Die Flaggen von Russland und Deutschland wehen in der westsibirischen Stadt Tomsk auf dem zentralen Platz vor der Kathedrale und einem Standbild von Lenin.
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Stalingrad: Gemeinsame Erfahrung, getrenntes Erinnern?


19.5.2017
Die Schlacht um Stalingrad (heute Wolgograd) von August 1942 bis Anfang Februar 1943 hat sich in das europäische Bewusstsein tief eingegraben als eine entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg. Obgleich andere Schlachten militärisch bedeutender gewesen sein mögen, hatte sie sowohl auf deutscher als auch auf sowjetischer Seite eine besondere psychologische Wirkung. So spielte der symbolüberladene Kampf um die Metropole an der Wolga über Jahrzehnte hinweg, bis in unsere Gegenwart, eine zentrale Rolle in der deutschen und sowjetischen beziehungsweise russischen Erinnerung an den Krieg. Dass diese äußerst unterschiedlich, widersprüchlich, gar gegensätzlich war (und ist), liegt im Ereignis selbst begründet. "Stalingrad" war nicht nur eine bedeutende militärische Auseinandersetzung zwischen Wehrmacht und Roter Armee. Die Schlacht wurde von den Kriegsgegnern ideologisch und weltanschaulich aufgeladen und galt bald als persönlicher Kampf der beiden Oberbefehlshaber Josef Stalin und Adolf Hitler.

Die Ideologisierung der Schlacht wurde nach ihrem Ende auf beiden Seiten weitergeführt: Die Nationalsozialisten inszenierten einen Untergangsmythos, der den Kampfeswillen der kriegsmüden deutschen Bevölkerung ein letztes Mal befeuern sollte. Der von der NS-Propaganda beförderte Stalingrad-Mythos fand seinen Widerhall auch nach 1945, wurde dekonstruiert, erneuert und verändert. Fortan wurde die Schlacht auf vielfältige Weise mit mythischen Ereignissen und legendären Begebenheiten verglichen. Die Sowjetunion dagegen organisierte einen Siegesmythos, um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren und die Soldaten zum Weiterkämpfen zu motivieren. Mit dem Aufstieg zur Atom- und Supermacht nach dem Krieg wurde dieser noch verstärkt, und er sollte bis zum Zerfall der Sowjetunion nahezu unverändert fortwirken. Soldaten und Offiziere der Schlacht wurden auf beiden Seiten als "Helden" verehrt.

Keine Stunde Null



In den Nachkriegsgesellschaften der Bundesrepublik und der DDR wurden die alten Wehrmachtseliten schon bald wieder umworben. Scheinbar nahtlos gingen sie – nun auf verschiedenen Seiten der "Front" – als Autoritäten vom heißen in den Kalten Krieg über. Anders als im Westen Europas verlängerte der Kalte Krieg die Frontstellung im Osten. Eine gemeinsame Erinnerung von Deutschen und Sowjetbürgern war nicht möglich, da man sich bei den ehemaligen Kriegsgegnern kaum auf etwas einigen konnte, an was – und vor allem wie – erinnert werden sollte. Selbst das Gedenken der Deutschen in Ost und West war unterschiedlich und selektiv. Die Ausgangspunkte für einen gemeinsamen Umgang mit der jüngsten Vergangenheit hätten in der Nachkriegszeit nicht ungünstiger sein können. Zu verschieden, ja gegensätzlich waren die Sichtweisen, Deutungen und Wertungen. Eine Aussöhnung, wie sie in Westeuropa nach dem Ersten und auch nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest teilweise gelang, war im Osten kaum möglich. Hier hatte Nazideutschland einen unvergleichbar brutaleren Feldzug geführt, der von Anfang an als Vernichtungskrieg geplant gewesen war.

Die Kontinuität von Antikommunismus und Antisowjetismus in der Adenauer-Ära sowie Wiederbewaffnung und Westintegration reaktivierten in Moskau alte Bedrohungs- und Invasionsängste. Andererseits schürte die Stalinisierung der Verhältnisse in der SBZ/DDR in Bonn Befürchtungen vor einem expansiven Kommunismus. An Verhältnisse, in denen es möglich war, sich der Kriegserinnerung gemeinsam – kritisch und vorurteilsfrei – zu nähern, war überhaupt erst zu denken, als die politischen Veränderungen ab Mitte der 1980er Jahre, die nicht nur den Osten Europas, sondern auch – oftmals unbemerkt – Sichtweisen im Westen veränderten, alte Frontstellungen endgültig aufbrachen. Einen bedeutenden Anteil am Gedenken und Erinnern der Schlacht in allen Phasen der Geschichte hatten Schriftsteller und Publizisten. In der Sowjetunion sollen fast 5000 Werke über die Schlacht um Stalingrad entstanden sein.[1] Aber auch in Deutschland – Ost wie West – geht die Anzahl der Publikationen zumindest in die Hunderte.

Sowjetische Erinnerung: "Schlacht des Jahrhunderts"



Der sowjetische Marschall Wassili Tschuikow nannte die Schlacht um Stalingrad später die "Schlacht des Jahrhunderts".[2] Er hatte als Generalleutnant die 62. Armee befehligt, die die Hauptlast bei der Abwehr der deutschen Angriffe auf das Stadtzentrum getragen und während der gesamten Zeit einen schmalen Streifen am Ufer der Wolga gehalten hatte. Noch heute speist sich aus dem Zweiten Weltkrieg im Allgemeinen und der Schlacht um Stalingrad im Besonderen ein guter Teil des russischen Selbstbewusstseins – stehen der "Große Vaterländische Krieg" und die Schlacht doch für stabilisierende Grundwerte der russischen Gesellschaft, so wie es schon für die sowjetische Gesellschaft der Fall war.

Bereits unmittelbar nach dem Ende der Schlacht sorgte eine Historikerkommission unter Leitung des angesehenen Moskauer Professors Isaak Minz für eine umfangreiche Befragung von Soldaten und Zivilisten, die die Kämpfe erlebt hatten. Dadurch, dass die Kommission verschiedene Zeugen zu den gleichen Vorgängen befragte, entstand ein fundiertes und differenziertes Gesamtbild – traditionsstiftend aber wurde es nie. "Die sowjetische Stalingrad-Geschichtsschreibung ist eine sehr heroisierende, die in ihrer Heroisierung auch dazu neigte, die einzelnen sprechenden Zeitzeugen zu unterdrücken."[3] Deswegen und weil die Rolle Stalins propagandistisch immer weiter ausgebaut wurde, kamen die Dokumente ins Archiv und lagerten dort über Jahrzehnte unbearbeitet. Minz fiel nach dem Krieg bei den Machthabern im Kreml in Ungnade, und so konnten die Aufzeichnungen erst 2012 von dem deutschen Historiker Jochen Hellbeck zusammen mit russischen Kollegen veröffentlicht werden.[4]

Nach 1945 wurde zu den Jahrestagen der Sieg von Stalingrad in allen Medien gefeiert. Die grundlegende Perspektive änderte sich in sowjetischer Zeit kaum. Zu Anfang standen allein Stalin und – mit gebührendem Abstand – einige seiner Generale im Fokus. Ihnen beigeordnet waren ausgewählte Geschichten über "Helden" aus dem einfachen Volk, etwa des berühmten Scharfschützen Wassili Saizew. Die Masse der Soldaten spielte keine wesentliche Rolle, die Darstellung ihrer prekären Lebensverhältnisse und mangelhaften Ausrüstung ging über zaghafte Versuche nicht hinaus. Dass auch sie unter Angst und Hunger litten, private Probleme hatten, mit der Kommunistischen Partei nicht immer einer Meinung waren oder von einem Leben jenseits des Krieges träumten, spiegelte sich in der öffentlichen Erinnerung nicht oder nur kaum wider. Eine der Ausnahmen stammt von Viktor Nekrassow. Sein Roman "In den Schützengräben von Stalingrad" erschien bereits 1946. Der Autor war Offizier und schildert die Schlacht um Stalingrad aus der Sicht des unmittelbar Beteiligten. Sein Roman, den er im Lazarett zu schreiben begann, gilt bis heute als einer der authentischsten zum Thema. Die literarische Verarbeitung des Krieges hatte in der Sowjetunion allgemein eine große Bedeutung.[5]

Nach der partiellen Entstalinisierung ab 1953 und dem "Tauwetter" verlor Stalin allmählich seine herausragende Rolle in den offiziellen Erinnerungen. Vergessen wurde sie jedoch nie. Ab Ende der 1950er Jahre dominierten nun Einzelschicksale die offizielle Erzählung von der "großen Schlacht an der Wolga". "Der Personenkult wurde quasi auf viele Volkshelden aufgeteilt, die – jeder an seiner Stelle oder in seiner Abhandlung – zum kultisch verehrten Helden stilisiert wurden: zu heldenhaften Scharfschützen, heldenhaften Artilleristen, heldenhaften Sanitäterinnen."[6] Doch trotz aller politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und Brüche zwischen Tauwetter und Glasnost blieb das heroische Bild vom sowjetischen Sieg bei Stalingrad weitgehend konsistent. Maßgeblich dafür war, dass sich der Sieg in einer großen Kesselschlacht für die Öffentlichkeit überzeugender darstellen ließ als etwa der militärisch vielleicht wichtigere Erfolg der Roten Armee in der offenen Feldschlacht vor Moskau 1941. Hinzu kommt, dass sich die "‚Chiffre‘ Stalingrad aus mehreren Einzeltopoi zusammensetzte, die zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich stark akzentuiert wurden. Dadurch konnte sich das Stalingrad-Bild den sich wandelnden politisch-ideologischen Bedingungen anpassen, ohne daß es insgesamt neu konstruiert werden mußte."[7] Selbst in der oral history haben sich die Erzählungen und Deutungen relativ gleichförmig erhalten.[8]

Die Krönung der sowjetischen Erinnerung bedeutete der Bau der Denkmalsanlage auf dem Mamajew-Hügel 1959 bis 1967. Sie wird weithin sichtbar dominiert von der Figur der "Mutter Heimat", die mit ihren 84 Metern zu den höchsten Statuen der Welt gehört. Auch wenn in der Ruhmeshalle eine Endlosschleife von Robert Schumanns "Träumerei" läuft, ist hier kein Platz für die Erinnerung an den Kriegsgegner, der in einem überlebensgroßen Relief der Außenanlage symbolisch zu einer Schlange verkommt, die der sowjetische Recke vernichtet.


Fußnoten

1.
Vgl. Sabine Rosemarie Arnold, Stalingrad im sowjetischen Gedächtnis, Bochum 1998, S. 179.
2.
Wassili Iwanowitsch Tschuikow, Die Schlacht des Jahrhunderts, Moskau 1975.
3.
Jochen Hellbeck im Gespräch mit Christoph Heinemann. Ein neuer Blick auf Stalingrad, 1.2.2013, http://www.deutschlandfunk.de/ein-neuer-blick-auf-stalingrad.694.de.html?dram:article_id=236190«.
4.
Vgl. Jochen Hellbeck, Die Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht, Frankfurt/M. 2012.
5.
Stalin bezeichnete Schriftsteller gar als "Ingenieure der Seele". Doch gerade die Sowjetgesellschaft bietet auch zahlreiche Beispiele für die fortwährende Kraft dissidenten Denkens und Schreibens. Der Autor Wassili Grossman etwa fügte der Erinnerung immer wieder kritische Facetten bei. Vgl. Wassili Grossman, Wende an der Wolga, Berlin (Ost) 1958; ders., Leben und Schicksal, Berlin 2007.
6.
Arnold (Anm. 1), S. 185.
7.
Wolfram von Scheliha, "Stalingrad" in der sowjetischen Erinnerung, in: Peter Jahn (Hrsg.), Stalingrad erinnern. Stalingrad im deutschen und russischen Gedächtnis, Berlin 2003, S. 24–32, hier S. 24.
8.
Vgl. Arnold (Anm. 1), S. 55ff.
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