Mitarbeiter arbeiten am PC in den Büros im Google Finanzcenter in Schanghai.

Editorial


23.6.2017
Arbeit ist das halbe Leben, sagt der Volksmund – das Statistische Bundesamt differenziert: Versteht man unter "Arbeit" nicht nur die klassische Erwerbsarbeit, sondern auch informelle Pflege- und Erziehungstätigkeiten, leisten Erwachsene pro Woche durchschnittlich 45 Stunden Arbeit. Das ist zwar nicht die sprichwörtliche Hälfte, aber mit etwa sechseinhalb Stunden doch ein gutes Viertel jeden Tages. Die Erhebung zeigt auch, dass Frauen fast doppelt so viel unbezahlte, also informelle Arbeit wie bezahlte Arbeit leisten, während bei Männern die Erwerbsarbeit den größeren Anteil ausmacht und der Unterschied zwischen beiden Arbeitsformen geringer ist.

All das wirft grundsätzliche Fragen auf: Welche Tätigkeiten bezeichnen wir überhaupt als Arbeit? Welche Wertschätzung bringen wir als Gesellschaft informeller Arbeit entgegen? Hat das klassische Modell – der männliche Alleinverdiener, der sein gesamtes Arbeitsleben im selben Unternehmen verbringt – ausgedient? Mitunter ist die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in diesen Fragen den staatlichen Systemen und Institutionen, die den Arbeitsmarkt regulieren sollen, voraus, etwa wenn es um die Flexibilisierung von Erwerbsbiografien geht.

Diese Schwerfälligkeit nationaler Arbeitsmarktpolitiken kann nicht überraschen, sind sie doch teils über Jahrhunderte gewachsen und haben dabei entsprechende Eigenlogiken entwickelt, was Reformen erschwert. Umso mehr Aufmerksamkeit wurde der bislang letzten großen Arbeitsmarktreform zuteil, die unter den Schlagwörtern "Agenda 2010" und "Hartz IV" zusammengefasst und bis heute kontrovers diskutiert wird. Unabhängig davon, wie man sie bewertet, kann es jedoch angesichts aktueller Herausforderungen wie der immer noch hohen Jugendarbeitslosigkeit vor allem in Südeuropa oder der Integration von Geflüchteten keinen Stillstand in der Arbeitsmarktpolitik geben.