Archiv im Finanzamt, Berlin
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Das Ehrenamt. Empirie und Theorie des bürgerschaftlichen Engagements


31.3.2017
Ehrenamt hat Konjunktur: Spätestens seit dem Ende der 1990er Jahre ist das Ehrenamt in den öffentlichen Debatten präsent und zu einem wichtigen parteiübergreifend anerkannten Politikfeld der Bundespolitik geworden, das zu fördern sei.[1] Dennoch fällt es oft schwer, genau zu verstehen, was mit Ehrenamt eigentlich gemeint ist, wie man es erklären und fördern kann. Im Folgenden werden deshalb zunächst eine Definition für Ehrenamt vorgestellt und anschließend Zahlen zum ehrenamtlichen Engagement in Deutschland präsentiert, bevor drei theoriebasierte Erklärungen für Ehrenamt diskutiert werden: ökonomische, normativ orientierte und pragmatistische Theorien. Auf dieser Grundlage werden abschließend Folgerungen für die Förderung des Engagements gezogen.

Was ist Ehrenamt?



Engagementpolitik ist zum Teil auch Begriffspolitik, wie die Unterscheidung zwischen "traditionellem Ehrenamt" und modernen "aktivem Engagement" verdeutlicht.[2] Ich verwende hier die Begriffe Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches Engagement synonym. Im Selbstverständnis der Engagierten sind vor allem die Begriffe Freiwilligenarbeit und Ehrenamt gebräuchlich.[3]

Ehrenamt definiere ich als (1) Tätigkeiten, die (2) freiwillig und nicht auf materiellen Gewinn gerichtet, sowie (3) gemeinwohlorientiert sind, (4) öffentlich beziehungsweise im öffentlichen Raum stattfinden und (5) in der Regel gemeinschaftlich oder kooperativ ausgeübt werden.[4]

Die Tatsache, dass es sich um Tätigkeiten handelt, ist wichtig, um tätiges Engagement von einer einfachen Mitgliedschaft oder von Spenden abzugrenzen. Die bloße (fördernde) Zugehörigkeit zu einer Organisation, zum Beispiel als Mitglied im Sportverein, ist noch kein Ehrenamt, sondern nur Tätigkeit, die mit einem Zeitaufwand verbunden ist. Der Freiwilligensurvey unterscheidet einerseits Personen, die sich in Gruppen, Vereinen und Organisationen aktiv beteiligen (freiwillig oder öffentlich Aktive) und andererseits Personen, die sich zusätzlich dazu aktiv für das Gemeinwohl engagieren (freiwillig Engagierte). Ehrenamtliche sind also Menschen, die ihr Engagement handelnd realisieren.

Die Charakterisierung als freiwillig und nicht auf materiellen Gewinn ausgerichtet verdeutlicht, dass diese Tätigkeiten nicht über den Markt gehandelt werden, da sie nicht bezahlt werden. Entschädigungen für angefallene Kosten, die im Rahmen der ehrenamtlichen Tätigkeit entstanden sind, sind aber mit ehrenamtlichem Engagement vereinbar. Als Obergrenze können die Grenzen für Aufwandsentschädigungen des Einkommensteuergesetzes übernommen werden.[5] Mit dem Merkmal Freiwilligkeit werden außerdem Ehrenämter, die etwa im 19. Jahrhundert honorigen Persönlichkeiten verpflichtend übertragen wurden, von ehrenamtlichen Tätigkeiten heute unterschieden, die auf Freiwilligkeit beruhen. Pflichtehrenämter wie Wahlhelfer oder Schöffen werden daher hier nicht weiter berücksichtigt.

Die Gemeinwohlorientierung bedeutet, dass es sich um gesellschaftlich erwünschte Tätigkeiten in sozialen Austauschprozessen handelt; in Abgrenzung zu Hobby und Spiel. Ehrenamt soll auch einen Fremdnutzen – also Gemeinwohl – produzieren, ohne dass dies das primäre Ziel des Ehrenamtlichen sein muss. Ehrenamtliche, die sich in Selbsthilfegruppen engagieren, haben möglicherweise zunächst ihren Selbstnutzen im Blick und tragen dennoch zum Gemeinwohl bei. Ehrenamt kann aber nicht soziale Arbeit ersetzen.

Das Charakteristikum öffentlich verdeutlicht, dass es sich nicht um Haus- und Familienarbeit handelt, sondern um Tätigkeiten, die im öffentlichen Raum stattfinden. Auch wenn die Grenzen fließend sind, soll Ehrenamt von Verpflichtungen gegenüber Familienmitgliedern oder Nachbarn, zum Beispiel im Rahmen der Nachbarschaftshilfe, abgegrenzt werden.

Die Kennzeichnung als gemeinschaftlich oder kooperativ verweist auf die Einbettung in Institutionen oder Organisationen – in Deutschland überwiegend Vereine –, innerhalb derer Ehrenamtlichkeit ausgeübt wird, die weder Unternehmen noch staatliche Behörden sind. Für das Ehrenamt sind zumindest lose Organisationsformen des sogenannten Dritten Sektors notwendig.[6]

Anteil freiwillig Engagierter steigt



Laut Freiwilligensurvey waren 2014 in Deutschland 44 Prozent der über 14-Jährigen ehrenamtlich engagiert, 27 Prozent in einem Verein oder ähnliches aktiv und etwa 29 Prozent weder aktiv noch engagiert. Der Prozentsatz der Engagierten hat sich von 1999 bis 2014 um zehn Prozentpunkte erhöht, was aber zum Teil auf den Effekt "sozialer Erwünschtheit" zurückgeführt werden kann.[7] Zu beachten ist allerdings, dass abhängig von der Definition des Ehrenamts und der Befragungsmethode der Anteil ehrenamtlich Engagierter zu vergleichbaren Zeitpunkten in unterschiedlichen Untersuchungen zwischen 18 Prozent und 52 Prozent schwankt.[8] Daher sind unterschiedliche Untersuchungen nicht miteinander vergleichbar.

Im Ehrenamt gibt es starke geschlechtsspezifische Unterschiede. Laut dem Freiwilligensurvey 2014 sind mit 41,5 Prozent Frauen in etwas geringerem Maße freiwillig tätig als Männer (45,7 Prozent), wobei diese Unterschiede mit Blick auf die Arbeitsteilung in der Familie zu betrachten sind. Frauen reduzieren ihr ehrenamtliches Engagement sehr stark, wenn die jüngsten Kinder unter drei Jahre alt sind. Männer hingegen engagieren sich in dieser Lebensphase ihrer Kinder deutlich überproportional. Der typische Ehrenamtliche ist mittleren Alters, hat ein gehobenes Bildungsniveau, ist berufstätig und hat ein überdurchschnittliches Einkommen. Zwar könnte man glauben, dass ehrenamtliche Tätigkeiten besonders für Arbeitslose und Ruheständler attraktiv seien, da diese Personengruppen aufgrund der Tatsache, dass sie keiner Erwerbsarbeit nachgehen, mehr Zeit für Engagement hätten. Dies ist jedoch nicht der Fall, obwohl sich der Anteil der engagierten Personen über 65 von 23 Prozent 1999 auf 34 Prozent im Jahr 2014 erhöht hat.

Für die tatsächliche Aufnahme eines ehrenamtlichen Engagements sind bestimmte Rahmenbedingungen wie die räumliche und zeitliche Mobilität von Bedeutung. Die 14- bis 30-Jährigen, die seit ihrer Geburt an einem Ort leben, engagieren sich deutlich mehr, 2009 zu 41 Prozent, im Vergleich zu den Personen, die erst seit weniger als drei Jahren in einem Ort leben (32 Prozent). 1999 wohnten 46 Prozent der 14- bis 30-Jährigen an ihrem Geburtsort, während es 2009 nur noch 34 Prozent waren. Somit hat sich die räumliche Mobilität erhöht, was mit einer Reduktion des Engagements verbunden ist.

Die Personen, die ihre Freizeit verlässlich planen können und somit zeitlich weniger flexibel sein müssen, sind weit mehr engagiert (2009 zu 45 Prozent) als Personen, die das nur teilweise beziehungsweise gar nicht können (36 beziehungsweise 30 Prozent). Allerdings können nur 57 Prozent der Erwerbstätigen ihre freie Zeit unter der Woche verlässlich planen. Eine Zunahme der meist beruflich bedingten zeitlichen Mobilität reduziert also freiwilliges Engagement.

Die abgefragten Motive werden im Freiwilligensurvey 2009 drei verschiedenen Grundmustern zugeordnet: Gemeinwohlorientierung, Interessenorientierung und Geselligkeitsorientierung. Die Gemeinwohlorientierung zeigt sich etwa in der Aussage "Dass man etwas für das Gemeinwohl tun kann", was von den Befragten als das zweitwichtigste Motiv genannt wurde, oder in der Aussage "Dass man anderen Menschen damit helfen kann".

Die Interessenorientierung findet sich wieder in den Formulierungen "Dass die Tätigkeit auch für die beruflichen Möglichkeiten etwas nützt", "Dass man eigene Probleme in die Hand nehmen und lösen kann", "Dass man damit (berechtigte) eigene Interessen vertreten kann" und "Dass man die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen erweitern kann". Insgesamt sind die interessenorientierten Motive zwar vorhanden, werden aber im Vergleich zur Gemeinwohl- und Geselligkeitsorientierung als deutlich unwichtiger eingestuft.

Die Aussagen "Dass man mit sympathischen Menschen zusammenkommt" und "Dass man für seine Tätigkeit Anerkennung findet" werden der Geselligkeitsorientierung zugeordnet. Von besonderem Interesse sind die beiden Erwartungen, die einen spezifischen Handlungsbezug haben, nämlich "Dass man die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen einbringen kann" und "Dass die Tätigkeit Spaß macht" – das Motiv, das in allen Befragungen als die wichtigste Erwartung an das Engagement genannt wird. Beide Formulierungen beziehen sich auf Tätigkeiten, die Erfahrungen, Kenntnisse und Freude vermitteln und somit den Wert des Tätigseins an sich in den Blick nehmen.

Wie lassen sich diese unterschiedlichen Aussagen nun theoretisch einordnen?


Fußnoten

1.
Vgl. Daniela Neumann, Das Ehrenamt nutzen. Zur Entstehung einer staatlichen Engagementpolitik in Deutschland, Bielefeld 2016.
2.
Der Soziologe Ulrich Beck beispielsweise diagnostizierte einen Trend zum "altruistischen Individualismus", "für den die selbstorganisierte, projektbezogene und gemeinwohlorientierte Bürgerarbeit – und nicht das hierarchische, angestaubte Ehrenamt – die entscheidende Erprobungs- und Verwirklichungschance bietet". Ulrich Beck, Wohin führt der Weg, der mit dem Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft beginnt?, in: ders. (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt/M. 2000, S. 7–66, hier S. 48f.
3.
Vgl. hierzu die Umfrageergebnisse im Freiwilligensurvey 2009, hier S. 112. Der Freiwilligensurvey ist eine Erhebung zum freiwilligen Engagement im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf der Basis einer umfangreichen repräsentativen Umfrage, die 1999, 2004 und 2009 durch das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest Sozialforschung und in 2014 durch das Institut für angewandte Sozialwissenschaft durchgeführt wurde: http://www.dza.de/forschung/fws/publikationen/berichte.html«.
4.
Diese Definition stimmt weitgehend mit der des Freiwilligensurveys überein.
5.
Gegenwärtig sind dies 2.400 Euro pro Jahr für Übungsleiter und 720 EUR für sonstige Ehrenämter. Die Regelungen sind in der Abgabenordnung festgelegt.
6.
Der Dritte Sektor beinhaltet alle zivilgesellschaftlichen Institutionen, die weder der Wirtschaft noch dem Staat zuzurechnen sind.
7.
Damit ist gemeint, dass Befragte dazu neigen, Antworten zu geben, von denen sie annehmen, dass diese sozial erwünscht bzw. gesellschaftlich anerkannt sind. Durch die Zunahme der öffentlichen Debatten über freiwilliges Engagement könnte dieser Effekt ebenfalls zugenommen haben.
8.
Vgl. hierzu mit weiteren Verweisen Bettina Hollstein, Ehrenamt verstehen. Eine handlungstheoretische Analyse, Frankfurt/M.–New York 2015, S. 41.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Bettina Hollstein für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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