Eine Überwachungskamera spiegelt sich am 07.06.2017 in Berlin in einer Glasscheibe.

4.8.2017 | Von:
Dina Hummelsheim-Doss

Objektive und subjektive Sicherheit in Deutschland

Eine wissenschaftliche Annäherung an das Sicherheitsgefühl

Erklärungsansätze

Um Ausmaß und Verteilung von Unsicherheitsgefühlen in der Bevölkerung zu erklären, hat die Forschung eine Reihe von Ansätzen hervorgebracht, die jeweils verschiedene Aspekte in den Vordergrund rücken und an unterschiedlichen Ebenen der Sicherheit ansetzen.[19] Die meisten dieser Erklärungsversuche stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich.

Die Viktimisierungsthese, der zufolge Kriminalitätsfurcht das Ergebnis von direkten oder indirekten Opfererlebnissen ist, hat sich empirisch nicht immer bewahrheitet. Es spricht einiges dafür, dass Kriminalitätserfahrungen und -furcht voneinander unabhängig erklärt werden müssen.

Ausgehend von der Feststellung, dass sich ausgerechnet diejenigen Personengruppen am stärksten fürchten, die wie etwa Frauen oder ältere Menschen über ein geringes Opferrisiko verfügen, wird beim Vulnerabilitätsansatz die Ursache von Furcht in dem Bewusstsein eines Mangels an Verteidigungs-, Vermeidungs- und Bewältigungsstrategien gesehen. Beispielsweise antizipieren Frauen oder Ältere stärker, dass sie einem potenziellen Angreifer physisch unterlegen sein könnten.

In enger Verbindung zu diesem Erklärungsversuch stehen sozialpsychologische Ansätze, bei denen etwa der Einfluss von Persönlichkeitsfaktoren wie den "Big Five" (Aufgeschlossenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus) betont wird und Fragen von Resilienz und psychischen Schutzfaktoren untersucht werden.

Die Soziale-Kontroll-Perspektive richtet das Augenmerk auf den Einfluss von räumlichen Merkmalen wie der sozialen, demografischen oder baulichen Struktur von Stadtteilen oder Nachbarschaften. So werden etwa sogenannte incivilities in Wohngebieten für Unsicherheitsgefühle verantwortlich gemacht – soziale und physische Signale der Umgebung wie Graffiti, herumliegender Müll oder betrunkene Personen in der Öffentlichkeit, die dem Beobachter einen Mangel an sozialer Kontrolle, Unordnung und den Verfall von gemeinsamen Werten suggerieren und häufig mit Kriminalität in Verbindung gebracht werden.

Die Soziale-Problem-Perspektive konzentriert sich auf die Kommunikation über Risiken und Gefahren und räumt der Instrumentalisierung und Skandalisierung von Kriminalität durch Politik und Medien einen zentralen Stellenwert für die Entstehung von Kriminalitätsängsten in der Bevölkerung ein. Indem insbesondere schwere, aber relativ seltene Straftaten wie brutale Gewalt- und Sexualdelikte aufgegriffen werden, verzerre sich das Bild von Kriminalität und werden Unsicherheitsgefühle verstärkt. Eindeutige Forschungsergebnisse zur Medienwirkung liegen bislang jedoch nicht vor.

Derweil wird im Rahmen der Selektionsthese von einer anderen Kausalitätsrichtung ausgegangen, indem vermutet wird, dass Personen mit größerer Kriminalitätsfurcht auch eher mediale Inhalte konsumieren, die sich mit dem Thema Kriminalität befassen, und die Massenmedien allenfalls bereits bestehende Unsicherheitsgefühle verstärken. Es gilt allerdings als plausibel, dass die Medien eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung der allgemeinen gesellschaftlichen Bedrohung durch Kriminalität und Terrorismus spielen, während sie kaum Auswirkungen auf das persönliche Bedrohungsgefühl haben.[20]

Die in der Kriminologie prominente Generalisierungsthese schließlich bezieht sich auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext. Kriminalitätsfurcht wird hier als Ausdruck einer allgemeinen diffusen Verunsicherung gesehen, die ihre Ursachen in gesamtgesellschaftlichen und strukturellen Entwicklungen wie der Globalisierung und weltweiten Migration, finanzwirtschaftlichen Risiken oder Umweltproblemen hat und mit sozialen, Zukunfts- und Existenzängsten verbunden ist. Kriminalität wird hier als eine Art Projektionsfläche betrachtet, in der die diffusen Existenz- und Zukunftsängste greifbarer werden.[21]

Fazit

Ungeachtet der Schwierigkeiten, die durch unterschiedliche Indikatoren und Erhebungsmethoden bei der Messung von Kriminalitätsfurcht entstehen, ist ein Befund sicher: Es gibt deutlich mehr Menschen, die sich vor Kriminalität fürchten, als es Opfer von Straftaten gibt. Das Wissen über ein Auseinanderklaffen der objektiven Kriminalitätslage und der gefühlten Sicherheit ist nicht neu. Seit den 1970er Jahren erhielt das Thema zunehmend Aufmerksamkeit in Deutschland, nicht zuletzt auch, weil man erkannte, dass der Wahrnehmung der subjektiven Sicherheit für das individuelle und gesellschaftliche Wohl sowie der Lebensqualität der Menschen eine tragende Rolle zukommt.

Das Thomas-Theorem besagt, dass wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sie in ihren Konsequenzen wirklich sind. Übertragen auf die Sicherheitswahrnehmung bedeutet das: Fühlen sich die Menschen unsicher, hat dies ganz reale, objektive Konsequenzen und zwar nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Furcht vor Kriminalität ist immer auch eng mit anderen relevanten gesellschaftlichen Problemen und Themen verbunden, wie etwa der Integration von Minderheiten, dem Vertrauen gegenüber "Fremden" und Migranten sowie dem Vertrauen in Staat, Justiz und Polizei.

Angesichts neuerer gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen und Herausforderungen scheint die subjektive Perspektive auf das Thema Sicherheit verstärkt ins Blickfeld zu geraten. Der internationale Terrorismus etwa hat die Verunsicherung in der Bevölkerung laut verschiedener Umfragen auf ein anderes Niveau gehoben. Auch Ereignisse wie in der Silvesternacht 2015/16 in Köln können sich auf das Sicherheitsempfinden und die Einstellungen gegenüber Polizei und Justiz auswirken. Allerdings muss aufgrund fehlender geeigneter Zeitreihen zunächst nicht nur offen bleiben, wie stark die Beeinträchtigungen ausfallen, sondern auch, wie nachhaltig sie sind und ob sie von der gesellschaftlichen Ebene auf die Ebene des persönlichen Bedrohungsgefühls – der Furcht, selbst Opfer von Kriminalität zu werden – abfärben. Nur kontinuierlich wiederholte und methodisch vergleichbare Befragungsdaten können diesbezüglich zuverlässige Erkenntnisse liefern.

Das Auseinanderklaffen von objektiver und subjektiver Sicherheit wirft abschließend die Frage auf, welche Faktoren unverhältnismäßige Unsicherheitsgefühle in der Bevölkerung verringern und wie Bewältigungsmechanismen für den Umgang mit Risiken und Gefahren aussehen können. In jedem Fall sollte man sich von der Idee lösen, dass sich die Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung von Maßnahmen der Kriminalitätsbekämpfung maßgeblich beeinflussen lässt. Empirische Befunde weisen darauf hin, dass dem Vertrauen in staatliche Institutionen und in die Mitmenschen eine zentrale Bedeutung für die Vermittlung von subjektiver Sicherheit zukommt.[22] Die international vergleichende Wohlfahrtsstaatenforschung kann darüber hinaus wertvolle Anhaltspunkte liefern, was der Staat jenseits von Kriminalpolitik tun kann, um die Bürgerinnen und Bürger vor Kriminalitätsfurcht zu schützen. Maßnahmen der sozialen Sicherung und insbesondere Bildungsinvestitionen scheinen ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.[23]

Fußnoten

19.
Siehe Anm. 15.
20.
Vgl. Reuband (Anm. 4). Es gibt aber auch Befunde zum Einfluss lokaler Medienberichterstattung für das persönliche Sicherheitsempfinden. Vgl. Michael Hanslmeier, How Victimization and Street Crime Affect Fear and Life Satisfaction, in: European Journal of Criminology 10/2013, S. 515–533.
21.
Vgl. Helmut Hirtenlehner, Kriminalitätsangst – klar abgrenzbare Furcht vor Straftaten oder Projektionsfläche sozialer Unsicherheitslagen? Ein Überblick über den Forschungsstand von Kriminologie und Soziologie zur Natur kriminalitätsbezogener Unsicherheitsgefühle der Bürger, in: Journal für Rechtspolitik 1/2009, S. 13–22. In der kriminologischen Diskussion zum Sicherheitsgefühl wird sich in diesem Zusammenhang häufig berufen auf die in Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986 geschilderten gesellschaftlichen Entwicklungen.
22.
Vgl. Hummelsheim-Doss (Anm. 10).
23.
Vgl. dies., Social Insecurities and Fear of Crime, in: European Sociological Review 27/2011, S. 327–345.
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