Eine Gruppe Kindergartenkinder mit Betreuer und Spaziergaenger gehen durch eine Allee herbstlich gefaerbter Laubbaeume an der Dreisam in Freiburg, 27.10.2016.
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Mutter, Vater, Kind: Was heißt Familie heute? - Essay


21.7.2017
Die Frage danach, was Familie heute heißt, wird üblicherweise vor dem Hintergrund diskutiert, was Familie früher ausmachte. Dabei haben viele Menschen bestimmte Klischees von Familie im Kopf, die oft nicht zutreffen und deshalb zu verzerrten Einschätzungen der aktuellen Situation führen. So entspricht beispielsweise die Vorstellung, dass in der Vergangenheit mehrere Generationen harmonisch unter einem Dach zusammengewohnt und sich gegenseitig unterstützt haben, in keiner Weise der Realität, da die Lebenserwartung oft gar nicht ausreichte, um das Erwachsenendasein der Kinder oder erst recht die eigenen Enkel erleben zu können. Die Familienwissenschaft verfügt mittlerweile jedoch über einen relativ guten Wissensstand zur sozialhistorischen Entwicklung von Familien, Familienleitbildern sowie Familienformen und diskutiert aktuelle Entwicklungen auf dieser Grundlage.

Zu den inzwischen weit geteilten Wissensbeständen gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass die mehrheitliche Realisierung des bürgerlichen Familienideals "Mutter, Vater, Kind" (als verheiratetes heterosexuelles Elternpaar, das mit seinem biologischen Kind in einem gemeinsamen Haushalt lebt, wobei der Vater für das Einkommen und die Mutter für das Kind und den Haushalt sorgt) eine historische Ausnahmesituation in den 1950er und 1960er Jahren in westlichen Gesellschaften Europas und Nordamerikas war. In diesen zwei Jahrzehnten, die in der Familienforschung auch als "Golden Age of Marriage" bezeichnet werden, konnte sich für einen sehr kurzen historischen Zeitraum ein bestimmtes Familienmodell durchsetzen, das seitdem als Hintergrundfolie dient, um heutige Familienformen zu beurteilen. Vergessen wird dabei, dass es (fast) alle Familienformen, die es heute gibt, eigentlich schon immer gegeben hat.

Kernelemente einer Definition von Familie



Für eine Bestandsaufnahme von Familien und Familienformen – aktuell wie historisch – ist es zunächst notwendig, eine allgemeine Definition heranzuziehen, die uns eine Antwort auf die Frage gibt: Was ist eigentlich eine Familie? Zwar gibt es keine einheitliche Definition von Familie, aber im Wesentlichen sind es drei Kernelemente, die bestimmen, was Familien von nichtfamilialen Lebensformen unterscheidet:[1]

Erstens, die biologisch-soziale Doppelnatur: In allen Gesellschaften und zu allen Zeiten erfüllten und erfüllen Familien die biologische und soziale Reproduktions- und Sozialisationsfunktion. Dazu gehören Kindererziehung, gegenseitiger Schutz und Fürsorge sowie die Befriedigung emotional-expressiver Bedürfnisse der Familienmitglieder.

Zweitens, die Generationendifferenzierung: Zu einer Familie gehören mindestens zwei Generationen; sie kann aber natürlich auch aus drei oder vier Generationen bestehen. Die Bezeichnung "Kernfamilie" wird für Eltern-Kind-Einheiten verwendet, während die Bezeichnung "Mehrgenerationen-Familie" auch weitere Generationen wie Großeltern und Urgroßeltern einschließt.

Drittens, das besondere Kooperations- und Solidaritätsverhältnis zwischen ihren Mitgliedern: Familien sind charakterisiert durch eine spezifische Rollenstruktur. Die Rollen (Vater, Tochter, Enkel und so weiter) sind mit bestimmten normativen Erwartungen verbunden, die zwar zeit- und kulturabhängig variieren können, aber immer eigene Kooperations- und Solidaritätsbeziehungen zwischen den Familienmitgliedern definieren.

Mit anderen Worten: Familie ist da, wo (mindestens) eine Generationenbeziehung besteht, die ein besonderes Verbundenheitsgefühl umfasst, und wo zwischen den Angehörigen verschiedener Generationen Leistungen füreinander erbracht werden. Die Ehe, das Zusammenleben und inzwischen auch die biologische Verbundenheit sind also keine ausschlaggebenden Kriterien mehr, um private Lebensformen als Familien zu bezeichnen, wenn sie auch sehr oft damit verbunden sind. Das heißt, neben der Kernfamilie (Mutter, Vater, Kind) mit verheirateten oder unverheirateten Eltern gelten als Familien auch Einelternfamilien, Stieffamilien, gleichgeschlechtliche Familien, Adoptivfamilien und Pflegefamilien. Alleinstehende und auch Paare ohne Kinder – egal ob verheiratet oder nicht – gelten entsprechend nicht als Familien, obwohl sie als Kinder ihrer Eltern, als Geschwister, als Tanten oder Onkel natürlich auch in familiale Kontexte eingebunden sind.

Familienformen im Wandel



Sozialhistorische Untersuchungen zu Familien zeigen, dass es faktisch alle Familienformen, die wir heute kennen, auch schon vor einigen Hundert Jahren gab.[2] So führten beispielsweise Heiratsbeschränkungen nicht nur zu erzwungener Kinderlosigkeit, sondern auch zu nichtehelichen Partnerschaften oder "wilden Ehen" mit Kindern. Im 18. und 19. Jahrhundert waren also bei Weitem nicht alle Eltern miteinander verheiratet oder haben zusammengelebt. Auch Einelternfamilien, Stieffamilien und Pflegefamilien kamen häufig vor. Das lag vor allem an der geringen Lebenserwartung infolge von Hungersnöten, Seuchen, schlechter gesundheitlicher Versorgung, Unfällen und Kriegen. Aus ökonomischen Gründen, also um das Leben der Familie zu sichern, mussten verstorbene Partner und Partnerinnen oft relativ rasch ersetzt werden. Überhaupt waren Familienstrukturen lange Zeit mit der Produktionsweise verschiedener Bevölkerungsgruppen verbunden.[3]

Der größte Unterschied zwischen historischen und aktuellen Familienformen ist daher nicht ihr Vorkommen, sondern dass die heutige familiale Vielfalt zu großen Teilen auf freiwilligen Entscheidungen beruht. Nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern existieren nicht aufgrund von Heiratsbeschränkungen, sondern weil die Eltern nicht heiraten wollen. Einelternfamilien und Stieffamilien entstehen nur noch sehr selten, weil eines der Elternteile verstirbt, sondern sie entstehen infolge von Trennungen und Scheidungen beziehungsweise Folgepartnerschaften.

Hinzugekommen sind im Grunde nur zwei Familienformen, die es durch die Abschaffung diskriminierender Gesetze und durch Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin tatsächlich erst seit einigen Jahrzehnten gibt: Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern (sogenannte Regenbogenfamilien) und Familien mit Kindern, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden (Inseminationsfamilien).

Kernfamilien, bei denen Mutter und Vater mit ihren leiblichen Kindern in einem gemeinsamen Haushalt leben, machen in Deutschland mit etwa 70 Prozent immer noch die Mehrheit aller Familien mit minderjährigen Kindern aus.[4] Weitere Familienformen mit substanziellen Anteilen sind Einelternfamilien mit etwa 15 Prozent und Stieffamilien mit etwa 14 Prozent. Adoptiv- und Pflegefamilien kommen im Vergleich dazu mit insgesamt etwa 0,4 Prozent sehr selten vor. Nur der Anteil von gleichgeschlechtlichen Familien ist mit weniger als 0,05 Prozent noch geringer.[5] Wie viele Inseminationsfamilien es in Deutschland gibt, ist nicht bekannt; Schätzungen gehen aber von einem Anteil von nicht mehr als etwa 0,01 Prozent aus.

Betrachtet man die Familienformen in Deutschland, so fallen auch über 25 Jahre nach der Wiedervereinigung erhebliche Unterschiede zwischen den "alten" und den "neuen" Bundesländern auf:[6] Während in Westdeutschland immer noch eine sehr starke Kopplung von Heirat und Familiengründung besteht, ist dies in Ostdeutschland nicht der Fall. Dennoch sind auch in Westdeutschland immerhin ein Drittel der Frauen bei Geburt des ersten Kindes nicht verheiratet. In Ostdeutschland sind es jedoch mehr als die Hälfte. Zwar heiraten Mütter in beiden Landesteilen im Familienentwicklungsprozess oft noch zu einem späteren Zeitpunkt, wenn zum Beispiel ein zweites Kind geboren wird, aber die ehelich geregelte Lebensgemeinschaft mit Kind hat in Deutschland zumindest ihre normative Monopolstellung eindeutig eingebüßt. Da die Trennungswahrscheinlichkeit ostdeutscher Mütter und Väter höher ist als diejenige westdeutscher Eltern, finden wir im Osten auch einen geringeren Anteil an Kernfamilien und einen höheren Anteil an Eineltern- und Stieffamilien.[7]


Fußnoten

1.
Vgl. Rosemarie Nave-Herz, Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde, Weinheim–Basel 2013, S. 36ff.
2.
Vgl. dies., Eine sozialhistorische Betrachtung der Entstehung und Verbreitung des Bürgerlichen Familienideals in Deutschland, in: Dorothea Christa Krüger/Holger Herma/Anja Schierbaum (Hrsg.), Familie(n) heute. Entwicklungen, Kontroversen, Prognosen, Weinheim–Basel 2013, S. 18–35; Heidi Rosenbaum, Familienformen im historischen Wandel, in: Anja Steinbach/Marina Hennig/Oliver Arránz Becker (Hrsg.), Familie im Fokus der Wissenschaft, Wiesbaden 2014, S. 19–39.
3.
Vgl. Rüdiger Peuckert, Familienformen im sozialen Wandel, Wiesbaden 2012, S. 13.
4.
Vgl. Anja Steinbach/Anne-Kristin Kuhnt/Markus Knüll, Kern-, Eineltern- und Stieffamilien in Europa. Eine Analyse ihrer Häufigkeit und Einbindung in haushaltsübergreifende Strukturen, in: Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung 2/2015, http://www.uni-due.de/imperia/md/content/soziologie/duisburger_beitr%C3%A4ge.pdf«.
5.
Vgl. Bernd Eggen/Marina Rupp, Gleichgeschlechtliche Paare und ihre Kinder: Hintergrundinformationen zur Entwicklung gleichgeschlechtlicher Lebensformen in Deutschland, in: Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 7/2010, S. 22–37.
6.
Vgl. Sonja Bastin/Michaela Kreyenfeld/Christine Schnor, Diversität von Familienformen in Ost- und Westdeutschland, in: Krüger/Herma/Schierbaum (Anm. 2), S. 126–145.
7.
Vgl. Anja Steinbach, Stieffamilien in Deutschland. Ergebnisse des "Generations and Gender Survey" 2005, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 33/2008, S. 153–180.
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Autor: Anja Steinbach für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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