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Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.
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Wahrheit. Ein philosophischer Streifzug


24.3.2017
"Wahrheit" (griechisch aletheia, lateinisch veritas) ist seit jeher ein zentrales Thema der europäischen Philosophie. Kaum einem anderen hat sie sich so beständig gewidmet. Denn das mit "Wahrheit" letztlich Gemeinte ist von vitalem menschlichen und keineswegs nur von akademischem Interesse.[1] Das zeigt sich aktuell etwa an der öffentlichen Debatte um die post-truth era [2] oder an der allgemeinen Reaktion auf die Erfindung "alternativer Fakten" im Umkreis von US-Präsident Donald Trump. Ebenso deutet darauf hin, dass wir der Frage, mit der wir unserem Interesse an "Wahrheit" Ausdruck verleihen, selten sogleich die Formulierung "Was ist Wahrheit?" geben, wie sie diesem Beitrag zugrunde liegt. Denn in dieser Formulierung zielt die Frage bereits auf die theoretische Klärung eines bestehenden Sprachgebrauchs und eines sich darin manifestierenden Wahrheitsverständnisses. Meistens fragen wir: "Was ist wahr?" und meinen damit: Was ist "echt"? Was ist "fest"? Was ist "verbindlich"? So fragen wir nach allem, auf das man sich verlassen, auf das man bauen kann.[3] "Wahrheit" ist eine Grundfrage für uns Menschen, die wir unser Leben erhalten müssen.

Wahrheit als Verlässlichkeit



Beginnen wir deshalb unsere Abhandlung mit einer philosophischen Reflexion dieses vertrauten Sprachgebrauchs von "wahr" im Sinne von "verlässlich", wie er beispielsweise vorliegt, wenn wir von "wahrer Freundschaft" oder "wahrer Liebe" sprechen. Diese Redewendungen verweisen darauf, dass wir Verlässlichkeit offensichtlich in Bezugsverhältnissen suchen, die uns über alle physischen, kulturellen und persönlichen Unterschiede hinweg gleichsam hineintragen in die raum- und zeitlose Ordnungs- und Geltungsdimension der Vernunft – nüchterner formuliert: in Bezugsverhältnissen, die es ohne Vernunftgebrauch nicht gibt und die uns von sich aus mit der Forderung konfrontieren, der Gebrauch der Vernunft möge selbst durch Vernunft bestimmt sein.

Nennen wir nicht etwa "wahre Freundschaft" in Erfüllung dieser Forderung ein "Verbunden-Sein und Eines-Sein" zwischen zwei Menschen, um es mit Aristoteles auszudrücken,[4] bei der beide Seiten im Sagen und Tun stets die Mitte halten, sodass es nie zum Äußersten kommt und jemand einseitig alles nur auf sich bezieht? Ein im Großen und Ganzen ausgewogenes Übereinstimmungsverhältnis, in dem die Verbundenen, anstatt zu verschmelzen, gerade in ihrer Selbstständigkeit anerkannt sind? Für die philosophische Tradition jedenfalls war ein solch ausgewogenes und darum stabiles Verbunden-Sein die Antwort auf die Frage nach der mit "Wahrheit" gemeinten Verlässlichkeit. Dieser Tradition weiter folgend, wäre der "wahre Freund" ein Ideal, an dem wir den tatsächlichen Freund stets messen, sodass er stillschweigend auch immer mit der Frage konfrontiert ist, ob er nicht im anderen Extrem ein "falscher Freund" sei, der Freundschaft vorgaukelt, während "in Wahrheit" beispielsweise Eigennutz vorliegt.

Die uns ebenfalls vertraute Redewendung "in Wahrheit" führt unsere Reflexion einen Schritt weiter. Denn durch sie gerät in den Blick, dass wir uns auch und gerade dann, wenn wir gegenüber einer anderen Person behaupten, ein Dritter sei ein "wahrer" oder "falscher" Freund, in Bezugsverhältnissen bewegen, die uns in die Ordnungs- und Geltungsdimension der Vernunft hineintragen: Zu sagen, ein Freund sei ein "wahrer" oder "falscher", kann in Bezug darauf, was tatsächlich vorliegt – im Unterschied zu dem, was man meint oder glaubt –, selbst wahr oder falsch sein.

Weil das "menschliche Lebensinteresse am Verläßlichen"[5] einer klärenden Feststellung dessen, was der Fall ist, den Vorrang einräumen muss, thematisiert die Philosophie die dadurch motivierte Wahrheitsfrage als Frage nach der Wahrheit der menschlichen Erkenntnis (lateinisch cognitio). Darunter kann dasjenige Wissen verstanden werden, das aus einer intellektuellen Tätigkeit resultiert, die in Rückbezug auf unmittelbare Kenntnisse (notitia) und nach Art eines deklaratorischen Rechtsaktes auf das Erfassen einer Sachlage gerichtet ist, und das in Aussagesätzen seinen Ausdruck findet, die den methodisch begründeten Zusammenhang der Wissenschaft bilden.

Doch das, worauf sich die Erkenntnis bezieht, ist keineswegs immer schon etwas vom Menschen Gemachtes, das sich wie ein Rechtsverhältnis durchschauen ließe, und kann zugleich nicht ohne Weiteres auf ein höheres Vernunftwesen zurückgeführt werden, etwa auf einen Gott. Historisch stand die Philosophie daher stets vor der Aufgabe, zu erklären, wie und später auch ob überhaupt die Erkenntnisrelation nach Art der declaratio (Kundmachung, Offenbarung) verstanden werden kann. Wie auch immer die Antwort unter jeweils gegebenen Bedingungen ausfiel: Philosophisch war und ist "Wahrheit" vor allem die Ordnungs- und Geltungsdimension der Theorie, deren Kreis die Philosophie aufgrund der für sie charakteristischen Reflexionshaltung selbst so schließt, dass offensichtlich wird: Der Wahrheit lässt sich theoretisch nicht entkommen. Das hat Friedrich Nietzsche dokumentiert, als er erklärte, Wahrheit sei "die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte",[6] und dabei für sich selbst aber den Wahrheitsanspruch keineswegs suspendierte.[7]

Damit geht allerdings auch einher, dass es eine exakte Definition von Wahrheit und also eine abschließende Antwort auf die Frage, was Wahrheit ist, für uns nicht gibt. Allerdings hat die philosophische Tradition unserer Mühe, der Wahrheit diskursiv die für eine Definition nötigen Grenzen zu setzen, intuitiv dennoch etwas abgewonnen: dass es bei Wahrheit gerade um Offenheit geht – unter Geltungsaspekten: Offenbarkeit oder Unverborgenheit[8] –, die wir freilich erst immer wieder neu erringen müssen, ohne dass wir sicher sein können, sie zu erreichen.

Der folgende Streifzug durch die Geschichte der Philosophie ist auf die theoretische Wahrheit beschränkt. Er geht von der Vorstellung einer Kommunikationssituation aus, in der sich jemand mit jemand anderem ernsthaft über etwas in der objektiven Welt verständigt und der Zuhörer dem Sprechenden zweierlei unterstellt: erstens, dass dieser ihm nichts verhehlt, sondern "über das, was er weiß, so Auskunft gibt, daß [ihm] über die berichtete Sache (…) nichts verborgen bleibt";[9] zweitens, dass es eben Wissen im Sinne der Erkenntnis ist und nicht lediglich eine auf das Subjekt hin relativierte Meinung oder ein Glaube, an dem er teilhaben darf. In einem "‚verläßlichen Reden‘ hinsichtlich der Welt"[10] wäre Wahrheit in diesem Sinne eingelöst. Bei unserem Streifzug konzentrieren wir uns indes auf die Wahrheit des Wissens im Sinne des Erkennens, also des Erfassens einer als bestehend vorausgesetzten Sachlage.

Antike



Nie hat die Philosophie die Wahrheit systematisch nur auf der Seite des Wissens verortet. Immer sah sie die Wahrheit auch – und anfänglich sogar primär – auf der Seite der Wirklichkeit, nach der sich die Erkenntnis richten muss. Wahrheit war zuerst die Wirklichkeit selbst, und zwar "unter dem Aspekt ihrer Erkennbarkeit",[11] sodass die Ausdrücke "wahr", "seiend" und "erkennbar" austauschbar waren. Dabei hieß Erkennbarkeit bis ins 14. Jahrhundert hinein vor allem das Verbunden-Sein des kategorienbegrifflich unterscheidbaren Seienden, sein Hingeordnet-Sein auf ein höchstes Seiendes.

Allerdings hatte bereits Aristoteles (384–322 v. Chr.) nach entscheidenden Vorbereitungen durch Platon (ca. 428–348 v. Chr.) die Wahrheit auf eine reflektiertere Weise bestimmt. Aristoteles setzte beim Sprachgebrauch an. Seine Untersuchung der Verwendung der Ausdrücke "ist" und "ist nicht" in Aussagesätzen ergab, dass "ist" ein "Verbunden-Sein und Eines-Sein" bedeute und dementsprechend "ist nicht" ein "Nicht-Verbunden- und Mehrheit-Sein",[12] und zwar nicht bei den Sätzen, sondern bei den Tatsachen, auf die sich die Sätze beziehen. Von diesen sollten wir aufgrund "seelischer Ersterfahrungen" "Abbilder" in der Seele haben.[13]

So sollten Aussagesätze dann wahr sein, wenn sie wiedergeben, was man denkt, und man nicht "anders denkt, als die Dinge sich verhalten". Mithin sagt nach Aristoteles derjenige die Wahrheit, der vom Getrennten urteilt, es sei getrennt, von dem Zusammengesetzten, es sei zusammengesetzt",[14] während derjenige gleichsam falsch liegt, der das Gegenteil sagt: "Zu sagen (…), das Seiende sei nicht und das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr."[15] Es ist die Wirklichkeit, die diese Aussagen wahr macht.

In diesem Sinne war Aristoteles’ Konzeption eine Konzeption der Wahrheit und nicht der Falschheit, die das Fundament für die spätere Korrespondenz- oder Adäquationstheorie der Wahrheit legte. Für deren Entwicklung erwies sich zweierlei als wichtig: zum einen, dass man nach Aristoteles auch noch bei den Dingen selbst in Rücksicht darauf, was bei ihnen "durch Zusammensetzung und Trennung" vorliegt, vom Wahren und Falschen – vom "seienden Wahren oder Falschen" – sprechen konnte;[16] zum anderen, dass für Aristoteles die logische Ebene des Verstandes (griechisch dianoia) und der Aussage zwar die zentrale, aber nicht die einzige Ebene war, auf der Wahrheit statthaben sollte.

Die Kopplung von Aussagen mit der Wirklichkeit via "seelische Ersterfahrungen" war selbst systematisch wie eine Korrespondenzrelation gedacht, allerdings auf die herabgestufte Weise eines unmittelbaren Angrenzens-an oder Berührens. Das Berühren sollte für jene zwei Wissensebenen kennzeichnend sein, die in Aristoteles’ Systematik in der Vertikale die Extreme zu der Ebene des Verstandes bildeten: Zum einen die prälogische Ebene der Sinneswahrnehmung (aisthesis), in deren System das Tasten, mithin das Fühlen, den Mittelpunkt bildete. Zum anderen die hyperlogische Ebene der Vernunft (nous), deren Berühren für Aristoteles ein einfaches "Sagen" war, das der eidetischen Wirklichkeitsstruktur, dem Intelligiblen, galt. In beiden Fällen ist es laut Aristoteles so, dass das Wahre ein "Berühren" und damit "Wissen", das Falsche aber ein "Nicht-Berühren" und damit ein "Nicht-Wissen" ist.


Fußnoten

1.
Vgl. Herrmann Krings, Wahrheit, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.), Staatslexikon, Bd. 4, Freiburg/Br. 1995, S. 850–854, hier S. 851.
2.
Ralph Keyes, The Post-Truth Era, New York 2004.
3.
Der deutsche Ausdruck "wahr" bezieht sich etymologisch auf "Verlässlichkeit". Vgl. Joachim Gnilka, Wahrheit (biblisch), in: Heinrich Fries (Hrsg.), Handbuch theologischer Grundbegriffe, München 1963, Bd. 2, S. 794–800, hier S. 795.
4.
Aristoteles, Metaphysik, 2 Bde., Hamburg 1989/1991, 1051b, 11f.
5.
Krings (Anm. 1), S. 851.
6.
Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre, in: Karl Schlechta (Hrsg.), Friedrich Nietzsche. Werke in drei Bänden, Bd. 3, Darmstadt 19829, S. 415–925, hier S. 844.
7.
Ders., Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (1873), in: ebd., S. 309–322, hier S. 319.
8.
Vgl. u.a. Martin Heidegger, Zur Sache des Denkens, Tübingen 1969; Jan Szaif, Wahrheit, in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12, Basel 2004, Sp. 48–123, hier Sp. 48. Dieser "intersubjektive" Wahrheitsbegriff findet sich schon bei Homer.
9.
Ebd., Sp. 49.
10.
Parmenides, zit. nach ebd.
11.
Jan Szaif, Die Geschichte des Wahrheitsbegriffs in der klassischen Antike, in: ders./Markus Enders (Hrsg.), Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit, Berlin–New York 2006, S. 1–32, hier S. 2.
12.
Aristoteles (Anm. 4), 1051b, 11f.
13.
Ders., Kategorien, Hermeneutik, Hamburg 1998, 16a, 7f.
14.
Ders. (Anm. 4), 1051b, 5f., 3ff.
15.
Ebd., 1011b, 25f.
16.
Ebd., 1051b, 34f.
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Autor: Petra Kolmer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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