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26.5.2002 | Von:
Christoph Kleßmann

Arbeiter im "Arbeiterstaat"

Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell und westdeutsches Magnetfeld

Welche soziale Relevanz hatte die ideologische Konstruktion eines "Arbeiterstaates" für die Arbeiter in der DDR? Und in welchen Bereichen trat sie besonders hervor?

I. Dreifacher Bezugsrahmen

Das Modell des "Arbeiterstaates" - die Bauern in der offiziellen Etikettierung lassen sich hier vernachlässigen [1] - fußte in seinem Selbstverständnis auf zwei Axiomen, die auf Marx und Lenin zurückgingen. Nach Marx sollte die Diktatur des Proletariats aus dem Klassenkampf und einer breiten emanzipatorischen Massenbewegung hervorgehen; sie sollte eine Übergangsherrschaft sein, die auf ihre eigene Überwindung zielte und letztlich einen Zustand schaffen sollte, in dem zum ersten Mal Menschen ihre Geschichte selber machen und den "stummen Zwang der Ökonomie" überwinden würden [2] .


Ohne diese ausgeprägt idealistische Komponente des Historischen Materialismus ist die lange, weltweite Faszination des Marxismus und die Verführungskraft seiner Utopie einer klassenlosen Gesellschaft nicht verständlich. Lenin fügte dieser Vorstellung die Forderung nach einer revolutionären Avantgarde hinzu, ohne die es keine erfolgreiche proletarische Revolution geben könne. Nur so ließ sich nach Lenin das Verharren der Arbeiterschaft in einem "trade-unionistischen" Bewusstsein verhindern und überwinden [3] . Die Arbeiterklasse besaß zwar eine aus der Geschichte abgeleitete Mission, aber sie musste geführt werden.

An diesen beiden Axiomen waren die politischen und ökonomischen Grundstrukturen der Systeme orientiert, die nach 1945 mit Hilfe der Roten Armee in Ostmitteleuropa etabliert wurden. Die mit der kommunistischen Bewegung verbundene selbst ernannte Avantgarde, auf die sich die Sowjetunion stützte, stammte in ihrer großen Mehrheit aus der Arbeiterschaft; sie war aber trotz aller terminologischen Rabulistik nicht mehr Teil dieser Klasse, sondern verselbständigte sich schnell gegenüber ihrer Basis. Ihre Herrschaft funktionierte nach den Gesetzen einer von der Sowjetunion implantierten und von der deutschen kommunistischen Führungselite akzeptierten und gewollten Diktatur, die ihren ursprünglich gedachten Übergangscharakter schnell verlor. Statt des von Engels prognostizierten "Absterbens des Staates" [4] okkupierte dieser immer größere Segmente der Gesellschaft. Die Dichotomie von Avantgarde und Klasse erhielt jedoch für die Arbeiter eine besondere Prägung: "Ihr Staat" war eine Diktatur, dessen Struktur sie kaum beeinflussen konnten, seit demokratische Mechanismen zerstört und "umdefiniert" worden waren. Er war aber im Anspruch eine proletarische Diktatur und insofern auf eine spezifische Legitimation angewiesen, die für die Herrschaftspraxis nicht ohne Folgen blieb.

In der östlichen Hälfte Deutschlands vollzog sich dieser Versuch in einer singulären Situation: Jenseits der Grenze gab es diesen bürgerlichen Staat innerhalb einer noch existierenden Gesamtnation, die lange Zeit durch vielfältige wirtschaftliche, soziale und kulturelle Verbindungen über die politische Grenze hinweg zusammengehalten wurde. Das bedeutete nicht zuletzt, dass in der DDR der Westen ungleich stärker präsent war, als das für Ostmitteleuropa gelten konnte.

Welche kollektive und individuelle soziale Relevanz hatte die Ideologie des "Arbeiterstaates", der zwar politisch ein sowjetischer Oktroi war, aber zugleich wesentliche Ziele der sozialistischen Arbeiterbewegung einzulösen beanspruchte, für die realen Arbeiter im beruflichen und alltäglichen Leben? Was bedeutete in diesem Kontext die Nachbarschaft der kapitalistischen Bundesrepublik mit politischer Freiheit, einer expandierenden Sozialpolitik und einer "reformistischen" Arbeiterbewegung für die Politik der SED und für das Verhältnis der Arbeiter in der DDR zu "ihrem" Staat?

Diese Fragen verweisen überwiegend auf weiße Flecken in der Historiographie. Eine Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in der DDR wird damit in drei Bezugsfelder eingeordnet: Sie stand einerseits in einer deutschen Tradition, auf die man sich zu Recht - oder zu Unrecht - ständig berief. Sie war andererseits Teil des sowjetsozialistischen Herrschaftssystems, in dem sowjetische Modelle von außen vorgegeben und auch freiwillig als Vorbilder übernommen wurden. Beide Entwicklungsstränge aber standen, drittens, ständig unter dem Einfluss eines westdeutschen Magnetfeldes, dessen Ausstrahlung zwar nicht gleichbleibend war, aber zu keinem Zeitpunkt wirklich durchkreuzt werden konnte und so stets eine strukturelle und mentale Herausforderung blieb.

Dietrich Mühlberg hat in der Rezeption der Formen und Erfahrungen der Arbeiterbewegung als Organisationskultur aus den zwanziger Jahren einen wesentlichen Charakterzug der DDR gesehen: "So gut wie alle Einrichtungen der Arbeiterbewegungskultur wurden wieder aufgenommen und in modifizierter Form (meist an Betriebe oder Gewerkschaften gebunden) weitergeführt. Sie sollten nun für alle - vorzugsweise aber für Arbeiter - offen sein." [5] Wieweit diese These trägt, wird in unterschiedlichen systematischen Zusammenhängen genau zu analysieren sein. Auch wenn eine "verstaatlichte" Arbeiterbewegung nicht bruchlos in deren traditionelle Geschichte passt, bleibt die Frage, welche Ideale, Organisationsmuster, Rituale und Erwartungen weiterwirkten oder übernommen, welche instrumentalisiert, pervertiert oder gekappt wurden.

Offenkundig beschwor die SED "die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienst herauf", entlieh ihnen "Namen, Schlachtparolen, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen" [6] . Diese Rituale bildeten ein wesentliches Element des alltäglichen Erscheinungsbildes des "Arbeiter-und-Bauern-Staates", auch wenn sie unter dem Druck von Gewöhnung und Modernisierungszwängen zunehmend hohl und inhaltsleer wurden. Aber welche sozial-, bildungs- und rechtspolitischen Folgen hatte die Berufung auf die Tradition der Arbeiterbewegung und die Stilisierung der Arbeiter zur "führenden Klasse"? Wie lässt sich diese Geschichte darstellen, ohne Staatsgeschichte zu schreiben? Wieweit muss eine solche Darstellung gerade auch Staatsgeschichte sein, um ihren Gegenstand in seiner spezifischen Ausprägung nicht zu verfehlen?

II. Industriearbeiterschaft und SED

"In der DDR wurde der Typus des deutschen Facharbeiters", wie Peter Hübner betont, "politisch umworben und sozial konserviert. Er stand in engem Zusammenhang mit einer Wirtschaftspolitik, die weitgehend an den vorhandenen industriellen Strukturen festhielt und diese bis Mitte der sechziger Jahre durch eine kräftig ausgeweitete Grundstoffindustrie untermauerte." [7]

Auf diese Weise stieß die politische Dispositionsfreiheit der SED bereits früh an selbstgeschaffene Grenzen. Die Kontinuität im industriellen Ambiente verstärkte die Erwartungen der "führenden Klasse" hinsichtlich eines angemessenen, gerechten Lohnsystems und Lebensniveaus und schränkte den Spielraum für einschneidende Veränderungen auf Kosten der Arbeiterschaft von vornherein erheblich ein. Der 17. Juni 1953 wurde für diese nie aufgelöste Grundkonstellation zum politischen Menetekel. Dieses Schlüsselproblem aller kommunistischen Systeme in Europa erhielt in der DDR besondere Brisanz, weil sie den Vorposten zum kapitalistischen Westen bildete und - neben der Tschechoslowakei - der einzige Staat mit der Tradition einer starken sozialistischen Arbeiterbewegung war.

Die für die siebziger und achtziger Jahre entwickelte These vom stillschweigenden "Sozialkontrakt" zwischen SED und Arbeiterschaft, zwischen Staat und Gesellschaft [8] , besitzt eine hohe Erklärungskraft für die lang anhaltende relative Stabilität der DDR. Die "weichen Stabilisatoren" einer in den siebziger Jahren exzessiv ausgebauten Sozialpolitik [9] verdeckten, dass sich das System ohne Strukturreformen auf dem Weg in den Kollaps befand. Es spricht jedoch viel dafür, dass dieser informelle Sozialvertrag bereits zur Gründungsgeschichte des "Arbeiter-und-Bauern-Staats" gehört und eines der wichtigsten Kennzeichen für die soziale Relevanz seiner Ideologie war. Jeffrey Kopstein hat überzeugend darauf hingewiesen, dass der aus der Arbeiterbewegung stammende Egalitarismus im Lohnsystem sich nicht nur in den unmittelbaren Nachkriegsjahren stark entfaltete, sondern als Strukturproblem auch in der frühen DDR prägend blieb [10] . Er war nach dem 17. Juni kaum mehr zu beseitigen, zumal er partiell der ideologischen Grundorientierung der SED entsprach. Er verband sich jedoch - und das war ein Spezifikum der exponierten Lage der DDR - mit einer starken Westorientierung und der Erwartung, auf anderen und gerechteren Wegen zu ähnlichem Wohlstand wie die Bundesrepublik zu gelangen. Da die stimulierende und disziplinierende Funktion eines kapitalistischen Arbeitsmarkts für die Löhne fehlte, entwickelte sich dieser Egalitarismus zu einer stillschweigend gültigen sozialen Norm [11] . Zu verändern war sie in einer Mangelgesellschaft nur mit hohem politischen Risiko, das die SED nach den Erfahrungen von 1953 und später angesichts der zahlreichen Krisen in Polen nicht einzugehen wagte [12] .

Die egalitäre Orientierung wurde in den fünfziger Jahren noch stark überlagert vom Aufbruchpathos des sozialistischen Aufbaus [13] . Mit dem Scheitern des "Neuen Ökonomischen Systems" Ende der sechziger Jahre und dem Generationswechsel sowie der sich vertiefenden statt abnehmenden Kluft im Entwicklungsniveau zwischen Ost und West wurde dieser Egalitarismus zunehmend von Desinteresse, Gleichgültigkeit und Zynismus durchsetzt. Die Arbeiter nahmen ihren Staat beim Wort, prägten ihm unter den gegebenen politischen Bedingungen ihre Interessenstruktur auf und verwandelten damit die Gesellschaft insgesamt zunehmend in eine "arbeiterliche Gesellschaft" [14] . Hier hat das Plädoyer von Ina Merkel - so problematisch es für eine sozialhistorische Analyse ist - seine Berechtigung und Überzeugungskraft: der Verzicht auf den Begriff "Arbeiter" zugunsten eines breiten Begriffs "Werktätige" [15] . Ähnlich hat Wolfgang Engler argumentiert: "Die Ostdeutschen lebten in einer Gesellschaft, in der die Arbeiterschaft sozial und kulturell dominierte und die anderen Teilgruppen mehr oder weniger ,verarbeiterlichten'. Es wäre eine Absurdität zu behaupten, die ostdeutschen Arbeiter hätten die politische Herrschaft ausgeübt. Aber das soziale Zepter hielten sie in der Hand. Anschauungen, Meinungen, Konventionen, Kleidungs- und Konsumgewohnheiten und nicht zuletzt die Alltagssitten richteten sich nach den Normen und Idealen der arbeitenden Klasse." [16]

Diesem im Großen und Ganzen wohl zutreffenden Befund entsprach auch die soziale Selbsteinschätzung eines im Vergleich zur Bundesrepublik viel höheren Anteils der DDR-Bevölkerung als "Arbeiter", und zwar vor 1989 ebenso wie nach 1989 [17] . Dass diese Selbstwahrnehmung deutlicher auf den Status als Arbeiter ausgerichtet blieb, mochte in der DDR primär damit zusammenhängen, daß es politisch opportun war und Vorteile brachte. Es verwies aber auch auf die tief greifende soziale Umschichtung, die hier stattgefunden hatte. Die Erwartung und der Druck zur ständigen Weiterqualifizierung bildeten ein wichtiges Element in diesem Prozess. Damit verwischten sich die Grenzen des sozialen Status.

In den Normen und Anschauungen der DDR-Gesellschaft steckten zwar noch Traditionselemente der alten Arbeiterbewegung, zumal deren Institutionen in verstaatlichter Form vielfach in die Konstruktion des "Arbeiter-und-Bauern-Staates" eingegangen waren. Der Egalitarismus als Grundströmung - verbunden mit der dauerhaften Erfahrung von Mangel, Desorganisation, politischer Patronage und Inkompetenz - ließ aber zunehmend andere Tugenden, die in der Arbeiterbewegung ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt hatten, in den Hintergrund treten: Disziplin, Fleiß, Qualitätsbewusstsein, Orientierung an "deutscher Wertarbeit" [18] . Damit verschärfte sich die Misere, ohne dass die "führende Klasse" ein ernsthaftes Interesse an Abhilfe durch Produktivitätssteigerung und Sozialabbau hatte und haben konnte. Eben deshalb blieb der stillschweigende "Sozialvertrag" erstaunlich lange stabil [19] .

III. "Brechung des bürgerlichen Bildungsprivilegs"

Die Forderung nach Abbau der sozialen Schranken im Bildungswesen und dessen Öffnung für alle Schichten, insbesondere für die traditionell benachteiligten Arbeiter und die Landbevölkerung, war ein wichtiges Programmelement aller kommunistischen und sozialistischen Parteien. Sie gehörte neben verbreiteten Vorstellungen von Sozialisierung und Planwirtschaft bei Kriegsende zu den Postulaten, die den gesellschaftlichen Neubeginn nach dem Desaster des Nationalsozialismus signalisieren sollten [20] . Sie konnten zunächst auf breiten Konsens rechnen. In der SBZ rangierte der Umbau des Schulsystems bereits unter den ersten Struktureingriffen. Die 1946 erfolgte Einführung der achtklassigen Einheitsschule kam daher einem über die Arbeiterbewegung hinausreichenden ernsthaften Erneuerungswillen entgegen. Die Reformpädagogik aus der Weimarer Republik hatte neben der KPD- und SPD-Programmatik einen wesentlichen Anteil daran [21] .

Dieser erste - "gesamtzonale" - Schritt auf dem Weg zur Einebnung traditioneller Bildungsbarrieren war zunächst begleitet von einer weitgehenden Wiederherstellung des herkömmlichen Universitätssystems, wenngleich die SED in der Personalpolitik und in der administrativen Steuerung schon frühzeitig auf Sicherung ihres Einflusses bedacht war. Um aber auch auf der universitären Ebene bereits Signale für künftige sozialstrukturelle Veränderungen zu setzen, begannen schon 1945 ohne nachweisbaren sowjetischen Einfluss unter verschiedenen Namen die ersten Initiativen für Vorstudienanstalten, aus denen 1949 die Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten (ABF) hervorgingen [22] . In ihrer Zielsetzung reichten sie ebenfalls in die reformpädagogische und parteipolitische Diskussion der Weimarer Republik zurück und weisen somit auf "autochthone Traditionsstränge der beiden deutschen Arbeiterparteien" hin [23] . Auch das Motiv der Wiedergutmachung für jüdische und kommunistische Schüler, denen vom Nationalsozialismus der Zugang zu weiterführender Bildung verwehrt worden war, spielte in der Gründungsphase eine wesentliche Rolle.

Mit der Etablierung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten 1949 gewann gegenüber anderen Motiven die gezielte politische Kaderrekrutierung an Gewicht. Insbesondere die von führenden Funktionären gezogenen Parallelen zur Parteischulung machten dieses neue Motiv deutlich: "Genauso, wie die Partei gut ausgewählte und geprüfte Genossinnen und Genossen auf ihre Parteischulen schickt", erklärte Anton Ackermann im Mai 1949, "genauso müssen auch die Bewerber und Kandidaten für die Aufnahme an den Universitäten und Hochschulen durch die Partei mobilisiert, von ihr bestimmt und überprüft werden." [24] Um diesem Ziel näher zu kommen, hatte vor allem der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) die Anwerbung und Delegierung von Interessenten zu übernehmen. Ein Studium an der ABF sollte keine Privatsache sein, sondern Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Insofern verstand der FGDB-Bundesvorstand an die ABF delegierte Arbeiter als "direkte Mandatsträger der Arbeiterklasse" und die (formale) Delegierung durch Betriebe als "Vertrauensbeweis, den nur die Besten sich verdienen" [25] . Mit dem ersten Fünfjahrplan von 1950 wurden die ABF in die langfristige gesamtwirtschaftliche Planung integriert und ihre Absolventen im Zuge des "Aufbaus des Sozialismus" zum wichtigen Rekrutierungspotenzial einer neuen sozialistischen Intelligenz. Insgesamt haben an den ABF in der Zeit ihres Bestehens von 1949 bis 1963 etwa 35 000 Personen ihre Hochschulreife erhalten [26] .

Weitgehend offen ist bislang, wie die Akzeptanz dieses Angebots zum sozialen Aufstieg durch gezielte Privilegierung unter der Arbeiterschaft ausgesehen hat und wie stark der Effekt einer sozialistischen Kaderrekrutierung tatsächlich war. Die Frage nach der Resonanz lässt sich ebenso an andere Zweige des Bildungswesens richten und ist dort nicht minder schwierig zu beantworten.

Die SED führte 1951 die am sowjetischen Modell ausgerichtete 10-Klassen-Schule ein, die allgemeine und polytechnische Bildung verbinden sollte. Das Ziel, angesichts der durch Entnazifizierung und Abwanderung bürgerlicher Fachkräfte entstandenen Lücken schnell ein neues qualifiziertes Potenzial zu gewinnen, dominierte hier von Anfang an. Es war insbesondere auf Arbeiter und Bauern gerichtet mit dem Ziel, den gewünschten Kaderschub zu forcieren. Gleichwohl trat hier ebenso wie bei den Vorstudienanstalten und den ABF ein Dilemma auf, das auch im "Arbeiterstaat" nicht kurzfristig zu lösen war: Die kulturellen Grenzen des Sozialmilieus mussten aufgebrochen werden, um Angebote wirksam werden zu lassen. Vollmundige Erfolgsbilanzen parteioffizieller Berichte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lösung dieses schwierigen Problems, das relativ unabhängig vom politischen System auch in westlichen Ländern bestand, mühsam war [27] .

IV. Gewerkschaften im "Arbeiterstaat"

Die größte Massenorganisation des "Arbeiterstaates", die wie keine andere eine lange Tradition der Arbeiterbewegung mit einer substantiellen Funktionsveränderung nach sowjetischem Vorbild verband, war der FDGB. Die eigentümliche Mixtur dieser beiden Einflussfaktoren prägte das Erscheinungsbild und das Innenleben dieser Staatsgewerkschaft und macht jenseits der eher öden Organisationsgeschichte die Entwicklung dieser "Gewerkschaft" zu einem interessanten und noch keineswegs wirklich erschlossenen Untersuchungsfeld [28] . Die leninistische Rolle des FDGB im politischen System war nach einer eher diffusen und konfliktreichen Aufbauphase spätestens mit der Gründung der DDR festgelegt: Transmissionsriemen zu sein für die Politik der führenden Partei. Diese Rolle auszufüllen dauerte jedoch viele Jahre. Denn zum einen blieben die Erwartungen der Basis lange an das traditionelle Bild einer wirklichen Interessenvertretung geknüpft, zum anderen hatten die Funktionäre offensichtlich große Schwierigkeiten, der neuen Rolle gerecht zu werden. Denn niemand besaß Erfahrungen mit Gewerkschaftspolitik in einem Arbeiterstaat mit "Volkseigentum" und zentraler Planwirtschaft. Stefan Werum hat gezeigt, wie groß die Reibungsverluste waren und welche enormen Probleme der riesige Apparat bei der Durchsetzung politischer Entscheidungen von oben nach unten noch bis Mitte der fünfziger Jahre hatte [29] .

Die Spannung zwischen sowjetischem Modell und deutscher Tradition, zwischen dem FDGB als Träger von Produktionskampagnen und als Interessenorganisation von Lohnabhängigen verschwand nie vollständig, so dass die Geschichte des FDGB unter der Oberfläche eine merkwürdige Ambivalenz aufweist. Eine Sozialgeschichte dieser Massenorganisation, die 1988 mit rund 9,6 Millionen Mitgliedern nahezu die gesamte arbeitende Bevölkerung der DDR umfasste [30] , sollte daher zwischen Funktion im Gesamtsystem und Erfahrungsgeschichte der Mitglieder zu unterscheiden versuchen, um der tatsächlichen sozialen Rolle gerecht zu werden und die Vorstellung einer vollständigen "Durchherrschung" zu relativieren [31] .

Der FDGB hat offenbar jenseits seiner offiziellen politischen Geschichte auch eine "Krypto-Geschichte" gehabt, die starke Verbindungslinien zum immer wieder bekämpften "Sozialdemokratismus" und zum "Nur-Gewerkschaftertum" besaß und somit auch für eine nichtstalinistische, demokratische Linie im Sozialismus empfänglich war [32] . Peter Hübner hat diese beiden in der Gesamtgeschichte des FDGB ineinandergreifenden Traditionslinien so charakterisiert: "Die eine kam aus der kommunistischen Richtung, zeichnete sich durch ihre KPD/SED-Fixierung aus und war im Wesentlichen im Sekretariat des Bundesvorstandes präsent. Die andere hatte ihre Wurzeln in der Gewerkschaftsbewegung der Zwischenkriegszeit, mit starken Querverbindungen zur Sozialdemokratie, und sie blieb längerfristig in der Funktionärsschicht der Industriegewerkschaften und Gewerkschaften sowie unter den vorwiegend ehrenamtlichen Betriebsfunktionären erhalten. Vor allem von dieser Seite her kam ein deutlicher pragmatischer Zug, der sich insbesondere im sozialen Aufgabenbereich des FDGB Geltung verschaffte." [33]

Neben seiner staatstragenden Funktion besaß der FDGB in der Arbeitsgesellschaft der DDR eine Schlüsselrolle im Betrieb. Arbeiter waren mit seinen Aufgaben in zweifacher Weise konfrontiert: Der FDGB war Motor der Mobilisierung für Produktionssteigerung - das Dauerthema der DDR -, aber auch Träger betrieblicher Sozialpolitik und Kulturarbeit, d. h. individuell und unmittelbar erfahrbarer sozialer, gesundheitlicher und kultureller Leistungen. Insofern schien Loyalität ratsam, auch wenn die politische Funktion des FDGB eher unerwünscht war. Für den Apparat galt tendenziell bis in die sechziger Jahre: Je höher die Ebene, desto verheerender das Image an der Basis der Belegschaften [34] . Mit Honeckers Programm der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" entwickelte sich der FDGB noch stärker zu einer "betriebszentrierten sozialpolitischen Superbehörde" [35] , produzierte damit aber einen nicht unbeträchtlichen politischen Loyalitätseffekt für das Regime - allerdings auf Kosten der Substanz, wie sich (zu spät) herausstellte.

V. Kulturhäuser

In den Richtlinien des FDGB von 1949 wurde die Funktion eines Kulturhauses folgendermaßen beschrieben: "Das Kulturhaus gibt den werktätigen Menschen die vielfältigsten Möglichkeiten zur Entwicklung ihrer schöpferischen Fähigkeiten, zur Erweiterung und Festigung ihres beruflichen Könnens und zur Vertiefung ihres Wissens und bildet damit das kulturelle Zentrum des Betriebes . . . Im Kulturhaus und aus ihm heraus soll sich das Kulturleben der Werksangehörigen entfalten. Und schließlich soll im Kulturhaus die neue Beziehung zwischen [dem] Werktätigen und seinem Werk entwickelt und gefördert werden." [36]

Bevor mit dem "Bitterfelder Weg" 1959 eine neue Phase einsetzte, waren die auf sowjetische Initiative hin gebauten Kulturhäuser Teil der industriellen Schwerpunktbetriebe und der kollektivierten Musterbetriebe in der Landwirtschaft. "Sie waren dezentral den Produktionsstätten angegliedert und blieben als privilegiertes betriebliches Sonderterritorium häufig beneidetes Reservat für Betriebsangehörige." [37] Diese relative Isolierung verhinderte jedoch eine breitere Ausstrahlung. Das Innenministerium reagierte darauf mit einer Direktive vom 10. Januar 1959 über die "Zugänglichmachung der Kulturhäuser, Klubs usw. für die gesamte Bevölkerung". Die Anweisung betraf 341 Kultur- und Klubhäuser des FDGB und weitere 162 Einrichtungen der FDJ [38] . Aus durchaus kontroversen Diskussionen um die kulturpolitische Ausrichtung ging schließlich der "Bitterfelder Weg" hervor, der viele Väter hatte, woraus sich möglicherweise auch seine Ambivalenz erklärt. Das berühmte Motto "Greif zur Feder, Kumpel!" - die Aufforderung zur künstlerischen Eigenaktivität der Arbeiter - war verbunden mit dem Appell an die Schriftsteller, sich enger mit den Betrieben zu verbinden und betriebliches Leben zum Gegenstand der Literatur zu machen [39] .

So genau wir die Friktionen unter den Schriftstellern sowie zwischen den Schriftstellern und der Partei bis hin zum berüchtigten 11. ZK-Plenum 1965 kennen, so wenig Genaues wissen wir bislang über die Resonanz der kulturpolitischen Offensive von Bitterfeld an der betrieblichen Basis, das heißt im Wesentlichen in den Kulturhäusern. Die häufigen Klagen der Funktionäre über die unzureichenden Erfolge der "Zirkel schreibender Arbeiter" und der von oben initiierten "Brigadetagebücher" sind nur ein unzureichender Indikator für die mangelnde Resonanz dieses kulturpolitischen Aufbruchs. Die Untersuchung von Sandrine Kott zeigt jedenfalls, dass es beachtliche, vielfältige Aktivitäten betrieblicher Kulturgruppen gab. Sie stießen aber schnell an die engen Grenzen, die jeder Eigeninitiative gesetzt wurden, und lösten sich schließlich in geselligen Brigadeabenden auf [40] . Unter den gegebenen politischen Bedingungen konnte sich betriebliche Kulturarbeit nur als gelenkte Initiative von oben entfalten. Vor allem für kritische Schriftsteller fiel die "Ankunft im Alltag" daher ernüchternd aus. Brigitte Reimann fasste ihre Eindrücke 1962 so zusammen: "Ich war als lernbegierige Schülerin zu den Arbeitern gegangen - zu einer Klasse von Heroen. Ich fand das Heldentum, das ich erwartet hatte, in ihrer Arbeit, in den acht Stunden oder mehr auf dem Gelände. Allmählich merkte ich aber, dass viele nicht über ihre Lohntüte hinausblickten, dass es Streit wegen der Prämien gab, dass Solidaritätsmarken gedankenlos geklebt wurden . . ., dass Tüftler, von denen ich glaubte, sie opferten ihre Abende um der Sache willen, in Wahrheit auf materiellen Gewinn spekulierten, dass auf Versammlungen anders geredet wurde als unter vier Augen und - was mich am meisten befremdete - dass die Wünsche und Ziele sich bei vielen in der Ansammlung von unerlässlichen Requisiten eines gehobenen Lebensstandards erschöpften . . . Wie ist es möglich, dass Menschen, die im Betrieb Aktivisten und Neuerer sind, zu Hause die Filzlatschen anziehen und sich begnügen?" [41]

Als Schriftsteller sich bemühten, diese komplexe und widersprüchliche Realität im "Arbeiterstaat" literarisch umzusetzen, stießen sie erneut auf das überwunden geglaubte Veto der Partei. Insofern bedeutete das Scherbengericht des 11. Plenums von 1965 auch das Scheitern der doppelten Zielsetzung des Bitterfelder Weges.

VI. Der Westen im Osten

Auf drei Ebenen lässt sich für die Arbeitergeschichte der DDR die Präsenz des Westens im Osten besonders deutlich fassen:

1. in organisierten Formen von Widerstand, Informationsbeschaffung und gezielter "Gegenaufklärung" vor allem durch das Ostbüro der SPD in den vierziger und fünfziger Jahren;

2. im "Sozialdemokratismus" als ideologischem Stachel im Fleisch der "führenden Partei";

3. als ständige, durch Medien und Verwandtschaftsbeziehungen vermittelte Vergleichsfolie für Lebensstandard und Konsum, die für die Einstellung der Arbeiter zu ihrem Staat eine zentrale Rolle spielte.

Das Ostbüro der SPD stand zunächst in der Tradition der Widerstandsarbeit aus dem "Dritten Reich"; es sollte die in der SBZ verbliebenen Sozialdemokraten mit Material versorgen, Flüchtlinge unterstützen und sich nach Schumachers Vorstellungen zur "Nachrichtenbörse und Werkstatt für die deutschlandpolitischen und auf Osteuropa bezogenen Konzeptionen der Sozialdemokratie" [42] entwickeln. Frühere Sozialdemokraten lieferten Berichte über die inneren Strukturen, das Personal und den politischen Terror der SED; sie erleichterten damit dem Parteivorstand, sowohl Aufklärungsarbeit im Westen zu betreiben als auch Materialien in der DDR zu verbreiten. Dünndruckbroschüren, Tarnschriften und illegale Zeitungen wurden in den fünfziger Jahren in z. T. hohen Auflagen auf verschiedenen Wegen in der DDR verteilt. Über die Vertrauensleute in den Betrieben und die Einrichtung von Grenzsekretariaten entstand ein umfangreiches, wenn auch lockeres Organisations- und Informationsnetz.

Zweifellos hat die Untergrundarbeit des Ostbüros zu keinem Zeitpunkt die von der Sowjetunion gestützte Herrschaft der SED ernsthaft gefährden können. Dennoch bieten die Monatsberichte in ihren regelmäßigen Abschnitten "Massenstimmung und Widerstandsaktionen" eine solche Fülle von Beispielen für offene und verdeckte politische und soziale Konflikte in den Betrieben, dass Partei und Staatssicherheit darüber nicht hinwegsehen konnten [43] . Der in den Berichten immer wieder auftauchende Hinweis auf den 17. Juni 1953, der sich wiederholen könne, entsprang sicherlich einem Wunschdenken sozialdemokratischer Vertrauensleute. Dennoch blieb auch in der Wahrnehmung der SED nach der traumatischen Erfahrung des Aufstandes die brisante Mischung von sozialer Unzufriedenheit und indirekter Präsenz des Westens ein dauerhaftes Problem.

"Sozialdemokratismus" wurde nie eindeutig definiert. Darin lag die propagandistische Brauchbarkeit des Begriffs zur Kennzeichnung von vielerlei unliebsamen Erscheinungen. Die Polemik dagegen durchzieht die Geschichte der SED bis zu ihrem Ende. "Sozialdemokratismus - was ist das?", fragte das "Neue Deutschland" am 5. März 1954 und gab die Antwort: "Er will den Arbeitern einreden, dass es angeblich einen anderen Weg zum Sozialismus gäbe. Er verbündet sich mit den schlimmsten Feinden der Arbeiterklasse in der Bekämpfung derjenigen Staaten, in denen die Werktätigen die Staatsmacht innehaben, und in der Bekämpfung derjenigen Arbeiterparteien, die diesen Weg anstreben. . . . Gleichzeitig - und das ist nur die Kehrseite derselben Medaille - predigt er der Arbeiterklasse die Notwendigkeit der Versöhnung mit dem kapitalistischen Ausbeuterstaat, dessen Klassencharakter beschönigt und vertuscht wird." [44]

Die Auseinandersetzungen mit dem "Sozialdemokratismus" nahmen in den verschiedenen Entwicklungsphasen der DDR unterschiedliche Formen an, das ärgerliche Phänomen blieb jedoch. Egon Bahr ist sogar so weit gegangen, seine Politik des "Wandels durch Annäherung" als eine Spielart des - für die SED besonders gefährlichen - "Sozialdemokratismus" zu charakterisieren [45] .

Stärker als direkte politische Einwirkungsversuche dürfte jedoch der magnetische Einfluss gewesen sein, der vom Lebensniveau in der Bundesrepublik auf die Arbeiter in der DDR ausging. Der höhere westliche Lebensstandard bewirkte nicht in allen Phasen der DDR die gleiche Anziehungskraft. Er muss daher als politischer Einflussfaktor möglichst genau zeitlich differenziert bestimmt werden. So war nach einer annähernd gleichen Ausgangslage der Besatzungsjahre trotz Währungsreform das Nachhinken der DDR 1950/51 noch nicht so offenkundig, dass daraus vorrangig die Fluchtmotive abzuleiten waren. Die Messlatte für die Verbesserung des Lebensstandards war anfänglich die Vorkriegszeit, und dieser Stand wurde in manchen Positionen in der DDR kaum später als im Westen erreicht. Mit der 2. Parteikonferenz 1952 und der drastischen Kürzung konsumtiver zugunsten investiver Ausgaben ging die Schere deutlich auseinander. Zwar wurde diese Entwicklung im Zeichen des "Neuen Kurses" zeitweilig wieder zurückgeschraubt, aber das erhebliche Gefälle - trotz aller Differenzierung im Einzelnen, zum Beispiel bei Mieten und Lebensmittelpreisen - ließ sich nicht übersehen [46] .

1961 wurde mit dem Mauerbau zwar ein Teil der unerwünschten Kommunikation abgeschnitten. Andererseits wuchs die Rolle von Fernsehen und Rundfunk, seit die in der Hochphase des Kalten Krieges übliche Störung von Sendern in den siebziger Jahren nicht mehr praktiziert wurde. Diese Form der Präsenz des Westens ließ sich nur indirekt neutralisieren, indem der Arbeiterstaat seine "führende Klasse" durch sozialpolitische Attraktivität zu immunisieren versuchte und so zumindest ein bestimmtes Maß an Loyalität sicherte. Selbst wenn die Berichterstattung der "Westmedien" diese Basisloyalität nicht erschütterte, sorgte sie doch stets für Informationen über den Lebensstandard im Westen. Sie konterkarierten damit nicht nur die ständigen Tatarenmeldungen von Krisen und frühkapitalistischem Elend in der Bundesrepublik, sondern auch die eigenen Erfolgsbilanzen der SED.

In einer Umfrage des Instituts für Meinungsforschung beim ZK der SED aus dem ersten Quartal 1976 konstatierten die Befragten zwar - wie in früheren Umfragen auch - mit großer Mehrheit die klare Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftssystems (mit besonderer Hervorhebung der Sozialpolitik). Dass dies aber primär als politische Pflichtübung angesehen werden muss, zeigte die mehrheitlich vertretene Auffassung, in Technik und Wirtschaft sei der Kapitalismus überlegen. Auf die Frage, welche Themen bei Verwandtenbesuchen aus der BRD und Westberlin im Vordergrund stünden, rangierten Probleme des Lebensstandards (64,1 Prozent) und der Preisvergleiche (62,3 Prozent) mit großem Abstand an der Spitze [47] .

Die Mischung aus Loyalität und Unzufriedenheit, die immer auch vom Blick nach Westen geprägt war, ist nicht präzise zu erfassen, weil auch anonym und professionell durchgeführte Erhebungen kaum die "Schere im Kopf" der Befragten ganz ausschalten konnten. Dass es in den letzten Jahren der DDR einen galoppierenden Vertrauensverlust gegenüber der SED und dem sozialistischen System gab [48] , sollte jedoch die doppelte individuelle Orientierung nicht verdecken. Günter Mittag, Sekretär des ZK für Wirtschaft, brachte das Problem am 5. September 1988 in einem internen Kreis auf die plastische Formulierung: "Unsere Leute wollen die soziale Sicherheit, Geborgenheit, sichere Arbeitsplätze von uns und die Kaufhäuser aus der BRD." [49]
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Fußnoten

1.
Vgl. Handbuch der Deutschen Demokratischen Republik, hrsg. vom, Deutschen Institut für Zeitgeschichte in Verbindung mit dem Staatsverlag der DDR, Berlin (Ost) 1964, S. 10 f.
2.
Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels, Das Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 4, S. 459-493.
3.
Vgl. Wladimir I. Lenin, Was tun? Ausgewählte Werke, Berlin (Ost) 1961 (insbes. Abschn. III "Trade-Unionistische und sozialdemokratische Politik").
4.
MEW, Bd. 19, S. 228.
5.
Dietrich Mühlberg, Warum sollten wir wissen, was Arbeiter sind und was sie in der Freizeit machen? Zur Bestimmung von Arbeiterkultur in der DDR, in: Wolfgang Kaschuba u. a. (Hrsg.), Arbeiterkultur seit 1945 - Ende oder Veränderung?, Tübingen 1991, S. 71-84, hier: S. 79.
6.
Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW, Bd. 8, S. 115.
7.
Peter Hübner, Das Jahr 1961 und die Kontinuität der Arbeitergeschichte in der DDR, in: ders./Klaus Tenfelde, Arbeiter in der SBZ-DDR, Essen 1999, S. 15-38, hier: S. 32.
8.
Vgl. Jeffrey Kopstein, Shipping away at the State. Workers Resistence and the Demise of East-Germany, in: World Politics, 48 (1996), S. 391-423.
9.
Vgl. Christoph Boyer/Peter Skyba, Sozial- und Konsumpolitik als Stabilisierungsstrategie, in: Deutschland Archiv, 32 (1999), S. 577-590.
10.
Vgl. J. Kopstein (Anm. 8), S. 416.
11.
Vgl. ebd., S. 421.
12.
Ein interessantes Beispiel der Krisenrezeption bietet die Äußerung Otto Grotewohls gegenüber den Leitern der Auslandsvertretungen der DDR im Januar 1957: "Der Ausgangspunkt in Polen ist der Aufstand in Poznan im Juni vorigen Jahres gewesen. Aber der Ausgangspunkt für uns ist der 17. Juni 1953. Und seit dem 17. Juni 1953 haben wir viel gelernt, und gebranntes Kind scheut das Feuer." Zit. nach Michael Lemke, Deutschlandpolitik der SED (MS, S. 385).
13.
Vgl. Annegret Schüle, Mächtige Mütter und unwillige Töchter. Ein Generationenvergleich unter Arbeiterinnen eines Textilbetriebs der DDR, in: P. Hübner/K. Tenfelde (Anm. 7), S. 709-739, hier: S. 738 f.; Lutz Niethammer, Erfahrungen und Strukturen. Prolegomena zu einer Geschichte der Gesellschaft der DDR, in: Hartmut Kaelble u. a. (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 95-115, hier: S. 105; Hans Modrow, Ich wollte ein neues Deutschland, Berlin 1998, S. 47 ff.
14.
Vgl. Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999, S. 198 f.
15.
Vgl. Ina Merkel, Arbeiter und Konsum im real existierenden Sozialismus, in: P. Hübner/K. Tenfelde (Anm. 7) S. 543 f.
16.
W. Engler (Anm. 14), S. 200.
17.
Vgl. Alexander von Plato, Arbeiter-Selbstbilder in der DDR, in: P. Hübner/K. Tenfelde (Anm. 7), S. 873.
18.
Vgl. Alf Lüdtke, "Helden der Arbeit" - Mühen beim Arbeiten. Zur missmutigen Loyalität von Industriearbeitern in der DDR, in: H. Kaelble u. a. (Anm. 13), S. 188-213, hier: S. 205.
19.
Die SED-Führung diskutierte das Problem, scheute sich aber vor jeder Form von "Sozialabbau". Einen gespenstischen Höhepunkt bildete die Äußerung von Egon Krenz im Mai 1989 in einem kleinen Kreis von Spitzenfunktionären, nachdem Gerhard Schürer, der Chef der Staatlichen Plankommission, für 1991 die Zahlungsunfähigkeit der DDR prognostiziert hatte, wenn der Konsum nicht reduziert würde: "Wir sollten jetzt nach vorne sehen. Es ist für mich gar keine Frage, ob die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik fortgeführt wird. Sie muss fortgeführt werden, denn sie ist ja der Sozialismus in der DDR!" Zit. nach Hans-Hermann Hertle, Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates, Opladen 1996, S. 73.
20.
Vgl. etwa für Polen das schon 1941 entworfene "Programm Volkspolens." In deutscher Übersetzung und Kommentierung in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 21 (1973), S. 103-114. Zum deutschen sozialistischen Exil: Werner Link, Erziehungspolitische Vorstellungen der deutschen sozialistischen Emigration während des "Dritten Reiches", in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 19 (1968), S. 265-279.
21.
Vgl. Oskar Anweiler, Schulpolitik und Schulsystem in der DDR, Opladen 1988, S. 26 f.
22.
Vgl. Michael C. Schneider, Bildung für neue Eliten. Die Gründung der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten in der SBZ/DDR, Dresden 1998; ders., Chancengleichheit oder Kaderauslese? Zu Intentionen, Traditionen und Wandel der Vorstudienanstalten und Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1952, in: Zeitschrift für Pädagogik, 41 (1995), S. 959-983. Wichtige offizielle Texte sind zusammengestellt von Hans-Joachim Lammel, Dokumente zur Geschichte der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten (1945-1966), Berlin (Ost) 1988.
23.
M. C. Schneider, Chancengleichheit, ebd., S. 961.
24.
Zit. in: ebd., S. 976.
25.
Zit. in: ebd., S. 977.
26.
Vgl. M. C. Schneider, Bildung (Anm. 22), S. 8.
27.
Vgl. Sonja Häder, Schülerkindheit in Ost-Berlin. Sozialisation unter den Bedingungen der Diktatur (1945 bis 1958), Köln 1998.
28.
Eine umfassende kritische Darstellung des FDGB gibt es bislang nicht. Einen knappen Abriss hat Ulrich Gill vorgelegt: FDGB. Die DDR-Gewerkschaft von 1945 bis zu ihrer Auflösung 1990, Köln 1991.
29.
Vgl. Stefan Werum, "Wir sind die Illegalen!" Zum Wandel der Funktionen und Organisationsstrukturen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes 1948-1952/53, in: Archiv für Sozialgeschichte, 39 (1999), S. 73-121.
30.
Vgl. Statistisches Jahrbuch der DDR 1988, Berlin (Ost) 1989, S. 411.
31.
Zu diesem eher heuristisch gemeinten Topos vgl. Jürgen Kocka, Eine durchherrschte Gesellschaft, in: H. Kaelble u. a. (Anm. 13), S. 547-553.
32.
Vgl. Peter Hübner, Der FDGB im politischen System der DDR und in der Erfahrung der Arbeitnehmer, in: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien, Nr. 16, (1999), S. 29-42.
33.
Ebd., S. 33.
34.
Vgl. Sebastian Simsch, Aufgeschlossenheit und Indifferenz, in: P. Hübner/K. Tenfelde (Anm. 7), S. 782 ff.
35.
P. Hübner (Anm. 32), S. 35.
36.
FDGB-Bundesvorstand, Abt. Kultur und Erziehung, Richtlinien für die Erstellung und Einrichtung von Kulturhäusern vom 1. 6. 1949, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) DY 34/11/c/779A.
37.
Simone Hain/Stephan Stroux, Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR, Berlin 1996, S. 135.
38.
Vgl. ebd., S. 131 f.
39.
Vgl. Günther Rüther, "Greif zur Feder, Kumpel". Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR 1949-1990, Düsseldorf 1991; Manfred Jäger, Kultur und Politik in der DDR 1945-1990, Köln 1994, S. 87-117.
40.
Vgl. Sandrine Kott, Zur Geschichte des kulturellen Lebens in DDR-Betrieben. Konzepte und Praxis der betrieblichen Kulturarbeit, in: Archiv für Sozialgeschichte, 39 (1999), S. 167-195.
41.
Neues Deutschland vom 8. 12. 1962.
42.
Wolfgang Buschfort, Das Ostbüro der SPD. Von der Gründung bis zur Berlin-Krise, München 1991, S. 125.
43.
Die seit 1953 in hektograpischer Form erstellten "Monatsberichte über die Entwicklung in der Sowjetzone" befinden sich im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn-Bad Godesberg.
44.
Neues Deutschland vom 5. März 1954.
45.
Vgl. Egon Bahr, Zu meiner Zeit, München 1996, S. 549 f. Zur Ideologie des "Sozialdemokratismus" insgesamt vgl. Hans-Joachim Spanger, Die SED und der Sozialdemokratismus. Ideologische Abgrenzung in der DDR, Köln 1982.
46.
Vgl. Oskar Schwarzer, Der Lebensstandard in der SBZ/DDR 1945-1989, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Bd. II, 1995, S. 119-146, hier: S. 130. Fluchtmotive der DDR-Bevölkerung werden eingehend analysiert bei Volker Ackermann, Der "echte" Flüchtling. Deutsche Vertriebene und Flüchtlinge aus der DDR, Osnabrück 1995.
47.
Vgl. Heinz Niemann, Meinungsforschung in der DDR. Die geheimen Berichte des Instituts für Meinungsforschung an das Politbüro der SED, Köln 1993, Dokument XV.
48.
Vgl. Walter Friedrich, Mentalitätswandlungen der Jugend in der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 16-17/90, S. 30 f.
49.
Zit. nach H.-H. Hertle (Anm. 19), S. 71 f.