Zwei Polizisten nehmen bei einer Anti-Vietnamkrieg Demonstration in Los Angeles einen jungen Mann fest, 23.06.1967.

27.1.2017 | Von:
Philipp Gassert

Die amerikanischen Träume zersplittern: 1967 in den USA

Höhepunkt der Antikriegsbewegung

Dies alles wurde seit dem Herbst 1967 von der immer lauter dröhnenden Debatte über den Krieg in Vietnam übertönt. Dieser hatte von Anfang an Kritik provoziert, doch überwiegend innerhalb akademischer Kreise sowie marginaler Gruppierungen der Neuen Linken. So hatten die Students for a Democratic Society (SDS) – eine damals weitgehend unbekannte Truppe aus einer überschaubaren Anzahl studentischer Aktivisten – schon im April 1965 eine erste Demonstration mit immerhin 15.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor dem Washington Monument organisiert.[17] Die gleiche Gruppierung war kurz zuvor an der University of Michigan in Ann Arbor Teil des ersten Teach-in gewesen, wo Professoren und Studierende sich die Köpfe darüber heiß redeten, dass viele Universitäten nicht nur von wachsenden Investitionen der Regierung in höhere Bildung profitierten, sondern durch Rüstungsforschung direkt am Krieg partizipierten. Dieser erste Teach-in machte Schule. Im akademischen Jahr 1965/66 fanden an mehr als hundert Universitäten teils sich über Wochen ziehende Seminare zu Vietnam statt. 1966/67 sprang der Funke über und erreichte durch kirchliche Gruppierungen wie CALCAV, die für die Riverside Church Speech ein Forum geboten hatte, breitere Kreise.

Die Stimmung kippte Ende 1967. Nicht nur die "New York Times", auch "Time" und "Washington Post" nahmen auf ihren Meinungsseiten vermehrt kritisch zu Vietnam Stellung. Mitglieder der intellektuellen und kulturellen Eliten distanzierten sich nun vermehrt vom Krieg, obwohl die Bevölkerung ihn Umfragen zufolge weiter unterstützte. Zugleich nahm die Protestintensität zu. Drei Wochen nach der Veranstaltung in der Riverside Church marschierte King an der Spitze von mehr als 100.000 Menschen vom Central Park zum Sitz der Vereinten Nationen am East River. Zu einer ähnlich großen Protestveranstaltung kam es in San Francisco. Massive Aufmerksamkeit bekam dann ein Marsch vom Lincoln Memorial zum Verteidigungsministerium jenseits des Potomac am 21. Oktober 1967. Der march on the Pentagon hat auch aufgrund der fotogenen Gegenüberstellung von Protestlern und Militärpolizisten an den Stufen des damals noch frei zugänglichen Pentagon als Bildikone Geschichte gemacht.

Im Herbst 1967 konnte Johnson die Antikriegsbewegung nicht länger ignorieren. Seine öffentlichen Auftritte wurden von Demonstranten gestört. Enge Mitarbeiter wie Verteidigungsminister McNamara kehrten ihm den Rücken. Dieser hatte einst selbstsicher die Brechung des vietnamesischen Widerstands angesichts der haushohen technologischen Überlegenheit der USA vorhergesagt. Im Herbst 1967 wiederholte er intern seine Warnung, dass der Krieg militärisch nicht mehr gewinnbar sei und kündigte seinen Rücktritt an.[18] Johnson wiederum, der sich seine Entscheidung nicht leicht machte, bat die erwähnten wise men um Rat. Alle, mit Ausnahme von Ex-Vizeaußenminister George Ball, empfahlen ein Festhalten am eingeschlagenen Kurs. General Westmoreland schilderte auf einer Pressekonferenz Ende November breit die militärischen Fortschritte bei der Bekämpfung des Feindes und sprach davon, dass das "Licht am Ende des Tunnels" zu sehen sei. Diese Formulierung fiel der Administration Ende Januar 1968 auf die Füße. Für den Durchschnittsmedienkonsumenten völlig unerwartet drang während der Tet-Offensive der militärische Gegner bis in die südvietnamesischen Städte vor und sogar in das Allerheiligste der US-Botschaft Saigon. Obwohl Tet für die vietnamesische Befreiungsfront in einem blutigen Debakel endete, trugen die Kommunisten einen psychologischen Sieg davon. Denn Johnson und die US-Militärführung büßten in den Augen der Medien und vieler Amerikanerinnen und Amerikaner ihre Glaubwürdigkeit endgültig ein.

Schluss

Jahresdaten sind willkürliche Zäsuren des Zeitstroms. Doch im Rückblick gewinnen Jahre oft einen eigenen Charakter, eine eigene, in Zahlen eingeschriebene Textualität. 1967 in den USA ist weniger als 1968 ein hoch symbolischer Wendepunkt, weil ihm, trotz eindrücklicher Momente, die ganz große ereignisgeschichtliche Dramatik und Dichte der Erzählungen fehlt. Dazu trug bei, dass 1967 in Amerika kein Wahljahr war.

Doch die Ereigniskette, die dann zur konservativen Wende und zur Wahl Nixons führte, begann im Frühjahr 1967, als gleich mehrere Konfliktlinien aufbrachen: Kings Riverside Church Speech legte die Brüche innerhalb der konsensliberalen Koalition offen, indem er die Nichteinlösung sozialer Gleichheitsforderungen kausal mit dem Krieg in Südostasien verknüpfte. Der Nachkriegsliberalismus, der die Bürgerrechtsgesetze mit ermöglicht hatte, zerfaserte. Im Herbst trat George Wallace zum rassistischen Gegenschlag an. Im Sommer 1967 fanden mit der massiven Kommerzialisierung der counter culture, dem "Tod des Hippies" und der Epidemie sexueller Gewalt in San Francisco sowie quasi militärischen Konfrontationen in brennenden Armenvierteln großer Städte gleich mehrere amerikanische Träume ein brachiales Ende. "Bilder der Unordnung" waren Wasser auf die Mühlen der Konservativen. Weil Johnson seinerseits in Vietnam Kurs hielt, untergrub er seine innenpolitische Agenda und damit seine Präsidentschaft. Amerika konnte sich nicht "more guns and butter" gleichzeitig leisten.[19] Das konsensliberale Haus kollabierte erst 1968. Doch deutliche Risse in der Fassade dieses stolzen Gebäudes waren 1967 allenthalben sichtbar geworden.

Fußnoten

17.
Details nach James Miller, Democracy Is in the Streets. From Port Huron to the Siege of Chicago, New York 1987; Farber (Anm. 16), S. 153ff.; Patterson (Anm. 9), S. 678ff.
18.
Vgl. Robert McNamara, In Retrospect: The Tragedy and Lessons of Vietnam, New York 1995.
19.
Vgl. Irving Bernstein, Guns Or Butter. The Presidency of Lyndon Johnson, Oxford 1996.
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