Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde liegen am 25.09.2015 im Lutherhaus in Eisenach (Thüringen) auf einem Tisch.

23.12.2016 | Von:
Thomas Kaufmann

Von den 95 Thesen zum Augsburger Religionsfrieden. Meilensteine der Reformation

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts bildete das westliche Europa einen kulturellen Raum, der von verbindenden Traditionen geprägt war – allen voran die lateinische Sprache, die in der transnationalen und gelehrten Kommunikation dominierte, die christliche Religion, damit einhergehend das päpstlich approbierte Kirchenrecht (ius canonicum) sowie die Universitäten.[1] Auch einige religiöse Praktiken waren exklusiv in der westlich-lateinischen Christenheit verwurzelt, etwa die Kreuzzüge, der Pflichtzölibat der Priester, der rechtsverbindlich geforderte Gehorsam gegenüber dem Bischof von Rom oder das Bußwesen, das bestimmte Vergehen mit exakt tarifierten Kompensationsleistungen belegte.

Dasselbe galt für den Ablass. Bei diesem seit dem Hochmittelalter ausgebauten Heilsinstitut handelte es sich um eine Verkürzung oder gar gänzliche Aufhebung zeitlicher Sündenstrafen, die, sofern sie nicht zu Lebzeiten abgetragen wurden, vor der Erlösung im Fegefeuer gebüßt werden mussten. Die attraktiven Plenarablässe, die in der Regel gegen Geldzahlungen die totale Sündenvergebung (plena remissio peccatorum) gewährten, konnte nur der Papst spenden und wurden in großen Kampagnen europaweit und seit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts weithin einheitlich propagiert. Diese Praxis war gleichsam ein Spiegel ihrer Zeit, die stark religiös geprägt war und in der Glaubensfragen den Alltag durchdrangen: Es herrschte eine allgemeine Gerichtsangst, man fürchtete sich vor der Prüfung des Lebenswerks durch einen strafenden Gott. Das Leben der Menschen war bestimmt von einer ständigen Suche nach Mitteln, nach guten Werken und Verdiensten, die – wie etwa ein Klosterbeitritt – die Chancen erhöhen könnten, vor Gott zu bestehen, sowie nach Mittlern zwischen dem sündigen Selbst und dem richtenden Gott – beispielsweise Heilige oder Priester.

Als der Augustinermönch Martin Luther am 31. Oktober 1517 mit der Veröffentlichung von 95 Thesen in Wittenberg und ihrer Versendung an den obersten kirchlichen Würdenträger im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz und Magdeburg, die Ablasspraxis infrage stellte, rührte er also an die zentrale Frage nach der menschlichen Identität aus und vor Gott. Luther war davon überzeugt, dass der Ablass die jedem Christen gebotene stetige Buße aushöhle, also die Umkehr zu einer Gottes Geboten entsprechenden Lebensführung. Anstatt die Christen auf den Weg der Nachfolge ihres leidenden Heilandes zu führen, gewähre ihnen der Ablass trügerische Sicherheiten und verlogene Erleichterungen. Das Evangelium, das die bedingungslose göttliche Gnade gegenüber dem wegen seiner Gottferne verzweifelten Sünder verkünde, werde durch ein Heilsangebot entwertet, das jedem – unabhängig von seiner inneren Haltung – nur aufgrund des Erwerbs eines Ablassbriefes den Erlass von Fegefeuerpein und den Eintritt in den Stand der ewigen Seligkeit zuerkenne.

Auch wenn der Bettelmönch aus dem Augustinereremitenorden keineswegs der erste Theologe war, der den Ablass angriff, so war seiner Kritik doch eine beispiellose Wirkung beschieden. Dies hing zum einen damit zusammen, dass Luther den Ablass gleichsam "von innen", vom Grundverständnis des christlichen Glaubens und der entsprechenden sittlich-religiösen Haltung der Buße her attackierte. Zum anderen erlangten seine Thesen durch den Buchdruck eine für ihn selbst völlig überraschende Verbreitung und wurden ungemein zügig innerhalb Deutschlands, aber auch in anderen europäischen Ländern rezipiert.

Ein Reformer wird zum Reformator

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der 95 Thesen war sich Luther noch nicht darüber im Klaren, dass ein Angriff auf den Ablass auf eine Infragestellung der Papstgewalt hinauslaufen musste. Denn der Stellvertreter Christi auf Erden erhob den Anspruch, über einen "Schatz der Kirche" (thesaurus ecclesiae) zu verfügen, in dem die Verdienste Christi und der Heiligen gesammelt waren; kraft der ihm übertragenen Schlüsselgewalt konnte er nach Belieben darüber verfügen. Verbindliche Lehrentscheidungen zum Ablass hatte die römische Kirche jedoch noch nicht dogmatisiert. Insofern hoffte Luther zunächst, dass sich der Papst seine Kritik an der marktschreierischen Ablasspropaganda des Dominikaners Johann Tetzel zu eigen machen werde.

Nach der Thesenpublikation setzte eine lebhafte Publizistik ein: Luther führte literarische Auseinandersetzungen mit Tetzel und dessen Kollegen Konrad Wimpina, einem Theologieprofessor in Frankfurt an der Oder, sowie mit dem Ingolstädter Theologen Johann Eck, der ihn als Ketzer und Papstfeind attackierte, dem römischen Kurientheologen Sylvester Prierias und einer stetig wachsenden Zahl weiterer Apologeten der römischen Papstkirche. Neben der Frage des Ablasses rückten allgemeine Probleme der Gnaden- und der Sakramentenlehre, des Verhältnisses von biblischer Norm und kirchlicher Tradition, der Autorität der Kirchenväter, der Päpste und der Konzilien ins Zentrum der theologischen Debatten.

Nach und nach ergriffen andere Theologen und Autoren aus dem Laienstand verdeckt oder offen Partei für Luther, etwa sein Fakultätskollege Andreas Bodenstein, der Nürnberger Ratsschreiber Lazarus Spengler oder der Wittenberger Griechischdozent Philipp Melanchthon. Humanistische Gelehrte wie der Basler Münsterprediger Wolfgang Capito, der Nürnberger Jurist Christoph Scheurl, der Schlettstädter Philologe Beatus Rhenanus oder der Heidelberger Dominikanermönch Martin Bucer sorgten dafür, dass Luthers Schriften umgehend nachgedruckt und europaweit verbreitet wurden. Luther selbst feuerte die Publizistik pausenlos an und belieferte die Wittenberger und Leipziger Druckwerkstätten mit Manuskripten; allein bis Ende 1519 waren 45 Schriften des Wittenberger Bibelprofessors in insgesamt 263 Ausgaben und über einer Viertelmillion Exemplaren verbreitet. Kein Autor war jemals zügiger in einem solchen Ausmaß gedruckt worden wie Luther.

Während dieser seine Botschaft publizistisch verbreitete und seine reformatorisch-theologische Position in den Kontroversen, die er führte, präzisierte, schritt auch das kirchenrechtliche Verfahren gegen ihn voran. Albrecht von Brandenburg hatte einen Ketzerprozess in Rom eingeleitet, dessen Abschluss sich zunächst aus politischen Gründen verzögerte: Die römische Kurie nahm auf Luthers Landesherrn Friedrich III. von Sachsen Rücksicht, da sie seiner Unterstützung bedurfte, um die Wahl des habsburgischen Thronfolgers Karl von Spanien zum Kaiser des Reiches zu verhindern. Vor allem mit Blick auf die Machtverhältnisse in Italien hatte Rom keinerlei Interesse an einer Ausweitung des habsburgischen Einflusses. Denn Sizilien, Mailand und Neapel standen bereits unter spanischer Ägide. Der Kirchenstaat fühlte sich eingekreist; das Kaisertum würde diesen Effekt noch steigern. Nachdem der Versuch, Karl als Kaiser zu verhindern, freilich gescheitert war, beschleunigte sich der römische Prozess gegen Luther. Dabei spielte sein alter Gegner Eck eine wichtige Rolle, mit dem er sich im Sommer 1519 eine von Hunderten von Gästen besuchte Schaudisputation in Leipzig geliefert hatte. Eck reiste nach Rom, formulierte wesentliche Passagen der päpstlichen Bannandrohungsbulle "Exsurge Domine" und propagierte ab Sommer 1520 ihre Verbreitung im Reich. Auch verschiedene theologische Fakultäten wie jene in Köln, Löwen und Paris hatten sich mit Luthers Lehre beschäftigt und sie verurteilt.

Auf die offizielle Verketzerung seiner Lehre hin ging Luther zu forcierten literarischen Gegenangriffen über, identifizierte den Papst nunmehr öffentlich als den in der Bibel geweissagten Antichristen und legte noch im selben Jahr mit seiner Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung" ein auf Deutschland bezogenes, von den politischen Handlungsträgern in Stadt und Land umzusetzendes kirchlich-gesellschaftliches Reformprogramm vor. Kurz darauf zerschlug er in seiner radikalen Schrift "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" die römische Sakramentenlehre. Von den sieben Sakramenten, die sich in verbindlichem kirchlichen Gebrauch befanden (Taufe, Buße, Abendmahl, Firmung, Ehe, Priesterweihe, letzte Ölung), gestand er nur Taufe und Abendmahl den Charakter eines Sakramentes zu, weil Christus sie eingesetzt und mit einem Verheißungswort und einem äußeren Zeichen versehen habe. Die anderen fünf hielt Luther für willkürliche Erfindungen eines machtbewussten Klerus. Die ihm in der Bannandrohungsbulle eingeräumte Widerrufsfrist ließ er verstreichen und verbrannte am Tag ihres mutmaßlichen Ablaufs, dem 10. Dezember 1520, das kanonische Recht nebst weiterer papsttreuer Literatur in einem öffentlichen Spektakel vor dem Wittenberger Elstertor. Damit wurde aus dem mönchischen Reformer, der versucht hatte, aus Loyalität die im Ablasswesen aufbrechende Glaubwürdigkeitskrise seiner Kirche zu überwinden, jener Reformator, der sie kompromisslos bekämpfen und einen kirchlichen Neubau betreiben wollte.

Sola-Theologie

Bis zu diesem definitiven Bruch mit der Papstkirche hatten sich Luthers theologische Überzeugungen weitestgehend konsolidiert. Gegenüber der mittelalterlichen Schultheologie, der sogenannten Scholastik, und ihrer philosophischen Grundlage, dem Aristotelismus, ging Luther polemisch auf Abstand. In Anknüpfung an ältere monastische, insbesondere mystische Traditionen der Theologie war es ihm ein Anliegen, das persönliche Gottesverhältnis des Einzelnen, den Glauben, zu akzentuieren.

Den Mittelpunkt seines Glaubensverständnisses bildete "allein das Wort" (solum verbum), das als gepredigte, fleischgewordene oder geschriebene Botschaft Weg und Ziel des Heils darstellte. Allein Christus (solus Christus), der gekreuzigte Heiland, vermittele im Zuspruch der Sündenvergebung die allein seligmachende Gnade Gottes (sola gratia), der allein im dem Wort vertrauenden Glauben (sola fide) entsprochen werde. Auch die von Christus eingesetzten und mit äußeren Zeichen wie Brot, Wein und Wasser versehenen Sakramente der Taufe und des Abendmahls verstand Luther vom Glauben her: als Mittel, ihn zu begründen und zu stärken. Die selbstverständliche hierarchische Teilung der Christenheit in Kleriker und minderberechtigte Laien hob Luther auf – im Glauben seien alle gleich, und niemand könne eine größere Nähe zu Gott für sich beanspruchen als ein anderer.

Als einzige unfehlbare Quelle und Norm der christlichen Wahrheit galt Luther die Bibel (sola scriptura). Sie in der Volkssprache allgemein zugänglich zu machen, war ihm und seinen Mitstreitern ein wichtiges Anliegen. Nach dem Erscheinen der von Luther angefertigten deutschen Übersetzung des Neuen Testaments im September 1522 entstanden in verschiedenen europäischen Ländern volkssprachliche Bibelübersetzungen, die nach und nach die Partizipationsmöglichkeiten der "gemeinen Christen" ungemein erhöhten. Auch die Übertragung der gottesdienstlichen Liturgie und die Dichtung volkssprachlicher Kirchenlieder entsprachen dem partizipativen Konzept des "allgemeinen Priestertums", das seit 1520 zur ekklesiologischen, also die Gestalt der Kirche betreffenden Basistheorie der reformatorischen Bewegung wurde.

Die Sprengkraft dieser Theologie ergab sich daraus, dass sie für Laien nachvollziehbar war, jedem Christen eine unmittelbare Gottesbeziehung ermöglichte und keiner heilsvermittelnden Institution bedurfte. Zugleich schärfte sie das Bewusstsein für die Unterschiedenheit von Kirche und Welt und die allein durch das Wort einerseits, mittels weltlicher Herrschaftsvollmachten andererseits ausgeübten beiden Regimente Gottes. Dem Papst, der die weltliche Gewalt über einen Territorialstaat ausübte, warf er die Vermischung beider Regierweisen vor.

Fußnoten

1.
Für detaillierte Ausführungen und Belege siehe Thomas Kaufmann, Geschichte der Reformation in Deutschland, Berlin 2016.
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Autor: Thomas Kaufmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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