APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Sigrid Leitner
Ilona Ostner

Frauen und Globalisierung

Vernachlässigte Seiten der neuen Arbeitsteilung

IV. Polarisierung der Erwerbschancen und neue internationale Arbeitsteilung

Folgt man den Ausführungen des vorhergehenden Abschnitts, dann ließe "Globalisierung" auf einen globalen Trend steigender Frauenerwerbsbeteiligung schließen. Dieser Trend lässt sich zwar für die westlichen Länder ausmachen, jedoch nicht ohne weiteres für die Länder der Dritten Welt. Streng genommen würde Globalisierung dort bedeuten, dass eine wachsende Zahl von Frauen bei global operierenden Unternehmen beschäftigt ist. Tatsächlich beträgt ihr Anteil nur etwa ein Prozent, obwohl Investitionen von multinationalen Unternehmen in den Schwellenländern eine große Rolle für die Ausdehnung und Struktur der Beschäftigung spielen [21] . Tatsächlich arbeiten viele Frauen bei Zulieferfirmen. Dort kann sich ihr Anteil zwischen 80 und 90 Prozent bewegen.

Junge, qualifizierte Frauen machen das Gros derjenigen aus, die in den niedrig entlohnten, arbeitsintensiven exportorientierten Branchen der Schwellenländer arbeiten. Die Frauenbeschäftigung ist hoch segregiert - es fehlt der männliche Beschäftigte als Vergleichsmaßstab [22] . Dies erleichtert die Unterbezahlung von Frauen. Mit der geschlechterspezifischen Verteilung von Frauen und Männern auf bestimmte Berufe und Branchen verändert sich auch jeweils deren Wertigkeit. Diese bekannte Regel trifft auch auf die Schwellenländer zu. Wird ein ehemals von Männern dominierter Beruf "weiblicher", sinken die Löhne. Dies erhöht wiederum die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften. Lourdes Benaría zufolge erklärt nicht nur das Lohngefälle die steigende Nachfrage nach Frauen. Diese gelten in den Ländern der Dritten Welt auch als gelehriger, gefälliger und als leichter zu kontrollieren als Männer, schließlich als fingerfertiger und anpassungsfähiger an sich rasch verändernde Bedingungen.

Fragen sozialer Standards sind damit unmittelbar berührt. Sie drängen sich auch in dem Maße auf, wie "Globalisierung" das Gewicht der Frauenbeschäftigung in den NICs (Newly Industrialized Countries), den rasch aufholenden Schwellenländern, sichtbar macht. Muss nicht den westlichen Gesellschaften die Regulierung/Formalisierung der weiblichen Beschäftigung allein aus Wettbewerbsgründen am Herzen liegen? Diese Frage zeigt wiederum, dass Globalisierung, falls sie existiert, keine Einbahnstraße ist.

Tatsächlich haben einige westliche Länder bzw. Nichtregierungsorganisationen westlicher Länder vorgeschlagen, den Handel an die Einhaltung wenigstens einiger minimaler sozialer Standards zu binden bzw. mit dem Hinweis auf die Existenz solcher Standards für die hergestellten Produkte zu werben. Solche Verknüpfungen existieren bekanntlich bereits im Fall von Kinderarbeit und Kaffee ("Fair"-Produkte). Die Pros und Contras sind uns vertraut: Gegner verwerfen solche Vereinbarungen als wettbewerbsverzerrend und wachstumsschädlich, andere warnen vor den nicht-intendierten Folgen z. B. einer Einschränkung der Kinderarbeit oder des Warenboykotts: Jeweils würden Lohnabhängige in die Schattenarbeit, damit in meist noch schlechtere Arbeitsbedingungen getrieben. Allerdings könnte man auf das erste Argument, dass verbesserte Standards wie natürlich aus dem Wachstum folgten, mit dem Hinweis entgegnen, dass Wachstum in nichtdemokratischen Gesellschaften oder Diktaturen, die von Arbeitnehmerrechten ohnehin nichts halten, keine Verbesserung bewirkten. Der berühmte "trickle-down-Effekt", das allmähliche Durchsickern des Reichtums von oben nach unten, ist bisher regelmäßig aus- oder schwach geblieben. Stattdessen lässt sich durchaus erfolgreich eine Gegenposition aufbauen: Die Einführung von sozial verträglichen Arbeitsbedingungen hat das individuelle wie betriebliche Arbeitsergebnis verbessert. Tatsächlich dreht sich heute die Debatte nicht mehr um das Ob, sondern um das Wieviel (wie viel welcher Art Regulierung) und Wie (wie umgesetzt und kontrolliert) [23] .

Die Debatte um Mindeststandards ist noch lange nicht ausgestanden. Als Lehren für die westlichen Länder werden mögliche Antworten auf die Konkurrenz der Niedriglohnländer gegenübergestellt und bewertet: so etwa die Errichtung von Handelsschranken, die Qualifizierung der überflüssig gewordenen Handarbeiter, die Schaffung eines Niedriglohnsektors im eigenen Land sowie die Einkommensumverteilung. Eine Abwägung aller Für und Wider für jeden Vorschlag kommt zum Schluss, dass für westliche Länder, die eine Vergrößerung sozialer Ungleichheit scheuen, Qualifizierungsmaßnahmen und Schaffung von Arbeitsplätzen durch Lohnsubventionierung - finanziert durch Umverteilung - durchaus eine Option darstellen [24] . Nun haben viele gering qualifizierte Frauen traditionell gering bezahlte Dienste erbracht. Die Niedriglohnstrategie bedeutet daher für Frauen möglicherweise mehr vom selben und, wie das französische Beispiel nahe legt, alten Wein in neuen Schläuchen: die Wiederkehr der Dienst- und Kindermädchen im EU-Europa des 21. Jahrhunderts.

Die Polarisierung der Erwerbschancen findet zum einen innerhalb der Nationalstaaten statt, andererseits zwischen entwickelten und sich entwickelnden Ländern und Regionen. Im letzteren Sinne kann von einer Internationalisierung der Arbeitsteilung gesprochen werden. Die bislang von Frauen, auch denen in westlichen Industriegesellschaften, unentgeltlich erbrachte Haus- und Familienarbeit wird nun nicht - wie dies dem Selbstverständnis vieler Feministinnen entsprechen würde - zwischen Frauen und Männern geteilt. Vielmehr kommt es zu einer Umverteilung der privaten Reproduktionsarbeit zwischen Frauen, nämlich von den hoch qualifizierten gut verdienenden zu den gering qualifizierten Frauen aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die die ehemals unbezahlte Arbeit der anderen, privilegierten Frauen nun in ungeschützten und schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen erledigen.

Fußnoten

21.
Vgl. Lourdes Benaría, Gender and the Global Economy, in: Arthur MacEwan/William Tabb (Hrsg.), Instability and Change in the Global Economy, New York 1989, S. 141-159.
22.
Nur über die Figur des Mannes, der vergleichbare Arbeit verrichtet, dabei gegenüber der Frau bevorzugt ist, z. B. einen höheren Lohn oder besondere Zulagen erhält, konnten Frauen in der Europäischen Union ihre beachtlichen Erfolge in der Gleichstellungs- und -behandlungspolitik erzielen, vgl. Ilona Ostner/Jane Lewis, Gender and the Evolution of European Social Policies, in: Stephan Leibfried/Paul Pierson (Hrsg.), European Social Policy. Between Fragmentation and Integration, Washington, D. C. 1995, S. 159-193.
23.
Vgl. Edy Lee, Globalization and Labor Standards: A Review of Issues, in: International Labor Review, 136 (Sommer 1997), S. 172-189.
24.
Vgl. Adrian Wood, North-South Trade, Employment and Inequality: Changing Fortunes in a Skill-Driven World, Oxford 1994, insb. Kapitel "Policy Options for the North", S. 346-394. Ähnliche Argumente werden seit längerem von Fritz W. Scharpf vertreten, vgl. z. B. seine Zusammenfassung einer von ihm und Vivian Schmidt geleiteten international vergleichenden Untersuchung "Sozialstaaten in der Globalisierungsfalle? Lehren aus dem internationalen Vergleich". Vortrag auf der 51. Ordentlichen Hauptversammlung der Max-Planck-Gesellschaft vom 7. bis 9. Juni 2000 in München (http://www.mpi-fg-koeln.mpg.de/aktuell/MPGRedesozialstaaten0607.html); Fritz W. Scharpf/Vivian A. Schmidt (Hrsg.), From Vulnerability to Competitiveness: Welfare and Work in an Open Economy, Oxford 2000 (i. E.).