Liberty Island und die Freiheitsstatue im Nebel
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Outlaw, Clown, Selfmademan, Superheld und Störenfried. Donald Trump in den Augen der Popkritik - Essay


28.4.2017
Wenn man den US-Präsidenten und nicht mehr den Wahlkämpfer Donald Trump durch die Brille der Popkritik betrachtet, dann stellt sich zunächst die Frage nach der Legitimation eines solchen Vorgehens, das natürlich die politische Kritik keineswegs ersetzen will. Schließlich wird hier ein Politiker in Begriffen und Modellen beschrieben, die auf direkte Weise mit Politik gar nichts zu tun haben, sondern allenfalls Spiegelungen und Transportmittel sind: In der populären Kultur bildet sich das politische Leben indirekt ab.

Politik gehört in der Demokratie zur Sphäre des rationalen Diskurses, der sich auf Informationen, Interessen, Texte, Gesetze und Modelle bezieht und in dem alle Dinge ihre Ursachen und ihre Wirkungen haben, einer allgemeinen Verpflichtung zu Logik, Vernunft und Moral folgen und sich, wenn auch mit einigen Anstrengungen hier und dort, am Ende immer erklären lassen. Die Popkultur gehört zur Sphäre der Unterhaltung, der Fiktionen, Träume, Mythen, Affektbilder und Simulationen unter einer Glocke beständiger Fantasie, in der es nicht auf logische Verknüpfungen oder Transparenz der Motive ankommt, sondern auf Gefühle, Bildhaftigkeit, Effekte, und die sich jeglicher Vernunft strukturell entzieht.

In den hoch entwickelten postindustriellen Gesellschaften haben wir weitgehend gelernt, mit einem Leben in diesen zwei Welten zurecht zu kommen. Wir unterscheiden zum Beispiel sehr genau zwischen einem Fernsehkrimi und der Wirklichkeit von Polizei- und Justizarbeit oder einer Arztserie und realer medizinischer Vor- und Fürsorge. Aber seit Langem vermischen sich die beiden Sphären, und das geht weit darüber hinaus, dass jemand den Darsteller einer Krankenhausserie um eine ärztliche Diagnose bittet oder Hooligans das Spiel auf dem grünen Rasen in blutigen Auseinandersetzungen auf der Straße fortsetzen.

Politik wird Pop wird Politik



Von der alltäglichen Kochshow bis hin zur Reality Soap verwischen immer mehr Formate der populären Kultur die Grenze zwischen einer Abbildung der "ersten" Wirklichkeit und der Konstruktion einer "zweiten" Wirklichkeit. Nicht zuletzt Donald Trump selbst hat mit seiner durchaus "realistischen" und bösartigen Castingshow "The Apprentice" lange vor seiner Präsidentschaftskandidatur Maßstäbe gesetzt, indem er den Gewinnern der Show Jobs in seinen Firmen bot.

Umgekehrt werden in der Politik mehr und mehr die populären Medien und die Popkultur als Macht- und Meinungsmittel eingesetzt: In Wahlkämpfen finden Erkenntnisse der Werbepsychologie Verwendung, und PR-Agenturen werden zu bedeutenden Agenten des politischen Lebens; in Talkrunden wird offener und vor größerem Publikum debattiert als im Parlament; Inszenierung wird über Inhalte gestellt, bis hin zu der ständig wiederholten Beteuerung von Wahlverlierern, sie hätten nicht etwa ein falsches Programm angeboten, sondern dieses offenbar nicht richtig "verkauft"; es kommt zu einer Inflation von "Symbolpolitik", die weder Nutzen bringt noch Schaden abwendet, sondern sich für bestimmte Teile der Bevölkerung "gut anfühlen" soll; und Twitter ist zum Leitmedium der politischen Auseinandersetzung geworden, was so viel Beschleunigung wie Trivialisierung der Auseinandersetzung bedeuten mag: In der Twitter-Nachricht spricht weder das Amt noch der Diskurs, sondern immer die Person, und zwischen der privaten und der öffentlichen Erscheinung scheint eine klare Analogie zu bestehen – politische und persönliche Erscheinung sind nicht mehr voneinander getrennt.

In den vergangenen Jahrzehnten lautete der hoffnungsvolle Konsens, dass Popkultur und Politik zwar zunehmend partielle Übereinkünfte träfen – ein Wahlkampf wie eine Werbekampagne, ein Parteitag wie eine Showveranstaltung –, sich aber auch wieder trennen ließen – der als Popstar Gewählte verwandelt sich anschließend in einen vernünftig-moralischen politischen Akteur. Medienwirkung konnte als flüchtiges Bild der wirklichen politischen Arbeit abgetan werden. Das Versprechen des Präsidentschaftskandidaten Donald Trump war, dass es eine solche Trennung bei ihm nicht gibt. Das Fatale dieser Konstruktion beginnt sich zu zeigen: Seine Anhänger goutierten diese "Ganzheit" als spezielle Form der politischen Ehrlichkeit, tatsächlich aber handelt es sich darum, dass ein Politiker die Fähigkeit verloren hat, seine popkulturelle Maske wieder abzunehmen. Derjenige, der am fundamentalsten auf Donald Trump hereingefallen ist, ist Donald Trump.

Unabhängig von einer politischen oder moralischen Beurteilung seiner Dekrete, seiner Kommunikation oder seiner Personalentscheidungen zeigt sich, dass vieles von dem, was im Wahlkampf noch als Inszenierung, als bewusstes Rollenspiel und provokativer Regelverstoß gelten mochte, nun in eine Form und eine Technik des Regierens übernommen wird. In Trumps Rhetorik geht es weiterhin um Emotion und Affekt zulasten von Fakten und der Regeln von checks and balances, und seine Polemik gegen Vertreter der kritischen Presse überschreitet das Maß an Gereiztheit, das auch eine liberale politische Kultur ihren Protagonisten zubilligt.

So stellt sich Trump selbst außerhalb des demokratischen politischen Diskurses und wählt stattdessen die "alternative Wirklichkeit" der populären Kultur, der Unterhaltung und der fiktionalen Traummaschinen als Schauplatz der Auseinandersetzung über sich und sein Handeln als US-Präsident. Trump als einen Protagonisten der Popkultur zu sehen, hat nichts mit einer psychologischen Ferndiagnose zu tun. Es geht nicht um die Psyche dieses Präsidenten, mögen davon gelegentlich auch reichlich bizarre Signale an die Oberfläche treten, sondern um seine selbst gewählten oder ihm von der Öffentlichkeit zugeschriebenen Rollen, um ein Spiel mit Zeichen und Begriffen jenseits der diskursiven Rationalität. Ein populistischer Politiker macht mit Elementen der populären Kultur Politik.

Darauf antwortet ein nicht unerheblicher Teil dieser Kultur mit einer Politisierung des Pop, denn diese Anwendung hatte und hat ja durchaus Züge einer feindlichen Übernahme. Rockgruppen untersagten Trump die Verwendung ihrer Musik bei seinen Auftritten, "Star Wars"-Fans verwahren sich gegen Chefberater Stephen Bannons aberwitzigen Vergleich seiner Politik mit Darth Vader und der "dunklen Seite der Macht", und sogar die jüngste Oscar-Verleihung wurde auf ihren Gehalt als Anti-Trump-Gestus hin untersucht. Meryl Streep, Robert De Niro, Lady Gaga, Alec Baldwin oder Michael Moore, um nur einige der Prominenten aus dem Showbusiness zu nennen, die sich vehement gegen Trump ausgesprochen haben, können ihrerseits nicht anders, als in einer Mischung aus politischer und popkultureller Sprache zu antworten, als moralische Distanzierung ebenso wie als karnevaleske Karikatur.

Donald Trump, das ist ein allgemeiner Konsens noch vor jeder Parteinahme, hat (nicht nur) die amerikanische Gesellschaft gespalten, und diese Spaltung vollzieht sich nicht allein im Bereich der Interessen und Überzeugungen, sondern auch in dem der Bilder, Performances, Imaginationen. Daher ist es nicht nur legitim, sondern auch dringend erforderlich, die Kritik an ihm auch in diesen Bereich auszudehnen – zumal die Sphäre der Politik mit Blick auf das Phänomen Donald Trump als US-Präsident rat- und sprachlos bleibt. Es ist nicht nur eine Katastrophe in ihrer Erzählung der Welt eingetreten, sondern vielmehr die Katastrophe der Erzählung selbst: Die Möglichkeit, dass ein Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte, ist aus diskursiv-rationaler Perspektive nicht vorgesehen gewesen und entlang von Interessen, die durch Vernunft und Moral konditioniert werden, auch nicht zu erklären. Was aber nutzt Ablehnung ohne Verstehen? Es bleibt der Umweg über die Mythologie der populären Kultur.


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Autor: Georg Seesslen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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