Archiv im Finanzamt, Berlin
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Arbeiten im Amt. Beschäftigungsverhältnis und Arbeitsbewusstsein im öffentlichen Dienst


31.3.2017
Wenn wir über die Zukunft der Arbeit sprechen, reden wir dann noch über Ämter? Wenn wir die vielfältige Berufswelt beschreiben, ist dann der Begriff des "Amtes" noch eine angemessene Kategorie? Wenn wir über Einstellungen zur Arbeit diskutieren, können wir dann noch mit dem Begriff des "Amtsethos" daherkommen? Das "Amt" scheint ein Begriff von gestern zu sein. Doch ist der Begriff des "Amtes" tatsächlich aus der Zeit gefallen? Die Kategorie "Amt" signalisiert Verbindlichkeit und Sicherheit. Spricht daher nicht vieles dafür, sich in Zeiten unsicherer Aussichten für Staat, Arbeit und Gesellschaft des Begriffs des "Amtes" oder des "Amtsethos" neu zu vergewissern?

Soziologie des Amtes



Wovon ist die Rede, wenn das Amt zum Thema wird? Es geht an dieser Stelle nicht um Gemeindeverband, Verwaltungsbezirk oder Gerichtssprengel – auch nicht um das kirchliche Amt. Es geht um eine institutionalisierte, mit der Ausbildung des modernen Staates eng verbundene soziale und professionelle Rolle. Im Amt spiegelt sich der Dienst an der Allgemeinheit. Der Staatsphilosoph Josef Isensee liefert aus juristischer Perspektive in seiner Schrift "Gemeinwohl und öffentliches Amt" wichtige Stichworte für ein soziologisches Amtsverständnis. Zwei Stichworte sind von besonderer Bedeutung: Zunächst der Hinweis, dass das Amt "eine Scharnierfunktion [hat] zwischen der staatlichen Organisation und dem einzelnen Menschen, der in ihrem Namen handelt. Es gibt ihm die Vollmacht und gewährleistet, dass das Handeln dem Staat zugerechnet wird und so zu rechtlicher Verbindlichkeit gelangt. Die Verbindlichkeit gründet nicht im Willen des jeweiligen Akteurs, sondern in der staatlichen Rechtsordnung".[1] Außerdem ist laut Isensee für die berufliche Rolles des Amtes wesentlich, "dass es seinem Inhaber ein Mindestmaß an eigenverantwortlicher Entscheidungsmacht eröffnet, die unmittelbar oder mittelbar nach außen wirksam wird. Hausinterne Beratung und Zuarbeit machen noch kein Amt, ebenso wenig technische Hilfsdienste, wie Schreib-, Kommunikations- oder Transportleistungen".[2]

Weiterführende Hinweise für eine Soziologie des Amtes liefert der Soziologe Everett C. Hughes.[3] Er fasst in seinen Forschungen das Amt als eine spezifische moderne Professionsrolle auf, in der sich idealtypisch ein gemeinwohlorientiertes Ethos herausbildet. Das Amt biete Sicherheit und materielle Unabhängigkeit. Es ermögliche Anerkennung und Status. Zugleich verpflichte es zur Loyalität: "Ein Amt besteht aus einer Reihe standardisierter Pflichten und Rechte, die auf eine Person in bestimmten definierten Situationen übergehen."[4] Der öffentliche Dienst auf staatlicher, regionaler oder lokaler Ebene ist in diesem Sinne der paradigmatische Ort der Amtstätigkeit und das Instrument der Umsetzung spezifischer wohlfahrtsstaatlicher Programmatiken – sei es in der Kommunalverwaltung oder im Gesundheitsdienst, im Bildungswesen oder in der Daseinsvorsorge.

Für eine erfolgreiche Amtserfüllung bedarf es freilich eines besonderen rechts- und sozialstaatlichen Schutzes zugunsten der Beschäftigten beziehungsweise Bediensteten. Für das Dienstrecht heißt das nach Isensee: "die rechtliche Anerkennung der schutzwürdigen beruflichen Belange, die Durchsetzbarkeit der Ansprüche, die freiheitsermöglichende Begrenzung der Dienstpflichten, die gerechte Gestaltung der Arbeitsbedingungen, nicht zuletzt die angemessene Abgeltung der Dienste und die soziale Sicherung. Diese Derivate des sozialen Rechtsstaates sind um des einzelnen Bediensteten willen da, aber auch um des Gemeinwohls willen. Denn die rechtliche und die wirtschaftliche Absicherung ist die unerlässliche Voraussetzung für die eigenverantwortliche, für die rechtlich integre und unbestechliche Amtsführung."[5]

Wohlfahrtsstrukturen und Leistungen des sozialen Rechtsstaates benötigen Personen, die sie tragen, ausführen und ihnen Richtung und Gesicht geben. Wer über die Vitalität der demokratischen Öffentlichkeit spricht, und wer sich Sorgen macht um die Institutionen des Rechtsstaates, der muss den dort ausgeübten Ämtern und Diensten Beachtung schenken, vor allem aber die Amtsträgerinnen und Amtsträger in den Blick nehmen. Die Rechts- und Verwaltungswissenschaften streifen bestenfalls die Arbeitswirklichkeit des Amtes, die Soziologie kennt den öffentlichen Dienst und die dort praktizierten Status- und Professionsrollen kaum.[6] Was zeigt uns aber der Blick auf die Arbeitssituation und Arbeitswirklichkeit öffentlicher Dienste?


Fußnoten

1.
Josef Isensee, Gemeinwohl und öffentliches Amt. Vordemokratische Fundamente des Verfassungsstaates, Heidelberg 2013, S. 109.
2.
Ebd., S. 110.
3.
Exemplarisch siehe Everett C. Hughes, Amt und Person, in: Thomas Luckmann/Walter-Michael Sprondel (Hrsg.), Berufssoziologie, Köln 1972, S. 345–354.
4.
Ebd., S. 345.
5.
Josef Isensee, Öffentlicher Dienst, in: Ernst Benda et al. (Hrsg.), Handbuch des Verfassungsrechts der Bundesrepublik Deutschland, Berlin–New York 19942, S. 1527–1577, hier S. 1541f.
6.
Vgl. hierzu kritisch Hans Peter Bull, Die Krise der Verwaltungstheorie. Vom New Public Management zum Governance-Ansatz – und wie weiter?, in: Verwaltungs-Archiv 1/2012, S. 1–30; Wolfgang Seibel, Verwaltung verstehen. Eine theoriegeschichtliche Einführung, Berlin 2016.
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Autor: Berthold Vogel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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