Eine Frau geht am 04.03.2016 in einer U-Bahn-Station in Washington an einer Werbetafel für die neue Staffel von "House of Cards" vorbei.
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Hybride Geschichte und Para-Historie. Geschichtsaneignungen in der Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts

16.12.2016

parahistorische Erinnerung: Grundlage für die Gestaltung der Zukunft



Die entscheidende Frage lautet somit: Sind die Zuschauer willens und in der Lage, zwischen der historiografisch erarbeiteten Figur und dem dramatisierten Artefakt zu unterscheiden? Die hier zitierten Befunde zur Geschichtsaneignung bei jugendlichem Publikum lassen die Vermutung zu, dass diese Differenzierung nicht geleistet werden kann oder gar nicht geleistet werden soll. Unsere rezeptionswissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass vor allem Angehörige nachrückender Generationen bei der Aneignung von Medienangeboten offenbar dazu neigen, grundstürzende Umdeutungen der Geschichte beider deutscher Diktaturen des 20. Jahrhunderts vorzunehmen. Augenscheinlich fehlt ihnen die Möglichkeit, Distanz zu den Tätern aufzubauen und die verbreiteten und damit eindringlichen Narrative kritisch zu kontextualisieren: Die in unseren Studien beobachteten jungen Erwachsenen scheinen der Flut der Bilder und den Stromschnellen eigener Emotionen auf Gedeih und Verderb ausgesetzt zu sein.

"Geschichtsvermittlung" dieser Art findet unter den Vorzeichen eines europäischen Marktes und einer globalisierten Welt statt: Medienprodukte mit Vergangenheitsbezügen müssen transnational ökonomisch erfolgreich zu handeln und zugleich in unterschiedlichen sozialen und nationalen Horizonten kulturell zu verhandeln sein. Diese TV-Events bestimmen mittlerweile in ganz Europa, wie und welche Geschichte(n) in den Gesellschaften des 21. Jahrhunderts erzählt werden. Ihre Ästhetik, ihre Bildprogramme, ihre musikalischen Welten und natürlich ihre historischen Narrative müssen ganz unterschiedlichen nationalen und internationalen Öffentlichkeiten die Möglichkeit bieten, die Filmbotschaft optimal in ihr jeweiliges Geschichtsverständnis und ihre spezifischen Lebenshorizonte einzupassen. Es stellt sich daher auch die Frage, ob ihr Konsum womöglich auch zu transnationalen Mustern des Gedächtnisses führen wird. Womöglich münden der transnationale Austausch und der Verkauf von "Geschichtsbildern" am Ende in einen gemeinsamen europäischen Opfermythos: Auf eine vereinfachende Moral wie "Krieg ist immer schlimm!" und "Wir sind alle seine Opfer!" können sich alle nur denkbaren Medienrezipienten leicht einigen.

Die Beobachtung und Aufklärung der medial erzeugten Erinnerungskulturen des "Zeitalters der Extreme"[15] ist daher gerade auch für die Zukunft der Erinnerung in Europa und damit für die Ausbildung einer europäischen Identität von fundamentaler Wichtigkeit. Denn nicht zuletzt die jungen Menschen, die sich heute überall in Europa solcherart dramatisierte und ästhetisierte "Geschichte" aneignen, werden in naher Zukunft vor der Herausforderung stehen, im Gefolge der aktuellen Krisen "Europa" neu zu formulieren und auch neu zu formatieren. Wir müssen davon ausgehen, dass sie diese Aufgabe nicht zuletzt auf der Basis ihrer parahistorischen Erfahrungen ins Werk setzen werden.


Fußnoten

15.
Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995.
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Autoren: Silke Satjukow, Rainer Gries für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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