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26.5.2002 | Von:
Sigrid Leitner
Ilona Ostner

Frauen und Globalisierung

Vernachlässigte Seiten der neuen Arbeitsteilung

V. Die Globalisierung weiblicher Dienste und die Dringlichkeit sozialer Standards

Globalisiert haben sich nicht nur "weibliche" Dienstleistungen im Haushalts- und Betreuungsbereich. Es mag dieser peinliche Zusammenhang sein, der den Globalisierungsdiskurs gegenüber der Situation von Frauen so oft verstummen lässt. Einige südostasiatische Länder wie Thailand, Südkorea oder die Philippinen sind für den durchschnittlichen Bürger einer westlichen Gesellschaft vor allem durch ihr Angebot an sexuellen Dienstleistungen bekannt: Bedient wurden zunächst die westlichen Streitkräfte, dann Geschäftsleute, inzwischen - dank immer billigerer Pauschalreisen - Jedermannstouristen. Das Geschäft mit der Prostitution ist staatlich gewollt und organisiert. Es stellt inzwischen eine wichtige Einkommensquelle für den Staat dar, vor allem eine Möglichkeit, ausländische Währung einzuhandeln und ausländische Investoren zum Besuch des Landes zu überreden [25] .

Zwar sind durch Investitionen der multinationalen Unternehmen immer mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen in den Schwellenländern geschaffen worden. Häufig handelt es sich aber um nichtformalisierte Tätigkeiten. Immer mehr Frauen befinden sich daher in der paradoxen Situation, alleine für die Familie aufkommen zu müssen, ohne einen den Männern vergleichbaren Zugang zum Arbeitsmarkt bzw. zu einer geregelten Beschäftigung zu haben. Aus diesem Grund ist die Zahl der Migrantinnen kontinuierlich gestiegen. Im Aufnahmeland füllen sie den Pool billiger Arbeitskräfte, die Dienste aller Art für Haushalte und deren Mitglieder erbringen: Sie arbeiten im Sex- und Unterhaltungsgewerbe, oder sie sind Objekte international agierender "Braut"-Vermittler, Vermittler auch von Dienst- und Kindermädchen.

Gudrun Lachenmann benennt den zugrunde liegenden Marktmechanismus: "Auf der einen Seite steht die verstärkte Migrationsbereitschaft von Frauen aufgrund fehlender ökonomischer Perspektiven, auf der anderen die Nachfrage nach ausländischen Frauen als Reproduktionskraft im sexuellen und emotionalen sowie hauswirtschaftlichen Bereich. Es handelt sich um einen Markt mit Angebot und Nachfrage, wobei jedoch die Ware Frau einem enormen Machtgefälle gegenüber Handelssyndikaten, Schleppern und Heiratsinstituten unterliegt. Rahmenbedingung sind restriktive Einreisebestimmungen und Ausländergesetze." [26] Die Verschärfung der Kontrollen illegaler Einwanderung hat nicht die weibliche Migration verringert, sondern deren Illegalität erhöht, denn der Bedarf nach persönlichen weiblichen Dienstleistungen steigt weiter. Dies hat die Verwundbarkeit einer ohnehin besonders verwundbaren Gruppe erhöht. Angewiesen auf den Lebensunterhalt für sich und häufig eine Familie, wenden sich migrationsbereite oder zur Migration gezwungene Frauen an dubiose Vermittler oder Schleuser und erkaufen sich den illegalen Zutritt zum westlichen Land sowie den nach wie vor illegalen Status durch Geld und die "Verpfändung" persönlicher Freiheit und Unversehrtheit [27] .

Marjan Wijers [28] rekonstruiert die Geschichte der gesellschaftlichen Codierungen von Prostitution und Frauenhandel seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie kann dabei im historischen Verlauf sechs unterschiedliche Annäherungen an das Phänomen identifizieren: Den Anfang bildet die Moralisierung des Frauenhandels, der aus dem ebenfalls moralisch verwerflichen Phänomen der Prostitution folgte. Recht und Politik strebten deshalb die Abschaffung der Prostitution an. Sie galt den liberalen Bürgern - und der liberalen Frauenbewegung - als eine Form der Sklaverei, der Frauen zum Opfer fielen. Subjekte ihrer eigenen Geschichte waren Prostituierte nicht. Dieser "abolitionistische" Umgang mit dem Problem dominierte die Debatte und die Politik bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwar war Prostitution an sich nicht strafbar, aber ihre Ausübung durch eine große Zahl von Restriktionen und Kontrollen erschwert. Da sich die EU-Mitgliedsländer nicht auf eine gemeinsame Politik gegenüber der Prostitution einigen können, vermeiden, so Wijers, die Dokumente über den Frauenhandel, überhaupt von Prostitution zu sprechen. Im Mittelpunkt steht der Frauenhandel, der zu sexueller Ausbeutung führt.

In einer weiteren Annäherung werden Frauenhandel und Prostitution als unschön, aber unvermeidbar codiert. Das hindert die Länder nicht, das durch diese unschöne Sache erworbene Einkommen zu besteuern. Gleichzeitig wird die Ausübung der Prostitution im Interesse des Erhalts der öffentlichen Ordnung, Gesundheit und Moral kontrolliert. Prostituierte müssen sich registrieren lassen, was zu ihrer Stigmatisierung beiträgt. Viele versuchen dies zu umgehen und rutschen dadurch in die Illegalität; andere Frauen leben illegal in einem EU-Land und können sich gar nicht registrieren lassen. Es sind diese Inkonsistenzen staatlicher Politik, die Frauenhandel und Prostitution zu einem gewinnträchtigen Aktionsfeld der - international agierenden - organisierten Kriminalität haben werden lassen - eine weitere Codierung. Aufgrund von schlechten Erfahrungen mit der "öffentlichen Hand" begeben sich viele Prostituierte in die Abhängigkeit von Kriminellen. Wird der Fall aufgedeckt, werden die Prostituierten bestraft und meist abgeschoben. Ihre illegalen Makler können sich verstecken. Einige Länder haben begonnen, den rechtlichen Status von Prostituierten im Strafverfahren zu verbessern, auch damit es gelingen kann, ihre Vermittler zu entdecken und zu bestrafen. Seit den neunziger Jahren wird der Frauenhandel dem Problem illegaler Einwanderung und entsprechend illegaler Schleuserpraktiken untergeordnet. Dies hat zum paradoxen Ergebnis geführt, dass sich Staat und Gesellschaft vor den Einwanderern, aber nicht Menschen vor Ausbeutung und Gewalt schützen.

Vor allem Nichtregierungsorganisationen sehen im Frauenhandel und in der Prostitution einen grundsätzlichen Angriff auf die Menschenwürde und eine Verletzung von Menschenrechten. Diejenigen, die diesen Angriff mit dem der Sklaverei gleichsetzen, laufen wiederum Gefahr, Frauen, die sexuelle Dienste erbringen, zu stigmatisieren. Dem steht eine Menschenrechtsperspektive gegenüber, aus der vor allem die Ausbeutung der dienstleistenden Frauen kritisiert wird. Konsequent zu Ende gedacht, führt sie zur Forderung der rechtlichen und sozialen Gleichstellung der Prostituierten als Bürgerinnen, die in einer freien Gesellschaft wie andere Bürger auch ihrem Erwerb nachgehen [29] und vielleicht sogar für diese Gesellschaft nützliche Dienste erbringen. Von dieser Perspektive ist es nur ein kleiner Schritt, Frauenhandel und Prostitution als Erwerbsarbeitsproblem zu fassen. Erst diese Codierung, so Marjan Wijers [30] , erlaubt einen grundsätzlichen Wechsel der Perspektive - und der Sprache - weg von der Konzentration auf das möglicherweise Verbotene oder Kriminelle im Sex-Geschäft hin zur Entlarvung ausbeuterischer Praktiken gegenüber Arbeitsmigrantinnen und ihrer Arbeitssituation in dieser Branche. Gefordert werden gleiche soziale Rechte, das heißt auch ein vergleichbarer Arbeitnehmer-Status für Frauen, die sexuelle Dienstleistungen erbringen.

Tatsächlich hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) die Forderung aufgegriffen. Soweit Individuen (sic!), heißt es, freiwillig ihren Lebensunterhalt dadurch sichern, dass sie sexuelle Dienstleistungen ("sexwork") erbringen, sollte sich das öffentliche Interesse auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der sozialen Sicherung dieser Dienstleistungsbeschäftigten konzentrieren. Wurden diese Individuen zu solchen Dienstleistun-

gen durch welche Mittel auch immer gezwungen, habe ihre Befreiung und Rehabilitation Vorrang [31] .

Unsere Überlegungen begannen mit einer kurzen Reflexion darüber, wie Globalisierung zu fassen sei, um ihre Folgen für Frauen und Männer näher bestimmen zu können. "Soziale Standards" einerseits, "soziale Verwundbarkeit", die durch die Existenz solcher Standards verhindert werden kann, andererseits bildeten die beiden Säulen, die unsere Diskussion möglicher Beziehungen zwischen "Frauen" und "Globalisierung" stützten. Globalisierung, so eine auch von uns vorgestellte These, erodiert die sozialen Standards der "fortgeschrittenen" westlichen Wohlfahrtsstaaten, u. a. weil diese mit Ländern, jenen NICs, konkurrieren müssen, die bisher eine (gemessen am westlichen Standard) soziale Ausgestaltung der Beschäftigungsverhältnisse vermeiden konnten. Dabei wurde betont, dass die Erosion von Standards oder ihr Fehlen nicht alle Gruppen gleichmäßig trifft oder schädigt. Ceteris paribus gelingt es qualifizierten Frauen in Ökonomien mit einer differenzierten, nach oben wie nach unten offenen Einkommensverteilung besser, im Arbeitsmarkt voranzukommen, als in den Wohlfahrtsstaaten, die auf eine Angleichung der Erwerbs- und Einkommenschancen ihrer Mitglieder gesetzt haben. Die offene Lohnstruktur erlaubt den besser verdienenden Frauen, billige Dienstleistungen zu kaufen und sich dadurch das Problem der Versorgung leiblicher und seelischer Bedürfnisse vom Hals zu halten.

Auch und gerade reproduktive, traditionell von Frauen erbrachte "weibliche" Dienstleistungen haben eine globale Dimension gewonnen. Der Fall "sexueller Dienste" schien geeignet, auf den fehlenden Arbeitnehmer- und Bürgerstatus der Dienstleistenden und auf die neuen wie alten Asymmetrien der globalen Dienstleistungsgesellschaft hinzuweisen. Die fehlenden sozialen Standards in einem Land bilden den Motor für eine Migration um fast jeden Preis, oft unter Preisgabe der Habeas-corpus-Rechte auf körperliche Unversehrtheit und persönliche Freiheit in einem anderen. Das Einwanderungsland antwortet auf diese Situation ausbeutbarer Verwundbarkeit jedoch nicht mit den ersehnten sozialen Standards, im Gegenteil - und hierin offenbart sich die Crux an der Globalisierung: Sie funktioniert nur auf Kosten eines Teils der Welt. Reichtum und soziale Standards sind nicht global im Sinne von universellen Menschenrechten verfügbar. Deshalb fällt die Bilanz für viele Frauen - aber nicht nur für Frauen, sondern für alle "sozial Verwundbaren" - wenig positiv aus: Sie sind von der Globalisierung schwer getroffen.

Fußnoten

25.
Vgl. Lim Lin Lean, The Sex Sector: The economic and social bases of prostitution in Southeast Asia, Geneva 1998; ferner L. Benaría (Anm. 21), S. 252; Benaría schreibt: "What a perfect symbol this is of the connections between the pleasures of international jet-setting and the survival pains of everyday life in the global economy." Schließlich, so der Economist (Januar 1987; S. 254), könnten junge arbeitslose Frauen, z. B. in Malaysia, sich eigentlich nur zwischen sexuellen Diensten und der Hinwendung zum Islam entscheiden: ". . . the pretty ones become bar girls and the plain ones turn to Islam". Letzteres mag möglicherweise sogar zur Rettung ihrer Würde beitragen, garantiert er Frauen doch wenigstens einen sozial geachteten Status als Gattinnen und Mütter.
26.
G. Lachenmann (Anm. 11), S. 11 f.
27.
Vgl. Marjan Wijers, European Union Policies on Trafficking in Women, in: Mariagrazia Rossilli (Hrsg.), Gender Policies in the European Union, New York u.a. 2000, S. 209-229.
28.
Die folgenden Ausführungen sind eng an M. Wijers (ebd.) angelehnt.
29.
Vgl. dazu z. B. Gail Phetersen (Hrsg.), A Vindication of the Rights of Whores, Seattle 1989.
30.
Vgl. M. Wijers (Anm. 27), S. 225 f.
31.
Vgl. L.L. Lean (Anm. 25), S. 212.