Demonstration der baltischen Sowjetrepubliken für Unabhängigkeit

17.2.2017 | Von:
Eva-Clarita Pettai

Erinnerungsdiskurse und Geschichtspolitik in den baltischen Staaten

Herausfordernde Gegenerzählungen

Dem mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg im Erinnerungsdiskurs der baltischen Staaten dominierenden historischen Selbstverständnis als Opfernationen widersprechen vor allem zwei Erzählungen, die jede für sich einen kollektiv-identitätsstiftenden Anspruch auf die historische Wahrheit beanspruchen. Dies führt seit 1991 immer wieder zu Kontroversen und bisweilen stark politisierten Konflikten.

Das holocaustzentrierte Narrativ erzählt von der massenhaften Verfolgung und Ermordung der baltischen Jüdinnen und Juden während der deutschen Besatzung sowie von der Beteiligung der lokalen Bevölkerung vor allem in Lettland und Litauen an diesen Verbrechen. Das dabei gezeichnete Bild des lettischen oder litauischen Täters steht dem nationalen Opferdiskurs diametral entgegen. Das neosowjetische Narrativ erkennt zwar den widerrechtlichen Charakter des von Stalin betriebenen Anschlusses der Baltenrepubliken zur Sowjetunion weitgehend an, betont aber stets die sicherheitspolitische Notwendigkeit dieser Maßnahme und die Komplexität der damaligen Weltlage. Das Schlüsselmoment dieser Erzählung ist nicht 1940, sondern der Sieg der Roten Armee über das nationalsozialistische Deutschland und die Befreiung Europas vom Faschismus 1945. Dieser Logik folgend wird der spätstalinistische Terror der Nachkriegsjahre nicht als primär gegen Letten, Litauer oder Esten, sondern als gegen "faschistische Kollaborateure" gerichtet begriffen.[9]

Beide Erzählungen finden sich sowohl in den baltischen Gesellschaften selbst als auch außerhalb der Region. So wurden baltische Juden bei ihren Forderungen nach einer Aufarbeitung des Holocaust stark von der US-Regierung sowie von internationalen jüdischen Organisationen unterstützt, die Druck auf die Regierungen vor allem Litauens und Lettlands ausübten. Als in den 1990er Jahren mit Blick auf den Holocaust in ganz Europa ein öffentlicher Diskurs der nationalen Reflexion und historischen Wiedergutmachung dominierte, sorgte es für starke Irritationen, dass die erneut unabhängigen baltischen Staaten eine kritische nationale Selbstprüfung verweigerten.

Der neosowjetische Diskurs ist vor allem unter in Estland und Lettland lebenden Russinnen und Russen verbreitet und wird von russischen Medien und offiziellen Verlautbarungen aus Russland gestützt. In westlichen Medien wird das schwierige baltisch-russische Verhältnis häufig weniger als erinnerungspolitischer denn als minderheitenpolitischer Konflikt wahrgenommen. Doch spätestens 2007, als junge Russen wegen einer von der estnischen Regierung angeordneten Verlegung eines sowjetischen Kriegsdenkmals auf den Straßen Tallinns randalierten, wurde die erinnerungspolitische Dimension dieser Spannungen deutlich.[10]

Im Folgenden werde ich den Verlauf von Konfrontation und Annäherung auf diesen beiden Schauplätzen geschichts- und erinnerungspolitischer Auseinandersetzung in den vergangenen 25 Jahren skizzieren.

Von Opferkonkurrenz zu inklusiver Erinnerungskultur

Bis zum Ende der Sowjetunion waren im Westen Hinweise auf die historische Tatsache der Mitwirkung der baltischen Bevölkerungen am Holocaust vor allem in Berichten überlebender Juden sowie in wissenschaftlichen Studien zu finden, die oft jedoch auf unzureichenden Quellen basierten. Entscheidendes Archivmaterial befand sich hinter dem Eisernen Vorhang, und so kursierten viele Mythen und Halbwahrheiten um die Geschehnisse während der deutschen Besatzung im Baltikum.

In der Sowjetunion selbst war das Thema Holocaust tabu, nicht aber das Geschichtsbild des baltischen Faschisten und Kollaborateurs, das häufig zu Propagandazwecken genutzt wurde. Die daraus resultierenden historischen Verzerrungen und bisweilen überzogenen Schuldzuweisungen trugen ihren Teil dazu bei, dass nach 1991 westliche Forderungen nach einer juristischen und historischen Aufarbeitung der Kollaborationsgeschichte in den jungen Demokratien zunächst auf taube Ohren stießen. Viel wichtiger erschien es baltischen Historikern und Intellektuellen, sich der lange verschwiegenen Geschichte der "eigenen" Opfer stalinistischer Gewaltverbrechen zuzuwenden.

Im öffentlichen Erinnerungsdiskurs der 1990er Jahre entstand so eine Konkurrenz von Opferdiskursen. Tatsächlich folgten die Debatten dieser Zeit der von dem Literaturwissenschaftler Michael Rothberg so eindrücklich beschriebenen Logik, nach der im öffentlichen Raum nur begrenzt Platz für die Erinnerung an verschiedene historische Traumata ist.[11] Die Verweise von Esten, Letten und Litauern auf die eigene Opferrolle unter wechselnden Besatzern, vor allem aber unter der sowjetischen Okkupation, sowie die Verwendung des Begriffs "Genozid" in diesem Zusammenhang wurden rasch als Versuche gewertet, die Beteiligung der eigenen Bevölkerung an der Ermordung von Juden zu vertuschen oder gar die historische Bedeutung des Holocaust zu relativieren.[12]

Umgekehrt wurde das bereits erwähnte einseitige Pochen westlicher Akteure auf die Aufarbeitung der Kollaboration mit den nationalsozialistischen Besatzern von vielen Balten als Desinteresse an den stalinistischen Verbrechen und ihren Opfern wahrgenommen, wenn nicht sogar als deren Verleugnung.[13] Die öffentlichen Debatten waren vor allem in den 1990er Jahren geprägt von gegenseitigen Schuldzuweisungen und bisweilen deutlich antisemitischen Untertönen.[14]

Vor allem in Litauen kommt erschwerend hinzu, dass die Geschichte des Mordes an den einheimischen Juden eng verknüpft ist mit der Geschichte des nationalen Widerstands gegen die Sowjetherrschaft. Wie historische Untersuchungen zeigen, hatten nicht wenige der in den Nachkriegsjahren von den Sowjets erschossenen litauischen Partisanen während des Krieges mit den deutschen Besatzern kollaboriert.[15] Im öffentlichen Erinnerungsdiskurs werden so bisweilen Personen, die an Massenmorden der Nationalsozialisten beteiligt waren, zu Opfern und Märtyrern erklärt.[16]

Doch die einstmals unversöhnlich scheinenden Konfliktlinien in diesem Kampf der Erinnerungen lösen sich allmählich auf. Nicht nur ist in bald 20 Jahren intensiver Forschung sowohl in den Ländern selbst als auch auf internationaler Ebene so mancher Vorwurf entschärft und so manche bisher unbekannte Wahrheit ans Licht gebracht worden.[17] Vor allem aber ist der historische Blick für die oft komplexen und ambivalenten Motive und Dilemmata individueller Akteure unter Bedingungen wechselnder totalitärer Besatzungen geschärft worden. Im öffentlichen Diskurs aller drei baltischen Gesellschaften ist eine neue Generation von Akademikern, Intellektuellen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zunehmend bereit, die bisherige defensive und in ethnokulturellem Denken verhaftete öffentliche Gedenkkultur zu hinterfragen. Diese kritischen Stimmen fordern nicht nur eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der historischen Tatsache der Kollaboration und fragen nach der Verantwortung heutiger Generationen; sie suchen auch nach Wegen, die Erinnerung an die Ermordung der Juden in den nationalen Erinnerungskanon einzuordnen.[18]

Symptomatisch für diese Entwicklung, die parallel sowohl in Lettland als auch in Litauen stattfindet, sei hier auf die Ereignisse rund um den jüngst zurückliegenden 75. Jahrestag der Erschießung von etwa 25000 Juden 1941 im Wald von Rumbula in Lettland verwiesen. Während der 30. November schon seit einiger Zeit auch von offizieller lettischer Seite als Gedenktag begangen wird, nahm 2016 eine Gruppe junger Historikerinnen und Historiker den Jahrestag zum Anlass für eine öffentliche Kampagne. Unter dem Motto "Es sind die Unseren" (tie ir mūsējie) riefen sie dazu auf, der Opfer von Rumbula mit Kerzen am zentralen nationalen Freiheitsdenkmal in Riga zu gedenken. Hunderte kamen dem Aufruf nach, und die Kampagne wurde breit in den Medien diskutiert. Hier kommt ein neues Narrativ zum Vorschein: Erstmals werden die jüdischen Opfer des Holocaust zu Mitbürgerinnen und Mitbürgern erklärt, deren Tod einen schmerzhaften Verlust für Lettland darstellt. Solch integrative Tendenzen sind angesichts der bisherigen konkurrenzbetonten Opferdiskurse bemerkenswert und stellen eine neue Dimension in der öffentlichen Erinnerung dar.

Fußnoten

9.
Für eine ausführliche Analyse und Diskussion der divergierenden Geschichtsverständnisse und daraus resultierender politischer Verwerfungen und Konflikte in Lettland vgl. Katja Wezel, Geschichte als Politikum. Lettland und die Aufarbeitung nach der Diktatur, Berlin 2016.
10.
Zum Verhältnis der baltischen Staaten zu Russland siehe auch den Beitrag von Kai-Olaf Lang in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
11.
Vgl. Michael Rothberg, From Gaza to Warsaw: Mapping Multidirectional Memory, in: Criticism 4/2011, S. 523–548.
12.
Vgl. Dovid Katz, On Three Definitions: Genocide, Holocaust Denial, Holocaust Obfuscation, in: Leonidas Donskis (Hrsg.), A Litmus Case of Modernity. Examining Modern Sensibilities and the Public Domain in the Baltic States at the Turn of the Century, Berlin 2009, S. 259–278.
13.
Vgl. Saulius Sužiedėlis, The International Commission for the Evaluation of the Crimes of the Nazi and Soviet Occupation Regimes in Lithuania: Successes, Challenges, Perspectives, in: Journal of Baltic Studies, 8.8.2016 (nur online).
14.
Vgl. Eva-Clarita Pettai, Demokratisierung der Geschichte in Lettland. Staatsbürgerliches Bewusstsein und Geschichtspolitik im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit, Hamburg 2003. Siehe auch Dovilė Budrytė, "We Call It Genocide": Soviet Deportations and Repressions in the Memory of Lithuanians, in: Robert S. Frey (Hrsg.), The Genocidal Temptation. Auschwitz, Hiroshima, Rwanda and Beyond, Dallas 2004, S. 79–100.
15.
Vgl. Christoph Dieckmann, Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, 2 Bde., Stuttgart 2016.
16.
So wurde etwa das Gelände im Park von Tuskulenai in Vilnius, auf dem Mitte der 1990er Jahre die sterblichen Überreste von 700 offenbar von der sowjetischen Geheimpolizei gefolterten und erschossenen Menschen gefunden wurden, darunter eine recht große Zahl von litauischen Kollaborateuren, die vermutlich auch an antijüdischen Maßnahmen beteiligt gewesen waren, zu einem Mahnmal für die Opfer des Sowjetregimes erklärt. Ein angrenzendes "Museum für die Märtyrer" wurde 2011 offiziell eröffnet. Zu den Kontroversen rund um den Gedenkort siehe auch Pettai/Pettai (Anm. 4), S. 246ff; Milan Chersonski, It’s Not Just About the New Tuskulenai "Peace Park" in Vilnius, 20.8.2012, http://defendinghistory.com/its-not-just-about-tuskulenai-peace-park/39900.
17.
Vgl. z.B. Katrin Reichelt, Lettland unter deutscher Besatzung 1941–1944. Der lettische Anteil am Holocaust, Berlin 2011; Ruth Bettina Birn, Die Sicherheitspolizei in Estland 1941–1944. Eine Studie zur Kollaboration im Osten, Paderborn 2006.
18.
Für ein eindrückliches Beispiel für diese neuen Stimmen siehe Una Bergmane, Viewpoint: Remembering Rumbula, 28.11.2016, http://www.lsm.lv/en/article/features/.a212052«. Zu ähnlichen Entwicklungen in Litauen vgl. Violeta Davoliūtė, Two-Speed Memory and Ownership of the Past, in: Transitions Online, 1.9.2016 (nur online).
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