Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.
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Verlorene Wirklichkeit? An der Schwelle zur postfaktischen Demokratie


24.3.2017
    Bevor die Massenführer die Macht in die Hände bekommen, die Wirklichkeit ihren Lügen anzugleichen, zeichnet sich ihre Propaganda durch eine bemerkenswerte Verachtung für Tatsachen überhaupt aus.

    Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955)
Nach der Amtseinführung Donald Trumps als US-Präsident am 20. Januar 2017 lösten folgende Fragen hitzige Debatten über ganz grundlegende Tatsachen aus: Hatte während seiner Antrittsrede die Sonne zu scheinen begonnen? Und wie groß war die Menge gewesen, die dem Ereignis beiwohnte – größer oder kleiner als 2009 bei Barack Obama?

Donald Trump sagte am Tag nach seiner Amtseinführung während einer Rede in der CIA-Zentrale: "Wir hatten ein riesiges Feld voll mit Leuten. Man sah das. Brechend voll. Heute Morgen stehe ich auf, schalte einen Sender ein, und die zeigen ein leeres Feld. Ich sage: 'Warte mal: Ich habe eine Rede gehalten. Ich habe hinausgeschaut. Es sah aus wie eine Million, eineinhalb Millionen Menschen.' (…) Der Regen hätte sie verscheuchen können. Doch Gott sah herab und sagte: 'Wir werden es bei deiner Rede nicht regnen lassen.' (…) Gleich im ersten Satz trafen mich ein paar Tropfen, und ich sagte: 'Oh, das ist, das ist verdammt schade – aber wir ziehen das durch!' Doch die Wahrheit ist, dass es augenblicklich aufhörte. Es war großartig. Und dann wurde es richtig sonnig – und dann ging ich weg und gleich, nachdem ich fort war, schüttete es. (…) Ehrlich, es sah aus wie eineinhalb Millionen Leute. Egal, wie viele es waren. Aber sie standen bis hinunter zum Washington Monument." [1]

Damit begann Trump seine Präsidentschaft mit leicht nachzuweisenden falschen Tatsachenbehauptungen. Die Fülle an Bildmaterial von der Amtseinführung zeigt zweifelsfrei, dass die Sonne sich während Trumps Antrittsrede zu keinem Zeitpunkt zeigte und die Menge nicht bis zum Washington Monument reichte. Auf Letzteres lassen auch die Passagierdaten der Washingtoner Verkehrsbetriebe schließen.

Bei der Pressekonferenz im Weißen Haus am 21. Januar ging Pressesprecher Sean Spicer jedoch noch einen Schritt weiter. Er griff die Medien wegen "absichtlich falscher Berichte" über die Größe der Menschenmenge an und stellte kategorisch fest: "Das waren die meisten Zuschauer, die jemals eine Amtseinführung miterlebten, Punkt. Sowohl vor Ort als auch weltweit."[2] Rückhalt erhielt er am selben Tag von Trumps Beraterin Kellyanne Conway, die angesichts der Diskrepanz zwischen den öffentlich zugänglichen Beweisen und Spicers Worten von "alternativen Fakten" sprach, die Spicer geliefert habe. Als dieser ein paar Tage später für eine Fragestunde erneut vor die Presse trat, sagte er: "Manchmal können wir [das Weiße Haus] den Tatsachen widersprechen."[3]

Ergibt es überhaupt einen Sinn, Tatsachen zu bestreiten, die leicht zu verifizieren sind, ihnen zu widersprechen oder "alternative Fakten" vorzulegen? Aus logischer Sicht jedenfalls nicht, denn man kann nicht "alternative Fakten" präsentieren, ohne dabei zu lügen oder sich zu irren. Tatsachen sind Tatsachen, sachliche Erklärungen sind entweder richtig oder falsch. Eine alternative Behauptung, die eine den Tatsachen entsprechende Aussage infrage stellt, ist schlicht eine falsche Behauptung. Auch aus erkenntnistheoretischer Sicht kann man nicht einfach Tatsachen widersprechen, ohne sich zu irren. Selbstverständlich lässt sich aber sehr wohl bestreiten, dass es sich um Tatsachen handelt. Ihnen zu widersprechen, bedeutet allerdings, der Wirklichkeit zu widersprechen. Ob wir es abstreiten oder nicht, und ob wir wollen oder nicht: Wenn die Sonne tatsächlich scheint, scheint sie – und zwar nur dann.

Als politische Strategie kann diese zweifelhafte Haltung zu Tatsachen allerdings durchaus sinnvoll erscheinen und mag sogar bereits zu einer erfolgreichen Strategie geworden sein. Denn das genannte Beispiel kann als Symptom einer sich entwickelnden postfaktischen Demokratie gedeutet werden.

Postfaktische Demokratie und Postwahrheitspolitik



Eine Demokratie befindet sich in einem postfaktischen Zustand, wenn nicht länger Tatsachen und Beweise, sondern opportune Narrative als Grundlage der Meinungsbildung in der öffentlichen Debatte und der Politik dienen. In einer postfaktischen Demokratie haben Tatsachen und deren Belege ihre Autorität verloren. Dann kann es zu politischem Erfolg führen, Fakten zu ignorieren. Dass Politikerinnen und Politiker Irrtümer in die Welt setzen und einen nachsichtigen Umgang mit Wahrheit und Lüge pflegen, ist keineswegs neu.[4] Ein goldenes Zeitalter der Demokratie, in der Politiker ehrlich und authentisch waren, hat es nie gegeben. Politik ist seit jeher ein einigermaßen schmutziges Geschäft, und ein gehöriges Maß an Täuschung und Maskerade gehören dazu – allerdings ohne jemals offen zutage zu treten.[5]

Das Neue an der postfaktischen Demokratie ist, dass man sich nicht mehr die Mühe geben muss, die Lüge zu verstecken oder den "Widerspruch" mit überprüfbaren Tatsachen zu unterfüttern. Wer beim Lügen ertappt wird, muss kaum Konsequenzen fürchten, solange er oder sie diejenigen, die die Lüge offenlegen, erfolgreich beschuldigen kann, selbst zu lügen und nicht vertrauenswürdig zu sein. Werden etwa Medien, die Lügen aufdecken, mit Erfolg als parteiisch gebrandmarkt – zum Beispiel als Teil der Opposition oder einer illegitimen Elite – oder wenn die Wählerinnen und Wähler ihnen selbst nicht trauen, dann zieht der Lügennachweis keinerlei ernsthafte Konsequenzen im Sinne eines Rückschlags in der politischen Karriere oder im Ansehen des Lügners nach sich. In der postfaktischen Demokratie scheint es nur noch zweitrangig zu sein, sich im Einklang mit den Tatsachen zu bewegen.

Die Diagnose des Postfaktischen verweist auf dasselbe Phänomen wie der Begriff der "Postwahrheit", wie ihn die Oxford Dictionaries definieren: "Bezieht sich auf und beschreibt Umstände, in denen objektive Tatsachen einen geringeren Einfluss auf das Zustandekommen öffentlicher Meinungen haben als Appelle an das Gefühl oder persönliche Ansichten."[6] Wir ziehen im hier dargestellten Zusammenhang den Begriff des Postfaktischen vor, da er die kontroverse philosophische Frage nach der Wahrheit nicht berührt, die im Falle kognitivistischer metaethischer Positionen auch Fragen nach normativer Wahrheit umfassen kann.[7] Das Postfaktische bezeichnet die faktische Wahrheit im engeren Sinn: eine Wahrheit, über die durch herkömmliche Quellen wie sinnliche Erfahrung, Wissenschaft, aber auch Journalismus entschieden wird, je nachdem, um welche Tatsachen es sich handelt.

Wenn die Arbeitsteilung zwischen politischen Akteuren und den Quellen von Tatsachen infrage gestellt wird, Fakten nicht mehr als gegeben akzeptiert werden und selbst Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden, wenn also solide, überprüfbare Fakten politisiert werden, um der politischen Logik einer parteiischen Auseinandersetzung zu folgen, gibt es für die politische Debatte keinen echten Fixpunkt mehr. Tatsachen werden zu Rosinen, die man sich herauspickt, wenn sie einer politischen Position oder einer Parteilinie entsprechen. Nicht nur Meinungen werden gewählt, sondern auch Fakten.[8] Selbst die Frage, ob die Sonne scheint oder nicht, ist in diesem extremen Szenario abhängig von der politischen Meinung. Wenn alles politisch ist, ist alles relativ – und die tatsächliche Wirklichkeit hat die Bühne der Politik verlassen. Das ist der Beginn der postfaktischen Demokratie.

Medienlandschaft ohne Torwächter



Das Postfaktische wird stark durch das Medienumfeld gefördert. Erst jüngst zeigte eine Analyse des US-amerikanischen Medienunternehmens Buzzfeed zur derzeitigen politischen Debatte in digitalen Medien in Deutschland, wie rasch und wie weit sich sogenannte Fake News und Verschwörungstheorien im Netz verbreiten.[9] Negative Geschichten über Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihre Einwanderungspolitik und deren Konsequenzen führten Ende 2016 vor allem auf Facebook zu einer Fülle an Reaktionen und Kommentaren. Ob sie den Tatsachen entsprachen, schien für den Grad der ihnen geschenkten Aufmerksamkeit und ihre Verbreitung keine große Rolle zu spielen – im Gegenteil: Zu den Geschichten, die 2016 die meisten Facebookaktivitäten nach sich zogen, gehörten gegenstandslose Zuschreibungen psychischer Probleme, Verschwörungsszenarien zu Merkels angeblicher Kontrolle über Massenmedien wie das ZDF und eine Falschmeldung mit einem Foto, das Merkel beim Selfiemachen mit einem der Terroristen hinter den Brüsseler Anschlägen im März 2016 "zeigte".[10]

Die Ergebnisse dieser Analyse entsprechen dem Befund einer wissenschaftlichen Untersuchung von 2015, demzufolge unbegründete Verschwörungsbehauptungen zeitlich und dem Umfang nach genauso stark kursieren, Aufmerksamkeit erhalten und nachhallen wie überprüfbare Tatsacheninformationen.[11] Für das Verbreitungspotenzial im Netz ist Faktizität zweitrangig. Im Umfeld der neuen Onlinemedien scheinen Gerüchte, Falschmeldungen und fingierte Geschichten gut zu gedeihen und lange zu leben. Bei der Wahrheit zu bleiben, gehört nicht zu den notwendigen Bedingungen für eine große Resonanz von Medieninhalten. Aufgeblähte Onlineaufmerksamkeit kann sich jedoch real auf die demokratische Debatte, die Meinungsbildung und die politische Landschaft auswirken – selbst wenn haltlose Inhalte als solche entlarvt werden.[12]

Mit dem Internet, der Digitalisierung und den sozialen Medien hat sich die Medienlandschaft dramatisch verändert. Traditionelle Medienanstalten haben ihr Monopol der Informationsverbreitung verloren. Konventionelle Torwächter für Informationen und Faktenwissen, also Journalistinnen und Redakteure, haben große Teile ihrer Macht eingebüßt. Das wurde zunächst als Demokratisierung der Medien gefeiert, denn die neuen digitalen und vernetzten Medien haben es möglich gemacht, ohne viel Aufwand Medieninhalte und Informationen auf Onlineplattformen und in sozialen Medien zu veröffentlichen, sodass heute jeder Einzelne ein Knotenpunkt der vernetzten Öffentlichkeit ist und dort eigene Meinungen äußern kann.[13]

Optimistischen Hoffnungen zum Trotz zeigen empirische Studien jedoch, dass die Aufmerksamkeit keineswegs gleichmäßiger unter den Informationsquellen verteilt ist als zu Zeiten, in denen Massenmedien de facto noch über das Monopol der Informationsverbreitung verfügten. Die Aufmerksamkeit verteilt sich nach Machtregeln.[14] Einige wenige große Vertriebskanäle und Onlineplattformen erhalten den Großteil der Aufmerksamkeit und bestimmen die Agenda. Diese Entwicklung hat die Rolle eines Torwächters und Informationsfilters untergraben, die der professionelle Journalismus innehatte.

Professionelle Journalisten und Redakteure folgen bei ihrer Arbeit ethischen Grundsätzen und Qualitätsrichtlinien. So hält etwa die Gesellschaft professioneller Journalisten in den USA die öffentliche Aufklärung für das umfassende demokratische Ziel ihrer Zunft und nennt eine Reihe von Prinzipien, die Journalisten befolgen sollen, wenn sie dieser Aufgabe gerecht werden wollen. Die Wahrheit zu suchen, sie zu überprüfen und fair und akkurat darüber zu berichten, steht an oberster Stelle.[15] Nun müssen aber politische Akteure aller Art, Bürgerinnen und Bürger sowie Aktivisten, aber auch anonyme Zyniker mit dem einzigen Ziel, durch Aufmerksamkeit zu Geld, Macht oder Ansehen zu kommen, nicht mehr über die Medienanstalten gehen und vorbei an journalistischen Torwächtern. Das Resultat: Bei der Verbreitung durch soziale Transmission überholen Fake News überprüfte Ereignisberichte.


Fußnoten

1.
Jon Sharman, Donald Trump: All the False Claims 45th President Has Made Since His Inauguration, 23.1.2017, http://www.independent.co.uk/-a7541171.html«.
2.
Sean Spicer, zit. nach Matt Ford, Trump’s Press Secretary Falsely Claims: "Largest Audience Ever to Witness an Inauguration, Period", 21.1.2017, http://www.theatlantic.com/politics/archive/2017/01/inauguration-crowd-size/514058«.
3.
David Smith, Sean Spicer Defends Inauguration Claim, 23.1.2017, http://www.theguardian.com/us-news/2017/jan/23/sean-spicer-white-house-press-briefing-inauguration-alternative-facts«.
4.
Siehe dazu auch den Beitrag von Stefan Marschall in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
5.
In den Worten des Philosophen Niccolò Machiavelli: "Wenn es manchmal notwendig ist, Tatsachen mit Worten zu verbergen, sollte dies so geschehen, dass man es nicht erkennt; wird es aber entdeckt, so sollte eine Verteidigung zur Hand sein.", in: The Historical, Political, and Diplomatic Writings of Niccolò Machiavelli, Bd. 4: Diplomatic Missions 1506–1527, Boston 1882, S. 422.
6.
Neil Midgley, Post truth, in: Oxford Dictionaries, Oxford 2017, en.oxforddictionaries.com/definition/post-truth.
7.
Siehe auch den Beitrag von Petra Kolmer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Vgl. Farhad Manjoo, True Enough: Learning to Live in a Post-Fact Society, New Jersey 2008.
9.
Vgl. Alberto Nardelli/Craig Silverman, Hyperpartisan Sites And Facebook Pages Are Publishing False Stories And Conspiracy Theories About Angela Merkel, 14.1.2017, http://www.buzzfeed.com/albertonardelli/hyperpartisan-sites-and-facebook-pages-are-publishing-false«.
10.
Vgl. ebd.
11.
Vgl. Marton Karsai et al., Collective Attention in the Age of (Mis)Information, in: Computers in Human Behaviour 51/2015, S. 1198–1204.
12.
Vgl. Emily Thorson, Belief Echoes: The Persistent Effects of Corrected Misinformation, Philadelphia 2013.
13.
Vgl. etwa Yochai Benkler, The Wealth of Networks, New Haven–London 2006.
14.
Vgl. James G. Webster, The Marketplace of Attention, Cambridge MA 2014.
15.
Vgl. Society of Professional Journalism, Code of Ethics, Indianapolis 2014, http://www.spj.org/ethicscode.asp«.
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