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Angekommen und auch wertgeschätzt? Integration von Türkeistämmigen in Deutschland


30.6.2017
Als am Tag nach dem Verfassungsreferendum bekannt wurde, dass die in Deutschland lebenden Türkinnen und Türken zu einem höheren Anteil für die Reform gestimmt hatten als ihre Landsleute in der Türkei, entbrannte sofort eine heftige Debatte darüber, wie diese Ergebnisse zu deuten seien. Der Bundestagsabgeordnete der Grünen Özcan Mutlu etwa zeigte sich einerseits darüber "verstört", "wie man für die faktische Abschaffung der Demokratie in der Türkei sein kann, aber in Deutschland alle Vorzüge der Demokratie genießt", wartete aber sogleich mit einer Erklärung auf, der sich in den folgenden Tagen nicht wenige Politikerinnen, Journalisten und auch Wissenschaftlerinnen anschlossen: "Wir haben es nicht geschafft diesen Menschen eine neue Heimat zu bieten, geschweige denn eine neue Heimat zu werden."[1] Andere wie der CDU-Politiker Ruprecht Polenz verwahrten sich gegen die These, dass sich in den Ergebnissen eine faktisch gescheiterte Integrationspolitik widerspiegelt, indem sie auf den verhältnismäßig geringen Anteil der Reformbefürworter an der Gesamtzahl der wahlberechtigten Türkeistämmigen in Deutschland verwiesen. Die hohe Zahl an Abstimmungsberechtigten, die nicht an der Abstimmung teilgenommen hatten, wurde in diesem Zusammenhang auch als Beleg dafür herangezogen, dass die emotionale Bindung an die Türkei bei vielen Türkeistämmigen gar nicht mehr so groß sei und sie sich für die dortigen Verhältnisse wenig interessierten.[2]

Ungeachtet der Frage, welche dieser Erklärungen zutreffend ist: Die Reaktionen spiegeln in jedem Fall recht gut wider, wie sich die Debatte um Einwanderung und Integration in Deutschland heute darstellt und in welcher Weise sie sich in den vergangenen Jahren verändert hat. Der Diskurs wird zunehmend weniger von Themen bestimmt, die unmittelbar auf die klassischen strukturellen Zielbereiche der Integration wie etwa Bildung und Erwerbstätigkeit abstellen, sondern von Fragen nach der Vereinbarkeit der kulturell-religiösen Identität von Minderheiten vor allem aus muslimisch geprägten Herkunftsländern mit der Mehrheitsgesellschaft.[3] Die von Innenminister Thomas de Maizière jüngst wieder angestoßene Debatte um die Notwendigkeit und den Inhalt einer Leitkultur ist dafür ein weiteres vielsagendes Beispiel.[4]

Das Anliegen unseres Beitrages besteht weder darin, das Thema Integration von einer normativen Position her zu betrachten. Noch sollen vor allem die "objektiven" Erfolge und Defizite der Integration von Zuwanderern in einzelnen Bereichen analysiert werden. Stattdessen interessieren wir uns mehr für die subjektive Ebene – die Ebene der Wahrnehmung und der Einstellungen in Bezug auf Fragen der Integration. Und hier wiederum geht es uns vorrangig nicht um den Blickwinkel der Mehrheitsgesellschaft;[5] vielmehr möchten wir die Perspektive gewissermaßen umdrehen und die Sicht der Zuwanderer und ihrer Nachkommen in den Fokus rücken. Wie erleben sie diese Diskussionen? Wo verorten sie sich selbst in der Gesellschaft? Als wie integriert schätzen sie sich ein? Und was verstehen sie selbst unter einer geglückten Integration? Antworten auf diese Fragen sollen am Beispiel der mit Abstand größten Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund in Deutschland, den Türkeistämmigen, gegeben werden.[6]

Wohlbefinden, soziale Lage und Diskriminierung



Betrachtet man die subjektive Sicht der in Deutschland lebenden Türkeistämmigen auf ihre eigene soziale Lage allgemein, ist man mit einem überraschenden Befund konfrontiert: Trotz noch immer bestehender gravierender Defizite bei der strukturellen Integration[7] und öffentlich immer wieder lautstark vorgebrachter Unmutsbekundungen lässt sich in der Bevölkerungsgruppe der Türkeistämmigen in Deutschland keineswegs ein übermäßiges Unzufriedenheitspotenzial feststellen. Im Gegenteil – die Mehrheit ist mit ihrem Leben in Deutschland sehr zufrieden; so antworten 49 Prozent auf die Frage, ob sie sich alles in allem in Deutschland wohlfühlen, mit "ja, sehr wohl" und weitere 41 Prozent mit "ja, eher wohl". Nur ein kleiner Teil der Befragten, insgesamt 10 Prozent, bekundet, sich "eher" beziehungsweise "gar nicht" wohl zu fühlen. Auch Gefühle der relativen Deprivation sind nicht überdurchschnittlich verbreitet: Knapp die Hälfte der Befragten (44 Prozent) ist der Meinung, dass sie im Vergleich dazu, wie andere in Deutschland leben, ihren gerechten Anteil erhalten, 5 Prozent sind sogar der Ansicht, dass sie mehr als den gerechten Anteil erhalten. Insgesamt 40 Prozent geben an, entweder "etwas" (29 Prozent) oder "sehr viel weniger" zu bekommen.[8]

Das zunächst rundum positiv erscheinende Bild trübt sich jedoch etwas ein, sobald man über die Erhebung allgemeiner Zufriedenheitsbekundungen hinausgeht und konkrete Lebensbereiche anspricht: So ist etwa nur jeder dritte Türkeistämmige der Meinung, dass in Deutschland jeder, unabhängig von seiner Herkunft, in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt die gleichen Chancen hat, während 56 Prozent dies verneinen. Auch wenn dieses Ergebnis keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die Einschätzung der persönlichen Situation oder auch nur die der Gruppe der Türkeistämmigen zulässt, deutet es doch darauf hin, dass bei der Mehrheit der Befragten ein klares Bewusstsein für eine herkunftsbezogene Chancenungleichheit hinsichtlich der strukturellen Integration in die deutsche Gesellschaft vorhanden ist.[9]

Trotz der beschriebenen sehr positiven Einschätzungen der eigenen sozialen Situation nimmt ein erheblicher Teil der Befragten Anerkennungsdefizite wahr. Dies zeigt sich an den Antworten zu einem Statement, das in ganz ähnlicher Form schon in den 1990er Jahren in der Politische-Kultur-Forschung zur Lage in den neuen Bundesländern verwendet wurde: Der Aussage "Als Türkeistämmiger fühle ich mich als Bürger 2. Klasse" stimmen immerhin 51 Prozent der Befragten "stark" beziehungsweise "eher" zu.[10] Dass der eigene Wille und die persönliche Anstrengung nicht reichen, um "dazuzugehören", weil generelle Inklusionsbarrieren auch seitens der Mehrheitsgesellschaft bestehen, meint ebenfalls etwa jeder zweite Befragte. 54 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu "Egal wie sehr ich mich anstrenge, ich werde nicht als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt".

Dabei nehmen die Türkeistämmigen in Deutschland Benachteiligungen und mangelnde Anerkennung vor allem im kulturell-religiösen Bereich wahr – ein Bereich, der ihnen im Gegensatz zur Mehrheitsgesellschaft besonders wichtig ist.[11] Insgesamt sagt etwa jeder vierte Befragte, dass er sich selbst als Angehöriger einer Bevölkerungsgruppe sieht, die in irgendeiner Form diskriminiert wird. Fragt man nach den Gründen für die Diskriminierung, dann werden unter anderem die Hautfarbe (3 Prozent), die Sprache (7 Prozent) und die ethnische beziehungsweise nationale Zugehörigkeit (9 Prozent) genannt. Mit Abstand am häufigsten wird allerdings die Religion angeführt: 15 Prozent aller Befragten – beziehungsweise etwa zwei Drittel derjenigen, die überhaupt irgendeine Form von Diskriminierung wahrnehmen – sind der Meinung, dass diese wegen ihrer Religion stattfindet.


Fußnoten

1.
Zit. nach Ingo Salmen/Laura Hofmann, Türken stimmen klar für Erdogans Plan, 17.4.2017, http://www.tagesspiegel.de/19676552.html«.
2.
Vgl. ebd.
3.
Eine Tendenz der "Kulturalisierung der Grenzziehungen zwischen Deutschen und 'Ausländern'" konstatierten Claudia Diehl und Ingrid Tucci schon 2010: Während gemäß ihrer Studie etwa fremdenfeindliche Einstellungen im Vergleich zu den 1990er Jahren stark zurückgegangen sind, haben Forderungen nach kultureller Anpassung ethnischer Minoritäten in der Mehrheitsgesellschaft deutlich zugenommen. Vgl. Claudia Diehl/Ingrid Tucci, Ethnische Grenzziehungen in Ost- und Westdeutschland: Konvergenz und Kulturalisierung, in: Peter Krause/Ilona Ostner (Hrsg.), Leben in Ost- und Westdeutschland. Eine sozialwissenschaftliche Bilanz der deutschen Einheit 1990–2010, Frankfurt/M. 2010, S. 557–572.
4.
Vgl. Thomas de Maizière, "Wir sind nicht Burka", in: Bild am Sonntag (BamS), 30.4.2017.
5.
Vgl. dazu ausführlich Detlef Pollack et al., Grenzen der Toleranz: Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt in Europa, Wiesbaden 2014.
6.
Die hier präsentierten Befunde stammen, soweit nicht ausdrücklich anders vermerkt, aus einer Umfrage, die im Rahmen eines Forschungsprojektes am Lehrstuhl für Religionssoziologie/Exzellenzcluster "Religion und Politik" an der Universität Münster unter der Leitung von Detlef Pollack und der Mitarbeit von Olaf Müller, Gergely Rosta und Anna Dieler konzipiert und ausgewertet wurde. Für die Erhebung befragte das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid, Bielefeld, deutschlandweit 1201 Türkeistämmige ab 16 Jahren. Die Interviews wurden zwischen November 2015 und Februar 2016 telefonisch teils in deutscher, teils in türkischer Sprache durchgeführt.
7.
Vgl. etwa Martina Sauer/Dirk Halm/Stiftung Zentrum für Türkeistudien (Hrsg.), Erfolge und Defizite der Integration türkeistämmiger Einwanderer, Wiesbaden 2009.
8.
Damit ähneln die türkeistämmigen Befragten in ihren Einschätzungen im gesamtgesellschaftlichen Vergleich erstaunlicherweise der westdeutschen Bevölkerung; die Ostdeutschen fühlen sich deutlich mehr benachteiligt. Vgl. Detlef Pollack et al., Wahrnehmung und Akzeptanz religiöser Vielfalt. Eine Bevölkerungsumfrage in fünf europäischen Ländern, Münster 2010, S. 93.
9.
Dass die Befragten dabei durchaus die eigene Herkunft aus der Türkei als Grund für die Benachteiligung im Blick haben, legen Daten nahe, die in den Umfragen "Deutsch-türkische Lebenswelten" erhoben wurden: Hier stimmten dem Statement "Deutsche und Türken haben in Deutschland die gleichen Bildungschancen" 2010 58 Prozent und zwei Jahre später 62 Prozent der Befragten mit türkischem Migrationshintergrund zu. Vgl. Info GmbH/Liljeberg Research International, Deutsch-Türkische Lebenswelten, Berlin 2012.
10.
In einer Befragung von 1998 stimmten dem Statement "Als Ostdeutscher fühle ich mich als Bürger 2. Klasse" 42 Prozent der Befragten in den neuen Bundesländern zu. Vgl. Gert Pickel, Jugend und Politikverdrossenheit, Opladen 2002, S. 221.
11.
So gaben im Religionsmonitor von 2013 89 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime an, dass ihnen Religion "sehr" oder "eher wichtig" ist. Damit unterscheiden sie sich nicht nur von der Gesamtbevölkerung (54 Prozent in West- und nur 27 Prozent in Ostdeutschland halten Religion für einen wichtigen Lebensbereich), sondern auch von den Anhängern der großen christlichen Konfessionen in Deutschland (Katholiken: 64 Prozent; Evangelische: 58 Prozent). Vgl. Detlef Pollack/Olaf Müller, Religionsmonitor – verstehen was verbindet. Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland, Gütersloh 2013.
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Autoren: Olaf Müller, Detlef Pollack für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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