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26.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Im zehnten Jahr nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland stellt sich vor allem eine Frage: Wie steht es mit der inneren Einheit?

Einleitung

Im zehnten Jahr nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, der am 3. Oktober 2000 begangen werden wird, mag feierliche Stimmung nicht recht aufkommen. Der Fokus der medialen Aufmerksamkeit ist seit Wochen auf ein anderes Thema gerichtet: auf Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus junger Deutscher. Es war Gegenstand unserer letzten Ausgabe. Dieses Heft ist der Vereinigung Deutschlands gewidmet, wobei der Akzent auf der noch nicht vollzogenen ,inneren Einheit' Deutschlands liegt.

Ein Grund dafür ist sicher, dass die Erfahrungen der Menschen im SED-Staat oft umstandslos mit der DDR als politischer Zwangsveranstaltung in eins gesetzt werden. Thomas Lindenberger plädiert vor diesem Hintergrund für eine respektvolle, faire Bewertung des Lebens der Menschen in der DDR, das allzu oft auf das Leben in einer Diktatur reduziert werde. Der Autor tritt für einen legitimen Platz des Alltagslebens der DDR in der Erinnerungskultur des vereinigten Deutschlands ein. Ähnlich argumentiert Richard Schröder in seinem Essay, der den Beitrag der Ostdeutschen zur Konstitution des vereinigten Deutschlands zu wenig gewürdigt sieht.

Ein weiterer Grund dürfte die finanzielle Abhängigkeit Ostdeutschlands vom Westen sein. Zwar lassen sich die Erfolge des deutsch-deutschen Vereinigungsprozesses mit Zahlen belegen, und die Autoren dieser Ausgabe listen diese auch auf, aber Euphorie oder Gefühle des Stolzes wollen sich nicht einstellen. Detlef Pollack, Rainer Geißler und Thomas Bulmahn liefern in ihren Beiträgen die Erklärung dafür: Die Verbesserung der Lebensbedingungen in Ostdeutschland sei ohne die Transferzahlungen von West nach Ost, die sich in der Zeit zwischen 1991 und 1998 auf mehr als eine Billion DM beliefen, nicht zu denken. Dabei sei das Ziel, gleichwertige Lebensbedingungen in beiden Landesteilen zu schaffen, bisher nicht erreicht - was von den Ostdeutschen mit Unmut registriert werde. Eine Kürzung der finanziellen Unterstützung oder eine Zurücknahme der Förderprogramme hätte daher auch im zehnten Jahr nach der Vereinigung noch katastrophale Auswirkungen. Ostdeutschland hänge am Tropf des Systems der alten Bundesrepublik. Pollack sieht hierin einen wesentlichen Grund für die tiefe Unzufriedenheit der Ostdeutschen, denen es schwerfalle, ein System gutzuheißen, zu dessen Funktionieren sie so wenig aus eigener Kraft beitragen konnten.

Aus der Perspektive des Sozialstrukturforschers Geißler ist der politische, ideologische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umbruch, den die Bevölkerung der ehemaligen DDR seit einem Jahrzehnt erlebt, denn auch als "nachholende Modernisierung" zu interpretieren. Es ging und geht dabei in erster Linie um den Abbau des Wohlstandsgefälles und seiner Ursachen. Die wenigen Modernisierungsvorsprünge, die Ostdeutschland gegenüber dem Westen gehabt habe - allen voran der Gleichstellungsvorsprung der Frauen -, seien in den vergangenen zehn Jahren erheblich zusammengeschmolzen.

Auch die in Politik und Wissenschaft nicht selten anzutreffende Auffassung, die Ostdeutschen hätten aufgrund ihrer Sozialisation in der DDR weder die Fähigkeiten noch den notwendigen Elan für ein ostdeutsches Wirtschaftswunder in die deutsche Einheit mitgebracht, dürfte dem Ziel der inneren Vereinigung Deutschlands kaum zuträglich sein. Martin Diewald, Anne Goedicke und Heike Solga treten dieser mit anders lautenden Ergebnissen der Ostdeutschen Lebensverlaufsstudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Berlin entgegen.