Buntes Mosaik
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10.3.2017 | Von:
Gerald Volkmer

Deutsche Minderheiten im Ausland

Das Phänomen "Deutsche Minderheiten im Ausland" ist älter als die Begriffe "Deutsche", "Minderheiten" und "Ausland". Es existiert, seit deutschsprachige Menschen über Grenzen wanderten und Grenzen über diese Menschen hinweg verschoben wurden. Als sich die meisten der heute im Ausland bestehenden deutschen Minderheiten herausbildeten, gab es noch kein "Deutsches Reich", sondern das "Heilige Römische Reich", das im 15. Jahrhundert den Zusatz "deutscher Nation" erhielt und 1806 unterging. In ihm lebten während des Mittelalters Menschen, die vor allem einen germanischen, aber auch romanischen oder slawischen Dialekt sprachen, denn die Hochsprachen in ihrer heutigen Form entwickelten sich in der Regel erst in der Frühen Neuzeit. Entsprechend handelte es sich bis ins frühe 19. Jahrhundert bei "Deutschen im Ausland" in erster Linie um Sprecher deutscher Dialekte, die sich vor allem durch ihren rechtlichen Status, ihren sozialen Stand und ihre Konfession definierten.

Erst als sich die Kategorie "Nation" durchgesetzt hatte, wurden diese "Deutschsprachigen" zu "Deutschen". Das 19. Jahrhundert mit seinen rasanten Entwicklungen in allen Lebensbereichen führte auch dazu, dass aus "Deutschsprachigen", die außerhalb des Deutschen Bundes (1815–1866) oder des Deutschen Reiches (1871–1945) lebten, Angehörige "deutscher Minderheiten" wurden. Dies geschah insbesondere dann, wenn die Autonomie ihrer Selbstverwaltungsgebiete aufgehoben wurde, innerhalb derer sie noch eine Mehrheit gebildet hatten. Bezogen auf das gesamte Gebiet des jeweiligen Staates sanken sie nun – auch aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft – auf das Niveau einer "nationalen Minderheit" herab oder assimilierten sich.

Im Folgenden sollen die deutschen Minderheiten, die im östlichen Europa[1] leben, im Vordergrund stehen. Bezogen auf die Gegenwart sind damit in erster Linie jene Deutschen gemeint, die den Status einer "nationalen Minderheit" im Sinne des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten des Europarates besitzen.[2] Anschließend soll auch kurz auf die Deutschen in Westeuropa und in "Übersee" eingegangen werden. Für sie dient das Bekenntnis zur deutschen Herkunft, Sprache und Kultur als Bezugsrahmen.

Geschichte der Deutschen im östlichen Europa

Mittelalter bis 20. Jahrhundert
Die östliche Grenze des "deutschen" Sprachgebiets verlief um 1000 n. Chr. von Nord nach Süd entlang der Elbe-Saale-Böhmerwald-Linie. Östlich dieser Grenze lebten slawische Stämme, die sich zum Teil den römisch-deutschen Königen und Kaisern unterworfen hatten, oder die Magyaren, deren Herrscher ab dem Jahr 1001 als Könige von Ungarn den Donau-Karpatenraum regierten. Im 11. und 12. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung in Mittel- und Westeuropa aufgrund günstiger klimatischer und ökonomischer Bedingungen sehr stark. Als es in Westmitteleuropa keine ausreichenden Landerwerbsmöglichkeiten mehr für den Bevölkerungsüberschuss gab, kam ein Prozess in Gang, der als "deutsche Ostsiedlung" bezeichnet wird.[3] Slawische Landesherren und die ungarischen Könige erkannten in dieser Entwicklung die Chance, ihre relativ dünn bevölkerten und wirtschaftlich kaum erschlossenen Gebiete mit westlichen Bauern, Handwerkern, Kaufleuten oder Rittern besiedeln zu lassen. Gleichzeitig dehnten einige norddeutsche Fürsten im 12. und 13. Jahrhundert sowie der Deutsche Orden im 13. und 14. Jahrhundert ihr Herrschaftsgebiet nach Osten aus, oft verbunden mit der gewaltsamen Mission der baltischen Völker. Diese Entwicklung war weder ein planmäßig umgesetzter "deutscher Drang nach Osten" zur Unterwerfung der slawischen Nachbarn, noch eine Erschließung "wüster, menschenleerer" Gebiete durch "deutsche Kulturbringer", wie es manche im Geiste des Nationalismus geführte Debatten im 19. und 20. Jahrhundert glauben machen wollten.

Die Siedlungswellen von West nach Ost führten dazu, dass im späten 14. Jahrhundert in Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, Obersachsen, Schlesien und Ostpreußen, meistens aus dem Zusammenleben von Slawen und westlichen Siedlern, sogenannte deutsche "Neustämme" entstanden, die in diesen Regionen die Bevölkerungsmehrheit stellten. In Böhmen und Mähren, in Westpreußen, im Baltikum (vor allem im heutigen Estland und Lettland), in der Zips (heutige Nordslowakei) oder in Siebenbürgen (heutiges Zentralrumänien) waren zahlreiche Landstriche von größeren deutschen Gruppen bewohnt, die dort Selbstverwaltungsgebiete besaßen und weitgehend die lokalen Eliten stellten.[4]

Die großen Pestepidemien des späten Mittelalters und die im 16. und 17. Jahrhundert erbittert geführten Kriege der europäischen Dynastien und Konfessionen führten dazu, dass aufgrund der enormen Bevölkerungsverluste keine neuen Siedlungsbewegungen entstehen konnten. Erst nach diesen Ereignissen ergriffen drei Herrscherhäuser erneut die Initiative. Die Hohenzollern machten nach dem Dreißigjährigen Krieg den Anfang mit der Ansiedlung neuer westlicher Siedlergruppen im Havelland, Pommern und Ostpreußen, später auch in Westpreußen. Die Habsburger begannen nach dem letzten großen Krieg gegen das Osmanische Reich (1716–1718) mit der planmäßigen Anlage von Siedlungen im ehemals osmanischen Ungarn, dessen zentrale und südliche Gebiete durch die "Türkenkriege" weitgehend entvölkert waren. Die Aussiedlungswilligen begaben sich während des 18. Jahrhunderts in drei großen "Schwabenzügen" auf den Weg, meistens über Ulm, entlang der Donau bis nach Ungarn. Dort wurden die später "Donauschwaben" genannten Gruppen vor allem im Ungarischen Mittelgebirge (Zentralungarn), in der "Schwäbischen Türkei" (Südungarn), in der Batschka (heutiges Nordwestserbien) und im Banat (heutiges Nordostserbien und Westrumänien) angesiedelt. Nach der ersten Teilung Polens 1772 erhielt die Habsburgermonarchie die Provinz Galizien (Südpolen), drei Jahre später die Bukowina vom Fürstentum Moldau. In beiden Gebieten entstanden rasch deutschsprachige Siedlungen, die mit Wien in engem Kontakt blieben.[5]

Auch die Zarin Katharina II. ("die Große") ließ ab 1763 in Russland zahlreiche deutsche Kolonien an der unteren Wolga, im nördlichen Schwarzmeergebiet und bei Sankt Petersburg anlegen. Mit der Ausdehnung des Zarenreiches im 19. Jahrhundert im Kaukasus und der Eroberung Bessarabiens 1812 entstanden auch hier deutsche Tochtersiedlungen. Nach dem verlorenen Krimkrieg 1856 lehnten die russischen Eliten eine weitere Ansiedlung Deutscher ab. Das sogenannte "Angleichsgesetz" führte ab 1871 zu einer schrittweisen Aufhebung der Selbstverwaltung der russlanddeutschen Kolonisten. Trotz einer allgemeinen "Russifizierung" wuchs die Zahl der Deutschen im Zarenreich aufgrund der hohen Geburtenrate auf rund 2,4 Millionen an. In der zweiten Hälfe des 19. Jahrhunderts nahm der Anteil des deutsch-baltischen Adels an den politischen, administrativen und militärischen Eliten Russlands massiv ab, und auch die deutsch geprägten Städte in Est-, Liv- und Kurland verloren nach 1880 ihre Autonomie. Dabei gerieten die Deutsch-Balten nicht nur durch die Einführung des Russischen unter Druck, sondern auch durch die Nationalbewegungen der Esten und Letten, die eine Gleichstellung mit der deutschen Oberschicht forderten.[6]

Eine ähnliche Entwicklung betraf auch die Deutschen in Ungarn. Der sogenannte "Ausgleich" des habsburgischen Kaisers mit dem ungarischen Adel teilte das Reich 1867 in eine österreichische und eine ungarische Hälfte. Im Königreich Ungarn begann ab 1875 eine verstärkte "Magyarisierungspolitik", die bereits ein Jahr später zur Auflösung des Selbstverwaltungsgebietes der Siebenbürger Sachsen führte. Dank ihrer starken wirtschaftlichen Stellung, die ein lebendiges Kulturleben und eigenständiges Bildungssystem garantierte, war die deutsche Minderheit in Siebenbürgen jedoch weniger intensiv von den Magyarisierungsmaßnahmen betroffen. Das deutschsprachige Schulwesen der rund zwei Millionen Donauschwaben wurde hingegen bis zum Ersten Weltkrieg durch ein magyarischsprachiges ersetzt. Die Budapester Bemühungen, einen homogenen Nationalstaat zu schaffen, obwohl die Magyaren nur rund 50 Prozent der Bevölkerung stellten, und die demonstrative Zurückhaltung Wiens in dieser Frage führten zu einer Anlehnung der sächsischen und schwäbischen Eliten an das Deutsche Reich.

In der österreichischen Reichshälfte stellten die Deutschsprachigen mit etwa einem Drittel die relative Bevölkerungsmehrheit. Sie lebten in den Alpen- und Donauländern sowie in Teilen der böhmischen Länder in geschlossenen Siedlungsgebieten, in Galizien und der Bukowina als kleinere Gruppen. Das Entstehen von Nationalbewegungen in allen Teilen des östlichen Europa führte zu einer Erschütterung des habsburgischen Vielvölkerreiches, das nach dem Ersten Weltkrieg in zahlreiche kleinere Staaten zerfiel, in denen die Deutschsprachigen lediglich in der Republik Österreich die Bevölkerungsmehrheit bildeten.[7]

Zwischenkriegszeit
Gemäß den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages trat das Deutsche Reich 1919 größere Gebiete in seinen Ostprovinzen an die neu entstandene Republik Polen ab, etwa die Provinz Posen oder Teile von Westpreußen und Oberschlesien. Auch in diesen Gebieten hatten die Abgrenzung zwischen den ethnischen Gruppen und vor allem die preußische Germanisierungspolitik den deutsch-polnischen Gegensatz verschärft. Dieser führte dazu, dass sich rund 850.000 Deutsche, die sich nun innerhalb der Grenzen des polnischen Staates wiederfanden, bis 1925 für eine Übersiedlung nach Deutschland entschieden.[8] Beim polnischen Zensus von 1931 wurden 741.000 deutsche Muttersprachler gezählt, die Angehörigen der "deutschen Nationalität" wurden auf über eine Million Personen geschätzt. Mit 3,3 Millionen (1930) war die deutsche Minderheit in der 1918 gegründeten Tschechoslowakei wesentlich stärker. In den neu entstanden Staaten Estland, Lettland und Litauen lebten zusammen etwa 250.000 Deutsche. In Ungarn bekannten sich 1930 rund 477.000 Menschen zur "deutschen Nationalität", in Großrumänien waren es 745.000. Die deutsche Minderheit in Jugoslawien zählte etwa 500.000 Menschen.

Die politischen Vertreter der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa versuchten in der Zwischenkriegszeit deren Lage zu verbessern, unter anderem durch die Gründung eines eigenen europaweiten Interessenverbandes (Verband der deutschen Volksgruppen Europas). Dass die deutschen Minderheiten in der politischen Auseinandersetzung mit den Parteien der Mehrheitsgesellschaften oft als Repräsentanten des untergegangenen Habsburgerreiches oder des Kriegsverlierers Deutschland gesehen wurden und zahlreichen Schikanen ausgesetzt waren, stärkte insbesondere in der jüngeren Generation das Gefühl, eine Verbesserung ihrer Lage nur mit der Hilfe Deutschlands erreichen zu können.[9]

Dort hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg die Vorstellung einflussreiche Anhänger gewonnen, bei den deutschen Minderheiten jenseits der Reichsgrenzen handele es sich um "Auslandsdeutsche", die nicht nur "im Erhalt ihres Deutschtums" unterstützt, sondern auch in den Dienst des Reiches gestellt werden sollten. In diesem Sinne wollte das 1917 in Stuttgart gegründete Deutsche Ausland-Institut die Verbindungen dieser "Diaspora" mit der "alten Heimat" stärken. Da nach dem Ersten Weltkrieg die Zahl der deutschen Minderheiten im östlichen Europa beträchtlich gestiegen war (insgesamt auf etwa 8,5 Millionen), nahm auch in der Weimarer Republik das öffentliche Interesse an den "Auslandsdeutschen" zu. Insbesondere Organisationen, die revisionistische Ziele verfolgten, traten für ein Protektionsverhältnis gegenüber den "Grenzlanddeutschen" ein, die in Gebieten wohnten, die vor dem Versailler Vertrag zu Deutschland gehört hatten. Die Ausreise dieser Deutschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit nach Deutschland wurde im Reich durchaus kritisch bewertet, da sich damit die Chancen auf eine Revision der ungeliebten neuen Grenzen verschlechterten.[10]

Diese Tendenzen verstärkten in den ostmittel- und südosteuropäischen Ländern die Ängste der Eliten vor einem Zerfall ihrer multiethnischen Staaten. Wie im Falle Ungarns vor dem Ersten Weltkrieg führte diese Wahrnehmung zu einer weiteren Einschränkung der politischen Partizipationsmöglichkeiten der Minderheiten. Diese Spirale des gegenseitigen Misstrauens und die Verschlechterung der Lage der deutschen Minderheiten bereiteten einer jüngeren Generation von Politikern in den Reihen der "Auslandsdeutschen" den Boden für neue, radikalere Wege. Nach 1933 kam es zu einer engen Vernetzung dieser Politikergeneration mit den nationalsozialistischen Kräften im Reich. Beiden gelang es innerhalb weniger Jahre, die politischen und gesellschaftlichen Strukturen der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa mit Berlin gleichzuschalten und die historisch gewachsenen Parteien und Vereine der "Volksdeutschen" konsequent zu zerschlagen. Danach stellten sie die deutschen Minderheiten im vollen Umfang in den Dienst des von Deutschland verbrecherisch begonnenen und geführten Zweiten Weltkriegs.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit
Dass es den Nationalsozialisten nicht darauf ankam, die Lage der Deutschen in ihren jeweiligen Heimatländern zu verbessern, sondern diese direkt als Ressource zum Erreichen ihrer Kriegsziele einzusetzen, wurde bereits kurz nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs deutlich. Unter Federführung des "Hauptamts Volksdeutsche Mittelstelle" wurden zwischen 1939 und 1941 etwa eine Million Deutschsprachige aus Estland, Lettland, Litauen, Wolhynien, Galizien, der Bukowina, Bessarabien, der Dobrudscha, Südtirol und Krain umgesiedelt. Die aus Sicht Berlins "nicht überlebensfähigen Volkssplitter" wurden – nach der Vertreibung polnischer und slowenischer Bauern – zum größten Teil in Regionen angesiedelt, die von Deutschland besetzt und in das Reichsgebiet eingegliedert worden waren. Mit den Annexionen des "Sudetenlandes" (1938), des "Protektorates Böhmen und Mähren" (1939), des Memellandes (1939) und nach Kriegsbeginn der freien Stadt Danzig sowie westpolnischer und slowenischer Gebiete wurden über vier Millionen "Auslandsdeutsche" wieder oder zum ersten Mal Bürger des Deutschen Reiches. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde im August 1941 durch Moskaus Erlass die deutsche Minderheit des Landes pauschal als "Volksfeind" deklariert. Bis zu einer Million Deutsche wurden 1941/42 in die asiatischen Teile der Sowjetunion deportiert, wo sie – bei einer sehr hohen Sterblichkeitsrate – bis 1955 in Sonderlagern Zwangsarbeit verrichten mussten. Eine Rückkehr in ihre alten Siedlungsgebiete blieb verboten.[11]

Als die Rote Armee nach dem Sieg von Stalingrad 1943 in die Gegenoffensive überging und im Sommer 1944 an der Grenze Ostpreußens stand, fürchteten viele Deutsche Vergeltungsaktionen für Hitlers Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die millionenfache Ermordung der jüdischen und slawischen Bevölkerung Europas. Allein zwischen August 1944 und Mai 1945 flohen etwa vier bis fünf Millionen Deutsche aus den Gebieten zwischen Ostsee und Adria. Nach dem Krieg beschlossen die Alliierten eine "Westverschiebung" Polens – es musste seine Ostgebiete an die UdSSR abtreten und erhielt dafür die östlich der Oder und Neiße gelegenen Territorien Deutschlands, in denen es die aus Ostpolen vertriebenen Polen ansiedelte. Um diese Grenzziehung abzusichern, verfügten die Alliierten, die Deutschen aus den erwähnten Gebieten "auszuweisen", sofern sie nicht bereits geflohen oder den sogenannten "wilden Vertreibungen" 1944/45 zum Opfer gefallen waren. Diese Maßnahmen betrafen auch die Deutschen in der Tschechoslowakei und in Jugoslawien sowie etwa die Hälfte der Ungarndeutschen. Von den mehr als 18 Millionen Deutschen, die vor 1939 östlich von Oder und Neiße gelebt hatten, starben rund zwei Millionen infolge von Flucht, Vertreibungen oder Deportationen in die Sowjetunion. Etwa zwölf Millionen erreichten bis 1950 die Bundesrepublik Deutschland und die DDR sowie etwa 400.000 Österreich.[12]

Um 1950 lebten vor allem im polnischen Oberschlesien, der slowakischen Zips, Ungarn, Rumänien und in den asiatischen Teilen der Sowjetunion noch über vier Millionen Deutsche. Ihnen galten zahlreiche diskriminierende Maßnahmen,[13] zudem wurden die deutschen Bildungs- und Kultureinrichtungen verboten. Lediglich in Rumänien wurde ein regimekonformes deutschsprachiges Unterrichtswesen geduldet. Die vor dem Krieg oft exponierte Rolle der Deutschen im Kultur- und Wirtschaftsleben wurde nun in ihr Gegenteil verkehrt, was dazu führte, dass ab 1950 insgesamt 4,5 Millionen Aussiedler und Spätaussiedler vor allem die Sowjetunion, Polen und Rumänien verließen.[14]

Aktuelle Lage

Ostmittel- und Südosteuropa
Derzeit leben noch rund 500.000 Deutsche in Ostmittel- und Südosteuropa, die größten Gruppen in Polen (zwischen 148.000 und 350.000), Ungarn (132.000) und Rumänien (36.900). Etwa 40.000 verteilen sich auf Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien.[15]

Der Siedlungsschwerpunkt der Deutschen in Polen liegt heute in Oberschlesien. Politisch vertreten werden sie vom Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften (VdG). 2016 stellte die deutsche Minderheit einen Abgeordneten im polnischen Parlament sowie im Oppelner Schlesien einen Vizemarschall, zwei Landräte und 26 Bürgermeister. Der VdG gibt das auflagenstärkste deutsche Periodikum Polens, das "Schlesische Wochenblatt" heraus. Insbesondere der Ausbau des deutschsprachigen Schulwesens gehört zu den Hauptzielen des VdG, das – verglichen mit der Größe der deutschen Minderheit – immer noch unterentwickelt ist. Muttersprachlicher Unterricht, der in der Zeit der kommunistischen Herrschaft verboten war, wird seit 1990 wieder angeboten, nämlich an sechs Schulen mit bilingualer Ausrichtung und 582 polnischsprachigen Schulen mit dem zusätzlichen Fach "Deutsch als Minderheitssprache" (drei Wochenstunden).[16]

Vor ähnlichen Herausforderungen steht auch das Bildungswesen der Deutschen in Ungarn, die vor allem im Umkreis Budapests sowie im Süden und Westen des Landes leben. Repräsentationsorgane der Ungarndeutschen sind auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene die "Selbstverwaltungen", die die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der deutschen Minderheit vertreten. Ihr wichtigstes Periodikum ist die wöchentlich in Budapest erscheinende "Neue Zeitung". Die Ungarndeutschen werden im ungarischen Parlament von einem "Sprecher" repräsentiert, der zwar kein Stimm-, aber Rederecht besitzt. Obwohl die Ungarndeutschen bereits an der Trägerschaft von mehr als 40 deutschen Bildungs- und Kultureinrichtungen beteiligt sind, hat für ihre Selbstverwaltungen vor allem der Ausbau eines modernen muttersprachlichen Schulwesens Priorität. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass von den 132.000 ungarischen Staatsbürgern, die sich bei der Volkszählung von 2011 zur deutschen Minderheit bekannten, lediglich 38.000 Deutsch als Muttersprache angaben. Muttersprachlicher Unterricht wird an 28 Grundschulen und zehn Gymnasien mit bilingualer Ausrichtung sowie an rund 280 ungarischsprachigen Schulen als Zusatzfach "Deutsch" (fünf Wochenstunden) erteilt.[17]

Anders ist die Ausgangslage in Rumänien, wo sich zwischen nationalem Bekenntnis und Muttersprache keine Schere auftut. 2014/15 besuchten landesweit 17.000 Schülerinnen und Schüler die 84 muttersprachlichen Schulen, darunter etwa 20 Gymnasien beziehungsweise gymnasiale Abteilungen, in denen fast alle Fächer in deutscher Sprache unterrichtet werden. Bei über 90 Prozent der Schüler handelt es sich um ethnische Rumänen (zum Teil auch Ungarn), die das Fortbestehen des rumäniendeutschen Bildungssystems, aber auch der einzigen deutschsprachigen Tageszeitung im östlichen Europa, der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien", gewährleisten. Die Schwerpunkte der deutschen Siedlungsgebiete liegen in Siebenbürgen und im Banat, wo auch die beiden größten "Regionalforen" des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), der politischen Vertretung der deutschen Minderheiten, existieren. Die Rumäniendeutschen sind durch einen Parlamentarier in der Abgeordnetenkammer vertreten, darüber hinaus in mehreren Kreis-, Stadt- und Gemeinderäten. Obwohl der Anteil der Siebenbürger Sachsen in ihrem politischen und kulturellen Zentrum Hermannstadt/Sibiu (147.000 Einwohner) mittlerweile nur noch 1,6 Prozent beträgt, stellt das DFDR seit 2000 die absolute Mehrheit der Stadtratsmitglieder sowie den Bürgermeister beziehungsweise seit 2014 die Bürgermeisterin. Der langjährige Bürgermeister von Hermannstadt und Landesvorsitzende des DFDR, Klaus Johannis, wurde 2014 zum Staatspräsidenten gewählt.[18]

Nachfolgestaaten der Sowjetunion
In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion leben etwa 700.000 Menschen, die sich vor allem als Angehörige der deutschen Minderheiten in der Russischen Föderation (rund 400.000 bis 500.000), in Kasachstan (182.000) und in der Ukraine (33.000) bekennen. Rund 25.000 Deutsche verteilen sich auf Belarus, die Republik Moldau, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan.

Der Schwerpunkt der deutschen Siedlungsgebiete in Russland befindet sich seit der Deportation der Russlanddeutschen 1941 in Sibirien. Die zahlenmäßige Stärke der deutschen Minderheit geht aus den Volkszählungen hervor, die nach sowjetischem Muster unter anderem "Nationalität" (im Sinne von Abstammung) sowie "Muttersprache" erheben. Da die nationale Zugehörigkeit in den sowjetischen Pass eingetragen wurde, entfaltete diese Praxis – in Ermangelung anderer Mittel zur Gruppenbildung – unter den Russlanddeutschen besondere identitätsstiftende Wirkung. Nach dem gescheiterten Versuch der Gesellschaft "Wiedergeburt", die in der Vorkriegszeit autonome russlanddeutsche Wolga-Republik wiederherzustellen, wurde 1996 die Föderale deutsche nationale Kulturautonomie als Vertretungsorgan gegründet. Ergänzend dazu etablierte sich 1991 der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) als Interessenvertretung der russlanddeutschen Begegnungszentren. Das an einigen russischen Schulen angebotene Fach "Deutsch als Muttersprache" hat sich in den vergangenen Jahren aufgrund der mangelnden Deutschkenntnisse vieler russlanddeutscher Schüler zu einem erweiterten Fremdsprachenunterricht für alle Schüler entwickelt. Bei der Volkszählung 2010 gaben etwa 42.000 Personen Deutsch als Muttersprache an. Die Kommunikation zwischen den über extrem große Distanzen verstreuten russlanddeutschen Gruppen erfolgt heute über das Internet und die wöchentlich herausgegebene deutschsprachige "Moskauer Deutsche Zeitung".[19]

Das Pendant dazu erscheint als "Deutsche Allgemeine Zeitung" in Almaty, Kasachstan. Die einzige deutschsprachige Wochenzeitung im postsowjetischen Zentralasien wurde 1966 als Presseorgan der damals noch fast eine Million starken deutschen Gruppe in Kasachstan gegründet. Die schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den zentralasiatischen Republiken in den frühen 1990er Jahren haben dazu geführt, dass der Anteil der ausreisewilligen Deutschen hier deutlich höher als in Russland war. Die verbliebenen Deutschen haben sich in der Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans "Wiedergeburt" (AgVDK) zusammengeschlossen, die einige deutsche Kultureinrichtungen betreibt, in Almaty etwa das Deutsche Haus und das Deutsche Theater sowie einen deutschsprachigen Radiosender.[20]

In der Ukraine, vor allem in der Ost- und Südukraine, in Kiew sowie in Transkarpatien (Karpatenukraine) leben heute noch 33000 Deutsche, die als nationale Minderheit anerkannt sind. Wie in Russland gründete ab 1990 die Gesellschaft "Wiedergeburt" rund 60 deutsche Begegnungszentren, deren Arbeit vom Dachverband Rat der Deutschen der Ukraine koordiniert wird. Die Vermittlung der Muttersprache beschränkt sich auf Sprachkurse, die die jeweiligen Begegnungszentren der deutschen Minderheiten anbieten. An etwa jeder zweiten staatlichen Schule kann Deutsch als zweite Fremdsprache erlernt werden.[21]

Perspektiven

Die größten Herausforderungen für die meisten deutschen Minderheiten im östlichen Europa stellen der durch die massenhafte Aussiedlung bedingte zahlenmäßige Rückgang ihrer Angehörigen sowie der massive Sprachverlust in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Auch Generationenkonflikte, die sich aus unterschiedlichen Einstellungen gegenüber einer möglichen Ausreise nach Deutschland, der Pflege des Brauchtums oder des Verhältnisses zur Mehrheitsgesellschaft ergeben, belasten oft die deutschen Minderheiten. Dennoch konnten sich die deutschen Gruppen vor allem in Russland, Polen, Ungarn und Rumänien konsolidieren. Nach 1989 haben sich die Rahmenbedingungen für ihre Entfaltung grundsätzlich verbessert. Dazu haben die Minderheitenschutzabkommen und die Integration der ostmittel- und südosteuropäischen Staaten in die euro-atlantischen Strukturen beigetragen, aber auch die teilweise (von Staat zu Staat unterschiedlich) gewachsene Aufgeschlossenheit der Mehrheitsgesellschaften für die Belange der deutschen Minderheiten.

Die Minderheitenförderung auf der innerstaatlichen Ebene wird in vielen Fällen auf einer zwischenstaatlichen ergänzt. Mit mehreren Staaten im östlichen Europa hat Deutschland 1991/92 Verträge "über (gute Nachbarschaft und) freundschaftliche Zusammenarbeit (und Partnerschaft in Europa)" geschlossen, die eine Förderung der Minderheiten durch die Bundesregierung ermöglichen. Die Verträge sehen Jahresplanungs- oder Rundtischgespräche zwischen den Vertretern der jeweiligen Regierungen beziehungsweise bilaterale Regierungskommissionen zur Förderung der deutschen Minderheiten vor. Innerhalb der Bundesregierung sind drei Ministerien für die Förderung der deutschen Minderheiten im östlichen Europa zuständig:
  1. Das Auswärtige Amt finanziert kulturelle, wissenschaftliche und medienpolitische Vorhaben sowie Maßnahmen zur sprachlichen Förderung der deutschen Minderheiten.[22]
  2. Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten im Bundesministerium des Innern ist für die Koordinierung der Hilfsmaßnahmen für die in den Herkunftsgebieten der Aussiedler verbliebenen Deutschen zuständig. Der Aussiedlerbeauftragte hat für die deutsche Seite den Co-Vorsitz in den bestehenden Regierungskommissionen für die Angelegenheiten der deutschen Minderheiten inne. Gefördert werden kulturelle Vorhaben, Projekte zur Unterstützung der Selbstverwaltungsstrukturen der deutschen Minderheiten sowie soziale und karitative Maßnahmen.[23]
  3. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsministerin im Bundeskanzleramt, fördert auf der Grundlage des Bundesvertriebenengesetzes vor allem Denkmalschutzprojekte.[24]
Die Förderung deutscher Minderheiten im östlichen Europa wurde von allen bisherigen Bundesregierungen – insbesondere vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert – als eine Selbstverpflichtung betrachtet. Dabei galt, anders als vor 1945, stets das Prinzip des Einvernehmens mit den jeweiligen Heimatstaaten. Dieses wird unter anderem dadurch erzielt, dass die Fördermaßnahmen auch der Mehrheitsgesellschaft in den Siedlungsgebieten der deutschen Minderheiten zugutekommen.

Deutschsprachige im westlichen Europa

Im westlichen Europa entstanden deutschsprachige Minderheiten erst nach dem Ersten Weltkrieg, sieht man von den Elsässern und Lothringern ab, deren Regionen auch schon vor 1871 zu Frankreich gehörten. Als Folge der Friedensverträge von 1919 wurden die Deutschsprachigen in Nordschleswig, Ostbelgien, Elsass und Lothringen sowie in Südtirol Staatsbürger anderer Länder.[25] Mit etwa einer Million Menschen weisen sie heute fast die gleiche demografische Stärke auf wie die deutschen Minderheiten im östlichen Europa und Zentralasien.

Die französischen Regionen Elsass und Lothringen waren bis ins 17./18. Jahrhundert Teile des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Während im Elsass ein alemannischer Dialekt gesprochen wurde, gehörte der Nordosten Lothringens zum fränkischen Sprachraum. In beiden Regionen setzte sich nach der Revolution von 1789 als Hochsprache das Französische weitgehend durch, wobei im Alltag der jeweilige deutsche Dialekt weiter verwendet wurde. Nach der zeitweiligen Zugehörigkeit "Elsass-Lothringens" zu Deutschland (1871–1918, 1940–1945) verlor die deutsche Standardsprache massiv an Bedeutung, aber auch die Zahl der Dialektsprecher nahm ab, unter anderem durch eine verstärkte Assimilierungsbereitschaft der Elsässer und Lothringer, durch Sprachkampagnen der französischen Regierung oder Binnenmigration aus anderen Teilen Frankreichs. Nach Angaben des Amts für Sprache und Kultur im Elsass sprechen gegenwärtig noch etwa 600.000 Menschen "Elsässisch" (34,6 Prozent der Bevölkerung), vor allem im ländlichen Raum. Die elsässische beziehungsweise lothringische Heimat- und Kulturbewegung, die von mehreren Vereinen und Organisationen getragen wird, setzt sich für den Erhalt der lokalen Dialekte und Traditionen ein. Politisch wird sie vor allem von der Elsässischen Volksunion vertreten.

Mit der Abtrennung der deutschen Kreise Eupen und Malmedy sowie eines Teils des Kreises Monschau entstand nach dem Ersten Weltkrieg eine deutschsprachige Minderheit in Ostbelgien. Dieses Gebiet wurde nach dem deutschen Überfall auf Belgien 1940 vom Deutschen Reich annektiert und 1945 wieder Belgien zugesprochen. Im Zuge der Föderalisierung Belgiens entstand 1984 die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG). Sie ist neben der Französischen und der Flämischen Gemeinschaft eine der drei Sprachgemeinschaften des Königreiches Belgien. Die DG umfasst heute neun Gemeinden mit etwa 77.000 Personen im Osten Belgiens. Parlament und Regierung der DG befinden sich in Eupen und besitzen umfassende Kompetenzen in den Bereichen Kultur-, Bildungs- und Beschäftigungspolitik.

Auch in Dänemark entstand nach dem Ersten Weltkrieg eine deutsche Minderheit. Durch Volksabstimmung fiel Nordschleswig 1920 an das im Krieg neutral gebliebene Königreich. Die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 garantieren die kulturelle Entfaltung der deutschen Minderheit in Dänemark auf der Grundlage eines freien individuellen Bekenntnisses zu dieser Gruppe. Die Minderheit umfasst etwa 12.000 bis 15.000 Angehörige, wird vom Bund Deutscher Nordschleswiger vertreten, betreibt 16 deutschsprachige Schulen, darunter ein Gymnasium, unterhält ein vielfältiges Vereinswesen und gibt die einzige deutschsprachige Tageszeitung der skandinavischen Länder heraus, den "Nordschleswiger".

Deutlich größer als die deutschsprachigen Minderheiten in Dänemark oder Belgien ist jene in Norditalien. In der autonomen Provinz Bozen leben rund 315.000 Deutschsprachige. Die Förderung der Südtiroler durch Österreich verdeutlicht, dass Deutschland nicht zwangsläufig als Ansprechpartner für alle deutschsprachigen Minderheiten in Europa gelten muss. Das Beispiel der Elsässer zeigt wiederum, dass sich nicht alle deutschsprachigen Minderheiten im westlichen Europa als "nationale (deutsche) Minderheiten" im Sinne des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten des Europarates verstehen. Nicht zuletzt öffnet die Heterogenität der deutschsprachigen Gruppen in Westeuropa den Blick für den jeweiligen rechtlichen Rahmen, der von weitreichenden Selbstverwaltungen (Ostbelgien und Südtirol) über personenbezogene kulturelle Autonomien (Nordschleswig) bis hin zu rein zivilgesellschaftlich organisierten Heimatbewegungen (Elsass) reicht.[26]

Deutsche in "Übersee"

Die Auswanderung deutschsprachiger Gruppen in Länder jenseits des Atlantiks begann im späten 17. Jahrhundert. Hauptziele waren zunächst Nordamerika, ab dem frühen 19. Jahrhundert auch Südamerika, Australien und Neuseeland. Schon vor der Gründung der USA hatten sich rund 100.000 Deutschsprachige in den britischen Kolonien Nordamerikas niedergelassen, häufig aus religiösen Gründen. Allein zwischen 1816 und 1914 wanderten rund 5,5 Millionen Deutsche in die USA aus, nach dem Ersten Weltkrieg noch einmal etwa zwei Millionen und weitere 400.000 nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie ließen sich vor allem im Nordosten zwischen New York und Minnesota nieder. Mit 17 Prozent sind die 51 Millionen US-Amerikaner, die ihre Hauptabstammung als "Deutsch" bezeichnen, die größte Abstammungsgruppe in den Vereinigten Staaten.[27] In Kanada ließen sich deutsche Gruppen in geringerem Maße nieder, zunächst im späten 19. Jahrhundert, dann jedoch verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg mit etwa 250.000. Heute erinnern in den USA und Kanada vor allem deutschsprachige Vereine, die "deutsches Kulturgut" pflegen oder sich der Familienforschung widmen, an die deutschen Wurzeln dieser großen Einwanderergruppe – eine "nationale Minderheit", die sich als solche versteht, bilden sie jedoch nicht.[28]

Gegenüber der Auswanderung nach Nordamerika fiel jene nach Lateinamerika deutlich geringer aus. Insgesamt ließen sich in vier Auswanderungsphasen zwischen 1816 und etwa 1950 rund 400.000 Deutsche in Südbrasilien, Nordostargentinien, Uruguay, Paraguay, Südchile und zum Teil Mexiko nieder. Die Abgeschiedenheit der Gruppen verhinderte die Herausbildung einer gemeinsamen "deutschen" Identität, zumal sich auch die Unterschiedlichkeit der Ausreiseperioden zu einer mentalen Barriere zwischen den einzelnen Siedlergruppen entwickelte. Gegenwärtig wird die Zahl der Deutschsprachigen in Brasilien auf 500.000 bis 1,5 Millionen geschätzt, in Argentinien auf 300.000 bis 500.000, in Mexiko auf 150.000 sowie in Chile, Uruguay und Paraguay zusammen auf ebenfalls etwa 150.000 Menschen.[29]

Noch viel kleiner als die deutsche Auswanderergruppe in Lateinamerika war jene in Australien und Neuseeland, die sich ab dem späten 18. Jahrhundert bildete und sich vor allem aus Bauern, "Goldgräbern", Handwerkern und Arbeitern zusammensetzte. Während des Ersten Weltkriegs musste das in Australien entstandene deutsche Schul-, Vereins- und Pressewesen seine Aktivitäten einstellen. 1925 wurde die Einwanderung Deutscher wieder zugelassen, nach dem Zweiten Weltkrieg von der australischen Regierung sogar gefördert. Allein zwischen 1950 und 1961 siedelte sie insgesamt 91.000 Deutsche an. Mit 112.000 Personen, die in Deutschland geboren wurden, stellten die Deutschen 1991 die viertgrößte Gruppe unter den "ethnischen Minderheiten" des Landes, die Anzahl der "Deutschstämmigen" wurde 2006 mit über 820.000 angegeben (vier Prozent der Gesamtbevölkerung). Wie in Nordamerika sind die Deutschen Australiens und Neuseelands als Gruppe heute relativ unauffällig und sprechen auch zu Hause meist Englisch.[30]

Eine nennenswerte Auswanderung in die ab 1884 erworbenen Kolonien des Deutschen Reiches ergab sich nicht. Mit Ausnahme von Soldaten, Kolonialbeamten und Missionaren wanderten lediglich nach Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) mehrere Bauern und Handwerker aus. Vor dem Ersten Weltkrieg betrug die Zahl der in den Kolonien lebenden Deutschen nicht mehr als 18.600 Menschen. Heute leben rund 20.000 Deutschsprachige in Namibia.[31]

Fazit

Deutschland war bis in die 1950er Jahre weitgehend ein Auswanderungsland. Von der "Ostsiedlung" des Mittelalters bis zum frühen 19. Jahrhundert handelte es sich um eine transkontinentale, danach um eine transatlantische Migration, die bis zum "Wirtschaftswunder" anhielt. Ab dem Ende des Ersten, vor allem aber des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland zu einem Aufnahmeland für Deutsche aus dem östlichen Europa, die dort inzwischen keine größeren Minderheiten mehr bilden. Eine "Wanderung" Deutscher aus beziehungsweise nach Deutschland findet seit der Jahrtausendwende kaum noch statt. Soweit es absehbar ist, werden die deutschen Minderheiten im Ausland noch einige Generationen weiterbestehen, freilich in überschaubarem Umfang. Inwiefern die modernen Kommunikationsmöglichkeiten die Weitergabe deutscher Sprachkenntnisse unterstützen, Assimilationsprozesse beschleunigen oder die Herausbildung multipler Identitäten fördern werden, bleibt abzuwarten. Ohne Verzug sollte jedoch das von den Deutschen oft in jahrhundertealten Wechselbeziehungen mit ihren Nachbarn hervorgebrachte kulturelle Erbe gesichert werden.
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Fußnoten

1.
Der Begriff "östliches Europa" umfasst die Großregionen Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa.
2.
Zum Begriff "Minderheit" vgl. Georg Kneer, Nationalstaat, Migration und Minderheiten, in: Armin Nassehi (Hrsg.), Nation, Ethnie, Minderheit, Köln u.a. 1997, S. 85–102.
3.
Grundlegend zur Geschichte der Deutschen im östlichen Europa: Sabine Doering/Matthias Weber (Hrsg.), Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de«; Matthias Weber, Deutsche Minderheiten in der europäischen Siedlungsgeschichte, in: Christoph Bergner/ders. (Hrsg.), Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, München 2009, S. 33–45.
4.
Vgl. Konrad Gündisch, Deutsche, in: Harald Roth (Hrsg.), Studienhandbuch Östliches Europa, Bd. 1, Köln u.a. 20092, S. 463–471.
5.
Vgl. Klaus J. Bade (Hrsg.), Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland, München 1992, S. 29–84.
6.
Vgl. ebd., S. 85–134.
7.
Vgl. Gündisch (Anm. 4), S. 467ff.
8.
Vgl. Jochen Oltmer, Deutsche Zuwanderer aus den nach dem Ersten Weltkrieg abgetretenen Gebieten in Deutschland, in: Klaus J. Bade et al. (Hrsg.), Enzyklopädie Migration in Europa, Paderborn u.a. 2013, S. 525–529.
9.
Vgl. Weber (Anm. 3), S. 39ff.
10.
Vgl. Cornelia Eisler, Auslandsdeutschtum, in: Doering/Weber (Anm. 3); Dirk Hoerder, Geschichte der deutschen Migration, München 2010, S. 86f.
11.
Vgl. Alfred Eisfeld, Vom Stolperstein zur Brücke – Die Deutschen in Russland, in: Bergner/Weber (Anm. 3), S. 79–85.
12.
Vgl. Klaus J. Bade/Jochen Oltmer, Aussiedlerzuwanderung und Aussiedlerintegration, in: dies. (Hrsg.), Aussiedler: deutsche Einwanderer aus Osteuropa, Göttingen 20032, S. 18f.
13.
Vgl. Weber (Anm. 3), S. 35–42.
14.
Vgl. Gündisch (Anm. 4), S. 469ff.
15.
Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Deutsche Minderheiten stellen sich vor, Berlin 2016.
16.
Vgl. Maria Katarzyna Lasatowicz/Tobias Weger, Polen, in: Ludwig M. Eichinger et al. (Hrsg.), Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Mittel- und Osteuropa, Tübingen 2008, S. 147–158; Bernard Gaida, Vom Stolperstein zur Brücke – Die deutsche Minderheit in Oberschlesien, in: Bergner/Weber (Anm. 3), S. 91–99.
17.
Vgl. Christoph Bergner/Hans Zehetmair (Hrsg.), Deutsch als Identitätssprache der deutschen Minderheiten, München 2014, S. 53 f; Elisabeth Knipf-Komlósi, Ungarn, in: Eichinger et al. (Anm. 16), S. 267–281.
18.
Vgl. Johanna Bottesch, Rumänien, in: Eichinger et al. (Anm. 16), S. 331–348.
19.
Vgl. Nina Berend/Claudia Maria Riehl, Russland, in: Eichinger et al. (Anm. 16), S. 19–33; Eisfeld (Anm. 11), S. 85–89.
20.
Vgl. ebd.; Bergner/Zehetmair (Anm. 17), S. 39f.
21.
Vgl. Olga Hvozdyak, Ukraine, in: Eichinger et al. (Anm. 16), S. 85–103; Peter Hilkes, Migrationsverläufe: Aussiedlerzuwanderung aus der Ukraine, in: Bade/Oltmer (Anm. 12), S. 55–79.
22.
Vgl. Bergner/Zehetmair (Anm. 17), S. 23f.
23.
Weitere Informationen bietet die Homepage des Aussiedlerbeauftragten: http://www.aussiedlerbeauftragter.de«.
24.
Vgl. den Bericht der Bundesregierung zur Förderung der Kulturarbeit nach dem Bundesvertriebenengesetz 2013/2014, 15.7.2015, http://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/BKM/2015/2015-07-15-bericht-kulturarbeit-bundesvertriebenengesetz.pdf«.
25.
Vgl. Christoph Pan/Beate Sibylle Pfeil, Die Volksgruppen in Europa, Wien 2000, S. 45ff., S. 57ff., S. 73ff., S. 89–92.
26.
Vgl. Joachim Born/Sylvia Dickgießer, Deutschsprachige Minderheiten. Ein Überblick über den Stand der Forschung für 27 Länder, Mannheim 1989, S. 39–47, S. 75–83, S. 87–102, S. 105–116.
27.
Vgl. Dietrich Thränhardt, Auslandsdeutsche, in: Uwe Andersen/Wichard Woyke (Hrsg.), Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Heidelberg 20137.
28.
Vgl. Kerstin E. Finkelstein, Ausgewandert. Wie Deutsche in aller Welt leben, Berlin 2005.
29.
Vgl. Bade (Anm. 5), S. 135–230.
30.
Vgl. Hoerder (Anm. 10), S. 56–70.
31.
Vgl. ebd., S. 79f.
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Autor: Gerald Volkmer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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