Eine Überwachungskamera spiegelt sich am 07.06.2017 in Berlin in einer Glasscheibe.

4.8.2017 | Von:
Dina Hummelsheim-Doss

Objektive und subjektive Sicherheit in Deutschland

Eine wissenschaftliche Annäherung an das Sicherheitsgefühl

Zu- oder abnehmende Kriminalitätsfurcht?

Belastbare Zahlen zur Verteilung kriminalitätsbezogener Unsicherheit in Deutschland liefert wiederum der DVS, der mit einer Stichprobe von rund 35.000 Befragten ein repräsentatives Bild für Deutschland liefert. Die Zahlen aus dem Jahr 2012 weisen aus, dass sich eine Mehrheit von gut 80 Prozent der deutschen Bevölkerung im Allgemeinen recht sicher fühlt. Auch hinsichtlich spezifischer Straftaten zeigt sich die Mehrheit wenig furchtsam. In etwa jede fünfte Person in Deutschland fürchtet sich, Opfer einer Straftat zu werden. Insgesamt 17 Prozent fühlen sich nachts in ihrer Wohnumgebung unsicher, davon fünf Prozent sogar sehr unsicher. 16 Prozent der Befragten sind beunruhigt, geschlagen und verletzt zu werden. 19 Prozent fürchten einen Wohnungseinbruch, 18 Prozent einen Raubüberfall und 14 Prozent sexuelle Belästigung.

Die Frage nach der zeitlichen Entwicklung der subjektiven Sicherheit in Deutschland ist angesichts der genannten Beschränkungen in der Verfügbarkeit von belastbarem und vergleichbarem Zahlenmaterial nicht leicht zu beantworten. Dennoch geben die verschiedenen wissenschaftlichen Umfragen einen Hinweis darauf, dass sich das kriminalitätsbezogene Sicherheitsgefühl seit Mitte der 1990er Jahre verbessert hat. Sowohl die Furcht, selbst Opfer einer Straftat zu werden, als auch die Wahrnehmung von Kriminalität als gesellschaftlichem Problem ist seitdem rückläufig.[13] Dieser Trend für die personale Furcht wurde für 2012 mit dem DVS und für 2014 in einer Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bestätigt.[14] Inwiefern seitdem von einer Trendwende und einer zunehmenden Kriminalitätsfurcht gesprochen werden kann, wie es derzeit in Medien und Politik der Fall ist, muss vorerst offen bleiben. Es bleibt abzuwarten, was neuere Befunde wie die für 2017 geplante zweite Erhebungswelle des Deutschen Viktimisierungssurveys ergeben.

Erklärungsgrößen

Ungeachtet der Kontroversen über die Messung von Kriminalitätsfurcht kann die kriminologische Forschung einige empirische Befunde ausweisen, die unabhängig vom verwendeten Indikator immer wieder auftreten. Insbesondere die Zusammenhänge des Sicherheitsgefühls mit zentralen demografischen und sozialräumlichen Merkmalen sind über die meisten Studien und Erhebungsinstrumente hinweg konsistent und stabil.[15]

So erweist sich das Geschlecht als einer der besten Prädiktoren für Unsicherheitsgefühle: Frauen äußern bei allen Indikatoren eine größere Besorgnis als Männer. Wie Studien zeigen, fallen die Geschlechterunterschiede bei der Furcht vor Eigentumsdelikten allerdings geringer aus als bei Gewalt- und Sexualdelikten. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass die Furcht vor Sexualdelikten eine dominierende Rolle zu spielen scheint, die möglicherweise auf andere abgefragte Befürchtungen ausstrahlt.[16]

Neben dem Geschlecht ist das Lebensalter eine wichtige Erklärungsgröße: Insbesondere bei der allgemeinen persönlichen Furcht, Opfer von Kriminalität zu werden, äußern ältere Menschen sich verstärkt ängstlich. Bei der deliktspezifischen Furcht sieht das Bild anders aus: Junge Menschen im Alter von 16 bis 24 Jahren fürchten sich stärker als ältere Personen davor, geschlagen und verletzt zu werden. Bei der Angst vor einem Raubüberfall oder Wohnungseinbruch konnte allerdings kein deutlicher Effekt des Alters festgestellt werden.[17] Die Sorgen um die Bedrohung der gesellschaftlichen Sicherheit scheinen wiederum linear mit dem Alter zuzunehmen.[18]

Auch Bildungsniveau und finanzielle Situation beeinflussen das Unsicherheitsempfinden: Je besser diese Merkmale bei einer befragten Person ausfallen, desto geringer ist das Unsicherheitsgefühl. Vermutlich sind Personen mit einer besseren materiellen Ausstattung eher in der Lage, furchtauslösende Situationen zu meiden, Schutzmaßnahmen zu ergreifen und etwaige materielle Schäden durch Kriminalität wieder auszugleichen. Auch Merkmale des Wohnorts spielen offenbar eine Rolle.

Ferner ergibt sich sowohl mit Blick auf die soziale als auch auf die personale Kriminalitätsfurcht ein charakteristischer Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern: So zeigen sich die ostdeutschen Befragten nach wie vor besorgter als die Westdeutschen.

Fußnoten

13.
Vgl. Jörg Dittmann, Entwicklung der Kriminalitätseinstellungen in Deutschland, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Discussion Paper 468/2012.
14.
Vgl. Mathias Bug/Martina Kraus/Bartosz Walenda, Analoge und digitale Unsicherheiten: Eine neue Perspektive auf Kriminalitätsfurcht, in: DIW-Wochenbericht 12/2015, S. 280–287.
15.
Vgl. hier und im Folgenden etwa Helmut Hirtenlehner/Dina Hummelsheim-Doss, Kriminalitätsfurcht und Sicherheitsempfinden: Die Angst der Bürger vor dem Verbrechen (und dem, was sie dafür halten), in: Nathalie Guzy/Christoph Birkel/Robert Mischkowitz (Hrsg.), Viktimisierungsbefragungen in Deutschland, Bd. 1, Wiesbaden 2016, S. 458–487; Stephen Farrall/Jonathan Jackson/Emily Gray, Social Order and the Fear of Crime in Contemporary Times, Oxford 2009; Chris Hale, Fear of Crime: A Review of the Literature, in: International Review of Victimology 4/1996, S. 79–150; Kenneth Ferraro, Fear of Crime: Interpreting Victimization Risk, New York 1995; Klaus Boers, Kriminalitätsfurcht. Über den Entstehungszusammenhang und die Folgen eines sozialen Problems, Pfaffenweiler 1991.
16.
Vgl. Helmut Hirtenlehner/Stephen Farrall, Is the ‚Shadow of Sexual Assault‘ Responsible for Women’s Higher Fear of Burglary?, in: British Journal of Criminology 54/2014, S. 1167–1185.
17.
Vgl. Hummelsheim-Doss (Anm. 3).
18.
Vgl. dies. (Anm. 10).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Dina Hummelsheim-Doss für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.