Mitarbeiter arbeiten am PC in den Büros im Google Finanzcenter in Schanghai.
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Die Suche nach dem Sinn: Zur Zukunft der Arbeit - Essay


23.6.2017
Wie wird Arbeit in Zukunft aussehen? Über die Zukunft der Arbeit wird seit jeher intensiv diskutiert und spekuliert. Angetrieben wurden und werden diese Diskussionen durch unterschiedliche Krisen der Arbeit: So lösten der Umbruch von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und das Aufkommen neuer Serviceberufe wie auch die hohen Arbeitslosenquoten in den 1980er Jahren Fragen nach dem Sinn von Arbeit und nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeit aus. Hoffnungen, aber auch Ängste charakterisierten diese Debatten, und es tauchten immer ähnliche Fragen im neuen Gewand auf: Wird es noch genug Arbeit für alle geben? Wird die menschliche Arbeitskraft zusehends durch automatisierte Prozesse ersetzt? Droht das Ende der Arbeit, wie es bereits Hannah Arendt, Ralf Dahrendorf oder Jeremy Rifkin befürchteten? Oder bieten die Veränderungen der Arbeit auch Chancen auf ein selbstbestimmteres, sinnvolleres, freieres und zeitlich autonomeres Arbeiten?

Auch gegenwärtig kursierende Begriffe wie "Arbeit 4.0" oder "New Work" deuten darauf hin, dass sich die Arbeitswelt in einem fundamentalen Wandlungsprozess befindet. Dieser wird unter anderem von der "digitalen Revolution" angetrieben: Heutzutage nutzt ein Großteil der Beschäftigten Informations- und Kommunikationstechniken bei der Arbeit, was dafür sorgt, dass sich die Arbeitswelt grundlegend verändert. Aber nicht nur die Digitalisierung fungiert als Treiber dieses Wandels, sondern auch andere Megatrends wie die Globalisierung, die stärkere Erwerbseinbindung von Frauen und der demografische Wandel. Zudem werden durch verschiedene Krisen der zurückliegenden Jahre wie die Wirtschafts- und Finanzmarktkrise oder die Klimakrise grundlegende Selbstverständlichkeiten des Arbeitens und Wirtschaftens wie etwa der Glaube an ein permanentes Wirtschaftswachstum infrage gestellt.

All diese Veränderungen erfordern ein neues Nachdenken darüber, wie Arbeit zukünftig gestaltet sein soll. Während in der Vergangenheit noch einzelne Fragen nach dem Verbleib der sogenannten Stillen Reserve oder der Humanisierung der Arbeit die Debatte über die Zukunft der Arbeit dominierten, steht die aktuelle Debatte vor der Herausforderung, die multiplen Trends und Wandlungstendenzen von Digitalisierung, Globalisierung, Prekarisierung oder Feminisierung in ihrer Gleichzeitigkeit zu denken.

Aktuell jedoch überlappen sich in der Arbeitswelt diese neuen Trends und alte Routinen: Während in manchen Großunternehmen noch das Normalarbeitsverhältnis mit einer fest geregelten und über die Arbeitswoche gleichmäßig verteilten Arbeitszeit dominiert, führen in den Metropolen junge Start-ups immer flexiblere Arbeitsformen ein, arbeiten in Co-Working-Spaces und suchen nach neuen Formen raumzeitlicher Entgrenzung in der Arbeit. All diese Phänomene verweisen darauf, dass sich die Arbeitswelt im Übergang befindet. Um die Richtung des Wandels zu verstehen und gestalten zu können, bietet sich zunächst eine Standortbestimmung an, die gleichzeitig die elementaren Fragen der Arbeitswelt aufgreift: Was verstehen wir heute unter Arbeit, und wie steht es um den Sinn der Arbeit? Welche Wünsche haben Beschäftigte und welche Trends eines neuen Arbeitens zeichnen sich ab? Wie kann Arbeit in Zukunft gestaltet werden? Auf dieser Basis ist es möglich, vom Nachdenken über die Zukunft der Arbeit zum gemeinsamen Arbeiten an der Zukunft der Arbeit zu gelangen.

Von der Krise der Arbeit zur Krise des Sinns der Arbeit?



Welche Bedeutung hat Arbeit? Kaum eine andere Metapher beschreibt die Ambivalenzen der Arbeit eindrücklicher als das vom Psychologen und Sozialwissenschaftler Kurt Lewin geprägte Bild von den zwei Gesichtern der Arbeit: Danach ist Arbeit einerseits Mühe, Zwang, Mittel zum Zweck und noch kein eigentliches Leben, andererseits ist Arbeit für den Menschen unabdingbar, denn sie bietet ein Wirkungsfeld und gibt dem Leben Sinn und Bedeutung.[1] Gesellschaftlich kommt der Arbeit heutzutage noch eine weitere Funktion zu: Die gegenwärtige Erwerbsarbeitsgesellschaft ist dadurch charakterisiert, dass in ihr die Erwerbsarbeit als zentrales Medium gesellschaftlicher Integration fungiert. Erwerbsarbeit bietet gesellschaftliche Teilhabe, soziale Anerkennung und strukturiert die Lebensentwürfe von Individuen.

Doch die verschiedenen Krisen der postfordistischen Arbeitswelt sorgen aktuell dafür, dass diese Versprechen der Erwerbsarbeit kaum mehr eingelöst werden: Mit der Prekarisierung der Arbeit und der Ausweitung des Niedriglohnsektors spaltet sich die Arbeitswelt zusehends in einen Bereich gut bezahlter und sicherer Arbeit und einen anderen Bereich mit unterfordernder, unsicherer und nicht-existenzsichernder Arbeit. Zudem sorgen Prozesse der sozialen Beschleunigung dafür, dass sich in vielen Beschäftigungsfeldern die Arbeit enorm verdichtet und es zu einem Anstieg von Zeit- und Leistungsdruck kommt.

Dieser Strukturwandel der Arbeit lässt auch die Psyche der Beschäftigten nicht unberührt: Stress gilt nunmehr als eines der wichtigsten Risiken für die Gesundheit und kann langfristig mit psychischen Folgen wie Burnout oder Depressionen einhergehen. Die Brisanz der Stresszunahme zeigt sich auch daran, dass sich die Anzahl von Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen in den letzten Jahren verdreifacht hat. Die gesundheitlichen Probleme deuten an, dass mit dem Umbau der fordistischen zu einer postfordistischen Arbeitswelt nunmehr ein kritischer Punkt erreicht ist, der die Frage nach individuellen und gesellschaftlichen Alternativen eines gesünderen und nachhaltigeren Arbeitens virulent werden lässt und somit die Frage nach dem Sinn in der Arbeit aufwirft.

Doch inwieweit lässt sich von einer Sinnkrise der Arbeit sprechen? Hier gilt es zunächst, zwei Diskurse über die Krise des Sinns der Arbeit zu differenzieren: Der erste kreist um die Frage des gesellschaftlichen Sinns von Arbeit und der zweite bezieht sich auf individuelle Krisen des Sinnerlebens in der Arbeitswelt.

Gesellschaftlicher Sinn von Arbeit
Bezieht man die Krisendiagnose auf das gegenwärtige Gefüge der Arbeitsgesellschaft, lassen sich die verschiedenen Überlastungssymptome der Arbeitswelt als Hinweis darauf deuten, dass das postfordistische Modell an seine Grenzen stößt und das gegenwärtige System der Erwerbsarbeit überdacht werden muss. Hier wird der Sinn der Erwerbsarbeit als zentraler Integrationsmechanismus infrage gestellt. Auch die Frage nach unterschiedlichen Formen der Arbeit, wie sie bereits von Hannah Arendt aufgegriffen wurde, wird hier erneut diskutiert. Arendt hatte bereits in der "Vita activa" darauf hingewiesen, dass eine reine Fixierung auf die Lohnarbeit ein verkürztes Arbeitsverständnis darstellt und dem Menschen andere Zugänge zu reicheren Tätigkeiten versperrt.[2] Tatsächlich ist das gegenwärtige Verständnis von Arbeit stark auf die Erwerbsarbeit fixiert, und üblicherweise auch auf die männlich dominierte Form der Vollzeiterwerbsarbeit im Rahmen eines Normalarbeitsverhältnisses. Dieses verkürzte Arbeitsverständnis schließt freilich eine Vielzahl von Tätigkeiten aus, insbesondere Care-Arbeiten in der Familie oder auch gesellschaftlich relevante Freiwilligenarbeit. Diskussionen über erweiterte Arbeitskonzepte[3] und New Work, also breitere Verständnisse von Arbeit, schließen genau hier an, und fordern einen Umbau der Arbeitsgesellschaft, der andere Tätigkeitsformen aufwertet und so die dominante Stellung der Erwerbsarbeit einhegt. Zwar verfügen neue Arbeitskonzepte bisweilen über keine breite gesellschaftliche Akzeptanz, nichtsdestoweniger zeichnen sich die Risse des postfordistischen Gefüges immer deutlicher ab, weshalb die Rede von einer Krise des Sinns der Arbeit breiten Anschluss findet.


Fußnoten

1.
Vgl. Kurt Lewin, Die Sozialisierung des Taylorsystems. Eine grundsätzliche Untersuchung zur Arbeits- und Berufspsychologie, Praktischer Sozialismus: Vol. 4, Berlin 1920.
2.
Vgl. Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 20075 (1960), S. 16ff.
3.
Vgl. Beate Littig/Markus Spitzer, Arbeit neu. Erweiterte Arbeitskonzepte im Vergleich, Literaturstudie zum Stand der Debatte um erweiterte Arbeitskonzepte, Hans-Böckler-Stiftung, Arbeitspapier 229/2011.
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Autor: Friedericke Hardering für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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