Erdogan sitzt im "Chef-Sessel"; hinter ihm ein Bild Atatürks.
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Die Gülen-Bewegung. Entstehung und Entwicklung eines muslimischen Netzwerks


24.2.2017
Wohl kaum eine Person ist in der Türkei so umstritten wie Fethullah Gülen, ein muslimischer Prediger und als solcher charismatisches Zentrum eines weltweit aktiven Netzwerks, das bis vor kurzem die wohl einflussreichste religiöse Bewegung des Landes war. Von seinen Anhängerinnen und Anhängern respektvoll hocaefendi (verehrter Lehrer) genannt, von seinen Gegnern als Bedrohung der staatlichen Ordnung der Republik Türkei bezeichnet, inspiriert Gülen eine Vielzahl an Personen, die danach streben, seine Ideen in rund 160 Ländern in den Bereichen Bildung, Medien, Wirtschaft und Wohltätigkeit umzusetzen.

Dieses globale Netzwerk, das als Gülen-Bewegung oder hizmet (Dienst) bezeichnet wird, prägt sowohl die Türkei und ihre transnationalen Beziehungen als auch die Bildungslandschaften zahlreicher anderer Länder. Gleichzeitig könnte die Bewegung unterschiedlicher nicht bewertet werden: In Publikationen seiner Sympathisanten wird Gülen als leidenschaftlicher Befürworter des interreligiösen und interkulturellen Austauschs dargestellt. Die von ihm ausgehende Bewegung wird dabei häufig als eine lose und unkoordinierte Gruppe von Freiwilligen präsentiert, die sich weltweit für Dialog und Toleranz engagiert. Kritiker beschreiben Gülen hingegen als islamistischen Ideologen, der über ein strikt organisiertes Wirtschafts- und Medienimperium regiert und dessen Bewegung den Sturz der säkularen Ordnung der Türkei anstrebt.

Seit Jahrzehnten bietet die Gülen-Bewegung ihren Anhängerinnen und Anhängern eine feste Verankerung in muslimischer Frömmigkeit sowie soziale und ökonomische Mobilität. Sie entwickelte sich in den 1980er Jahren zu einer der einflussreichsten muslimischen Bewegungen der Türkei. In der konservativen Demokratie der seit 2002 regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) spielte die Gülen-Bewegung eine zentrale Rolle im Machtkampf zwischen neuen muslimisch-konservativen und den alten kemalistischen Eliten: In der Bewegung fließen muslimische Frömmigkeit und Nationalismus, sozialer Konservatismus und globaler ökonomischer Einfluss zusammen. Die Allianz zwischen der AKP Recep Tayyip Erdoğans und der Gülen-Bewegung begann 2013 zu bröckeln, und es entfaltete sich ein politischer und sozialer Machtkampf. Insbesondere seit dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli 2016, für den die AKP-Regierung Fethullah Gülen und die Gülen-Bewegung verantwortlich macht, wurden zahlreiche Gülen-nahe Institutionen in der Türkei geschlossen. Anhängerinnen und Anhänger sehen sich seither mit einer regelrechten Hetzjagd konfrontiert.

Die politische Situation beeinflusst auch die Bundesrepublik Deutschland, das Land, in dem nach der Türkei die meisten Türkinnen und Türken leben. Der türkische Staat versucht sein Ziel, der Gülen-Bewegung ein Ende zu setzen, auch hierzulande voranzutreiben, und die türkische Community ist gespalten: Eltern melden ihre Kinder von Schulen ab, die von Gülen inspiriert sind, und es wird zum Boykott von Geschäften aufgerufen, deren Besitzer sich zu Gülens Anhängerschaft zählen. Die politisch aufgeladene Situation sowie widersprüchliche mediale Berichterstattungen und Bilder machen eine nuancierte Auseinandersetzung mit den Ursprüngen der Bewegung, ihrer Entwicklung, Organisationsstruktur sowie mit dem Konflikt zwischen der Gülen-Bewegung und der AKP erforderlich.

Fethullah Gülen und die Entstehung der Gülen-Bewegung



Fethullah Gülen wurde 1941 in der ostanatolischen Provinz Erzurum geboren.[1] Sein religiöses Wirken nahm in den 1960er Jahren seinen Anfang, als er sein Amt als staatlicher Imam und Prediger des türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten und später als Lehrer einer Koranschule in der westtürkischen Stadt Edirne antrat. In einem ihm befremdlichen republikanisch-laizistischen Umfeld begann Gülen neben seinen Predigten in der lokalen Moschee islamische Ideen und Grundsätze durch Verteilen von islamischer Literatur zu verbreiten. Eine große Rolle spielten hierbei die Werke des kurdischen Gelehrten Said Nursi (1877–1960), die einen starken Einfluss auf Gülens Denken hatten und bis heute in der Bewegung gelesen und studiert werden.[2]

Der eigentliche Wendepunkt zu einer eigenen Bewegung vollzog sich in Izmir, wohin Gülen 1966 versetzt wurde und wo er die Tätigkeiten als Imam und Koranlehrer fortführte. Inspiriert von seiner alltagsnahen Lesart der Schriften Said Nursis bildete sich um Gülen ein Netzwerk von jungen Männern; später kamen auch Frauen dazu. Durch die Ernennung zum Imam für die gesamte türkische Ägäisregion – ein Amt, das mit ausgedehnten Predigt- und Vortragsreisen verbunden war – hielt Gülen bald emotionale Predigten in der gesamten Region vor einem zunehmend größeren Publikum. Darin thematisierte er die Herausforderungen einer sich modernisierenden Türkei, was er mit dem Aufruf zu muslimischer Frömmigkeit verband.

Häufig stand auch sein Bildungsideal im Mittelpunkt der Predigten und Ansprachen. Angesichts aktueller gesellschaftlicher Umbrüche sieht er in Anlehnung an Said Nursi die Menschheit, insbesondere die Jugend, von einem Werteverfall bedroht, weshalb er dafür warb, islamische Ethik mit modernen Naturwissenschaften in Einklang zu bringen. Hizmet impliziert für Gülen das Streben, ein idealer Mensch zu werden, der Spiritualität und intellektuelles Wissen, Vernunft und Offenbarung verbindet. Somit bot Gülen eine Alternative zum kemalistischen Diskurs der noch jungen türkischen Republik, in dem Religion und Moderne als Gegensätze postuliert wurden.[3] Vor dem Hintergrund dieses Bildungsideals gründeten Gülens Anhänger Ende der 1960er Jahre die ersten Sommercamps für Jugendliche sowie Wohngemeinschaften für Studenten, ışık evleri (Lichthäuser) genannt; zunächst in Izmir und dann in weiteren größeren Städten der Türkei. Hier sollte den neuen Generationen islamische Bildung, Spiritualität und Disziplin vermittelt werden.[4]

Ende der 1970er Jahre festigte sich die Bewegung: Neben sohbets (religiöse Gesprächsgruppen), Predigten in Moscheen und Sommercamps hielt Gülen nun auch öffentliche Vorträge vor Tausenden Menschen in vielen anderen Städten der Türkei. Die Großveranstaltungen, mit denen er ein nunmehr breites gesellschaftliches Publikum erreichte, wurden als Audio- und Videokassetten aufgezeichnet und im gesamten Land verbreitet und später verschriftlicht. Hierdurch entwickelten sich ein eigenes Netzwerk und eine eigene religiös-soziale Lehrpraxis.[5]

Ab Ende der 1970er Jahre ermutigte Gülen seine nun gefestigte Anhängerschaft zum Engagement im privaten säkularen Bildungssektor. Die neugegründete Stiftung Akyazılı etablierte 1978 in Izmir das erste dersane. Hierbei handelt es sich um Nachhilfe-Institute, die auf den zentralen Aufnahmetest türkischer Universitäten vorbereiten. Mit diesen Instituten wurde die Bewegung erstmals in säkularen Bereichen der Gesellschaft aktiv.


Fußnoten

1.
Vereinzelt wird auch 1938 als Geburtsjahr angegeben.
2.
Zur Biografie und zum Wirken Said Nursis vgl. Şükran Vahide, Islam in Modern Turkey: An Intellectual Biography of Bediuzzaman Said Nursi, Albany 2005.
3.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Markus Dreßler in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Vgl. Joshua Hendrick, Gülen: The Ambiguous Politics of Market Islam in Turkey and the World, New York–London 2013, S. 3; Hakan Yavuz, Toward an Islamic Enlightenment: The Gülen Movement, New York 2013, S. 35f.
5.
Vgl. Bekim Agai, Zwischen Netzwerk und Diskurs. Das Bildungsnetzwerk um Fethullah Gülen (geb. 1938): Die flexible Umsetzung modernen islamischen Gedankenguts, Schenefeld 2004, S. 147f.
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Autor: Kristina Dohrn für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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