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Eine ganz normale Stadt. Ein Blick in die Kölner Geschichte


6.1.2017
Köln ist stolz auf seine 2000-jährige Geschichte.[1] Die Stadt ist immerhin eine der ältesten in Deutschland, auch wenn ihre Hochblüte im Mittelalter schon lange zurückliegt. Köln rühmt sich, nie eine Residenzstadt, sondern schon früh eine unabhängige, eine "freie" Bürgerstadt gewesen zu sein, die den auch weltlich regierenden Erzbischof aus der Festungsstadt vertrieb. Lassen sich aus der Geschichte Kölns Ereignisse wie die Silvesternacht oder der Einsturz des Stadtarchivs ableiten oder erklären – so, als sei dies typisch für Köln? Ist es richtig, was immer noch häufig zu hören ist, Köln zeichne sich geschichtlich und bis auf den heutigen Tag – im Gegensatz zu anderen Städten – durch eine besonders freiheitliche und liberale Art aus, die unvereinbar sei mit dem strengen und militärischen Preußentum und erst recht mit der nationalsozialistischen Herrschaft? Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass weder das in Mode gekommene Köln-Bashing noch die selbstverklärende und beschönigende Ansicht der Einheimischen zutreffend sind. Von grundsätzlichen historischen Entwicklungen aus gesehen, lässt sich sagen: Köln war und ist eine ganz normale Stadt.

Stadtgründung



Köln ist eine Gründung der Römer. Noch heute wird die Stadt gerne "das Rom des Nordens" genannt. Doch weder das genaue Jahr noch wer die Stadt gegründet hat, ist quellenmäßig eindeutig überliefert. Der germanische Stamm der Ubier hatte Gaius Julius Cäsar, dem späteren Alleinherrscher in Rom, bei der Niederwerfung eines Aufstandes keltisch-germanischer Stämme als Kundschafter geholfen und war zum Verbündeten der Römer geworden. Wegen ihrer römerfreundlichen Haltung von ihren Nachbarn bedrängt, wurden die Ubier etwa um 19 v. Chr. vom römischen Statthalter Marcus Vipsanius Agrippa auf das linke Rheinufer umgesiedelt. Der Stamm wurde von den Römern unter Schutz genommen und hatte dafür Roms Herrschaftsbereich am Rhein zu verteidigen. Die Römer bezeichneten den Ort als oppidum ubiorum, die "Hauptstadt" der Ubier. Daher wurde 9 n. Chr. bereits das bedeutendste Heiligtum der Römer, der Altar (ara) der Göttin Roma, errichtet. Es war an diesem Ort ein urbanes Zentrum entstanden. Da dies nur mit Zustimmung von Kaiser Augustus errichtet werden konnte, sieht der Althistoriker Werner Eck in Augustus den eigentlichen Stadtgründer.

Gewisse Zufälligkeiten beförderten die weitere Entwicklung der Ubiersiedlung. Hier wurde 15 oder 16 n. Chr. Agrippina als Kind des Germanicus und der Agrippina geboren. Als Gemahlin von Kaiser Claudius wurde auf ihren Wunsch hin um 50 n. Chr. ihr Geburtsort in den Rang einer römischen Kolonie erhoben. Beide Namen sind im Stadtnamen der neuen Kolonie "Colonia Claudia Ara Agrippinensium", abgekürzt CCAA, enthalten. Das Wort "ara" bezieht sich auf den Altar der Göttin Roma. Daher wurde traditionell Agrippina als Gründerin Kölns bezeichnet.

In der neuen Kolonie siedelte man vor allem Veteranen an. Die Ubier erhielten vermutlich das römische Bürgerrecht. Bald nach der Stadterhebung wurde begonnen, eine mächtige Befestigung anzulegen. Die acht Meter hohe Mauer umfasste eine Fläche von etwa einem Quadratkilometer und hatte eine Länge von fast vier Kilometern. Damit begann auch die viele Jahrhunderte dauernde Geschichte Kölns als Festungsstadt, die erst 1881 enden sollte. Die CCAA entwickelte sich ab dem 2. Jahrhundert zu einem wichtigen Handelsplatz mit zahlreichen Lagerhäusern und Verkaufsstellen. Keramiken und Gläser aus Köln wurden zu einem begehrten Ausfuhrartikel.

Ubier und Römer verschmolzen allmählich zu Agrippinensern, blieben aber Rom treu. Als 69 n. Chr. germanische Stämme die Stadt aufforderten, die Mauern zu schleifen und die Römer zu töten, lehnte man dies mit dem Hinweis ab, dass Ubier und Römer zusammengewachsen seien. Ab dem Ende des dritten Jahrhunderts bedrängten zunehmend die Germanen die römische Herrschaft. Der Übermacht fränkischer Truppen weichend, verließen 456 die letzten römischen Legionäre kampflos die Stadt.

Glanzvolles Mittelalter



Innerhalb des merowingischen Frankenreichs erhielt Köln eine bedeutende Stellung. Zudem war die Stadt Bischofssitz und um das Jahr 800 in den Rang eines Erzbistums erhoben worden. Seitdem König Otto I. seinen jüngsten Bruder Erzbischof Bruno 953 die Verwaltung des Herzogtums Lothringen übertragen hatte, amtierten die Erzbischöfe fortan für mehrere Jahrhunderte als geistliche und weltliche Herren Kölns. Die damalige Bedeutung der Stadt drückt sich auch darin aus, dass nicht allein Bruno in dem von ihm gegründeten Benediktinerkloster St. Pantaleon seine letzte Ruhestätte fand, sondern später auch Kaiserin Theophanu. Ab 1028 hatten die Kölner Erzbischöfe das Recht, die Krönung des Königs in Aachen vorzunehmen und zählten später zu den Kurfürsten, die den deutschen König zu wählen hatten.

Köln wurde zu diesen Zeiten bereits "das hillige (heilige) Köln" genannt. Märtyrerverehrung und Reliquienkult beförderten den Aufstieg der Stadt wesentlich. Sehr populär wurde die Legende der heiligen Ursula und ihrer Gefährtinnen, die im 5. Jahrhundert in Köln den Märtyrertod gefunden hatten. Die Zahl der Begleiterinnen stieg von ursprünglich elf auf 111 und schließlich auf Elftausend – und damit die Zahl der zu verehrenden Reliquien. Die bedeutendsten Reliquien brachte 1164 Rainald von Dassel, der zugleich Erzbischof und Reichskanzler war, nach der Eroberung von Mailand nach Köln – die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Fortan war Köln ein Wallfahrtsort von europäischem Rang, vergleichbar nur noch mit Rom und Santiago de Compostela. Das Stadtbild des "hilligen Köln" prägten zahlreiche Kirchen und Klöster auf engem Raum. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung waren Kleriker. 1248 wurde der Grundstein für den Bau des Doms im neuen gotischen Stil gelegt. Erst 632 Jahre später, 1880, wurde er vollendet. Köln war im Mittelalter ein bedeutendes Zentrum der Wissenschaft. An der von den Dominikanern 1248 errichteten theologischen Hochschule unterrichtete der berühmte Theologe Albertus Magnus.

Lange Jahre kämpften Bürgerschaft und Erzbischof um die Vorherrschaft über die Stadt. Schon 1074 war es zu einem fehlgeschlagenen Aufstand gegen Erzbischof Anno II. gekommen. Jedoch gab es auch Phasen des Miteinanders von Erzbischof und Bürgerschaft. Albertus Magnus vermittelte beim "Kleinen Schied" und "Großen Schied" zwischen Erzbischof Konrad von Hochstaden und den Bürgern. Dieser verlieh 1259 den Bürgern das Stapelrecht. Jeder an- und durchreisende Kaufmann war dadurch verpflichtet, seine Waren drei Tage in Köln auf den Märkten auszuladen und auszustellen, zu "stapeln", und den Händlern und Einwohnern ein Vorkaufsrecht einzuräumen. Dieses Stapelrecht wurde zum Grundpfeiler der Kölner Wirtschaft über Jahrhunderte hinweg. Köln entwickelte sich zu einer führenden europäischen Wirtschaftsmacht und zugleich zu einem bedeutenden Mitglied der Hanse.

Entscheidend für den Kampf um die Stadtherrschaft wurde die Schlacht von Worringen 1288. Im Limburger Erbfolgekrieg unterstützte die Kölner Bürgerschaft die Gegner des Kölner Erzbischofs Siegfried, der den Krieg verlor und mehrere Jahre lang auf Burg Nideggen inhaftiert wurde. Fortan residierten die Erzbischöfe nicht mehr in Köln, auch wenn sie an ihrem Anspruch auf die Stadtherrschaft festhielten. Köln entwickelte sich dann im 14. Jahrhundert zu einer "freien" Stadt und wurde ab etwa 1390 zu Reichstagen eingeladen. 1475 erhob Kaiser Friedrich III. Köln offiziell zur "Freien Reichsstadt".

Die Macht in der Stadt lag ab dem späten 13. Jahrhundert bei 15 Familien, den "edlen Geschlechtern", den Patriziern. 1396 kam es zu einer Revolte: Die Zünfte und Gaffeln, die Vertreter der Handwerker und Kaufleute, übernahmen die Macht von den Patriziern. Die Stadt erhielt am 14. September 1396 mit dem "Verbundbrief" eine neue Verfassung. Er teilte die gesamte Bürgerschaft in 22 gewerblich-politische Genossenschaften, die Gaffeln oder Ämter genannt wurden. 1512 wurde in einem "Transfixbrief" der Verbundbrief ergänzt, der in dieser Form bis zur Franzosenzeit in Kraft blieb.

Die große Mehrheit der Bevölkerung wie Frauen, kleine Handwerker, Gesellen und Dienstleute war von der politischen Willensbildung ausgeschlossen. Gegen die in Köln lebenden Juden, die erstmals 321 in einem Edikt Kaiser Konstantins erwähnt wurden, gab es mehrfach Ausschreitungen und Pogrome, so 1096, 1144 und 1348/49. 1424 mussten alle Juden Köln verlassen, da ihre Aufnahmegenehmigung nicht verlängert wurde. Das Getto wurde aufgelöst und anstelle der Synagoge die Ratskapelle errichtet. In der Zeit der Reformation blieb die Stadt "die treue Tochter der römischen Kirche" und enge Verbündete des Kaisers aus dem Hause Habsburg. Protestanten wurden in Köln nur noch geduldet. Das Bürgerrecht durfte nur an Katholiken verliehen werden.

Ab dem 18. Jahrhundert war Köln zunehmend von einem wirtschaftlichen und sozialen Niedergang erfasst und verlor seine einstige politische Bedeutung. Köln verharrte mit Zunftsystem, Stadtverfassung und religiöser Intoleranz weitgehend in mittelalterlichen Strukturen. Der Rat war zu Reformen weder bereit noch fähig.

Französische Herrschaft



Kaum ein anderes Datum in der Geschichte Kölns hat einen derart tief greifenden Wandel für nahezu alle Lebensbereiche eingeleitet wie der 6. Oktober 1794. An diesem Tag marschierten französische Revolutionstruppen in die Stadt ein. Die Ratsherren übergaben die Stadt kampflos. Die Kölner empfanden die Besatzung der Franzosen als drückend. So hatten sie die anfänglich 12.000 Soldaten einzuquartieren und zu versorgen. Hektische Wechsel des politischen Kurses prägten die ersten Jahre der französischen Herrschaft. 1797 wurde der Rat endgültig abgeschafft. Schrittweise erfolgte die Eingliederung Kölns mit dem gesamten linken Rheinufer in den französischen Staat, bis die Stadt am 23. September 1802 vollgültiges Mitglied des französischen Staatsverbandes mit allen Rechten und Pflichten wurde.

Die Franzosen brachten Protestanten und Juden die Emanzipation. 1797 wurde die rechtliche Gleichstellung zwischen Protestanten und Katholiken verfügt. Diese Bestimmungen galten analog für die Juden. Den nicht-katholischen Einwohnern wurde ausdrücklich das volle Bürgerrecht zuerkannt. Damit war ein radikaler Bruch vollzogen: Bürger war nunmehr jeder Einwohner, allerdings wohlgemerkt nicht Frauen und Kinder. Der erste öffentliche evangelische Gottesdienst in Köln fand am 23. Mai 1802 im Brauerzunfthaus statt. Drei Jahre später wurde mit der Antoniterkirche das erste evangelische Gotteshaus eingeweiht. 1812 lebten bereits über 1700 Protestanten in der Stadt. Als erster Jude seit 1424 erhielt am 16. März 1798 Josef Isaak (Josef Stern) aus Mülheim am Rhein die Erlaubnis, sich in der Stadt niederzulassen. Zu den ersten Juden, die sich in Köln ansiedelten, gehörte auch Salomon Oppenheim junior, der angesehene Handelsbankier, der 1798 seine Firma Sal. Oppenheim Jr. & Cie. nach Köln verlegte. Am 12. Oktober 1801 bildete sich eine jüdische Gemeinde, die bis 1808 auf 133 Mitglieder anwuchs.

Eine weitere grundlegende Veränderung stellte die Reform des Rechtswesens dar. Richter wurden in ihren Entscheidungen unabhängig, die Verfahren öffentlich und mündlich verhandelt und dadurch moderne rechtsstaatliche Prinzipien verwirklicht. Während der französischen Herrschaft vollzog sich auch ein wirtschaftlicher Strukturwandel. Ab der Aufhebung der Zünfte am 26. März 1798 herrschte Gewerbefreiheit. Wirtschaftliche Initiative und Kreativität waren nunmehr gefordert. Einen der tiefsten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Einschnitte in der Stadtgeschichte überhaupt stellt die Säkularisation dar. Ab 1802 wurden 120 Kirchen, Klöster und Kapellen aufgehoben oder kamen in Staatsbesitz, andere sakrale Bauten wurden einfach abgerissen oder zu Lagern oder Fabrikhallen umfunktioniert. Man mag den Verlust an Kunst- und Kulturgut beklagen, aber das expandierende Großgewerbe erhielt dadurch die Möglichkeit, preiswert Gebäude zu erwerben und sie zu Produktionsstätten auszubauen. Es fand einer der größten Eigentumswechsel in der Kölner Stadtgeschichte statt. Den größten Teil der säkularisierten Gebäude kauften Katholiken. Bedeutende private Kunstsammlungen wurden mit den zahllosen Kunstwerken aus aufgegebenen Klöstern und Kirchen aufgebaut.

Viele Dinge im alltäglichen Leben in Köln wandelten sich. Heirat, Geburt und Tod wurden nun auf dem Rathaus durch einen Standesbeamten beurkundet und nicht mehr vom Pfarrer. Beerdigungen fanden nicht mehr auf den Kirchhöfen statt, sondern ab 1810 außerhalb der Stadt auf dem neu angelegten Melaten-Friedhof. So tief greifend der Wandel durch die französische Herrschaft auch war, die Sozialstruktur Kölns blieb im Wesentlichen unangetastet. Der soziale Gegensatz war nach wie vor extrem.

Die Kölner hatten sich im Lauf der Jahre an die französische Herrschaft gewöhnt, ohne dass sie zu glühenden Anhänger der Revolution wurden. Die wirtschaftlichen Eliten schlossen nach dem Ende der revolutionären Phase ihren Frieden mit den Franzosen und brachten Sympathien für Napoleon auf. Napoleon weilte 1804 und 1811 in Köln und wurde besonders bei seinem ersten Besuch begeistert empfangen.


Fußnoten

1.
Einen Überblick zur Kölner Stadtgeschichte bieten Carl Dietmar/Werner Jung, Köln. Die große Stadtgeschichte, Essen 20162; oder als knapper Einstieg Carl Dietmar/Werner Jung, Kleine illustrierte Geschichte der Stadt Köln, Köln 201311. Dort lassen sich leicht weiterführende Literaturhinweise finden, auf deren Nennung in diesem Aufsatz aus Platzgründen verzichtet wird. Dies gilt auch für die bereits erschienenen sechs der geplanten 13 Bände der "Geschichte von Köln", auf die hiermit nur summarisch hingewiesen wird.
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Autor: Werner Jung für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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