Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.
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Bullshit. Weder Wahrheit noch Lüge


24.3.2017
"Lügenpresse", rufen die Demonstranten der Pegida. Über ein "postfaktisches Zeitalter" und "alternative Tatsachen" schreiben die Autoren der Feuilletons. Und beide meinen das Gleiche, nur umgekehrt: Die jeweils andere Seite verbiege und verzerre die Wahrheit, und sie selbst müssen die Wahrheit verteidigen. Jeder glaubt zu wissen, was Sache ist, allseits erheben sich belehrende Zeigefinger. Selten war die Wahrheit so umstritten. Selten hatte sie so viele Fürsprecher und schien doch so bedroht. Manche ihrer Möchtegernretter sehen das Heil im Faktencheck, andere wollen die sozialen Medien regulieren.

Die derzeitige Wahrheitskrise wird nicht so einfach zu lösen sein. Um in einer solchen Situation Klarheit zu schaffen, empfiehlt es sich, von vorn anzufangen, bei den grundsätzlichen Dingen, etwa bei der Frage nach den richtigen Begriffen, um die Situation zu beschreiben und zu verstehen. Das ist eine Frage für Philosophen, denn Klärung und Schärfung von Begriffen gehören zu ihren Kernkompetenzen. Seit mehr als zwei Jahrtausenden beschäftigen sie sich mit dem Wesen der Wahrheit.[1] Sie denken über Wahrheit und Moral nach, stellen Theorien der Wahrheit auf, definieren Wahrheitsprädikate und Wahrheitsbedingungen. Bis vor ein paar Jahren war der Wert der Wahrheit unbestritten. Wer sie kannte, hatte Macht und Wissen. Dieser Zusammenhang löst sich offenbar auf. Heute hat Macht, wer Meinung und Stimmung fabriziert.

Einen Schlüsselbegriff zum Verständnis dieser Entwicklung prägte in den 1980er Jahren der Philosoph Harry Frankfurt: Bullshit.[2] Natürlich hat Frankfurt das Wort "Bullshit" nicht erfunden, aber er schärfte den Kraftausdruck zu einem philosophischen Fachbegriff. Bullshit ist Gerede, bei dem es dem Sprecher egal ist, ob es stimmt. Im Unterschied zum Lügner versuchen Bullshitter nicht, anderen gezielt eine Unwahrheit einzureden. Wahr oder unwahr, das kümmert sie wenig. Sie wollen Eindruck schinden. Bullshit kann harmlos und sogar unterhaltsam sein, aber in großen Mengen ist er schädlich und sollte enttarnt werden. Das Ausmaß und die Vielfalt des Bullshit scheinen unermesslich. Vermutlich wurde noch nie so viel Bullshit produziert wie heute.

Wenn es stimmt, dass die Menschheit dabei ist, in eine Ära des Bullshit einzutreten, dann wäre das eine Tragödie. Von den sokratischen Philosophen über die mittelalterlichen Scholastiker wie Thomas von Aquin, die Denker der Renaissance wie Galileo Galilei und Leonardo da Vinci, die wissenschaftlichen Pioniere der Royal Society in London bis zu den großen Philosophen und Naturforschern der Aufklärung, allen voran Immanuel Kant, erkennt man eine über die Jahrtausende anhaltende Bemühung, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Sollten all diese Anstrengungen vergeblich gewesen sein? Gewinnt zum Schluss doch der Blödsinn? Wird die Epoche der Aufklärung eines Tages nur noch eine Fußnote in der europäischen Kulturgeschichte sein? Eine kurze Erwärmung des Verstandes zwischen zwei Eiszeiten?

Eindrückliche Beliebigkeit



Bullshit wird nicht in der Absicht geäußert, etwas zu erklären. Er soll seine Adressaten nicht informieren, sondern Eindrücke in ihnen wecken. Bullshit ist ein Affront gegen die Adressaten, die ja meist zuhören, um etwas zu erfahren, und nicht, um bequatscht zu werden. Doch der angerichtete Schaden ist noch viel größer: Der Bullshitter untergräbt die Grundlagen der zivilisierten Kommunikation. Denn Verständigung zwischen Menschen funktioniert nur, wenn diese sich – zumindest meistens – um die Wahrheit über die Welt bemühen, in der wir leben. Würden wir dauernd Bullshit reden, würde die Bedeutung der Worte und Sätze, die wir sprechen, erodieren.

Würden wir uns zum Beispiel nicht mehr darum kümmern, ob das, was wir als "grün" bezeichnen, wirklich grün ist, würde das Adjektiv "grün" nichts mehr aussagen. Es könnte grüne Dinge benennen und rote und farblose – alle Dinge. Ein einzelner Mensch, der noch Wert auf die richtige Verwendung des Attributs "grün" legte, wäre verloren in der allgemeinen Beliebigkeit. Bullshit ist also ansteckend, er ist nicht nur selbst nichtssagend, sondern raubt auch Äußerungen, die eigentlich sinnvoll wären, ihre Aussagekraft.

Bullshitverdacht kommt zum Beispiel auf, wenn von der "Strafverfolgungsvorsorge" die Rede ist. Dieser Ausdruck gehört zum Genre der "Gefahrenabwehr" und hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur in der Politikersprache, sondern auch im Juristendeutsch etabliert. Dagegen kann doch niemand etwas haben: Gefahren abwehren, Straftaten verhindern, bevor sie begangen werden; gegen manche Maßnahmen, die hinter diesen Begriffen stecken, jedoch durchaus: Es geht um Videoüberwachung, um die Sammlung von Verbindungs-, Bewegungs- und biometrischen Daten – um Maßnahmen also, die auch in die Grundrechte unbescholtener Bürgerinnen und Bürger eingreifen, ohne dass erwiesen wäre, dass sie tatsächlich Straftaten verhindern.

Die Menge an solchem Ein-Wort-Bullshit ist so überwältigend, dass hier nur drei weitere Beispiele angeführt seien: "Verfassungsschutz" als Bezeichnung für eine staatliche Organisation, die zum Schutz der Verfassung offenbar immer wieder die von der Verfassung garantierten Rechte auf die Privatheit von Fernkommunikation und die Unversehrtheit der eigenen Wohnung beugen muss; "Exzellenzinitiative" als Bezeichnung für den aus der Not geborenen Plan, bei der Verteilung des knappen Budgets für Hochschulen einige wenige zu bevorzugen, weil es nicht für alle reicht; "Biosprit" als Bezeichnung für herkömmliches Benzin, dem ein geringer Anteil pflanzlichen Brennstoffs aus meist nichtbiologischem Anbau beigemischt wurde.

Mangel an Wahrhaftigkeit



Bullshitter, wie Frankfurt sie versteht, gerieren sich selbst als Überbringer der Wahrheit, obwohl gerade das nicht ihr Ansinnen ist. Vielmehr sind sie ihrem Wesen nach Blender, die mit ihrer Rede die Einstellungen derer beeinflussen wollen, zu denen sie sprechen. Bullshit entsteht zwar aus einem Mangel an Wahrhaftigkeit. Eine sachlich falsche Aussage ist aber nicht gleich Bullshit, sondern kann je nach Wissensstand und Absicht des Sprechers Irrtum, Lüge oder Bullshit sein: Wer dabei glaubt, die Wahrheit zu sagen, jedoch falsch liegt, irrt. Wer seinem Gegenüber gezielt und bewusst Falsches erzählt, lügt. Wem es gleich ist, ob das, was er sagt, stimmt oder nicht, und einfach nur Eindruck schinden und Stimmung machen will, redet Bullshit. Eine laxe Haltung zur Übereinstimmung zwischen der Welt und dem Gesagten, wo Sorgfalt angebracht wäre, bringt Bullshit hervor.

Bullshit ist in der Regel sozial schwächer sanktioniert als Lügen. Man lässt sich eher belabern als belügen. Wer entdeckt, dass man ihn belügt, wird wütend und fühlt sich hintergangen. Unter Lügenverdacht zu geraten ist der Schrecken jedes Politikers. Bullshit reden dürfen Politikerinnen und Politiker hingegen häufig ungestraft. Es wird sogar weithin von ihnen erwartet, dass sie Phrasen dreschen und Fragen ausweichen. Bullshit gehört zum Repertoire politischer Kommunikation

Aus philosophischer Sicht allerdings ist die Milde gegenüber Bullshit fragwürdig. Einem Lügner liegt an der Wahrheit. Er nimmt sie wichtig, deshalb will er sie verbergen. Zum Lügen gehört es, die Wahrheit genau zu kennen. Oft muss ein Lügner die Wahrheit sogar besser kennen als jemand, der sie ausspricht, denn ein Lügner muss seine Lüge in die Wahrheit einpassen und dafür sorgen, dass sie dem Weltbild seines Gegenübers so weit entspricht, dass dieser die Lüge als Wahrheit akzeptieren kann. Ein Bullshitter hingegen schert sich nicht um die Wahrheit und erstickt sie einfach mit seinem Gerede. Die Welt und sein Bild von ihr sind ihm egal. Er will seine Agenda durchsetzen.

"Der Lügner und der Wahrhaftige spielen dasselbe Spiel auf verschiedenen Seiten", sagt Harry Frankfurt. "Der Bullshitter spielt ein völlig anderes Spiel. Er ist weder für die Wahrheit noch gegen sie, er schert sich nicht um sie." Frankfurt hält Bullshit für eine noch größere Bedrohung unserer Zivilisation als das Lügen. "Es ist wichtig für uns, die Wahrheit zu respektieren. Der Lügner untergräbt nicht unseren Respekt für die Wahrheit, sondern unsere Kenntnis von ihr. Das ist schlecht, aber es unterscheidet ihn vom Bullshitter, der unseren Respekt für die Wahrheit untergräbt."[3] Auf diese Weise zersetzt Bullshit den Wert der Wahrhaftigkeit noch tiefer greifend als Lügen.


Fußnoten

1.
Siehe auch den Beitrag von Petra Kolmer in dieser Ausgabe. (Anm. d. Red.).
2.
Harry G. Frankfurt, On Bullshit, in: Raritan Quarterly Review 2/1986, S. 86–100.
3.
Ders., On Bullshit, Princeton 2005, S. 60
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Autor: Tobias Hürter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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