Die Skulptur "Liebe deine Stadt" von Merlin Bauer zum gleichnamigen Projekt. Mehr unter www.liebedeinestadt.de
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Kölle. Oder: Der schlechte Ruf der Hölle. Einblicke in die kölsche Seele - Essay


6.1.2017
Spätestens seit dem Einsturz des Stadtarchivs 2009 und den Vorfällen vor dem Bahnhof in der Silvesternacht 2015/16 steht Köln weltweit für zwei Begriffe: Inkompetenz und sexuelle Übergriffe. Köln ist so etwas wie Lothar Matthäus als Stadt. Seit dieser Kränkung versuchen die Ordnungskräfte der Stadt Köln geradezu manisch, alles und jedes irgendwie in den Griff zu bekommen.

Widersprüche



Kurioses Beispiel ist das sogenannte Wegbier. Der Begriff umschreibt die Flasche Bier, die man auf dem Weg zu einer Party oder auch zur Arbeit trinkt. In anderen Bier-Regionen sagt man auch blumig "Fuß-Pils". Der Hintergrund: Viele junge Leute können sich häufigen Kneipenbesuch nicht leisten. Sie kaufen sich günstiges Flaschenbier, das sie auf den Wegen und Plätzen trinken. Das wurde zu einer öffentlichen Feierkultur – allabendlich. Das führt vor allem im Sommer zu einer zwanglosen Atmosphäre im öffentlichen Raum: Wenig Arbeit, viele Feste, dat is doch immer noch dat Beste!

Der Brüsseler Platz im belgischen Viertel ist das Eldorado des Wegbiers. Trotz des erbitterten Widerstands der Anwohner und dilettantischer Maßnahmen des Ordnungsamtes treffen sich hier bei gutem Wetter Tausende Kölner zum fröhlichen Quatschen und Trinken. Denn im Rheinland hat das Sprechen einen Wert an sich, unabhängig vom Inhalt. Der Rheinländer hört nicht zu. Er redet lieber selbst. Die Preußen waren oft verzweifelt über ihre Rheinprovinz, ein Machthaber soll damals in Köln mit folgenden Worten resigniert haben: "Du kannst sie nicht regieren, sie hören nicht zu!"

Heute aber will die Stadt Köln selbst die preußische Strenge vergangener Tage in den Schatten stellen. Im Herbst 2016 debattierte man im Stadtrat über eine neue Stadtordnung. Paragraf 11a will das Alkohol-Trinken hundert Meter um Schulen und Kindergärten verbieten. Eine kommunale Schnapsidee! Das wird sich in Köln nicht durchsetzen. Das wäre die Härte, auch für so manches Lehrerzimmer. Am Brüsseler Platz gab es bereits die erste Demo: "Freiheit dem Wegbier in Köln".

Außerdem soll Straßenkunst um den Kölner Dom verboten werden und Straßenmusik nur noch 20 Minuten lang erlaubt sein. Das sind fast schlimmere Zustände als in Singapur. Von Hamburg bis München beneidet man die Kölner um ihre Lebensfreude, ihre Toleranz und ihre Lockerheit. Gleichzeitig wird in Köln etwa das Rauchverbot strenger umgesetzt als anderswo – und nun noch diese drohenden Verbote für Kreidemaler, Jongleure und Musikanten. Woher kommt dieser Widerspruch in der Kölner Seele?

Ich kann es mir nur so erklären: Im zweiten Weltkrieg haben die Briten Köln so lange bombardiert, bis nichts mehr funktioniert hat. Und dann haben Sie uns geholfen, eine Stadtverwaltung aufzubauen, damit das auch so bleibt. Das desaströse Versagen der Kölner Verwaltung insgesamt führt nun zu einer nahezu preußischen Strenge, die im Widerspruch zum Lebensgefühl der Rheinländer steht. Die Abkürzung AvO zeigt das: Es sind die "Arschlöcher vom Ordnungsamt".
Jürgen Becker am Rhein mit Blick auf die Kölner Südstadt.Jürgen Becker am Rhein mit Blick auf die Kölner Südstadt. (© Ben Grna)

Diesen Fachterminus habe ich selbst überprüft. Mein Freund Alex wollte auf dem Parkplatz vor seiner Crêperie in der Kölner Südstadt eine Außengastronomie beantragen, was dort prinzipiell möglich ist. Er wollte dies jedoch nicht konventionell mit den üblichen Stühlen auf der Parkfläche machen, sondern mit seiner Renault Estafette, einem Oldtimer. Da können die Leute auf der niedrigen Ladefläche sitzen, die mit darauf gestellten Bänken und Tischen vom Schreiner dazu einlädt. Habe er, so Alex, schon mal in Berlin gesehen und das Ganze mit einem Parkticket mal unverbindlich getestet, gerade die jungen Leute fänden das super. Hippe Idee, aber wir sind in Köln! Ich sag: "Jung, ich jeh für Dich zum Amp. Gib mir Zeichnung, Plan und Foto." Ich dahin, den Umschlag kaum ausgepackt herrschte mich eine alte preußische Gouvernante an: "Das geht nicht!!!" Ich sag: "Genau so hab ich mir dat hier vorgestellt. Ich bin doch Ihr Kunde, wieso bekomm ich eigentlich keinen Kaffee angeboten?" – "Der Antrag kostet 500 Euro und ich muss Sie warnen, dass das keinerlei Aussicht auf Erfolg hat. Und wenn das jeder machen würde, dann stünde da ein Auto neben dem andern." "Ja", sag ich, "genau wie jetzt auch".

Soviel Dummheit wie bei den AvO gibt es in keinem Tierpark. Hier wird jede Eigeninitiative im Keim erstickt. "Wenn Sie einmal mit der Stadt Köln zusammengearbeitet haben, kapieren Sie, warum das mit der DDR nicht funktionieren konnte", konterte ich. Auf dem Flur sortierte ich dann meine Zettel und hörte durch die geschlossene Bürotür das Fluchen des Amtsschimmels: "So ein Arschloch!" Ich mache die Tür wieder auf: "Das ist aber nett, wie Sie über Ihre Kunden reden!" Damit brachte ich die Furie in Verlegenheit. "Ja äh, damit ist ein Kollege gemeint." Aha! Wenn die sich schon untereinander so nennen, ist es also amtlich abgesegnet, was die Kölner auf der Straße sagen: "die Arschlöcher vom Ordnungsamt!"

Mehr Lommerzheim wagen



Dabei ist man hier eigentlich stolz auf Improvisiertes: Komikerin Carolin Kebekus definiert es auf einer Bierreklame: "Köln ist wie backstage. Nicht geleckt, aber authentisch". Beispiele dafür findet man: eine abgeranzte Kaschemme, die Wände seit Jahrzehnten nicht renoviert, prähistorische Stromleitungen und Methusalems muffiges Mobiljahr. "Ja, so ist er, der Lommerzheim", höre ich zustimmend, jene Kultkneipe in Köln-Deutz, die die Kölner Band Miljö zum Synonym für die wahre Stadt erhebt: "Su lang beim Lommi die Lichter noch brennen, so lang stirbt der Kölner nicht aus!"

Doch während ich diese Zeilen tippe, sitze ich gar nicht in Köln, sondern im Berliner Neukölln in einem der üblichen Szenelokale. Niemand käme an der Spree auf die Idee, darüber ein Lied zu schreiben, hier sind solche Pinten die Norm. In Berlin ist es etwas Besonderes, wenn man mal eine Kneipe findet, in der die Wände nicht völlig unrenoviert sind und man sich nicht auf alten Autositzen vom Schrottplatz oder Sesseln vom Sperrmüll fläzt. Hier räkeln sich die Gäste sogar auf abenteuerlich zusammengezimmerten Hochbetten. Gegen diese kruden Kultstätten der Berliner ist der Kölner Lommerzheim ein Edelschuppen der Spitzengastronomie.

"So coole Kneipen wie in Berlin findet man in Köln einfach nicht." Meine Tochter schwört auf Berlin, und immer wenn ich sie dort besuche, zeigt sie mir ihre neuesten Entdeckungen. Natürlich machen geringere Mieten solch experimentelle Läden leichter möglich. Doch das ist nicht der einzige Grund für diese facettenreiche Vielfalt. Solche schillernde Blüten fantasievoller Gastronomie würde das Kölner Ordnungsamt sofort schließen. Die peniblen Fürsten der Kölner Verwaltung verstehen nicht den geringsten Spaß, bringen alle meine befreundeten Wirte regelmäßig zur Verzweiflung und mischen sich in jede Kleinigkeit ein. "Pingelig zu Lasten der Bürger" beschreibt Peter Pauls im "Kölner Stadt-Anzeiger" die Verwaltung treffend.

So konnte vermutlich der ursprüngliche Lommerzheim nach den Kriegswirren nur deshalb so notdürftig zusammengenagelt eröffnen, weil das Ordnungsamt noch völlig zerbombt in Schutt und Asche lag und anders als jetzt keinerlei Schaden anrichten konnte. Ob Bomber Harris dieses Amt mit modernem Zielgerät heute ohne Kollateralschäden noch einmal zerlegen könnte? Nach dem 20. Kölsch im Lommi würde man womöglich auf den Trichter kommen, dass dies einen Versuch wert sei.

Denn was macht man sonst mit diesen in kölscher Selbstbesoffenheit wuchernden Geschwüren der Stadt? Entlassen kann man verstrahlte Beamte ja leider nicht. Im Sinne kölscher Lebensfreude müsste man diese arroganten Spielverderber alle totkitzeln. Damit wäre viel Sand aus dem Getriebe Kölns verschwunden und man müsste nicht mehr den Lommerzheim als Museum einer vergangenen Epoche bewundern. Frei nach Berlins ehemaligem regierenden Bürgermeister Willy Brandt hoffe ich hier am Rhein auf Besserung: "Mehr Lommerzheim wagen". Doch während Köln schon fast die autoritäre Regelwut der SED für sich entdeckt, hat Berlin die DDR heldenhaft überwunden und ist heute die viel rheinischere Stadt! Und das nicht nur, was die Kneipen angeht. Was sind der Hubschrauberlandeplatz am Kalkberg, der Opernbau und das Wahldebakel gegen den Berliner Flughafen? (Klaus Wowereit sucht übrigens einen neuen Job. Er ist als Projektleiter beim Kölner U-Bahnbau im Gespräch.)


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Autor: Jürgen Becker für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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