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Zuwanderung und Integration. Aktuelle Zahlen, Entwicklungen, Maßnahmen

30.6.2017

Familiennachzug aus Drittstaaten



Der Familiennachzug hat in den vergangenen Jahren wieder deutlich an Bedeutung gewonnen. Nach rund 48.000 Zuzügen 2008 ist die Zahl auf fast 82.500 Personen 2015 gestiegen.[11]

Zur Gruppe nachzugsberechtigter Familienangehöriger gehören Ehepartner von ausländischen sowie deutschen Personen, die in Deutschland leben, minderjährige Kinder sowie Eltern minderjähriger Kinder. In Ausnahmefällen kann auch der Nachzug sonstiger nicht zur Kernfamilie gehörender Familienangehöriger gewährt werden. Findet der Familiennachzug zu einem Drittstaatsangehörigen statt, muss dieser unter anderem über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um für den Unterhalt der Nachgereisten zu sorgen. [12] Wesentliche Voraussetzung beim Ehegattennachzug ist, dass der nachreisende Partner mindestens 18 Jahre alt ist. Weiterhin müssen im Regelfall vor der Visaerteilung einfache deutsche Sprachkenntnisse nachgewiesen werden. Seit September 2013 sind nachgezogene Familienangehörige berechtigt, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen.

Viele Jahre dominierten nachreisende Ehepartnerinnen den Familiennachzug. 2015 stellten sie allerdings nur noch einen Anteil von 43 Prozent an allen nachreisenden Familienangehörigen.[13] Gleichzeitig war das Jahr durch einen erheblich angestiegenen Anteil nachreisender Kinder geprägt. Er belief sich auf 34 Prozent. Diese Verschiebung ist durch die steigende Zahl Geflüchteter zu erklären, die ihre im Herkunftsland oder in Transitländern zurückgebliebenen Kinder nachholen. Die verbleibenden Familienangehörigen waren nachreisende Ehemänner (15 Prozent), Eltern oder sonstige Familienangehörige (8 Prozent).

Die Muster des Familiennachzuges unterscheiden sich je nach Zuwanderungsland und -geschichte. Der Familiennachzug aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien ist dadurch charakterisiert, dass neben Ehefrauen auch vergleichsweise viele Ehemänner einreisen. Oftmals handelt es sich um intraethnische Ehen mit einem Partner gleicher Herkunft, der schon lange in Deutschland lebt, teilweise in Deutschland geboren ist und/oder die deutsche Staatsangehörigkeit hat.[14] Aus anderen Ländern kommen hingegen sehr wenige Männer. Dazu gehören etwa Russland, die Ukraine oder Thailand. Viele der Frauen aus diesen Ländern sind mit einem deutschen Partner ohne Migrationshintergrund verheiratet. Für den Ehegattennachzug war damit viele Jahre bestimmend, dass die Familien in Deutschland neu gegründet wurden.

2015 bildeten syrische Staatsangehörige mit einem Anteil von 19 Prozent erstmals die größte Gruppe unter den nachgereisten Familienangehörigen. Mehrheitlich handelte es sich um Kinder. Außerdem reisten viele Ehefrauen ihren zuvor nach Deutschland geflohenen Ehepartnern nach. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich ab, dass im Zuge der jüngsten Flüchtlingszuwanderung die klassische Form des Familiennachzuges, die bereits in den 1970er Jahren verbreitet war, wieder an Bedeutung gewinnt. Klassische Form heißt: Die Familie bestand bereits vor der Migration, beide Partner stammen aus dem gleichen Herkunftsland und wandern zeitversetzt zu. Ein wichtiger Unterschied zu dem oben dargestellten Muster ist, dass sich beide Partner in Deutschland neu orientieren und in einem noch fremden gesellschaftlichen System zurechtfinden müssen. Es ist zu erwarten, dass diese Familien in vielen Lebensbereichen Unterstützung durch zielgruppengerechte Beratungsangebote bedürfen.

Migration zum Zweck der Erwerbstätigkeit



Die Rahmenbedingungen im Bereich Arbeitsmigration aus Drittstaaten wurden angesichts des steigenden Fachkräftebedarfs in den vergangenen Jahren deutlich gelockert. Während bis 2012 die Einreise zum Zweck der Erwerbstätigkeit an ein konkretes Stellenangebot gebunden war, wurde diese Regelung mittlerweile liberalisiert. Personen mit einem Hochschulabschluss können seitdem auch ohne Arbeitsplatzangebot einreisen und in Deutschland auf Stellensuche gehen. Bei Personen ohne Berufsausbildung ist die Einreise zum Zweck der Erwerbstätigkeit nach wie vor an ein Arbeitsplatzangebot gekoppelt. Im Sommer 2012 wurde zudem die Blaue Karte EU als Aufenthaltstitel für Akademiker eingeführt, die über ein konkretes Arbeitsplatzangebot verfügen, mit dem ein Mindestgehalt erzielt wird.

Insgesamt wurden im Bereich der Erwerbsmigration im Jahr 2015 38.836 Aufenthaltserlaubnisse an Zuwanderer nach den Paragrafen 18 bis 21 des Aufenthaltsgesetzes erteilt. Hauptherkunftsländer waren insbesondere die Vereinigten Staaten, Indien, Bosnien-Herzegowina, Serbien (inklusive dem ehemaligen Staatenbund Serbien und Montenegro) und China. Allein mit einer Blauen Karte EU sind rund 7.000 Personen eingereist. 44 Prozent von ihnen erhielten die Blaue Karte EU für eine Beschäftigung in einem sogenannten Mangelberuf, das heißt eine Beschäftigung als Humanmediziner, IT-Fachkraft, Ingenieur, Mathematiker oder Naturwissenschaftler. Die meisten Blauen Karten EU wurden an Staatsangehörige aus Indien erteilt; mit Abstand gefolgt von der Russischen Föderation, der Ukraine, China sowie den Vereinigten Staaten. Für die Erteilung einer Blauen Karte EU sind keine deutschen Sprachkenntnisse nachzuweisen. Familienangehörige eines Inhabers einer Blauen Karte EU haben zudem einen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis, ohne dass der zuziehende Ehegatte Deutschkenntnisse nachweisen muss.

Laut einer aktuellen repräsentativen BAMF-Studie zu Inhabern einer Blauen Karte EU sind insgesamt zwei Drittel der Befragten in einem MINT-Beruf (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) tätig und ein Fünftel als Humanmediziner.[15] Knapp ein Drittel der Befragten war bereits vor der Berufstätigkeit für einen Studienaufenthalt in Deutschland und konnte somit erste Sprachkenntnisse erwerben. Von den Personen, die zu Beginn der Berufstätigkeit über keine Deutschkenntnisse verfügten, konnte die große Mehrheit (90 Prozent) ihr Sprachniveau erhöhen. Als Grund für die Zuwanderung nach Deutschland wurden am häufigsten der Wunsch nach internationaler Erfahrung und mangelnde Perspektiven im Herkunftsland angegeben. Etwa ein Drittel der Teilnehmer plant dauerhaft, in Deutschland zu bleiben.

Mit Blick auf die gesamte Erwerbsmigration zeigt sich, dass mittlerweile fast jeder fünfte Arbeitsmigrant eine Blaue Karte EU besitzt. Insgesamt wurden seit August 2012 bis September 2015 35.000 Blaue Karte EU erteilt, womit sie sich als wichtiges Instrument für Fachkräftegewinnung etabliert hat.

Migration zum Zweck der Ausbildung



Die Zahl der Bildungsausländer hat insbesondere in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Lange Jahre schwankte ihre Zahl um die 180.000 Personen. Im Wintersemester 2012/13 wurde erstmals die Schwelle von 200.000 Personen überschritten.[16] Im Wintersemester 2015/16 studierten in Deutschland rund 250.000 ausländische Staatsangehörige, die ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben hatten. Ihr Anteil an allen Studierenden betrug 9 Prozent.

Die in Deutschland studierenden Bildungsausländer kommen aus verschiedensten Ländern. Fast zwei Drittel der Studienanfänger waren Drittstaatsangehörige, rund ein Drittel EU-Staatsangehörige. Die größten Gruppen bildeten 2015 Staatsangehörige aus China (11 Prozent), Indien und Italien (jeweils 5 Prozent). Bei der Studienwahl dominierten ingenieurwissenschaftliche Fächer. 36 Prozent der Bildungsausländer studierten in diesem Bereich. An zweiter Stelle folgten Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (29 Prozent).

Die aus dem Ausland kommenden Studierenden streben überwiegend an, ihr Studium in Deutschland abzuschließen.[17] Allerdings ist das Risiko des Studienabbruchs bei Bildungsausländern höher: Nach einer aktuellen Studie beenden gut 40 Prozent von ihnen das Bachelorstudium ohne Abschluss. Bei Studierenden ohne Migrationshintergrund lag die Abbruchquote dagegen bei unter 30 Prozent.[18] Als Gründe werden Sprachprobleme, andere Lern- und Wissenschaftstraditionen, finanzielle Probleme sowie unzureichende Unterstützung im Freundes- und Familienkreis genannt. Oftmals fehlen Kontakte zu Personen, die das deutsche Universitätssystem aus eigener Erfahrung kennen.

Haben ausländische Studierende dagegen erfolgreich ihr Studium abgeschlossen, zeigen sie nach den Ergebnissen der BAMF-Absolventenstudie eine überwiegend erfolgreiche Erwerbsbeteiligung. Mit 38 Prozent sind die Befragten überdurchschnittlich häufig in MINT-Berufen beschäftigt. Die große Mehrheit möchte über mehrere Jahre in Deutschland bleiben, ein Drittel sogar für immer.[19] Insofern liegt hier Potenzial zum Ausgleich von Fachkräfteengpässen in Deutschland.


Fußnoten

11.
Vgl. BMI/BAMF (Anm. 2), S. 228.
12.
Zu den Voraussetzungen vgl. Janne Grote, Familiennachzug von Drittstaatsangehörigen nach Deutschland, BAMF-Working Paper 73/2017, S. 26ff.
13.
Vgl. BMI/BAMF (Anm. 2), S. 115.
14.
Vgl. Tobias Büttner/Anja Stichs, Die Integration von zugewanderten Ehegattinnen und Ehegatten in Deutschland, BAMF, Forschungsbericht 22/2014, S. 97ff.
15.
Vgl. Elisa Hanganu/Barbara Heß, Die Blaue Karte EU in Deutschland, BAMF, Forschungsbericht 27/2016.
16.
Vgl. BMI/BAMF (Anm. 2), S. 75ff.
17.
Vgl. Simone Burkhardt et al., Wissenschaft Weltoffen 2016. Daten und Fakten zur Internationalität von Studium und Forschung in Deutschland, Bielefeld 2017, S. 6.
18.
Die Quoten wurden auf der Basis des Absolventenjahrganges 2012 berechnet. Siehe Simon Morris-Lange, Allein durch den Hochschuldschungel. Hürden zum Studienerfolg für international Studierende und Studierende mit Migrationshintergrund, Berlin 2017, S. 15.
19.
Vgl. Elisa Hanganu/Barbara Heß, Beschäftigung ausländischer Absolventen deutscher Hochschulen, BAMF, Forschungsbericht 23/2014.
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Autoren: Özlem Konar, Axel Kreienbrink, Anja Stichs für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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