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Hybride Geschichte und Para-Historie. Geschichtsaneignungen in der Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts

16.12.2016

crossmediale Aushandlung



In unseren heutigen Mediengesellschaften findet die Aneignung dieser neuartigen Angebote von Vergangenheit keinesfalls nur über Fernsehsendungen statt. Am Beispiel des Kriegsdramas "Saving Private Ryan" ("Der Soldat James Ryan", USA 1998), das nicht nur in den USA, sondern auch in Europa ein Millionenpublikum fand, lässt sich das breite Panorama der crossmedialen Verarbeitung exemplarisch darstellen.

Der Film handelt von der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 und dem Versuch eines achtköpfigen Trupps von US-Soldaten, den Fallschirmjäger James Ryan zu evakuieren. Mehrere große Tages- und Wochenzeitungen und Magazine widmeten dem von Steven Spielberg inszenierten Epos ausgiebige Besprechungen. Zahlreiche Filmszenen lassen sich inzwischen nicht nur im Internet nachschauen, die Zuschauer beziehungsweise User kommentieren diese auch in den sozialen Netzwerken – sie avancieren damit unmittelbar zu Akteuren der Erinnerungskultur. Selbstverständlich wurde der Film mittlerweile auch mehrfach im Fernsehen ausgestrahlt. Zudem finden sich unzählige Dokumentationen zur Schlacht von Omaha Beach, die an die filmische Erzählung anschließen. Ein Beispiel ist der Bericht "Die wahre Geschichte. Der Soldat James Ryan", ausgestrahlt vom Nachrichtensender N24. Ein Zuschauerkommentar auf der Homepage des Senders zeigt, wie auch auf Rezipientenseite mediale und historische Realität miteinander verknüpft werden: "Ich war sehr ergriffen, als ich die Eingangs-Szene des Films damals im Kino sah, ich war regelrecht geschockt und musste weinen wie ein Schlosshund. Von 500 Besuchern mussten mindestens 200 raus an die Luft, weil sie es nicht ertragen konnten, den Greul in Dolby-6-Kanal und ‚Originallautstärke‘ über sich ergehen zu lassen. Es soll sich also bloß keiner einbilden, Krieg mache ‚Spaß‘. Wenn ich inzwischen an all die Egoshooter denke, kommen mir da gewisse Zweifel auf."[7]

Was der Schreiber des Kommentars aber vermutlich nicht wahrnahm: Der Soldat James Ryan ist ein mediales Multitalent, eine Figur und eine Story, die sich bestens in unterschiedlichsten Medien vermarkten lassen: Selbstverständlich gibt es ihn mehrfach auch als Computerspiel.[8] Die Serie "Medal of Honor" zum Beispiel orientiert sich an den Geschichten und Bildern neuester populärer Kriegsfilme – ein Rezept, das sie höchst erfolgreich macht. Im dritten Spiel dieser Reihe, "Allied Assault" von 2002, das bewusst dem Spielberg-Film nachempfunden ist, können die Spieler die legendären Kämpfe an der französischen Küste nachspielen, ja, selbst nacherleben. Metaphorisch gesprochen: Aus dem Zuschauer im Filmtheater und dem User von Youtube wird nun der Gamer – am heimischen Computer mutiert er zum virtuellen Soldaten, der selbst ins Geschehen eingreift. So können wir alle selbst zum medialen Weltkriegsveteranen avancieren. Und womöglich gebären solche Video- und Computerspiele sogar Zeitzeugen neuen Typs: User und Gamer, die ein historisches Geschehen nachspielen und – gleichsam als historische Akteure – dieses Verständnis der Vergangenheit auch verinnerlichen.

Die gesellschaftliche Verständigung über die crossmedial angebotenen, historischen und historisierenden Fernseherzählungen findet mittlerweile hauptsächlich über Rahmen- und Anschlusskommunikationen statt. Immer häufiger werden Historienfilme nicht einfach nur "konsumiert", sondern die Zuschauer nutzen zunehmend auch begleitende Medienangebote, die ihnen vor allem online nahegelegt werden: Hintergrundinformationen zum Film, Interviews mit Schauspielern, Gespräche mit Zeitzeugen und Experten, Bücher und Filme sowie sonstiger Content. Darüber hinaus teilen immer mehr Zuschauer ihre Rezeptionserlebnisse bereits während sie einen Spielfilm schauen über die einschlägigen Social-Media-Kanäle. Das zuvor disperse Publikum wächst dadurch zu einer virtuell verknüpften Gemeinschaft zusammen.

Der Referenzhorizont der Fernsehrezeption ist also nicht mehr das begrenzte, heimische Wohnzimmer, sondern der entgrenzte und häufig anonyme digitale Raum. Dort tauschen sich die User in Blogs und Foren darüber aus, wie sie sich all die Medienofferten, mithin die Fernsehfilme und Computerspiele, aneignen, wie sie deren Botschaften mit Bedeutungen aufladen und in das eigene Geschichts-, Gegenwarts- und Weltverständnis einbauen. Mediennutzer haben heute Möglichkeiten, sich wie nie zuvor an der gesellschaftlichen Produktion von Geschichte aktiv zu beteiligen – allerdings verfügen wir derzeit über keinerlei Konzepte und Visionen, wie wir diese User auf dem Weg zum "homo historicus" begleiten können. So gilt es unter anderem zu überprüfen, ob die parahistorischen Formate mitsamt ihren crossmedialen Angeboten bei den Zuschauern in besonderem Maße das Gefühl hervorrufen, unmittelbar am Geschehen beteiligt zu sein, und ob ein solches Involvement dann besonders nachhaltige "Wirkungen" zeitigt.

Schauspieler machen Geschichte?



Die alles entscheidende Zuschreibung von Authentizität – "Diese historische Sendung, dieses Narrativ, diese Bilder sind wahr" – kann immer nur eine gemeinsame Aussage von Produzenten und Konsumenten sein. Beide Akteursgruppen, so der Medientheoretiker Siegfried J. Schmidt zu Recht, produzieren über Geschichtsevents eine gemeinsam getragene und ausgestaltete Fiktion von Authentizität.[9] Dabei werden von und durch prominente Personen erzählte Geschichten zum Anlass genommen, eigene Denkweisen mit den Fernsehinhalten in Einklang zu bringen und dabei individuelle Identitätsentwürfe neu auszurichten oder auch zu bestätigen.

Anfang des 21. Jahrhunderts spielen bei diesem Pakt um die Definition historischer Wahrheit immer weniger die Zeitzeugen, sondern immer mehr die Schauspieler eine elementare Rolle. Die folgende Szene vermag die Problematik verdeutlichen: Die Jüdin Marga Spiegel überlebte mitsamt ihrer Familie den Holocaust. 1969 erschienen ihre Erinnerungen als Buch, 2009 wurden sie unter dem Titel "Unter Bauern – Retter in der Nacht" verfilmt.[10] Veronica Ferres übernahm die Hauptrolle, sie verkörperte Marga Spiegel. Anlässlich der Deutschlandpremiere waren die damals 97-jährige Zeitzeugin und die Schauspielerin gemeinsam zu Gast in der ARD-Talkshow "Beckmann".[11] Während der Moderator darum bemüht war, Spiegel nach ihren Erinnerungen zu befragen, geschah etwas Denkwürdiges: Bereits nach wenigen Minuten unterbrach Ferres die Erzählung der alten Dame, führte die "Erinnerung" alleine fort und vollendete selbst die Gesprächssequenz. Diese Intervention blieb kein Einzelfall; im Verlauf der Sendung beeilte sich der Filmstar immer wieder, aus der Perspektive der jungen Jüdin Marga Auskunft zu erteilen – unbeschadet dessen, dass die reale Marga unmittelbar neben ihr saß. Unter den Auspizien der Para-Historie verschmolz hier nicht nur das Faktische mit dem Fiktiven, sondern die Aktrice enteignete die Akteurin – ihres Wortes, ihrer Geschichte und Biografie und schließlich auch ihrer Erzählung. Diese Talkshow-Episode ist symptomatisch, sie macht die Strukturelemente unserer Passagen-Zeit augenfällig: Die Zeitzeugin verstummt mehr und mehr – wohingegen die Schauspielerin im selben Atemzug die Zeugenschaft übernimmt.

Die Strategie seitens der Produzenten scheint nachvollziehbar: Charismatische Personen beziehungsweise Fernsehlieblinge wie Ferres und Furtwängler vermögen es, historisierenden Erzählungen Glaubwürdigkeit zu verleihen und damit die Akzeptanz des Produktes zu erhöhen. Hier stellt sich die wahrnehmungspsychologische Frage: Sind die Zuschauer wirklich in der Lage, kognitiv und emotional zwischen dem beliebten Filmstar mitsamt seiner Biografie und Filmografie und den differenzierten, vielfach sogar höchst ambivalenten historischen Personen zu unterscheiden?

Die zitierte Rezeptionsstudie zu "Die Flucht" offenbart diese Transferproblematik: Die ostpreußische Junkerstochter Gräfin von Mahlenberg gilt den befragten Probanden als Heldin, ungeachtet der im Film thematisierten schwerwiegenden Verstrickungen mit dem NS-Regime.[12] Offenbar überträgt sich die moralische Integrität der beliebten Schauspielerin Furtwängler auf die dargestellte historische Figur – eine mit Blick auf die Bewertung von Täterinnen und Tätern im Nationalsozialismus geradezu fatale Konsequenz. Damit eröffnet sich ein ernst zu nehmender Problemhorizont: Das Image dieser Sympathieträger muss sich zwangsläufig mit den von ihnen "interpretierten" Figuren der Vergangenheit verbinden.

Ein weiterer Aspekt parahistorischer Geschichtsaneignung ist das Zusammengehen von Schauspielkunst und historischer Vorlage. Zur Veranschaulichung soll die ARD-Produktion "Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod" (2010) dienen: Der vielfach ausgezeichnete Herbert Knaup spielt in diesem Dokudrama den NS-Schreibtischtäter und Holocaust-Organisator Adolf Eichmann so intensiv, dass sich die Medien mit Lob geradezu überschlugen. Knaup hatte zuvor bereits Figuren wie Adolf Hitler, Albert Speer, aber auch den Erzengel Michael, den Bezwinger des Teufels, gemimt. Nun lobte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" seine neue Schöpfung, seinen Homunculus Eichmann: "Knaups Schauspielkunst setzt einen Standard der Authentizität. (…) Jeder noch so kleinen Bewegung gibt er eine Bedeutung (…)." Dank Knaups "faszinierender Deutung" habe man nun "einen Eichmann" vor sich, "der zur Mimikry unfähig ist".[13] Auch "Spiegel Online" stellte bewundernd fest: "So blitzt unter der panzerglasdicken Hornbrille im Spiel Knaups (Grimme-Preis-verdächtig) zuweilen ein Charakterzug auf, den [man] Eichmann bisher nicht zugeordnet hat: Eitelkeit. Nein, ein kleines Rädchen im Getriebe sei er nicht gewesen. Den Stolz, den größten Genozid in der Menschheitsgeschichte logistisch vorangetrieben zu haben, kann er nicht verhehlen." Dieser Film, so der Kritiker weiter, "fordert seinen Zuschauern etwas ab. Denn die tausendfach ausgeleuchtete Figur des Adolf Eichmann, die mit ihrer Technokratenfratze oft erschreckend harmlos wirkte – hier erwacht sie auf einmal zu ungeheuerlichem Leben."[14] Knaup erschuf einen neuen, seinen eigenen Eichmann. Die Filmrezensenten gingen wie selbstverständlich davon aus, dass der Künstler dem gültigen und wissenschaftlich fundierten Bild Adolf Eichmanns nach eigenem Gutdünken wesentliche neue Facetten hinzufügen durfte.


Fußnoten

7.
User-Kommentar zu "Die wahre Geschichte. Der Soldat James Ryan", 15.10.2013, http://www.n24.de/n24/Mediathek/Dokumentationen/d/2660056/der-soldat-james-ryan.html« (orthographische Fehler bereinigt).
8.
Zu Geschichte im Computerspiel siehe auch den Beitrag von Tim Raupach in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
9.
Vgl. Siegfried J. Schmidt, Lernen, Wissen, Kompetenz, Kultur: Vorschläge zur Bestimmung von vier Unbekannten, Heidelberg 2005, S. 85.
10.
Vgl. Marga Spiegel, Retter in der Nacht. Wie eine jüdische Familie in einem münsterländischen Versteck überlebte, Berlin 20097. Siehe auch das Buch zum Film: dies., Bauern als Retter. Wie eine jüdische Familie überlebte, Mit einem Vorwort von Veronica Ferres, Münster 20092.
11.
Sendung vom 5.10.2009.
12.
Vgl. Bergold (Anm. 3).
13.
"Wie konnte er sich je unsichtbar machen?", 25.7.2010, http://www.faz.net/-1621026.html«.
14.
Christian Buß, Teufels Advokat trifft Teufels Bürokrat, 25.7.2010, http://www.spiegel.de/kultur/tv/a-708362.html«.
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Autoren: Silke Satjukow, Rainer Gries für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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