft zwischen dem skrupellosen Antihelden Frank Underwood und den Zuschauern, die ihn trotz all seiner Vergehen doch mögen, weil er sie durch die direkte Ansprache immer wieder mit ins Boot holt.

Für das Fachpublikum, für politische Akteure und Journalisten, die den Betrieb kennen, besteht der Reiz der Serien darin, die fiktionale Welt als Reflexionsmedium für eigene Tätigkeiten und Wahrnehmungen zu nutzen. Wenn ein Bundestagsabgeordneter beispielsweise den fiktiven Bundestagsabgeordneten Hajo Eichwald aus der Miniserie "Eichwald, MdB" (ZDF 2015) an seinem Alltag verzweifeln sieht, dann kann er das zum Anlass nehmen, über seine eigenen früheren Illusionen und jetzigen Ernüchterungen nachzudenken.

Entscheidend ist aber, dass Politserien primär Unterhaltungsformate sind. Wollen sie als solche erfolgreich sein, müssen sie bestimmten dramaturgischen Anforderungen gehorchen. Das "starke und langsame Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich", wie Max Weber das politische Handeln beschrieb,[11] hat an sich vergleichsweise geringen Unterhaltungswert. Daher müssen Serien verkürzen, verdichten, zuspitzen und beschleunigen. Alles passiert schneller, einfacher, eindeutiger als in Wirklichkeit, daher sind die Serien orientierungsfreundlich. Sie wollen mit dramaturgischen Mitteln unterhaltsame Spannungsbögen oder amüsante Situationskomik produzieren – und sie dürfen doch bei aller Zuspitzung die Verbindung mit dem, was wir als außermediale Wirklichkeit kennen, nicht völlig verlieren, sonst erscheinen sie uns belanglos. Es geht um die richtige Balance zwischen Unterhaltungswert und Realitätsbezug.


Fußnoten

1.
Zitat aus Episode 10, Staffel 2 ("One for the Dog"). "Scandal" wird seit 2012 vom Sender ABC in bislang fünf Staffeln mit insgesamt 90 Episoden ausgestrahlt. Die Serie erreicht teilweise über 12 Millionen Zuschauer; die Reichweite der fünften Staffel lag bei durchschnittlich 10,86 Millionen Zuschauern.
2.
Diese Definitionen des Politischen und ihre narrativen Erweiterungen können dann ihrerseits wieder rückübersetzt werden in einen theoretischen beziehungsweise politisch-philosophischen Diskurs; ein sehr anregendes Beispiel dafür ist J. Edward Hackett (Hrsg.), House of Cards and Philosophy: Underwood’s Republic, Chichester 2015.
3.
Zur Begrifflichkeit von Vorder- und Hinterbühne vgl. den Klassiker: Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 20086 (1959).
4.
Vgl. Vanessa Steinmetz, Der bessere Trump, 16.12.2015, http://www.spiegel.de/kultur/tv/a-1068074.html«.
5.
Der Terminus "Qualitätsserien" wird meist in Anlehnung an den Begriff des "Qualitätsfernsehens" von Robert Thompson gebraucht und ist in der aktuellen Diskussion über moderne Serien omnipräsent. Auch wenn der Terminus unglücklich erscheint, weil er wertende Komponenten in das analytische Vokabular einbringt, wird er hier verwendet, um auf die aktuelle Diskussion Bezug zu nehmen. Vgl. Robert J. Thompson, Television’s Second Golden Age: From Hill Street Blues to ER, Syracuse 1997; zu aktuellen Befunden vgl. etwa Daniela Schlütz, Quality-TV als Unterhaltungsphänomen. Entwicklung, Charakteristika, Nutzung und Rezeption von Fernsehserien wie The Sopranos, The Wire oder Breaking Bad, Wiesbaden 2016.
6.
Die Hauptfigur Olivia Pope ist als Beraterin des Präsidenten eine erfolgreiche Frau, die sich jedoch ihrem Vater gegenüber wie auch in der Liebesbeziehung mit dem Präsidenten eher schwach zeigt. Cyrus Beene, der sympathische schwule Stabschef des Präsidenten, legt die Möglichkeiten des politischen Handelns weit aus, wenn er einen Auftragskiller engagiert. Der Präsident erscheint anfangs als moralisch integer, begeht später aber sogar einen Mord, um im Amt bleiben zu können.
7.
Die Terminologie ist hier angelehnt an Chuck Tryon, Political TV, New York u.a. 2016, S. 21ff., der allerdings jeweils von "Melodramen" spricht, was m.E. analytisch nicht ganz passend ist.
8.
Vgl. Andreas Dörner, Politische Kultur und Medienunterhaltung. Zur Inszenierung politischer Identitäten in der amerikanischen Film- und Fernsehwelt, Konstanz 2000, S. 215ff.
9.
Siehe Mascha Maria Stumm, Unterhaltungstheoreme bei Platon und Aristoteles, Berlin 1996, S. 147.
10.
Zu dieser grundlegenden Logik der fiktionalen Unterhaltungswelten und ihrer Bezüge zur außermedialen Realität vgl. Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden 20104 (1995), S. 112.
11.
Max Weber, Politik als Beruf, München–Leipzig 1919, S. 66.
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Autor: Andreas Dörner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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