Buntes Mosaik

10.3.2017 | Von:
Dmitrij Kapitelman

Was ist Heimat? Im Camp der Bestmöglichangekommenen - Essay

An diesem Punkt fing ich Erkälteter dann doch ein wenig Wutfeuer. Vielleicht, weil ich wenige Tage zuvor in der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ eine unfassbare Reportage über das russische Gesundheitssystem gelesen hatte. Darin ging es um die Aids-Plage in Russland, genauer gesagt, um den staatlichen Umgang damit. Selbst in afrikanischen Ländern sinken die HIV-Infektionsraten derzeit. Nicht so in Russland. Einige Nichtregierungsorganisationen versuchen deshalb, präventiv saubere Spritzen und Kondome zu verteilen. Das Unfassbare an dieser Situation ist in meinen bestmöglichangekommenen Augen, dass die russische Regierung diese lebensrettende Arbeit der NGOs verurteilt. Sie stigmatisiert die Freiwilligen nicht nur als ‚Ausländische Agenten‘, sondern stellt sich stur und behauptet, dass saubere Spritzen und Kondome gegen die ‚traditionellen russischen Werte‘ verstießen. Angeblich würden sie das Lotterleben fördern, anstatt die moralische Wurzel, den Sittenverfall anzugehen. ‚Ach, und deine Sowjetärzte sind unfehlbar, ja?‘, schleuderte ich Vera entgegen. ‚Ein Kranker musste sich bei uns jedenfalls nicht zum Arzt schleppen! Er bekam einen Hausbesuch vom Doktor!‘, entgegnete sie. Hier vergaß ich kurz meinen Halsschmerz und brüllte mit luzid gelutschtem Stimmorgan (ebenso wie ich vergaß, Gegenwartsrussland und Sowjetunion zu differenzieren): ‚Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass die medizinische Versorgung in Russland besser ist als hier? Ausgerechnet jetzt, wo sie nicht mal richtigen Käse und Milch in den Regalen haben, weil dein Putin die Krim annektieren und Großzar spielen musste! Und ganz nebenbei, dein Drecks-Faringosept hilft nicht die Bohne! Ich muss nur die ganze Zeit scheißen wie ein Esel!‘"

Diesen Dialog wiedergebend, bemerkte ich, dass meine Stimme ganz zittrig geworden war – und dass meine Zaungäste aus dem Garten der organisch Gewachsenen das Zittern ebenfalls registriert hatten. Also goss ich uns schnell mehr Wodka ein und sagte bald in größter zittriger Aufrichtigkeit: "Meine Eltern, die mich in dieses fertile Land gebracht haben und verlangten, dass ich hier Wurzeln schlage und blühe, werfen mir nun vor, einer von Denen geworden zu sein. Ein Fremder. Ich verliere die erste und ewige Heimat eines Menschen, meine Familie. ‚Du verachtest uns.‘ Vera hat es nicht ausgesprochen. Aber unausgesprochen ist es fast noch schmerzhafter. ‚Du verachtest uns. Du schaust von deinem deutschen Fels auf uns herab.‘ Das denkt meine Mutter über mich. Dabei verachte ich sie kein bisschen, ich schaue sehnsuchtsvoll zu meinen Eltern herüber, vom einsamen Camp der Bestmöglichangekommenen aus. Deswegen sitzen wir hier, die Integriertverlorenen, singen süßbitter und halten uns manchmal die Ohren zu, wenn die Lobreden losscheppern. Weil sie das Bild einer abgeschlossenen Erfolgsgeschichte verfestigen, wo in Wahrheit ein schmerzhafter Prozess weitertobt."

Wir schwiegen ein paar Augenblicke am Zaun, und ich füllte noch einmal die Gläser. "Rjumacki", sagte ich mit verzogener Miene und heiserer Stimme vom stimmenden Stereotypschnaps. "So nennen wir die Schnapsgläschen." "Reunuschkey", wiederholte der zu Beginn latent Aggressive aus dem Garten der organisch Gewachsenen ebenso falsch wie herzallerliebst. Um das Gespräch weiterzutreiben, fragte der von Beginn an Offene: "Das heißt, du hast dich damit abgefunden, dein Leben im Camp der Bestmöglichangekommenen zu verbringen? Für immer heimatlos?" "Nicht ganz", antwortete ich. "Vielleicht habt ihr noch etwas Zeit, damit ich euch erzählen kann, wie mein jüdischer Vater in Israel damit aufgehört hat, mir zu sagen, dass ich kein Jude bin – und wie ich nebenbei eine andere deutsche Heimat in Israel fand." "Na los!", sagte der längst nicht mehr unzugänglich Stolzhalsige, so schnell, dass es ihn wohl selbst überraschte.

Unterwegs in den eigenen Gärten?

"Einen Tag nachdem ich mit meinem lieben Vater am Ben-Gurion-Flughafen Tel Aviv gelandet war, proklamierte er, endlich in seiner Heimat angekommen zu sein. In seinen 59 Jahren zuvor hatte er diese Heimat nicht einmal aufgesucht. Und kurz bevor wir 2015 flogen (die ganze Reise war meine Initiative), krakeelte er noch, dass er zwischen Disney Land und Jerusalem keinen großen Unterschied sehe. Weil er so wenig gläubig ist wie ein Halsbonbon. Gleichzeitig glaubte er sein Leben lang, als Jude zur Kaste der Auserwählten und ewig Gejagten zu zählen, während er den philosemitischen Staatsbekenntnissen des neuen Deutschlands kaum Glauben schenkte. Trotzdem immigrierten wir vor 21 Jahren in das Land, dem Leonid nicht traute, statt nach Israel.

Als ich vor ein paar halbherzig gefeierten Hanukkah fragte, weshalb, gab mein Vater mir unumwunden mit: ‚Weil du in Israel immer ein Jude zweiter Klasse gewesen wärst.‘ Vera ist keine Jüdin, und die Gesetze der Halacha besagen, dass mein Blut verunreinigt ist. Nun, als reinblutiger Jude unter Juden, in gewähnter Sicherheit, riss Leonid die Heimatfahne sofort an sich und kleidete sich darin von Kopf bis Fuß. So stolzierte er durch Israels Gärten der organisch Neuzusammengewachsenen. Und mich schleuderte es währenddessen durch völliges Verständnisvakuum. Ich wollte von Leonid hören, ob ich denn auch durch diese Gärten stolzieren darf – was er verneinte. Die Stammbaumforscher im Museum of the Jewish People, die Einbürgerungsbestimmungen des Heiligen Landes und viele weitere Israelis widersprachen meinem Vater. Sie sagten: ‚Dima, selbstverständlich gehörst du zur Kaste der Auserwählten und ewig Gejagten. Es ist dein gottgegebenes Recht, als vollwertiger Bürger durch Israels Gärten zu spazieren, wenn dein Vater doch Jude ist.‘ Und schlagartig war ich ein so strahlender Brocken Selbstfindung, dass ich beinahe alles vergaß und das nahdeutsche Camp der Bestmöglichangekommenen verlassen und nach Israel ziehen wollte. Heimat in der Heimat der ewig Heimatlosen finden.

Aber dann sah ich, dass fast alle äthiopischen Juden die Hundescheiße vom Straßenrand kratzen müssen und gar keine Zeit für Gärten haben. Ich sah, dass Israels Araber, immerhin 20 Prozent der Landesbevölkerung, gar nicht gern im Garten gesehen werden und die Gärten der Palästinenser gegenwärtig zum Verdorren verdammt sind. Vor allem sah ich aber, dass ich die neue Heimat meines jüdischen Vaters mit deutschen Augen betrachtete: mit einer politischen Korrektheit, einem durch die Sozialisierung in Deutschland verinnerlichten ethischen Anspruch, der es kaum zur Exportweltmeisterschaft bringen dürfte. Ich betrachtete sie mit den Augen eines Demokraten made in Germany, eines Verfassungspatrioten. Denn auch wenn die Idee der Egalität aller Menschen und der offenen Gesellschaft keinen Pass hat: Lange habe ich nicht wertzuschätzen gewusst, wie sicher sich diese Idee im Deutschland der vergangenen Jahrzehnte fühlt."

Ich unterbrach mich kurz. "Vielleicht fühlte." "Wieso fühlte?", fragten meine Besucher aus dem Garten der organisch Gewachsenen am Identitätszaun. Und ich zählte die Populisten, die selbsternannten Protestparteien und den enormen Zuspruch für ihre Parolen auf. Ich dachte an Vera und Leonid, dachte wieder an die bevorstehenden Wahlen und kippte zwei Wodka mehr als meine neuen Freunde. Während mein innerer Kompass unbeeindruckt nüchtern weiterfragte: Wo gehst du jetzt hin?

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Autor: Dmitrij Kapitelman für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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