APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Helmut Heinzlmeir

Asien an der Schwelle zum 21. Jahrhundert

In der ersten Hälfte der neunziger Jahre beeindruckte insbesondere das pazifische Asien durch ein hohes Wirtschaftswachstum. Das 21. Jahrhundert schien ein Jahrhundert Asiens zu werden.

I. Abschnitt

Das Bild, das sich Europa von Asien macht, unterliegt einem steten Wandel. Das war so in der Geschichte. Das gilt auch für die Gegenwart. Eines jedoch bleibt sich in diesem Wandel stets gleich. Das Bild hat zumeist mehr mit dem europäischen Selbstverständnis als mit Asien zu tun. Im 18. Jahrhundert waren es führende europäische Gelehrte, namentlich Leibniz, Montesquieu und Voltaire, die in Asien - genauer gesagt in China - ein Vorbild für das feudale christliche Abendland sahen. Dort vornehmlich glaubten sie eine beispielhafte Herrschaft der Vernunft verwirklicht zu sehen. In ihrem idealisierten Bild von dem fernen Kaiserreich hätte sich zwar kaum ein zeitgenössischer Chinese wieder erkannt, aber in jener Zeit war das Wissen über ferne Länder ohnehin spärlich. Im 19. Jahrhundert änderte sich das europäische Asienbild grundlegend. Europa strotzte vor Selbstbewusstsein, fühlte sich als Beherrscher der Welt. Nicht nur Hegel und Marx hielten Asien für hoffnungslos rückständig.


Die Zeiten änderten sich. Wer erinnert sich nicht noch an 1968 und die Zeit danach, als eine ganze akademische Generation mit Mao-Bibeln in der Hand im kulturrevolutionären China die vorbildliche Gesellschaft der Zukunft sah. Nicht zuletzt aufgrund von Unzulänglichkeiten in der eigenen Gesellschaft ging man auf die Straße. Wer konnte, wer wollte davon wissen, dass das kommunistische China damals vor allem ein von blutigen Machtkämpfen geschütteltes Land war? Genaueres Wissen hätte dem Elan geschadet. Und was den einen das kulturrevolutionäre China war, war den anderen Indien. Auf der Flucht vor den Zwängen hiesiger Zivilisation reisten sie nach Indien, in der Hoffnung, von fernöstlicher Weisheit zu lernen.

Die Zeiten änderten sich neuerlich. In den achtziger und neunziger Jahren reisten vornehmlich Industriebosse und Banker nach Asien; und das nicht ohne Grund. Asien - mit seinen zumeist autoritären Regimen - beeindruckte durch hohes Wirtschaftswachstum, willige Arbeiter, niedrige Löhne und eine, noch weithin ungebrochene, Technikgläubigkeit - Dinge, die, zumindest in Europa, oft schmerzlich vermisst wurden. Allenthalben wurde von einem "asiatischen Wirtschaftswunder" gesprochen. Die Weltbank legte dazu im Herbst 1993 eine vielbeachtete Studie vor [1] . Was Wunder, dass seinerzeit viele Verantwortliche in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft voraussagten, das 21. Jahrhundert werde ein Jahrhundert Asiens [2] . Doch das Jahrhundert endete, bevor es richtig begann - so scheint es zumindest. Thailand gab am 2. Juli 1997 die feste Bindung seiner Währung an den amerikanischen Dollar auf und löste damit die so genannte "Asienkrise" aus. Diese führte nicht nur in zahlreichen Staaten Asiens zu - bis heute vielfach ungelösten - Problemen in Wirtschaft und Politik, nachhaltig betroffen waren davon auch Weltwirtschaft und Weltfinanzmärkte. Seither spricht kaum noch jemand von einem "asiatischen Wirtschaftswunder" oder gar von einem bevorstehenden "asiatisch-pazifischen Jahrhundert" [3] . Die abrupten Wechsel in der hiesigen Sicht Asiens könnten Anlass zum Nachdenken darüber sein, was es seinerzeit mit dem viel beschworenen "asiatischen Wirtschaftswunder" auf sich hatte und wie es heute um die Zukunft des Kontinents bestellt ist. Vorweg jedoch ist dazu - zumindest kursorisch - der Begriff Asien zu differenzieren.

Fußnoten

1.
Vgl. World Bank, The East Asian Miracle, Oxford 1993.
2.
Vgl. John Naisbitt, Megatrends Asia. The Eight Asian Megatrends that are Changing the World, London 1995.
3.
Vgl. Heinrich Kreft, Krisenkontinent Asien. Wachsende politische Unsicherheiten, in: Internationale Politik, (2000) 1, S. 6-16.