Eine Überwachungskamera spiegelt sich am 07.06.2017 in Berlin in einer Glasscheibe.
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Objektive und subjektive Sicherheit in Deutschland

Eine wissenschaftliche Annäherung an das Sicherheitsgefühl


4.8.2017
Seit einiger Zeit ist in Medien und Politik die Rede von wachsender Unsicherheit. Kaum ein Tag verstreicht ohne spektakuläre Berichte über Kriminalität und Terrorismus, und Meinungsforschungsinstitute veröffentlichen Umfrageergebnisse, nach denen sich eine deutliche Mehrheit der Deutschen in besonders unsicheren Zeiten wähnt.[1] Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 ist die innere Sicherheit zu einem der dominierenden Themen geworden. Parteien, die sich bisher in anderen Bereichen profilierten, reklamieren nun auch dieses Politikfeld für sich. Man wolle die Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen, heißt es. Doch liegen die Wurzeln von kriminalitätsbezogenen Unsicherheitsgefühlen meist nicht in der objektiven Sicherheitslage begründet.

Wie sicher leben die Deutschen?



In der Tat vermittelt die jährlich veröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) das Bild eines recht sicheren Landes mit abnehmender Gesamtkriminalität: 2016 wurden insgesamt rund 6,4 Millionen Straftaten erfasst. Ohne die in den vergangenen Jahren migrationsbedingt zunehmenden Fälle der ausländerrechtlichen Verstöße wie unerlaubte Einreise, unerlaubter Aufenthalt oder andere Verstöße gegen das Asyl- und Aufenthaltsrecht, die die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger nicht unmittelbar tangieren, entspricht das einem Rückgang um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und um 6,4 Prozent im Vergleich zu 2005. Auch die sogenannte Häufigkeitszahl, also die Zahl der Straftaten, die pro 100.000 Einwohner begangen werden, ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 1,9 Prozent auf 7.161 Fälle gesunken.[2]

Richtet man das Augenmerk auf die verschiedenen Deliktsbereiche, so machen Diebstahls- und Betrugsdelikte sowie Sachbeschädigungen mit rund 66 Prozent den überwiegenden Anteil an der Gesamtkriminalität aus. Das häufigste Delikt ist dabei mit rund 2,4 Millionen Fällen und einem Anteil von 40,3 Prozent an der Gesamtkriminalität der Diebstahl. Dazu zählt unter anderem auch der Wohnungseinbruchdiebstahl – eine Straftat, die sich besonders stark und nachhaltig auf das Sicherheitsgefühl der Betroffenen auswirkt.[3] Während Einbruchsdelikte in den Vorjahren stetig zunahmen, war 2016 mit rund 151.000 Fällen erstmals seit etwa zehn Jahren ein Rückgang um knapp zehn Prozent zum Vorjahr zu vermerken. Auch die "Straßenkriminalität", die insbesondere in Form von Raubüberfällen das Sicherheitsgefühl und vor allem das Ausgehverhalten beeinflusst,[4] ist seit 2002 insgesamt um rund 27 Prozent zurückgegangen.

Augenfällig ist einzig eine Steigerung der Gewaltkriminalität in den vergangenen beiden Jahren. Während von 2008 bis 2014 die registrierten Fälle abnahmen, stiegen sie ab 2015 leicht und 2016 dann deutlich um knapp sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Anstieg wird in erster Linie auf eine Zunahme der gefährlichen und schweren Körperverletzung zurückgeführt. Abgenommen haben hingegen Raubdelikte. Allerdings ist die Anzahl der Fälle von Gewaltkriminalität über die vergangenen 15 Jahre um zwei Prozent gesunken, es gab also immer wieder Phasen der Zu- und Abnahme.

Bei der Beurteilung des objektiven Kriminalitätsaufkommens ist zu berücksichtigen, dass die PKS ausschließlich die der Polizei bekannten Straftaten umfasst – das sogenannte Hellfeld. Da nur ein sehr kleiner Teil der registrierten Kriminalität auf polizeiliche Ermittlungsarbeit zurückgeht, spielt das Anzeigeverhalten der Bevölkerung für das Ausmaß des Hellfelds eine entscheidende Rolle. Dieses fällt je nach Straftat sehr unterschiedlich aus.[5] Ohne Informationen über das Dunkelfeld von Straftaten bleibt unsicher, inwiefern die registrierten Zahlen in der polizeilichen Kriminalstatistik das objektive Kriminalitätsgeschehen zuverlässig widerspiegeln. Repräsentative Bevölkerungsumfragen zu Erfahrungen der Menschen als Opfer von Straftaten stellen deshalb eine notwendige Ergänzung zur PKS dar.

Der Deutsche Viktimisierungssurvey (DVS) von 2012 ist eine solche Dunkelfeldstudie, die unabhängig vom Anzeigeverhalten repräsentative Aussagen zum Ausmaß und zur Art von Opfererlebnissen in der deutschen Bevölkerung ermöglicht. Auch diese Zahlen weisen darauf hin, dass Erfahrungen als Opfer insgesamt selten sind und weniger schwerwiegende Delikte überwiegen. Darüber hinaus verteilen sich die Opfererlebnisse nicht zufällig auf die Bevölkerung. Bestimmte soziodemografische Merkmale und Aspekte des Lebensstils sind mit häufigeren Kriminalitätserfahrungen verbunden. Hinsichtlich der Gewaltkriminalität ist festzustellen, dass sich ein Großteil der Opfererlebnisse auf eine kleine Gruppe wiederholt betroffener Personen konzentriert. So entfallen etwa zwei Drittel aller Körperverletzungen auf Mehrfachopfer.[6] Hierbei handelt es sich in erster Linie um junge Männer, die beim abendlichen Ausgehen in Gewalthandlungen wie etwa Schlägereien verwickelt werden. Eine Aussage über die zeitliche Entwicklung von Opfererlebnissen ist leider nicht möglich, da es in Deutschland bisher keine regelmäßige Dunkelfeldbefragung gibt.[7]

Insgesamt zeigen die Daten der PKS und die Befunde des DVS 2012, dass Deutschland – auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern – ein weitgehend sicheres Land ist, in dem die Bürgerinnen und Bürger eher selten unmittelbar von Kriminalität bedroht sind. Doch in welchem Verhältnis steht dieser Befund zur "gefühlten" Sicherheit in Deutschland?


Fußnoten

1.
Vgl. etwa Allensbach-Umfrage: 58 Prozent der Deutschen wähnen sich in besonders unsicheren Zeiten, 27.1.2016, http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-01/umfrage-angst-deutschland-kriminalitaet-fluechtlinge-allensbach«.
2.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016, Berlin 2017.
3.
Vgl. Dina Hummelsheim-Doss, Kriminalitätsfurcht in Deutschland. Fast jeder Fünfte fürchtet, Opfer einer Straftat zu werden, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren 55/2016, S. 6–11.
4.
Vgl. Karl-Heinz Reuband, Steigende Kriminalitätsfurcht – Mythos oder Wirklichkeit?, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 45/1994, S. 214–220.
5.
Laut Zahlen der letzten für Deutschland repräsentativen Dunkelfeldstudie liegt der Anteil der polizeilich nicht bekannt gewordenen Straftaten zwischen einem Prozent (bei Diebstählen von Kraftwagen) und 91 Prozent (bei Waren- und Dienstleistungsbetrug). Vgl. Christoph Birkel et al., Der Deutsche Viktimisierungssurvey 2012. Erste Ergebnisse zu Opfererfahrungen, Einstellungen gegenüber der Polizei und Kriminalitätsfurcht, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, Arbeitsbericht 10/2014, S. 40.
6.
Vgl. ders., Mehrfachviktimisierungen in Deutschland, in: ders. et al. (Hrsg.), Opfererfahrungen und kriminalitätsbezogene Einstellungen in Deutschland. Vertiefende Analysen des Deutschen Viktimisierungssurveys 2012 unter besonderer Berücksichtigung des räumlichen Kontextes, Wiesbaden 2016, S. 17–94.
7.
Für 2017 ist allerdings eine zweite Erhebungswelle des DVS geplant.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Dina Hummelsheim-Doss für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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