Die Skulptur "Liebe deine Stadt" von Merlin Bauer zum gleichnamigen Projekt. Mehr unter www.liebedeinestadt.de
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Neue Heimat am Rhein? "Gastarbeiter" in Köln zwischen 1955 und 1983


6.1.2017
Ab Mitte der 1950er Jahre erlebte die noch junge Bundesrepublik Deutschland einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, auch "Wirtschaftswunder" genannt. Besonders die Entwicklung der Arbeitslosenquote lässt den anhaltenden Boom der westdeutschen Wirtschaft erkennen: 1951 lag die Zahl der Arbeitslosen bei 1,4 Millionen, 1960 lediglich bei 271.000, bei einer Gesamtzahl von 26,2 Millionen Erwerbstätigen in der Bundesrepublik. Damit war die Arbeitslosenrate von 10,4 auf 1,3 Prozent gesunken.[1] 1960 wurden erstmals mehr offene Stellen als Arbeitslose gezählt, es herrschte Vollbeschäftigung.

Um die steigende Nachfrage nach Arbeitskräften zu bedienen, unterzeichneten die deutsche und die italienische Regierung am 20. Dezember 1955 ein Anwerbeabkommen zur Entsendung italienischer Arbeitskräfte[2] in die Bundesrepublik. Es folgten Abkommen mit weiteren süd- und südosteuropäischen Ländern: 1960 mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und zuletzt 1968 mit Jugoslawien. In diesem Zusammenhang sind neuere Forschungen zu beachten, die die Bedeutung der außenpolitischen Situation der Bundesrepublik gegenüber der arbeitsmarktpolitischen für die Entstehung der Anwerbeabkommen hervorheben, ebenso die Tatsache, dass die Initiative für die Vereinbarungen nicht von der Bundesrepublik ausging, sondern von den Entsendeländern selbst.[3] Insgesamt ist es jedoch schwierig, die Lage auf dem Arbeitsmarkt oder die außenpolitische Situation als den einen entscheidenden Beweggrund zu benennen. Vielmehr war es nach heutiger Ansicht eine Vermischung verschiedener arbeitsmarkt-, wirtschafts- und außenpolitischer Interessen, die die Migrationspolitik der Bundesrepublik bestimmten.[4]

Ankunft und Alltag der "Gastarbeiter"



Köln spielte bei der Anwerbung von "Gastarbeitern" eine entscheidende Rolle. Neben München war die Stadt am Rhein der Ort, von wo aus die ankommenden ausländischen Arbeitskräfte mittels sogenannter Sammeltransporte in die ganze Bundesrepublik verteilt wurden. Während die italienischen, griechischen, türkischen und jugoslawischen Arbeiter am Münchener Hauptbahnhof ankamen und durch die dortige Weiterleitungsstelle betreut wurden, nahm man die spanischen und portugiesischen "Gastarbeiter" am Bahnhof Köln-Deutz in Empfang.

Die Organisation der Anwerbung und Vermittlung lag bei der Bundesanstalt für Arbeit, die in den Entsendeländern sogenannte Verbindungsstellen einrichtete. Dort wurden die Arbeitswilligen gesundheitlich untersucht, über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Bundesrepublik informiert und ihre Qualifikation überprüft. Die Reise wurde meist mit dem Zug bewältigt und war sehr beschwerlich. Einige Unternehmen organisierten daher bald die Reise ihrer Arbeitskräfte mit dem Flugzeug, so auch die Kölner Ford-Werke ab 1963.

Ausländische Arbeitnehmer wurden in Köln vor allem in Betrieben der Eisen- und Metallerzeugung beschäftigt sowie im Bau- und im verarbeitenden Gewerbe, zu dem unter anderem die Nahrungs- und Genussmittelproduktion gehört. 1961 konnten in Köln 20035 beschäftigte ausländische Arbeitnehmer gezählt werden, im Vergleich zu den Vorjahren (1960: 6230, 1959: 4635) bedeutete dies einen enormen Anstieg.[5] Knapp 7000 Ausländer arbeiteten 1961 in der Eisen- und Metallerzeugung, gut 3500 im verarbeitenden Gewerbe und fast 5000 im Baugewerbe. Der Großteil der Arbeitskräfte stammte aus Italien (8134), gefolgt von Griechenland (2083) und Spanien (1881). Türkische Arbeitskräfte wurden im Berichtsjahr 1961 noch nicht aufgezählt.[6]

Wichtige Arbeitgeber waren der Automobilhersteller Ford im Kölner Norden, der Motorenhersteller Klöckner-Humboldt-Deutz, die Schokoladenfabrik Gebrüder Stollwerck AG in der Südstadt sowie der Kabel- und Drahtseilhersteller Felten & Guilleaume in Köln-Mülheim. Daneben beschäftigten auch einige kleinere Unternehmen ausländische Arbeiter, so beispielsweise die Vereinigten Deutschen Metallwerke AG in Ehrenfeld, die Land- und Seekabelwerke AG im Stadtteil Nippes sowie die Chemische Fabrik Kalk.[7] Ab 1961 war Ford der Hauptarbeitgeber für ausländische Beschäftigte in Köln.

Die Bereitstellung einer angemessenen Unterkunft oblag den Unternehmen, was bereits in den Anwerbeabkommen festgehalten wurde. Richtlinien gaben Kriterien für eine angemessene Unterkunft vor, die aber nicht verpflichtend waren, sodass viele Arbeitgeber ihre Arbeitskräfte zunächst in Behelfsunterkünften mit äußerst schlechten Wohnbedingungen unterbrachten. Allerdings unterstützte die Bundesanstalt für Arbeit ab 1961 Unternehmen mit jährlich einer Million DM, wenn diese die Unterkünfte nach den Richtlinien neu oder umbauten. So investierten etwa die Kölner Ford-Werke 1961 9,6 Millionen DM in die Beschaffung von Wohnraum, wozu neben den Wohnheimen auch Werkswohnungen gehörten.[8] Bereits Mitte der 1960er Jahre tendierten im bundesweiten Trend ausländische Arbeitskräfte eher dazu, in eine private Unterkunft zu wechseln. Für türkische Arbeitnehmer trifft dieser Trend jedoch nicht zu. Dies hing damit zusammen, dass die männlichen Arbeiter meist ohne ihre Familien nach Deutschland kamen und für sich alleine nicht viel Platz benötigten, außerdem nicht die Absicht hatten, ihr erarbeitetes Geld für eine hohe Miete auszugeben.[9] Da in Köln die "Gastarbeiter" aus der Türkei die größte Gruppe waren, lebten viele Ausländer in Köln in Wohnheimen. Dort waren sie meist unter sich und isoliert: Ende 1970 lebten in den über 30 Heimen der Ford-Werke knapp 7000 türkische Arbeiter, im Vergleich zu 356 Deutschen und 577 Italienern.[10] Vor allem mit Zunahme des Familiennachzugs suchten immer mehr "Gastarbeiter" eine eigene Wohnung. Viele hatten keine andere Wahl, als in heruntergekommene Altbauten zu ziehen, die von deutschen Mitbürgern nicht mehr bewohnt wurden, da viele Vermieter Wohnungen nicht an Ausländer vermieten wollten. In Köln konzentrierten sich die Ausländer daher vor allem in der Altstadt, im Stadtteil Nippes und im rechtsrheinischen Mülheim ebenso wie in den Stadtteilen Ehrenfeld und Kalk. In der Altstadt lebten überwiegend Italiener und Spanier, in Mülheim Italiener und Türken.[11]

In der zeitgenössischen Wahrnehmung und auch in der heutigen Erinnerung an die "Gastarbeiter" dominiert das Bild des jungen, männlichen Arbeiters. Dabei befand sich unter den angeworbenen Arbeitskräften ein nicht zu vernachlässigender Anteil Frauen. Bereits 1962 lag ihr Anteil an den Vermittlungen insgesamt bei 14,5 Prozent, 1967 sogar bei knapp 40 Prozent.[12] Auch in Köln arbeiteten ausländische weibliche Arbeitskräfte, 1963 waren von insgesamt rund 19.000 ausländischen Arbeitnehmern rund 3100 Frauen. Sie waren meist im Niedriglohnbereich beschäftigt, beispielweise in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie, so stellte der Kölner Schokoladenhersteller Stollwerck bevorzugt Spanierinnen und Griechinnen ein. Gerade die Nahrungs- und Genussmittelindustrie zählte zum Niedriglohnsektor: Eine Arbeiterin bei Stollweck verdiente einen Bruttostundenlohn von 1,99 DM, während bei Ford in Köln 3,29 DM gezahlt wurden.[13]

Insgesamt waren sowohl männliche als auch weibliche Arbeitskräfte besonders in den unteren Arbeitsmarktbereichen beschäftigt, das heißt, es herrschten oft anstrengende und eintönige Arbeitsbedingungen, beispielsweise Schicht- und Fließbandarbeit. Ihr Alltag war dementsprechend von der Arbeit oder Regeneration von dieser bestimmt, Freizeitbeschäftigungen traten in den Hintergrund. Hinzu kam die enorme Sparsamkeit der "Gastarbeiter", die ihr Geld nicht für Freizeitaktivitäten ausgeben wollten, sondern lieber sparten oder in die Heimat schickten. Eine 1966 in Auftrag gegebene Studie der Stadt Köln zum Leben der Kölner Gastarbeiter stellte heraus, dass ein Großteil der ausländischen Bürger ihre Freizeit eher passiv-rezeptiv gestaltete, beispielsweise mit Lesen, Radio und Fernsehen. Freizeitaktivitäten mit Kontakten zu Deutschen waren am stärksten bei Italienern zu beobachten, am schwächsten bei Spaniern. Dazu gehörten beispielsweise das Einkaufen, Sport, aber auch die betriebliche Freizeitorganisation.[14]

1970 wurden insgesamt 49.271 ausländische Arbeitnehmer in der Kölner Statistik erfasst. Davon hatten über 17.500 eine türkische Herkunft, 11.600 waren Italiener, gefolgt von weitaus weniger Jugoslawen, Griechen, Spaniern und Portugiesen.[15] Von den türkischen Beschäftigten arbeiteten rund 12.000 bei den Kölner Ford-Werken. Damit stellten die Mitarbeiter aus der Türkei bei Ford "die größte geschlossene Gruppe von Türken und von türkischen Arbeitern in der Bundesrepublik" dar.[16]


Fußnoten

1.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Bevölkerung und Wirtschaft 1872–1972, Stuttgart 1972, S. 250.
2.
Wenn nicht anders genannt, sind hier immer Männer und Frauen gemeint.
3.
Vgl. vor allem Heike Knortz, Diplomatische Tauschgeschäfte. "Gastarbeiter" in der westdeutschen Diplomatie und Beschäftigungspolitik 1953–1973, Köln u.a. 2008, S. 8.
4.
Vgl. Monika Mattes, Wirtschaftliche Rekonstruktion in der Bundesrepublik Deutschland und grenzüberschreitende Arbeitsmigration von den 1950er bis zu den 1970er Jahren, in: Jochen Oltmer (Hrsg.), Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert, Berlin–Boston 2016, S. 815–851, hier S. 817.
5.
Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Köln 1961, S. 54.
6.
Generell werden in den Statistischen Jahrbüchern der Stadt Köln die ausländischen Beschäftigten erst ab 1961 in einzelne Nationen unterschieden. Davor werden lediglich die italienischen Arbeitnehmer gezählt.
7.
Vgl. Natalie Muntermann, Ausländische Arbeitnehmer in Köln 1955–1966. Vom "Gastarbeiter" zum Einwanderer, in: Jost Dülffer (Hrsg.), Köln in den 1950er Jahren. Zwischen Tradition und Modernisierung, Köln 2001, S. 139–158, hier S. 143.
8.
Vgl. Ford-Geschäftsbericht für das Jahr 1961, S. 12.
9.
Vgl. Friedhelm Steffens, Integrations- und Segregationsmuster von türkischen Migranten. Menschen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, die Ford-Mitarbeiter in Köln, Hamburg 2008, S. 106.
10.
Vgl. Internationaler Bund für Sozialarbeit/Jugendsozialwerk e.V., Ford-Wohnheime in Köln. Jahresbericht 1970, S. 4.
11.
Vgl. Muntermann (Anm. 7), S. 153.
12.
Vgl. Monika Mattes, "Gastarbeiterinnen" in der Bundesrepublik. Anwerbepolitik, Migration und Geschlecht in den 50er bis 70er Jahren, Frankfurt/M. 2005, S. 39.
13.
Vgl. Muntermann (Anm. 7), S. 145.
14.
Vgl. Karl Bingemer et al. (Hrsg.), Leben als Gastarbeiter. Geglückte und mißglückte Integration, Opladen 19722, S. 114f.
15.
Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Köln 1970, S. 94.
16.
Hans-Günter Kleff, Täuschung, Selbsttäuschung, Enttäuschung und Lernen. Anmerkungen zum Fordstreik im Jahre 1973, in: Jan Motte/Rainer Ohliger (Hrsg.), Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik, Essen 2004, S. 251–257, hier S. 255f.
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Autor: Lena Foerster für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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