Zwei Polizisten nehmen bei einer Anti-Vietnamkrieg Demonstration in Los Angeles einen jungen Mann fest, 23.06.1967.

27.1.2017 | Von:
Claudia Lepp

Reformationsjubiläum 1967 im geteilten Deutschland. Politische Abgrenzung und konfessionelle Annäherung

Das Jubiläum im Westen: Konfessionelle Annäherung und ausgebliebene Erneuerung

In der Bundesrepublik diente das Reformationsjubiläum 1967 nicht dazu, einen nationalen oder ideologischen Ordnungsentwurf zu stützen. Auf die Geschichtskampagne der DDR mit ihrer Säkularisierung und Politisierung des Reformationsgedenkens reagierte man auf westdeutscher Seite nicht mit einem Gegenentwurf. Das Jubiläum des Thesenanschlags wurde in der konfessionell annähernd paritätisch zusammengesetzten westdeutschen Bevölkerung[26] unspektakulär und – im Unterschied zu früheren Reformationsjubiläen – konfessionell versöhnlich mit lokalen Veranstaltungen und Gottesdiensten, einer Sonderbriefmarke, mehreren Ausstellungen und zahlreichen Publikationen aus evangelischer und katholischer Feder begangen. Nach jahrhundertealter Feindseligkeit entdeckte die katholische Kirchengeschichtsschreibung Luther neu. Dabei wirkte auch das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) nach, bei dem die katholische Kirche von vielen historischen Vorurteilen Abstand genommen hatte.

Laut einer Allensbacher Umfrage zu den nachkonziliaren Haltungen der deutschen Katholiken waren 1967 mehr als drei Viertel aller Katholiken "sehr damit einverstanden, daß die katholische Kirche jetzt versuchen will, eine Annäherung zu den Protestanten herbeizuführen". Sie hielten es für richtig, dass die katholische Kirche zukünftig mehr das Gemeinsame als das Trennende betonen wolle.[27] Ein versöhnliches Reformationsgedenken lag somit im Sinne des katholischen Kirchenvolks. Katholische Akademien veranstalteten entsprechende Tagungen, beispielsweise in Freiburg im Breisgau zum Thema "Martin Luther. Gestalt und Werk".[28] Nahezu alle westdeutschen Bistumszeitungen veröffentlichten anlässlich des Reformationsjubiläums Artikel.[29]

Mit starkem ökumenischem Akzent fand Ende Oktober in Bonn eine Evangelische Woche statt. Sie begann mit einem gemeinsamen Gebetsgottesdienst, der von einem evangelisch-katholischen Arbeitskreis vorbereitet wurde.[30] Auch in mehreren württembergischen Städten standen die Reformationsfeiern im Zeichen einer wachsenden Verbundenheit zwischen evangelischen und katholischen Christen. So hielten zum Beispiel in der Bad Cannstatter Stadtkirche der katholische Publizist Walter Dirks und der Protestant Hansjürgen Schultz, Hauptabteilungsleiter beim Süddeutschen Rundfunk, Kanzelreden. Schultz warnte allerdings vor einem überschwänglichen Ökumenismus, während Dirks die evangelische Kirche fragte, ob es in ihr nicht "reichlich katholisch" zugehe. Beide Kirchen kämen sich nur näher, wenn die Reformationskirchen den Weg der Reformation weitergingen und nicht an einem fixierten Bekenntnis hängen blieben.[31]

In seiner Predigt am Reformationstag stellte Bischof Dietzfelbinger fest, dass die Sache der Reformation immer mehr die konfessionellen Grenzen durchbreche und zu einem "ökumenischen Ereignis" für die gesamte Christenheit werde.[32] Für den Protestantismus ergebe sich daraus die Frage, wie die evangelischen Christen heute die Reformation verstünden und lebten. In ihrem ursprünglichen Sinne sei die Reformation nichts anderes als "der Gedanke und die Kraft der Erneuerung der Kirche". Auch heute gehe wieder eine tiefe Sehnsucht nach Erneuerung durch die gesamte Christenheit. Dieser Wunsch nach Reformen fand 1967 aber noch keine Erfüllung. Sofern er Strukturreformen betraf, hatte auch die Rücksichtnahme auf die gefährdete gesamtdeutsche Kircheneinheit im Westen zu einem Reformstau geführt. Mit Blick auf das Reformationsjubiläum aber beklagte der Kirchenjournalist Günter Heidtmann einen "Mangel an Phantasie und Energie im Interesse aktueller Erneuerung". Anstelle einer Fixierung auf das Historische hatte er sich eine Suche nach einem "evangelischen consensus in den Grundfragen der menschlichen Existenz im Zusammenhang ihrer heutigen gesellschaftlichen Situation" gewünscht.[33] Noch deutlichere Worte fand das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", das den Kirchen der Reformation gleich jegliche Kraft zur Erneuerung absprach und sie für "bewegungsunfähig" hielt.[34]

Nach dem affirmativen Tenor der westdeutschen Medienberichterstattung über Religion und Kirche bis Ende der 1950er Jahre hatte in den 1960er Jahren ein deutlicher Wandel eingesetzt, der sich im Zusammenhang mit gesellschaftlichen, medialen, aber auch kirchlichen Veränderungen vollzog: Die bundesdeutsche Gesellschaft erlebte eine zunehmende soziomoralische Pluralisierung; die Ausbreitung des Fernsehens und die Etablierung eines kritischen Journalismus veränderten die mediale Kommunikation; Reformfragen und die linke "Politisierung" der Kirche okkupierten die kirchliche Aufmerksamkeit.[35] Im Ergebnis nahm zwar die Präsenz der Themen Religion und Kirche in den Medien keineswegs ab, jedoch pluralisierte sich deren journalistische Wahrnehmung stark.[36] Dies wird auch in dem erwähnten "Spiegel"-Artikel deutlich: Mit acht Seiten war er recht umfangreich, in seiner Tendenz aber sehr kirchenkritisch. Auch an Polemik fehlte es nicht: So begann er mit dem Hinweis, dass gerade ein Ereignis gefeiert werde, "wie nie zuvor in viereinhalb Jahrhunderten", das gar nicht stattgefunden habe.

Bereits 1961 hatte der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh das lutherische Selbstverständnis mit seinem Befund verunsichert, es handele sich um eine Legende, dass Luther seine Ablassthesen am 31. Oktober 1517 an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt habe; die Thesen seien vielmehr mit der Post verschickt worden. Daraufhin war eine lange, teilweise emotional geführte Debatte über die Historizität des Thesenanschlags gefolgt.[37] Abgesehen vom erwähnten "Spiegel"-Artikel wurde jedoch im konfessionell versöhnlich gefeierten Jubiläumsjahr 1967 darüber nicht laut gestritten.

Reformationsjubiläum 2017: Wer gedenkt was und wie?

2017 wird das 500. Reformationsjubiläum begangen. Werden Katholiken und Atheisten erneut – wie 1967 – mitfeiern? Der historische Kontext hat sich in 50 Jahren deutscher Geschichte verändert. Die Stammlande der Reformation gehören jetzt zur Bundesrepublik, die DDR und die mit der Zweistaatlichkeit verbundene Erinnerungskonkurrenz gibt es nicht mehr. Katholische und evangelische Kirche agieren in der bundesdeutschen Öffentlichkeit vielfach gemeinsam. Nach dem Willen der beiden Kirchen soll die Ökumene auch im Zuge des Reformationsjubiläums weiterentwickelt werden. Katholischerseits will man allerdings nur an einem "Reformationsgedenken" teilnehmen, denn zum Jubeln bestehe im Hinblick auf die Spaltung des abendländischen Christentums kein Anlass.[38] Die Erinnerung an die Reformation soll aus katholischer Sicht kein "Positivjubiläum" sein.[39]

2013 verfassten Lutheraner und Katholiken gemeinsam einen Text mit dem Titel "Vom Konflikt zur Gemeinschaft".[40] Er ist gleichermaßen retro- wie prospektiv ausgerichtet. Auf diesem Dialogdokument baut ein Entwurf von Lutherischem Weltbund und Vatikan für einen ökumenischen Gottesdienst auf. Nach dieser Liturgie wurde am 31. Oktober 2016 in Lund ein internationaler ökumenischer Gottesdienst von Papst Franziskus sowie dem Präsidenten und dem Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes gefeiert. Für 2017 sind in Deutschland viele ökumenische Initiativen für ein "gemeinsames katholisch-lutherisches Reformationsgedenken" vorbereitet.

Die evangelische Kirche begann schon 2008 mit einer Lutherdekade. In ihrem umfangreichen Programm setzt sich die EKD explizit von Jubiläumstendenzen der Vergangenheit ab: "Während in früheren Jahrhunderten Reformationsjubiläen national und in konfessioneller Abgrenzung begangen wurden, soll das kommende Reformationsjubiläum von Offenheit, Freiheit und Ökumene geprägt sein."[41] Gefragt wird nach der Rolle der Reformation bei der Entstehung der Moderne und nach ihren Auswirkungen für die heutige Zeit. Fast mustergültig wird damit ein Charakteristikum von Jubiläen in der Zeitgeschichte erfüllt: die "historische Neujustierung". Das Vergangene wird im Licht der Gegenwart umgruppiert, und neue Blickachsen werden geschaffen. Im Jubiläum "hat der Glaube, dass die Geschichte unmittelbar auf die Gegenwart zulaufe, seinen legitimen Platz, und er ordnet das Gewesene von Jubiläum zu Jubiläum neu".[42] Von manchen wird die Lutherdekade kurz vor ihrem abschließenden Höhepunkt, dem eigentlichen Jubiläumsjahr, inzwischen als "protestantische Dauerwerbesendung" empfunden.[43]

Die deutsche Gesellschaft ist seit den 1960er Jahren religiös und weltanschaulich deutlich pluraler geworden. Auch durch die Wiedervereinigung wurde der Anteil der Protestanten und Katholiken kleiner. Zugenommen hat neben den Angehörigen anderer Religionen vor allem die Zahl der Konfessionslosen, die inzwischen den größten Bevölkerungsteil ausmachen.[44] Doch gilt auch das Reformationsjubiläum 2017 als ein historisches Jubiläum von "gesamtstaatlicher Bedeutung", die Protestanten müssen folglich nicht alleine feiern.[45] Der Bund und die Länder beteiligen sich daran finanziell wie inhaltlich. Schon 2007 schufen Bundesregierung, Länder und die EKD zur Jubiläumsvorbereitung eine gemeinsame Arbeitsstruktur, "um unter Wahrung der jeweiligen Verantwortungsbereiche erfolgreich zusammen zu arbeiten". Im geschichtspolitischen Positionspapier der Bundesregierung wird auf die identitäts- und imagefördernde Funktion des Jubiläums hingewiesen: "In der Rückbesinnung auf die unsere heutige Gesellschaft und unser Staatswesen so prägenden Folgen der Reformation ist es möglich, sich der eigenen Identität zu vergewissern, Deutschland als weltoffene Geistes- und Kulturnation zu präsentieren und ein positives Deutschlandbild im Ausland zu befördern." Inwieweit dies gelingt, wird Gegenstand zukünftiger Forschung sein.

Fußnoten

26.
1965 waren 44,1 Prozent der westdeutschen Bevölkerung katholisch und 49 Prozent evangelisch. Vgl. Detlef Pollack/Gergely Rosta, Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Bonn 2016, S. 102.
27.
Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1965–1967, Bonn 1967, S. 40.
28.
Hubert Jedin/Wilhelm Kasch/Gerhard Ritter, Martin Luther. Gestalt und Werk, Karlsruhe 1967.
29.
Vgl. Barbara Henze, Ohne das Konzil undenkbar. Das Reformationsgedenken 1967 in den katholischen Bistumszeitungen, in: Kirchliche Zeitgeschichte 26/2013, S. 347–372, hier S. 347f.
30.
Vgl. Evangelischer Pressedienst, Zentralausgabe, 7.10.1967, S. 3.
31.
Vgl. Evangelischer Pressedienst, Zentralausgabe, 2.11.1967, S. 5.
32.
Reformationsjubiläum 1967, in: Lutherische Monatshefte 6/1967, S. 562–566, hier S. 563.
33.
Günter Heidtmann, Der deutsche Protestantismus im Jubiläumsjahr 1967, in: Protestantische Texte aus dem Jahr 1967. Dokument, Bericht, Kommentar, Stuttgart–Berlin 1967, S. 48–53, hier S. 49f.
34.
Mann ohne Maß, in: Der Spiegel, 30.10.1967, S. 38–52, hier S. 52.
35.
Vgl. Klaus Fitschen et al. (Hrsg.), Die Politisierung des Protestantismus. Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland während der 1960er und 70er Jahre, Göttingen 2011.
36.
Vgl. Nicolai Hannig, Die Religion der Öffentlichkeit. Kirche, Religion und Medien in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1980, Göttingen 2010.
37.
Zur neueren Reformationsgeschichtsschreibung siehe die APuZ 52/2016, Reformation (Anm. d. Red.).
38.
Vgl. Wolfgang Thönissen, Katholische Perspektiven zum Thema "Reformationsjubiläum", in: Kirchliche Zeitgeschichte 26/2013, S. 437–446, hier S. 437.
39.
Zur Unterscheidung von Positivjubiläen und Negativjubiläen vgl. Catrin Kollmann, Historische Jubiläen als kollektive Identitätskonstruktion, Stuttgart 2014, S. 26–29.
40.
Siehe die Seite "Gemeinsam unterwegs" des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes und des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik: http://www.2017gemeinsam.de/index.php?id=106«.
41.
Siehe die offizielle Jubiläumsseite der Staatlichen Geschäftsstelle "Luther 2017": http://www.luther2017.de/de/2017/reformationsjubilaeum«.
42.
Martin Sabrow, Jahrestag und Jubiläum in der Zeitgeschichte, in: ders. (Hrsg.), Historische Jubiläen, Göttingen 2015, S. 9–23, hier S. 21.
43.
Christine Rietz, Da müssen wir durch, 14.10.2016, http://www.zeit.de/2016/43/luther-dekade-festjahr-katholiken«.
44.
2010 waren 30,15 Prozent der Bundesbürgerinnen und -bürger katholisch, 29,23 Prozent evangelisch und 33,06 Prozent konfessionslos; 7,54 Prozent gehörten anderen Glaubensgemeinschaften an. Vgl. http://www.bpb.de/145148/religionszugehoerigkeit«.
45.
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Projektgruppe Reformationsjubiläum (Hrsg.), Die Bundesregierung und das Reformationsjubiläum 2017. Eine Positionsbeschreibung, Bonn 2014, http://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/BKM/2015/2015-10-20-reformationsjubilaeum-positionsbeschreibung.pdf?__blob=publicationFile&v=2«. Hieraus auch die folgenden Zitate.
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Autor: Claudia Lepp für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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