Buntes Mosaik
1 | 2 Pfeil rechts

Postsowjetische Migranten in Deutschland. Perspektiven auf eine heterogene "Diaspora"


10.3.2017
Im Januar 2016 demonstrierten bundesweit bis zu 10.000 Menschen anlässlich der angeblichen Vergewaltigung der damals 13-jährigen Lisa F. aus Berlin-Marzahn durch wahlweise "Ausländer", "Flüchtlinge", "Araber" oder "Südländer". Da die Demonstrantinnen und Demonstranten je nach Bericht "Russlanddeutsche", "Russischstämmige" oder "Menschen russischer Herkunft" waren und ihrer Mobilisierung eine entsprechende Falschmeldung des Ersten Kanals des russischen Fernsehens vorausgegangen war, verbreitete sich rasch der Verdacht, hier habe der Kreml seine Hand im Spiel gehabt. So schrieb etwa die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ), die "russische Propaganda" wolle die "russischsprachigen Bevölkerungsgruppen in Deutschland (…) missbrauchen, um Druck auf die deutsche Regierung auszuüben".[1]

Alles "Russischsprachige"?



Die Bezeichnung "russischsprachige Bevölkerungsgruppen" ist relativ neu im deutschsprachigen Diskurs. Es handelt sich augenscheinlich um eine Übersetzung des russischen Begriffs russkojazyčnye, der in Russland bereits seit den 1990er Jahren von offizieller Seite als Bezeichnung für die "Landsleute" (sootečestvenniki) im Ausland verwendet wird.[2] Im russischen Kontext sind damit sowohl russischsprachige Minderheiten im "nahen Ausland" – den ehemaligen Sowjetrepubliken – gemeint als auch Emigranten in westlichen Ländern.

Im deutschen Kontext hat der Begriff ebenfalls eine Doppelfunktion: zum einen als Selbstbeschreibung bestimmter organisierter Personengruppen wie etwa des Bundesverbands russischsprachiger Eltern, zum anderen findet er – wie in dem zitierten NZZ-Artikel – zunehmend Verwendung als Sammelbegriff für verschiedene Zuwanderergruppen aus der ehemaligen Sowjetunion. Schwerpunktmäßig sind damit russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler,[3] jüdische Kontingentflüchtlinge sowie deren Angehörige gemeint – ungeachtet dessen, dass etwa Repräsentanten der organisierten Russlanddeutschen die Bezeichnung "russischsprachig" für sich vehement ablehnen.[4]

Über die Russischsprachigen in diesem umfassenden Sinne wurde im Nachgang zum "Fall Lisa" viel geschrieben. An genauerem Wissen über diese heterogene Migrantengruppe mangelt es allerdings. Dies beginnt schon bei der fundamentalen Frage ihrer Größe. In verschiedenen Publikationen finden sich Zahlenangaben von drei bis sechs Millionen Russischsprechern in Deutschland.[5] Die deutschsprachige Wikipedia verbreitet letztere Zahl. Sie wird immer wieder ungeprüft zitiert, obwohl sie sich explizit auf eine Definition des russischen Außenministeriums bezieht, gemäß der Russischsprecher Personen seien, die das Russische "in unterschiedlichem Maße (v toj ili inoj stepeni)" beherrschten.[6] "Russischsprachig" impliziert hier also keine muttersprachlichen oder auch nur fließende Kenntnisse des Russischen, von Lese- und Schreibkenntnissen ganz zu schweigen. Damit ist klar, dass die Zahl von sechs Millionen Russischsprechern in Deutschland in jedem Fall übertrieben ist. Aber auch die übrigen Angaben von mindestens drei Millionen russischsprachigen Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland entbehren einer soliden statistischen Grundlage.

In diesem Beitrag sollen die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion daher mit der besser geeigneten Sammelbezeichnung "postsowjetische Migranten" gefasst werden – ein Begriff, der auf der statistisch erfassten Kategorie des Herkunftslandes basiert und nicht auf dem unscharfen Kriterium der Sprache. Gleichwohl werde ich versuchen, die Zahl der Russischsprecher unter den postsowjetischen Migrantinnen und Migranten genauer zu fassen, um diesbezüglichen Spekulationen belegbare Daten entgegenzusetzen.

Ziel dieses Beitrags ist es, die unklar konturierte Großgruppe "postsowjetische Migranten" genauer zu vermessen. Insbesondere über die zahlenmäßig dominanten russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler und ihre Angehörigen liegen wenige verlässliche Daten vor. Bisherige quantitative Forschungen haben die (Spät-)Aussiedler in der Regel als rechtlich definierte Kategorie ohne gesonderte Berücksichtigung der geografischen Herkunft untersucht, also unter Einbeziehung der aus Polen und Rumänien stammenden Deutschen.[7] Erkenntnisse über die Russlanddeutschen lassen sich hieraus nur bedingt ableiten.

Im Folgenden werden daher die materielle und "ideelle" Situation sowie die Integration der postsowjetischen Migranten in Deutschland im Allgemeinen und der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler im Speziellen skizziert. Dazu werden Daten aus dem Mikrozensus von 2015 analysiert, die ein besseres Verständnis der sozialen Lage der Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR erlauben. In einem weiteren Schritt werden dann auf Grundlage einiger kürzlich erschienener Studien der Sprachgebrauch, der Medienkonsum, die politischen Einstellungen sowie das Verhältnis der postsowjetischen Zuwanderer zu Russland in den Blick genommen – Aspekte, die seit dem "Fall Lisa" kontrovers, aber wenig faktenbasiert diskutiert wurden.

Unterschiedliche Gruppen und ihre Größe



Die Präsenz postsowjetischer Migrantinnen und Migranten in Deutschland ist das Ergebnis von Zuwanderungsbewegungen vor allem der zurückliegenden drei Jahrzehnte. Die gemäß Zuzugsstatistik umfangreichste Kategorie sind die rund 2,3 Millionen (Spät-)Aussiedler aus der UdSSR und ihren Nachfolgestaaten, die schwerpunktmäßig seit 1987 in der Bundesrepublik Aufnahme fanden.[8] Es handelt sich hierbei um Russlanddeutsche und ihre oft anders-ethnischen Familienangehörigen. Sie emigrierten in der Regel aus Sibirien oder aus zentralasiatischen Republiken wie Kasachstan und Kirgisien, wo sie infolge der Deportation ihrer Vorfahren während des Zweiten Weltkriegs seither gelebt hatten.[9]

Seit 1990 fanden auch rund 215.000 Juden oder Menschen jüdischer Abstammung mit ihren Angehörigen Aufnahme in der Bundesrepublik.[10] Sie immigrierten unter einem speziellen Aufnahmeregime und erhielten den Status des "Kontingentflüchtlings". Sie kamen in den meisten Fällen aus den europäischen Republiken der ehemaligen UdSSR, und dort insbesondere aus großen Städten wie Moskau, Sankt Petersburg, Riga, Kiew, Dnepropetrowsk und Odessa.[11]

Weiterhin leben in Deutschland einige Tausend oder Zehntausend Migranten aus der ehemaligen UdSSR, die durch andere Kanäle in die Bundesrepublik kamen, etwa als Arbeits-, Bildungs- oder Heiratsmigranten oder als Flüchtlinge.[12] Für diese "Anderen" lässt sich kein scharfes Herkunftsprofil zeichnen. Im Verhältnis zu den genannten Gruppen fallen sie zahlenmäßig kaum ins Gewicht.

Tabelle 1: Anzahl postsowjetischer Migranten
in DeutschlandTabelle 1: Anzahl postsowjetischer Migranten in Deutschland (© bpb)
Jenseits der Zuzugsstatistiken liefert der Mikrozensus von 2015 aktuelle Daten zur Anzahl der heute in Deutschland lebenden postsowjetischen Migranten.[13] Auf Grundlage dieser Zahlen lässt sich auch abschätzen, wie viele Russischsprecher in Deutschland leben. Die rund drei Millionen Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund sind sowohl selbst zugewanderte Personen als auch ein Teil ihrer in Deutschland geborenen Nachkommen (Tabelle 1). Angehörige der zweiten Generation, die nicht mehr mit ihren Eltern in einem Haushalt leben, werden in dieser Kategorie nicht erfasst. Somit ist die Zahl drei Millionen einerseits zu niedrig, wenn wir über die Gesamtheit der Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund sprechen, andererseits ist sie zu hoch, wenn uns die Zahl der Russischsprecher interessiert. Eine sinnvolle Definition von "russischsprachiger Bevölkerung" in Deutschland kann sich nur auf diejenigen Menschen beziehen, die Russisch auf muttersprachlichem Niveau beherrschen. Dies kann man denjenigen Migranten unterstellen, die selbst noch in der ehemaligen UdSSR gelebt und dort zumindest in Teilen Schulbildung in russischer Sprache erhalten haben. Davon kann man bei den 1,95 Millionen ausgehen, die bei Einreise in die Bundesrepublik mindestens zehn Jahre alt waren. Diese – und nur diese – können wir umstandslos als "Russischsprecher" bezeichnen.


Jegliche Zahlen darüber hinaus sind spekulativ, denn über die Russischkenntnisse der Nachkommen postsowjetischer Migranten, die im Kindesalter nach Deutschland kamen oder schon hier geboren sind, liegen keine systematischen Erkenntnisse vor. Man kann ihnen jedenfalls nicht automatisch fließende Russischkenntnisse unterstellen, zumal sie in der Regel über keine institutionalisierte Möglichkeit zum Spracherwerb verfügten. Studien in diesem Bereich legen rückläufige Kenntnisse des Russischen bei der zweiten Generation nahe, zumal sich viele russlanddeutsche Eltern bemühten, ihren Kindern bevorzugt das Deutsche nahezubringen.[14] Folglich lässt sich die Anzahl der Russischsprecher in Deutschland realistisch nur als "zwei Millionen plus X" beziffern, wobei "X" aufgrund der begrenzten Möglichkeiten und auch des begrenzten Interesses vieler postsowjetischer Migranten an der Vermittlung des Russischen an die nächste Generation auf jeden Fall unter einer Million liegen dürfte. Die Gesamtzahl liegt somit deutlich unterhalb aller verbreiteten Schätzungen.


Fußnoten

1.
Christian Weisflog, Wie Putins Propaganda die Russlanddeutschen aufhetzt, in: Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 25.1.2016, http://www.nzz.ch/1.18683335«.
2.
Vgl. Rogers Brubaker, Nationalism Reframed: Nationhood and the National Question in the New Europe, Cambridge 1995, S. 142f.
3.
Deutsche Zuwanderer aus Osteuropa wurden gemäß Bundesvertriebenengesetz bis Ende 1992 als Aussiedler bezeichnet, seitdem als Spätaussiedler. Hier sind in der Regel Angehörige beider Kategorien gemeint.
4.
So etwa der Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in der Verbandszeitschrift: Waldemar Eisenbraun, Auf ein Wort, in: Volk auf dem Weg 11/2016, S. 3.
5.
Die Zahl von drei Millionen wird genannt von: Natalia Kühn, Die Wiederentdeckung der Diaspora. Gelebte Transnationalität russischsprachiger MigrantInnen in Deutschland und Kanada, Wiesbaden 2012. Karl Schlögel sprach in einem bereits vor dem "Fall Lisa" erschienenen Beitrag für "Die Zeit" von "wohl mehr als vier Millionen russischsprachigen Bürgern" in Deutschland: Stiefmütterchen Berlin, 12.1.2016, http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/russen-in-deutschland-berlin-charlottenburg-russlanddeutsche-wuensdorf«. Im eingangs zitierten NZZ-Artikel ist von sechs Millionen die Rede.
6.
https://de.wikipedia.org/wiki/Russischsprachige_Bevölkerungsgruppen_in_Deutschland«.
7.
Vgl. Susanne Worbs et al., (Spät-)Aussiedler in Deutschland. Eine Analyse aktueller Daten und Forschungsergebnisse, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Forschungsbericht 20, Nürnberg 2013.
8.
Vgl. ebd., S. 30f.
9.
Zu ihrer Geschichte siehe Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler: Eine Geschichte der Russlanddeutschen, Bonn 2015.
10.
Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.), Migrationsbericht 2014, Berlin 2016, S. 81.
11.
Vgl. Kühn (Anm. 5), S. 167.
12.
Vgl. ebd., S. 144f.
13.
Die im Folgenden genannten Zahlen aus dem Mikrozensus sind entnommen aus: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2015, Wiesbaden 2016.
14.
Vgl. Worbs et al. (Anm. 7), S. 145f.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Jannis Panagiotidis für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.