Eine Überwachungskamera spiegelt sich am 07.06.2017 in Berlin in einer Glasscheibe.

4.8.2017 | Von:
Dina Hummelsheim-Doss

Objektive und subjektive Sicherheit in Deutschland

Eine wissenschaftliche Annäherung an das Sicherheitsgefühl

Wie sicher fühlen sich die Deutschen?

Zur subjektiven Sicherheit ist es im Vergleich zum Kriminalitätsgeschehen deutlich schwieriger, ein aussagekräftiges Bild zu gewinnen, denn je nach Erhebung variiert das Ausmaß des gemessenen Unsicherheitsempfindens zum Teil erheblich. Entsprechende Indikatoren werden in Deutschland in erster Linie im Rahmen der empirischen Sozialforschung sowie von kommerziellen Markt- und Meinungsforschungsinstituten bereitgestellt. Auch in allgemeinen sozialwissenschaftlichen Befragungsprogrammen sind Fragen zum Sicherheitsgefühl enthalten, wie etwa in der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS), dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) oder dem European Social Survey (ESS). All diese Befragungen erfassen meist jedoch nur einzelne Facetten der subjektiven Sicherheit und das auf sehr unterschiedliche Weise, sodass keine strikte Vergleichbarkeit zwischen den Studien gewährleistet ist.

Eine regelmäßig wiederholte nationale Erhebung zu Opfererlebnissen und zur Sicherheitswahrnehmung in der Bevölkerung gibt es, anders als etwa in Großbritannien, den Niederlanden oder den Vereinigten Staaten, in Deutschland nicht. Der DVS war eine Pilotstudie für eine solche nationale Studie. Darüber hinaus wurde Deutschland 2005 und 2010 in einer internationalen Opferbefragung – dem European Crime and Victim Survey (EU-ICS) – berücksichtigt, dessen Untersuchungsdesign jedoch bei der Wiederholungsbefragung im Rahmen des International Crime Victim Survey (ICVS) geändert wurde.[8] Zwar werden auch Einzelstudien durchgeführt, diese stellen aber meist Umfragedaten für bestimmte Zeitpunkte bereit. Vereinzelte Wiederholungsbefragungen, bei denen ein Vergleich zwischen mehreren Zeitpunkten möglich ist, beschränken sich meist auf eine Region oder Stadt oder sind auf spezifische Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen oder Frauen ausgerichtet.

Soziale und personale Furcht

Dessen unbenommen ist mit Blick auf das Sicherheitsempfinden in der Bevölkerung zu differenzieren zwischen dem Gefühl der allgemeinen, Staat und Gesellschaft betreffenden Bedrohung durch Kriminalität und dem Gefühl der persönlichen Bedrohung.[9] Die kriminologische Forschung unterscheidet hierfür zwischen einer sozialen und einer personalen Form der Kriminalitätsfurcht. Die soziale Furcht wird in Umfragen beispielsweise über die Frage erfasst, ob man sich über die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland sorgt beziehungsweise ob man Kriminalität als bedeutsames Problem für Staat oder Gesellschaft betrachtet. Bei der personalen Furcht steht dagegen das persönliche Sicherheitsgefühl der oder des Befragten im konkreten Alltagserleben im Vordergrund.

Untersuchungen zum Ausmaß der sozialen und personalen Furcht zeigen zweierlei: Zum einen fällt die allgemeine Besorgnis über die gesellschaftliche Bedrohung durch Kriminalität regelmäßig höher aus als die konkrete Besorgnis, persönlich Opfer von Kriminalität zu werden. Zum anderen gehört die Angst vor steigender Kriminalität zu den Spitzenreitern unter den Gründen für die allgemeine Besorgnis. Die Furcht, selbst Opfer einer Straftat zu werden, spielt dagegen eine eher untergeordnete Rolle. Gefragt nach den Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland äußerte sich 2012 mit 48 Prozent fast jeder Zweite stark besorgt, während lediglich 14 Prozent der Befragten verstärkt beunruhigt waren, Opfer einer Straftat zu werden.[10] Auf individueller Ebene dominieren vielmehr Sorgen zur sozialen Sicherheit und Gesundheit.

In der kriminologischen Forschung steht die personale Furcht, Opfer von Kriminalität zu werden, im Vordergrund.[11] Auch hier können sehr unterschiedliche Indikatoren zum Einsatz kommen. Auf einer allgemeinen Ebene existieren globale Indikatoren, die deliktübergreifend Kriminalitätsfurcht erfassen. Dazu zählt unter anderem das sogenannte Standarditem, das in vielen wissenschaftlichen Studien verwendet wird: das Ausmaß an persönlicher Furcht, das der Befragte empfindet, wenn er nachts alleine in seiner Wohngegend unterwegs ist. Dieses Item gilt nach einer umfangreichen methodologischen Diskussion als brauchbar für die Forschungspraxis.[12] Daneben existieren spezifischere Messungen der persönlichen Kriminalitätsfurcht, die gezielt die Sorge abfragen, Opfer einzelner Delikte zu werden. Dabei wird das affektive Furchtempfinden am häufigsten über die Intensität der Beunruhigung bezüglich konkreter Straftaten wie Raubüberfälle, Wohnungseinbrüche oder Körperverletzung bestimmt.

Fußnoten

8.
Weiterführende Informationen zum EU-ICS und ICVS sind online verfügbar: http://www.unicri.it/services/library_documentation/publications/icvs«.
9.
Vgl. Reuband (Anm. 4).
10.
Vgl. hier und im Folgenden Dina Hummelsheim-Doss, Subjektive Sicherheit und Lebenszufriedenheit: Die besondere Bedeutung von Vertrauen und Kontrollüberzeugungen, in: Rita Haverkamp/Harald Arnold (Hrsg.), Subjektive und objektivierte Bedingungen von (Un-)Sicherheit. Studien zum Barometer Sicherheit in Deutschland (BaSiD), Berlin 2015, S. 205–230.
11.
Die personale Kriminalitätsfurcht wird darüber hinaus aus analytischen Zwecken in eine kognitive, affektive und konative Dimension unterteilt. Bei der kognitiven Dimension geht es um die die persönliche Risikoeinschätzung, Opfer krimineller Handlungen zu werden. Die affektive Dimension befasst sich mit der Furcht als emotionale Reaktion auf wahrgenommene Bedrohungen durch Kriminalität. Die konative Dimension richtet das Augenmerk auf das Abwehr- und Vermeideverhalten, mit dem eine Opferwerdung verhindert werden soll. In diesem Beitrag steht die Kriminalitätsfurcht als emotionale Reaktion auf wahrgenommene Bedrohungen im Vordergrund.
12.
Vgl. Helmut Kury et al., Zur Validität der Erfassung von Kriminalitätsfurcht, in: Soziale Probleme 15/2004, S. 141–165; Karl-Heinz Reuband, Der "Standardindikator" zur Messung der Kriminalitätsfurcht, in: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 83/2000, S. 185–195.
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