Zwei Polizisten nehmen bei einer Anti-Vietnamkrieg Demonstration in Los Angeles einen jungen Mann fest, 23.06.1967.

27.1.2017 | Von:
Philipp Gassert

Die amerikanischen Träume zersplittern: 1967 in den USA

Von der Teilhabe zur Gleichheit

Doch während einzelne Mitglieder der afroamerikanischen Elite eine symbolische Hürde nach der anderen nahmen, änderte dies wenig an der extremen Armut der überwiegenden Mehrheit der Schwarzen. Diese lebten in Innenstädten oft in menschenunwürdigen "Dritte-Welt"-Verhältnissen. Selbst in direkter Nachbarschaft des Capitols dehnten sich Slums aus, eine für die Supermacht USA äußerst peinliche Lage. Der Kampf um die rechtliche Gleichstellung hatte Gräben überbrückt. Doch Kings Intervention – nicht die irgendeines Radikalen, sondern des Visionärs der "farbenblinden Gesellschaft" – legte Lebenslügen des amerikanischen Traums offen. Er beharrte darauf, dass ein Konnex zwischen dem Vietnamkrieg, in dem überproportional viele afroamerikanische Soldaten starben, einem fortdauernden "institutionellen Rassismus" und dem fast unlösbaren Problem der Armut bestand. Kritikern erläuterte er, dass die Prinzipien der Gewaltlosigkeit nicht auf die USA selbst beschränkt bleiben dürften, sondern auch für ihre internationalen Beziehungen gelten würden.[10]

Diese Mahnungen fanden traurige Bestätigung, als es im Sommer 1967 in zahlreichen Städten der USA zu blutigen Aufständen kam, wobei die race riots in Newark und dann in Detroit, allein dort mit 41 Toten, die schlimmsten waren. Natürlich verurteilte King das sinnlose Plündern und Morden. Doch zugleich beschwor er Johnson in einem Telegramm: Die sozialen Unruhen seien Folge der Untätigkeit der Regierung, die Soldaten schicke, statt Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu organisieren. Der Präsident war empört über den "undankbaren Neger".[11] King verschärfte seinerseits die Gangart. Seit dem Herbst 1967 bereitete er einen neuerlichen Sternmarsch auf Washington vor, der nach dem Vorbild der erfolgreichen Bürgerrechtsmärsche, aber auch der Protestmärsche verarmter Veteranen und Arbeitsloser in den 1930er Jahren, den Kongress zur Verabschiedung von Hilfsprogrammen zwingen sollte. Diese poor people’s campaign zielte auf alle Unterprivilegierten, nicht nur Schwarze, sondern auch arme Weiße, Ureinwohner und Latinos. Doch der Nobelpreisträger fand hierfür kaum Verständnis. In seiner Weihnachtspredigt 1967, die nur noch über den kanadischen Rundfunk ausgestrahlt wurde, sah er seine Vision seiner berühmtesten Rede von 1963 ("I have a dream") enttäuscht: "Ich sah, wie mein Traum in einen Alptraum verwandelt wurde."[12]

Die Gleichberechtigungskampagne legte die fehlende Unterstützung durch städtische, weiße, überwiegend nicht der angelsächsischen Ethnie angehörende Wählerschichten offen (Iren, auch Polen und Italiener, in ländlichen Gebieten Iro-Schotten). Diese stellen die historische Basis der Demokratischen Partei dar. Für sie bildete nun statt Klassenfragen vermehrt die Rassenfrage den meist unausgesprochenen Orientierungspunkt. Das schwächte die Demokraten, zumal diese als historisch hegemoniale Partei des Südens dort auf der anderen Seite des Bürgerrechtskampfs gestanden hatten und aus deren Reihen mit dem ehemaligen Gouverneur von Alabama, George Wallace, ein eingefleischter Befürworter der Rassentrennung im Herbst 1967 damit begann, für sich als Drittpartei-Kandidat zu werben. 1968 sollte er den Demokraten entscheidende Stimmen wegnehmen. Wallace hatte sich mit seinem berüchtigten stand in the schoolhouse door – ein Vorfall im November 1963, als er persönlich zwei afroamerikanischen Studierenden den Zugang zur University of Alabama versperrt hatte – seinen Namen als hartgesottener Segregationist redlich erworben. Er zielte, wie im Präsidentschaftswahlkampf 2016 Donald Trump sowie vor diesem die republikanischen Kandidaten Richard Nixon, Ronald Reagan und George H.W. Bush, auf Wähler aus den weißen Unterschichten, die von einer Umverteilung potenziell auch zugunsten der urban poor (sprich Schwarze) durch wohlfahrtsstaatliche Programme nichts für sich selbst erwarteten. Hingegen versprach Wallace generöse Zuwendungen an das für die weiße Mitte überragend wichtige staatliche Rentensystem (Social Security) und nahm isolationistische Positionen ein, indem er einen Abzug aus Vietnam innerhalb von 90 Tagen nach seiner Wahl versprach, sollte sich der Krieg als ungewinnbar erweisen.

Auch in der Frauenbewegung gärte es 1967. Einerseits hatte sie ebenfalls große Erfolge vorzuweisen. Der Civil Rights Act von 1964 verbot neben der rassischen auch die geschlechtsspezifische Diskriminierung am Arbeitsplatz. Doch andererseits mahlten die Mühlen der Justiz und der Antidiskriminierungsstellen vielen Frauenrechtlerinnen zu langsam, um patriarchalische Strukturen rasch zu überwinden. Die National Organization of Women (NOW) nahm auf ihrem ersten Jahrestreffen 1967 die Kampagne für ein Equal Rights Amendment zur Verfassung wieder auf. NOW, eine überwiegend von gut ausgebildeten, berufstätigen Frauen getragene Organisation ohne Massenanhängerschaft, zielte nun verstärkt auf die aktive Überwindung gesellschaftlicher Geschlechterunterschiede. Zunächst innerhalb der Neuen Linken gründete sich 1967 beispielsweise die Gruppe New York Radical Women (zu deren Mitgliedern in den 1970er Jahren prominente Feministinnen wie Robin Morgan und Shulamit Firestone gehörten). Diese Frauen fragten sich angesichts des unverhohlenen Sexismus vieler männlicher Protestler, deren Rollenverständnis verdächtig dem ihrer Väter glich, wie denn die Ideale einer partizipatorischen Demokratie in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft verwirklicht werden könnten. Denn weibliche Körper waren auch in progressiven Milieus oft männlicher Kontrolle unterworfen, auch angesichts eines recht einseitigen Verständnisses "sexueller Freiheit". Derartige, damals radikal klingende Positionen, waren für die meisten amerikanischen Mittelschichtsfrauen nicht anschlussfähig.[13]

Albtraum der Counter Culture

Fragen des gesellschaftlichen Umgangs mit Sexualität stellten neben dem öffentlichen, mit vielen Mythen überfrachteten, im Rückblick oft haltlos übertriebenen Drogenkonsum einer relativ kleinen Minderheit, für viele Amerikaner der "hart arbeitenden" Arbeiter- und Mittelschichten (übrigens auch traditionell sozialkonservativ eingestellter afroamerikanischer Führungsschichten) den offensichtlichsten Stein des Anstoßes dar. Angesichts der von den Protagonisten der counter culture mit Gespür für Skandale zelebrierten Zurückweisung all dessen, was unter etablierten gesellschaftlichen Normen verstanden werden konnte, sahen sich Gralshüter von "Familienwerten" gezielt provoziert. Beide Seiten orientierten sich hierbei an den fifties als mythischem Referenzpunkt einer angeblich heilen Welt beziehungsweise eines verdammenswerten Konformismus. Zugleich wurde die Gegenkultur 1967 medial zum Modephänomen angeheizt und verkehrte sich auch dadurch in ihr Gegenteil. Der im Rückblick als Festival sozialer Bewusstseinserweiterung verklärte summer of love in San Francisco endete in einer Orgie von Kriminalität und sexueller Gewalt.

Die Ursprünge der counter culture liegen an mehreren Orten, auch in New York, und zwar in der Beat-Kultur der späten 1950er Jahre. 1967 verlagerte sich ihr Epizentrum endgültig an die Westküste, als San Francisco zum Pilgerziel zahlreicher sogenannter "Blumenkinder" wurde (in Scott McKenzies epochalem Song 1967 eingängig verklärt). Der in seinen Ursprüngen etwas unklare Begriff des "Hippie" wurde 1967 medial aufgegriffen und popularisiert. Die Fernseh-Dokumentation "The Hippie Temptation" gab Warnungen besorgter Psychologen und Pädagogen über das lockere Leben der "Hipster" in San Francisco Raum und warb doch mit kräftigen Bildern erst recht für das süße, libertäre Leben in der klimatisch begünstigten, schönen Stadt im Westen. 50.000, 100.000 "Blumenkinder", so die Prognose, würden sich in einem "Sommer der Liebe" vereinen. Es wurden noch mehr. Die Horden teils extrem naiver junger Menschen, verwandelten seit den Frühjahrsferien 1967 das Szeneviertel Haight-Ashbury, ursprünglich eine arme schwarze Nachbarschaft, nach und nach in einen Slum. Sie sahen sich von Drogendealern verraten und verkauft. Kleinkriminalität, auch massenhafte Vergewaltigungen ungeschützter junger Mädchen, aber auch junger Männer, waren an der Tagesordnung und wurden erstaunlich wenig geahndet.[14]

Im Sommer 1967 wurde San Francisco von jungen Menschen, oft noch Schülerinnen und Schüler, überrannt, die nach etwas Neuem, Unerhörtem und vor allem nach menschlicher Wärme, Erfüllung und Erfahrung von Ganzheit suchten. Viele dieser Teenager-Träume wurden brutal zerstört – im Greenwich Village in New York im wahrsten Sinne des Wortes, wo zwei von zuhause ausgebrochene "Blumenkinder", ein Junge und ein Mädchen, auf einem LSD-Trip im Oktober 1967 ermordet wurden. Das Mädchen war im zweiten Monat schwanger und war vor seiner Ermordung missbraucht worden. Auch an dieser Aufsehen erregenden Geschichte machte sich die öffentliche Distanzierung von der Gegenkultur fest. In San Francisco wiederum inszenierte die aktionistische Gruppe "The Diggers" angesichts solcher Exzesse und der krassen Kommerzialisierung der Gegenkultur eine bizarre Trauerfeier, auf der der "Tod des Hippies" erklärt wurde.[15] Sie verabschiedete sich damit vom Traum einer Welt ohne Eigentum, Besitz, Grenzen und Konformität, voll theatralischer Selbstverwirklichung. Dieser konnte in Haight-Ashbury nicht mehr gelebt werden, wo findige Geschäftsleute voyeuristische Bustouren organisierten. Auch das die Gegenkultur zelebrierende Musical "Hair", 1967 zunächst off-Broadway produziert, schaffte den Sprung in die kommerzielle Theaterszene. Als counter culture zum Geschäftsmodell wurde, setzte sich der harte Kern der "Aussteiger" in Landkommunen und periphere Räume ab.

1967 widmete das Nachrichtenmagazin "Time" den Hippies eine Titelgeschichte. Die counter culture war somit Mode. Doch damit löste die Mischung aus Freiheitsstreben, oft mehr publizierter als praktizierter sexueller Libertinage sowie einer aggressiver auftretenden, sich kriminalisierenden Drogenszene eine politische und soziale Gegenbewegung aus. Die Gewaltexzesse von San Francisco und New York, oder dann 1968 aus Anlass der Proteste während des Demokratischen Parteitags in Chicago, riefen konservative Gralshüter von "Recht und Ordnung" und einer guten alten Moral wie Reagan und Nixon auf den Plan, die im Namen einer "schweigenden Mehrheit" Politik gegen Gegenkultur und liberalism machten. Sie sahen die Gegenkultur nicht als ein letztlich die Konsumgesellschaft konsequent übersteigerndes Phänomen, sondern als moralische Verfallserscheinung. Dies änderte nichts daran, dass sich gesellschaftliche Einstellungen zur Sexualität rasch wandelten, genauso wie der zunehmend kriminalisierte Drogenkonsum – LSD wurde in den USA Ende 1966 verboten – schon Ende der 1960er Jahre die Enklaven der Gegenkultur verließ und breitere Kreise erreichte. Somit fand auch die wachsende Kriminalisierung des Drogenkonsums mit ihren überaus negativen Folgen einen ihrer Ausgangspunkte 1967/68 in der gesellschaftlichen Reaktion auf die Gegenkultur.[16]

Fußnoten

10.
Vgl. King an Jay H. Cerf, o.D. (1967), Reprint in OAH Magazine 1/2005, S. 48ff.
11.
Zit. nach Waldschmidt-Nelson (Anm. 8), S. 139.
12.
Zit. nach ebd.
13.
Als klassische Kritik vgl. Alice Echols, Daring to Be Bad: Radical Feminism in America, 1967–1975, Minneapolis 1989.
14.
Gerard DeGroot spricht gar vom "summer of rape": The 60s Unplugged, London 2008, S. 301ff.
15.
Vgl. ebd., S. 305.
16.
Vgl. David Farber, The Age of Great Dreams. America in the 1960s, New York 1994, S. 188f.
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