Eine Überwachungskamera spiegelt sich am 07.06.2017 in Berlin in einer Glasscheibe.
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4.8.2017 | Von:
Dina Hummelsheim-Doss

Objektive und subjektive Sicherheit in Deutschland

Eine wissenschaftliche Annäherung an das Sicherheitsgefühl

Seit einiger Zeit ist in Medien und Politik die Rede von wachsender Unsicherheit. Kaum ein Tag verstreicht ohne spektakuläre Berichte über Kriminalität und Terrorismus, und Meinungsforschungsinstitute veröffentlichen Umfrageergebnisse, nach denen sich eine deutliche Mehrheit der Deutschen in besonders unsicheren Zeiten wähnt.[1] Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 ist die innere Sicherheit zu einem der dominierenden Themen geworden. Parteien, die sich bisher in anderen Bereichen profilierten, reklamieren nun auch dieses Politikfeld für sich. Man wolle die Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen, heißt es. Doch liegen die Wurzeln von kriminalitätsbezogenen Unsicherheitsgefühlen meist nicht in der objektiven Sicherheitslage begründet.

Wie sicher leben die Deutschen?

In der Tat vermittelt die jährlich veröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) das Bild eines recht sicheren Landes mit abnehmender Gesamtkriminalität: 2016 wurden insgesamt rund 6,4 Millionen Straftaten erfasst. Ohne die in den vergangenen Jahren migrationsbedingt zunehmenden Fälle der ausländerrechtlichen Verstöße wie unerlaubte Einreise, unerlaubter Aufenthalt oder andere Verstöße gegen das Asyl- und Aufenthaltsrecht, die die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger nicht unmittelbar tangieren, entspricht das einem Rückgang um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und um 6,4 Prozent im Vergleich zu 2005. Auch die sogenannte Häufigkeitszahl, also die Zahl der Straftaten, die pro 100.000 Einwohner begangen werden, ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 1,9 Prozent auf 7.161 Fälle gesunken.[2]

Richtet man das Augenmerk auf die verschiedenen Deliktsbereiche, so machen Diebstahls- und Betrugsdelikte sowie Sachbeschädigungen mit rund 66 Prozent den überwiegenden Anteil an der Gesamtkriminalität aus. Das häufigste Delikt ist dabei mit rund 2,4 Millionen Fällen und einem Anteil von 40,3 Prozent an der Gesamtkriminalität der Diebstahl. Dazu zählt unter anderem auch der Wohnungseinbruchdiebstahl – eine Straftat, die sich besonders stark und nachhaltig auf das Sicherheitsgefühl der Betroffenen auswirkt.[3] Während Einbruchsdelikte in den Vorjahren stetig zunahmen, war 2016 mit rund 151.000 Fällen erstmals seit etwa zehn Jahren ein Rückgang um knapp zehn Prozent zum Vorjahr zu vermerken. Auch die "Straßenkriminalität", die insbesondere in Form von Raubüberfällen das Sicherheitsgefühl und vor allem das Ausgehverhalten beeinflusst,[4] ist seit 2002 insgesamt um rund 27 Prozent zurückgegangen.

Augenfällig ist einzig eine Steigerung der Gewaltkriminalität in den vergangenen beiden Jahren. Während von 2008 bis 2014 die registrierten Fälle abnahmen, stiegen sie ab 2015 leicht und 2016 dann deutlich um knapp sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Anstieg wird in erster Linie auf eine Zunahme der gefährlichen und schweren Körperverletzung zurückgeführt. Abgenommen haben hingegen Raubdelikte. Allerdings ist die Anzahl der Fälle von Gewaltkriminalität über die vergangenen 15 Jahre um zwei Prozent gesunken, es gab also immer wieder Phasen der Zu- und Abnahme.

Bei der Beurteilung des objektiven Kriminalitätsaufkommens ist zu berücksichtigen, dass die PKS ausschließlich die der Polizei bekannten Straftaten umfasst – das sogenannte Hellfeld. Da nur ein sehr kleiner Teil der registrierten Kriminalität auf polizeiliche Ermittlungsarbeit zurückgeht, spielt das Anzeigeverhalten der Bevölkerung für das Ausmaß des Hellfelds eine entscheidende Rolle. Dieses fällt je nach Straftat sehr unterschiedlich aus.[5] Ohne Informationen über das Dunkelfeld von Straftaten bleibt unsicher, inwiefern die registrierten Zahlen in der polizeilichen Kriminalstatistik das objektive Kriminalitätsgeschehen zuverlässig widerspiegeln. Repräsentative Bevölkerungsumfragen zu Erfahrungen der Menschen als Opfer von Straftaten stellen deshalb eine notwendige Ergänzung zur PKS dar.

Der Deutsche Viktimisierungssurvey (DVS) von 2012 ist eine solche Dunkelfeldstudie, die unabhängig vom Anzeigeverhalten repräsentative Aussagen zum Ausmaß und zur Art von Opfererlebnissen in der deutschen Bevölkerung ermöglicht. Auch diese Zahlen weisen darauf hin, dass Erfahrungen als Opfer insgesamt selten sind und weniger schwerwiegende Delikte überwiegen. Darüber hinaus verteilen sich die Opfererlebnisse nicht zufällig auf die Bevölkerung. Bestimmte soziodemografische Merkmale und Aspekte des Lebensstils sind mit häufigeren Kriminalitätserfahrungen verbunden. Hinsichtlich der Gewaltkriminalität ist festzustellen, dass sich ein Großteil der Opfererlebnisse auf eine kleine Gruppe wiederholt betroffener Personen konzentriert. So entfallen etwa zwei Drittel aller Körperverletzungen auf Mehrfachopfer.[6] Hierbei handelt es sich in erster Linie um junge Männer, die beim abendlichen Ausgehen in Gewalthandlungen wie etwa Schlägereien verwickelt werden. Eine Aussage über die zeitliche Entwicklung von Opfererlebnissen ist leider nicht möglich, da es in Deutschland bisher keine regelmäßige Dunkelfeldbefragung gibt.[7]

Insgesamt zeigen die Daten der PKS und die Befunde des DVS 2012, dass Deutschland – auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern – ein weitgehend sicheres Land ist, in dem die Bürgerinnen und Bürger eher selten unmittelbar von Kriminalität bedroht sind. Doch in welchem Verhältnis steht dieser Befund zur "gefühlten" Sicherheit in Deutschland?

Wie sicher fühlen sich die Deutschen?

Zur subjektiven Sicherheit ist es im Vergleich zum Kriminalitätsgeschehen deutlich schwieriger, ein aussagekräftiges Bild zu gewinnen, denn je nach Erhebung variiert das Ausmaß des gemessenen Unsicherheitsempfindens zum Teil erheblich. Entsprechende Indikatoren werden in Deutschland in erster Linie im Rahmen der empirischen Sozialforschung sowie von kommerziellen Markt- und Meinungsforschungsinstituten bereitgestellt. Auch in allgemeinen sozialwissenschaftlichen Befragungsprogrammen sind Fragen zum Sicherheitsgefühl enthalten, wie etwa in der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS), dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) oder dem European Social Survey (ESS). All diese Befragungen erfassen meist jedoch nur einzelne Facetten der subjektiven Sicherheit und das auf sehr unterschiedliche Weise, sodass keine strikte Vergleichbarkeit zwischen den Studien gewährleistet ist.

Eine regelmäßig wiederholte nationale Erhebung zu Opfererlebnissen und zur Sicherheitswahrnehmung in der Bevölkerung gibt es, anders als etwa in Großbritannien, den Niederlanden oder den Vereinigten Staaten, in Deutschland nicht. Der DVS war eine Pilotstudie für eine solche nationale Studie. Darüber hinaus wurde Deutschland 2005 und 2010 in einer internationalen Opferbefragung – dem European Crime and Victim Survey (EU-ICS) – berücksichtigt, dessen Untersuchungsdesign jedoch bei der Wiederholungsbefragung im Rahmen des International Crime Victim Survey (ICVS) geändert wurde.[8] Zwar werden auch Einzelstudien durchgeführt, diese stellen aber meist Umfragedaten für bestimmte Zeitpunkte bereit. Vereinzelte Wiederholungsbefragungen, bei denen ein Vergleich zwischen mehreren Zeitpunkten möglich ist, beschränken sich meist auf eine Region oder Stadt oder sind auf spezifische Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen oder Frauen ausgerichtet.

Soziale und personale Furcht

Dessen unbenommen ist mit Blick auf das Sicherheitsempfinden in der Bevölkerung zu differenzieren zwischen dem Gefühl der allgemeinen, Staat und Gesellschaft betreffenden Bedrohung durch Kriminalität und dem Gefühl der persönlichen Bedrohung.[9] Die kriminologische Forschung unterscheidet hierfür zwischen einer sozialen und einer personalen Form der Kriminalitätsfurcht. Die soziale Furcht wird in Umfragen beispielsweise über die Frage erfasst, ob man sich über die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland sorgt beziehungsweise ob man Kriminalität als bedeutsames Problem für Staat oder Gesellschaft betrachtet. Bei der personalen Furcht steht dagegen das persönliche Sicherheitsgefühl der oder des Befragten im konkreten Alltagserleben im Vordergrund.

Untersuchungen zum Ausmaß der sozialen und personalen Furcht zeigen zweierlei: Zum einen fällt die allgemeine Besorgnis über die gesellschaftliche Bedrohung durch Kriminalität regelmäßig höher aus als die konkrete Besorgnis, persönlich Opfer von Kriminalität zu werden. Zum anderen gehört die Angst vor steigender Kriminalität zu den Spitzenreitern unter den Gründen für die allgemeine Besorgnis. Die Furcht, selbst Opfer einer Straftat zu werden, spielt dagegen eine eher untergeordnete Rolle. Gefragt nach den Sorgen um die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland äußerte sich 2012 mit 48 Prozent fast jeder Zweite stark besorgt, während lediglich 14 Prozent der Befragten verstärkt beunruhigt waren, Opfer einer Straftat zu werden.[10] Auf individueller Ebene dominieren vielmehr Sorgen zur sozialen Sicherheit und Gesundheit.

In der kriminologischen Forschung steht die personale Furcht, Opfer von Kriminalität zu werden, im Vordergrund.[11] Auch hier können sehr unterschiedliche Indikatoren zum Einsatz kommen. Auf einer allgemeinen Ebene existieren globale Indikatoren, die deliktübergreifend Kriminalitätsfurcht erfassen. Dazu zählt unter anderem das sogenannte Standarditem, das in vielen wissenschaftlichen Studien verwendet wird: das Ausmaß an persönlicher Furcht, das der Befragte empfindet, wenn er nachts alleine in seiner Wohngegend unterwegs ist. Dieses Item gilt nach einer umfangreichen methodologischen Diskussion als brauchbar für die Forschungspraxis.[12] Daneben existieren spezifischere Messungen der persönlichen Kriminalitätsfurcht, die gezielt die Sorge abfragen, Opfer einzelner Delikte zu werden. Dabei wird das affektive Furchtempfinden am häufigsten über die Intensität der Beunruhigung bezüglich konkreter Straftaten wie Raubüberfälle, Wohnungseinbrüche oder Körperverletzung bestimmt.

Zu- oder abnehmende Kriminalitätsfurcht?

Belastbare Zahlen zur Verteilung kriminalitätsbezogener Unsicherheit in Deutschland liefert wiederum der DVS, der mit einer Stichprobe von rund 35.000 Befragten ein repräsentatives Bild für Deutschland liefert. Die Zahlen aus dem Jahr 2012 weisen aus, dass sich eine Mehrheit von gut 80 Prozent der deutschen Bevölkerung im Allgemeinen recht sicher fühlt. Auch hinsichtlich spezifischer Straftaten zeigt sich die Mehrheit wenig furchtsam. In etwa jede fünfte Person in Deutschland fürchtet sich, Opfer einer Straftat zu werden. Insgesamt 17 Prozent fühlen sich nachts in ihrer Wohnumgebung unsicher, davon fünf Prozent sogar sehr unsicher. 16 Prozent der Befragten sind beunruhigt, geschlagen und verletzt zu werden. 19 Prozent fürchten einen Wohnungseinbruch, 18 Prozent einen Raubüberfall und 14 Prozent sexuelle Belästigung.

Die Frage nach der zeitlichen Entwicklung der subjektiven Sicherheit in Deutschland ist angesichts der genannten Beschränkungen in der Verfügbarkeit von belastbarem und vergleichbarem Zahlenmaterial nicht leicht zu beantworten. Dennoch geben die verschiedenen wissenschaftlichen Umfragen einen Hinweis darauf, dass sich das kriminalitätsbezogene Sicherheitsgefühl seit Mitte der 1990er Jahre verbessert hat. Sowohl die Furcht, selbst Opfer einer Straftat zu werden, als auch die Wahrnehmung von Kriminalität als gesellschaftlichem Problem ist seitdem rückläufig.[13] Dieser Trend für die personale Furcht wurde für 2012 mit dem DVS und für 2014 in einer Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bestätigt.[14] Inwiefern seitdem von einer Trendwende und einer zunehmenden Kriminalitätsfurcht gesprochen werden kann, wie es derzeit in Medien und Politik der Fall ist, muss vorerst offen bleiben. Es bleibt abzuwarten, was neuere Befunde wie die für 2017 geplante zweite Erhebungswelle des Deutschen Viktimisierungssurveys ergeben.

Erklärungsgrößen

Ungeachtet der Kontroversen über die Messung von Kriminalitätsfurcht kann die kriminologische Forschung einige empirische Befunde ausweisen, die unabhängig vom verwendeten Indikator immer wieder auftreten. Insbesondere die Zusammenhänge des Sicherheitsgefühls mit zentralen demografischen und sozialräumlichen Merkmalen sind über die meisten Studien und Erhebungsinstrumente hinweg konsistent und stabil.[15]

So erweist sich das Geschlecht als einer der besten Prädiktoren für Unsicherheitsgefühle: Frauen äußern bei allen Indikatoren eine größere Besorgnis als Männer. Wie Studien zeigen, fallen die Geschlechterunterschiede bei der Furcht vor Eigentumsdelikten allerdings geringer aus als bei Gewalt- und Sexualdelikten. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass die Furcht vor Sexualdelikten eine dominierende Rolle zu spielen scheint, die möglicherweise auf andere abgefragte Befürchtungen ausstrahlt.[16]

Neben dem Geschlecht ist das Lebensalter eine wichtige Erklärungsgröße: Insbesondere bei der allgemeinen persönlichen Furcht, Opfer von Kriminalität zu werden, äußern ältere Menschen sich verstärkt ängstlich. Bei der deliktspezifischen Furcht sieht das Bild anders aus: Junge Menschen im Alter von 16 bis 24 Jahren fürchten sich stärker als ältere Personen davor, geschlagen und verletzt zu werden. Bei der Angst vor einem Raubüberfall oder Wohnungseinbruch konnte allerdings kein deutlicher Effekt des Alters festgestellt werden.[17] Die Sorgen um die Bedrohung der gesellschaftlichen Sicherheit scheinen wiederum linear mit dem Alter zuzunehmen.[18]

Auch Bildungsniveau und finanzielle Situation beeinflussen das Unsicherheitsempfinden: Je besser diese Merkmale bei einer befragten Person ausfallen, desto geringer ist das Unsicherheitsgefühl. Vermutlich sind Personen mit einer besseren materiellen Ausstattung eher in der Lage, furchtauslösende Situationen zu meiden, Schutzmaßnahmen zu ergreifen und etwaige materielle Schäden durch Kriminalität wieder auszugleichen. Auch Merkmale des Wohnorts spielen offenbar eine Rolle.

Ferner ergibt sich sowohl mit Blick auf die soziale als auch auf die personale Kriminalitätsfurcht ein charakteristischer Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern: So zeigen sich die ostdeutschen Befragten nach wie vor besorgter als die Westdeutschen.

Erklärungsansätze

Um Ausmaß und Verteilung von Unsicherheitsgefühlen in der Bevölkerung zu erklären, hat die Forschung eine Reihe von Ansätzen hervorgebracht, die jeweils verschiedene Aspekte in den Vordergrund rücken und an unterschiedlichen Ebenen der Sicherheit ansetzen.[19] Die meisten dieser Erklärungsversuche stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich.

Die Viktimisierungsthese, der zufolge Kriminalitätsfurcht das Ergebnis von direkten oder indirekten Opfererlebnissen ist, hat sich empirisch nicht immer bewahrheitet. Es spricht einiges dafür, dass Kriminalitätserfahrungen und -furcht voneinander unabhängig erklärt werden müssen.

Ausgehend von der Feststellung, dass sich ausgerechnet diejenigen Personengruppen am stärksten fürchten, die wie etwa Frauen oder ältere Menschen über ein geringes Opferrisiko verfügen, wird beim Vulnerabilitätsansatz die Ursache von Furcht in dem Bewusstsein eines Mangels an Verteidigungs-, Vermeidungs- und Bewältigungsstrategien gesehen. Beispielsweise antizipieren Frauen oder Ältere stärker, dass sie einem potenziellen Angreifer physisch unterlegen sein könnten.

In enger Verbindung zu diesem Erklärungsversuch stehen sozialpsychologische Ansätze, bei denen etwa der Einfluss von Persönlichkeitsfaktoren wie den "Big Five" (Aufgeschlossenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus) betont wird und Fragen von Resilienz und psychischen Schutzfaktoren untersucht werden.

Die Soziale-Kontroll-Perspektive richtet das Augenmerk auf den Einfluss von räumlichen Merkmalen wie der sozialen, demografischen oder baulichen Struktur von Stadtteilen oder Nachbarschaften. So werden etwa sogenannte incivilities in Wohngebieten für Unsicherheitsgefühle verantwortlich gemacht – soziale und physische Signale der Umgebung wie Graffiti, herumliegender Müll oder betrunkene Personen in der Öffentlichkeit, die dem Beobachter einen Mangel an sozialer Kontrolle, Unordnung und den Verfall von gemeinsamen Werten suggerieren und häufig mit Kriminalität in Verbindung gebracht werden.

Die Soziale-Problem-Perspektive konzentriert sich auf die Kommunikation über Risiken und Gefahren und räumt der Instrumentalisierung und Skandalisierung von Kriminalität durch Politik und Medien einen zentralen Stellenwert für die Entstehung von Kriminalitätsängsten in der Bevölkerung ein. Indem insbesondere schwere, aber relativ seltene Straftaten wie brutale Gewalt- und Sexualdelikte aufgegriffen werden, verzerre sich das Bild von Kriminalität und werden Unsicherheitsgefühle verstärkt. Eindeutige Forschungsergebnisse zur Medienwirkung liegen bislang jedoch nicht vor.

Derweil wird im Rahmen der Selektionsthese von einer anderen Kausalitätsrichtung ausgegangen, indem vermutet wird, dass Personen mit größerer Kriminalitätsfurcht auch eher mediale Inhalte konsumieren, die sich mit dem Thema Kriminalität befassen, und die Massenmedien allenfalls bereits bestehende Unsicherheitsgefühle verstärken. Es gilt allerdings als plausibel, dass die Medien eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung der allgemeinen gesellschaftlichen Bedrohung durch Kriminalität und Terrorismus spielen, während sie kaum Auswirkungen auf das persönliche Bedrohungsgefühl haben.[20]

Die in der Kriminologie prominente Generalisierungsthese schließlich bezieht sich auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext. Kriminalitätsfurcht wird hier als Ausdruck einer allgemeinen diffusen Verunsicherung gesehen, die ihre Ursachen in gesamtgesellschaftlichen und strukturellen Entwicklungen wie der Globalisierung und weltweiten Migration, finanzwirtschaftlichen Risiken oder Umweltproblemen hat und mit sozialen, Zukunfts- und Existenzängsten verbunden ist. Kriminalität wird hier als eine Art Projektionsfläche betrachtet, in der die diffusen Existenz- und Zukunftsängste greifbarer werden.[21]

Fazit

Ungeachtet der Schwierigkeiten, die durch unterschiedliche Indikatoren und Erhebungsmethoden bei der Messung von Kriminalitätsfurcht entstehen, ist ein Befund sicher: Es gibt deutlich mehr Menschen, die sich vor Kriminalität fürchten, als es Opfer von Straftaten gibt. Das Wissen über ein Auseinanderklaffen der objektiven Kriminalitätslage und der gefühlten Sicherheit ist nicht neu. Seit den 1970er Jahren erhielt das Thema zunehmend Aufmerksamkeit in Deutschland, nicht zuletzt auch, weil man erkannte, dass der Wahrnehmung der subjektiven Sicherheit für das individuelle und gesellschaftliche Wohl sowie der Lebensqualität der Menschen eine tragende Rolle zukommt.

Das Thomas-Theorem besagt, dass wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sie in ihren Konsequenzen wirklich sind. Übertragen auf die Sicherheitswahrnehmung bedeutet das: Fühlen sich die Menschen unsicher, hat dies ganz reale, objektive Konsequenzen und zwar nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Furcht vor Kriminalität ist immer auch eng mit anderen relevanten gesellschaftlichen Problemen und Themen verbunden, wie etwa der Integration von Minderheiten, dem Vertrauen gegenüber "Fremden" und Migranten sowie dem Vertrauen in Staat, Justiz und Polizei.

Angesichts neuerer gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen und Herausforderungen scheint die subjektive Perspektive auf das Thema Sicherheit verstärkt ins Blickfeld zu geraten. Der internationale Terrorismus etwa hat die Verunsicherung in der Bevölkerung laut verschiedener Umfragen auf ein anderes Niveau gehoben. Auch Ereignisse wie in der Silvesternacht 2015/16 in Köln können sich auf das Sicherheitsempfinden und die Einstellungen gegenüber Polizei und Justiz auswirken. Allerdings muss aufgrund fehlender geeigneter Zeitreihen zunächst nicht nur offen bleiben, wie stark die Beeinträchtigungen ausfallen, sondern auch, wie nachhaltig sie sind und ob sie von der gesellschaftlichen Ebene auf die Ebene des persönlichen Bedrohungsgefühls – der Furcht, selbst Opfer von Kriminalität zu werden – abfärben. Nur kontinuierlich wiederholte und methodisch vergleichbare Befragungsdaten können diesbezüglich zuverlässige Erkenntnisse liefern.

Das Auseinanderklaffen von objektiver und subjektiver Sicherheit wirft abschließend die Frage auf, welche Faktoren unverhältnismäßige Unsicherheitsgefühle in der Bevölkerung verringern und wie Bewältigungsmechanismen für den Umgang mit Risiken und Gefahren aussehen können. In jedem Fall sollte man sich von der Idee lösen, dass sich die Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung von Maßnahmen der Kriminalitätsbekämpfung maßgeblich beeinflussen lässt. Empirische Befunde weisen darauf hin, dass dem Vertrauen in staatliche Institutionen und in die Mitmenschen eine zentrale Bedeutung für die Vermittlung von subjektiver Sicherheit zukommt.[22] Die international vergleichende Wohlfahrtsstaatenforschung kann darüber hinaus wertvolle Anhaltspunkte liefern, was der Staat jenseits von Kriminalpolitik tun kann, um die Bürgerinnen und Bürger vor Kriminalitätsfurcht zu schützen. Maßnahmen der sozialen Sicherung und insbesondere Bildungsinvestitionen scheinen ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.[23]
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Fußnoten

1.
Vgl. etwa Allensbach-Umfrage: 58 Prozent der Deutschen wähnen sich in besonders unsicheren Zeiten, 27.1.2016, http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-01/umfrage-angst-deutschland-kriminalitaet-fluechtlinge-allensbach«.
2.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016, Berlin 2017.
3.
Vgl. Dina Hummelsheim-Doss, Kriminalitätsfurcht in Deutschland. Fast jeder Fünfte fürchtet, Opfer einer Straftat zu werden, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren 55/2016, S. 6–11.
4.
Vgl. Karl-Heinz Reuband, Steigende Kriminalitätsfurcht – Mythos oder Wirklichkeit?, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 45/1994, S. 214–220.
5.
Laut Zahlen der letzten für Deutschland repräsentativen Dunkelfeldstudie liegt der Anteil der polizeilich nicht bekannt gewordenen Straftaten zwischen einem Prozent (bei Diebstählen von Kraftwagen) und 91 Prozent (bei Waren- und Dienstleistungsbetrug). Vgl. Christoph Birkel et al., Der Deutsche Viktimisierungssurvey 2012. Erste Ergebnisse zu Opfererfahrungen, Einstellungen gegenüber der Polizei und Kriminalitätsfurcht, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, Arbeitsbericht 10/2014, S. 40.
6.
Vgl. ders., Mehrfachviktimisierungen in Deutschland, in: ders. et al. (Hrsg.), Opfererfahrungen und kriminalitätsbezogene Einstellungen in Deutschland. Vertiefende Analysen des Deutschen Viktimisierungssurveys 2012 unter besonderer Berücksichtigung des räumlichen Kontextes, Wiesbaden 2016, S. 17–94.
7.
Für 2017 ist allerdings eine zweite Erhebungswelle des DVS geplant.
8.
Weiterführende Informationen zum EU-ICS und ICVS sind online verfügbar: http://www.unicri.it/services/library_documentation/publications/icvs«.
9.
Vgl. Reuband (Anm. 4).
10.
Vgl. hier und im Folgenden Dina Hummelsheim-Doss, Subjektive Sicherheit und Lebenszufriedenheit: Die besondere Bedeutung von Vertrauen und Kontrollüberzeugungen, in: Rita Haverkamp/Harald Arnold (Hrsg.), Subjektive und objektivierte Bedingungen von (Un-)Sicherheit. Studien zum Barometer Sicherheit in Deutschland (BaSiD), Berlin 2015, S. 205–230.
11.
Die personale Kriminalitätsfurcht wird darüber hinaus aus analytischen Zwecken in eine kognitive, affektive und konative Dimension unterteilt. Bei der kognitiven Dimension geht es um die die persönliche Risikoeinschätzung, Opfer krimineller Handlungen zu werden. Die affektive Dimension befasst sich mit der Furcht als emotionale Reaktion auf wahrgenommene Bedrohungen durch Kriminalität. Die konative Dimension richtet das Augenmerk auf das Abwehr- und Vermeideverhalten, mit dem eine Opferwerdung verhindert werden soll. In diesem Beitrag steht die Kriminalitätsfurcht als emotionale Reaktion auf wahrgenommene Bedrohungen im Vordergrund.
12.
Vgl. Helmut Kury et al., Zur Validität der Erfassung von Kriminalitätsfurcht, in: Soziale Probleme 15/2004, S. 141–165; Karl-Heinz Reuband, Der "Standardindikator" zur Messung der Kriminalitätsfurcht, in: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 83/2000, S. 185–195.
13.
Vgl. Jörg Dittmann, Entwicklung der Kriminalitätseinstellungen in Deutschland, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Discussion Paper 468/2012.
14.
Vgl. Mathias Bug/Martina Kraus/Bartosz Walenda, Analoge und digitale Unsicherheiten: Eine neue Perspektive auf Kriminalitätsfurcht, in: DIW-Wochenbericht 12/2015, S. 280–287.
15.
Vgl. hier und im Folgenden etwa Helmut Hirtenlehner/Dina Hummelsheim-Doss, Kriminalitätsfurcht und Sicherheitsempfinden: Die Angst der Bürger vor dem Verbrechen (und dem, was sie dafür halten), in: Nathalie Guzy/Christoph Birkel/Robert Mischkowitz (Hrsg.), Viktimisierungsbefragungen in Deutschland, Bd. 1, Wiesbaden 2016, S. 458–487; Stephen Farrall/Jonathan Jackson/Emily Gray, Social Order and the Fear of Crime in Contemporary Times, Oxford 2009; Chris Hale, Fear of Crime: A Review of the Literature, in: International Review of Victimology 4/1996, S. 79–150; Kenneth Ferraro, Fear of Crime: Interpreting Victimization Risk, New York 1995; Klaus Boers, Kriminalitätsfurcht. Über den Entstehungszusammenhang und die Folgen eines sozialen Problems, Pfaffenweiler 1991.
16.
Vgl. Helmut Hirtenlehner/Stephen Farrall, Is the ‚Shadow of Sexual Assault‘ Responsible for Women’s Higher Fear of Burglary?, in: British Journal of Criminology 54/2014, S. 1167–1185.
17.
Vgl. Hummelsheim-Doss (Anm. 3).
18.
Vgl. dies. (Anm. 10).
19.
Siehe Anm. 15.
20.
Vgl. Reuband (Anm. 4). Es gibt aber auch Befunde zum Einfluss lokaler Medienberichterstattung für das persönliche Sicherheitsempfinden. Vgl. Michael Hanslmeier, How Victimization and Street Crime Affect Fear and Life Satisfaction, in: European Journal of Criminology 10/2013, S. 515–533.
21.
Vgl. Helmut Hirtenlehner, Kriminalitätsangst – klar abgrenzbare Furcht vor Straftaten oder Projektionsfläche sozialer Unsicherheitslagen? Ein Überblick über den Forschungsstand von Kriminologie und Soziologie zur Natur kriminalitätsbezogener Unsicherheitsgefühle der Bürger, in: Journal für Rechtspolitik 1/2009, S. 13–22. In der kriminologischen Diskussion zum Sicherheitsgefühl wird sich in diesem Zusammenhang häufig berufen auf die in Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986 geschilderten gesellschaftlichen Entwicklungen.
22.
Vgl. Hummelsheim-Doss (Anm. 10).
23.
Vgl. dies., Social Insecurities and Fear of Crime, in: European Sociological Review 27/2011, S. 327–345.
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Autor: Dina Hummelsheim-Doss für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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