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26.5.2002 | Von:
Thomas Lindenberger

Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur

Das Alltagsleben der DDR und sein Platz in der Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands

Viele Ostdeutsche halten an einem Punkt besonders fest: Ihr Leben in der DDR war mehr als unter einer Diktatur zu leiden.

Einleitung

Zehn Jahre nach ihrem Ende geht es bei der Diskussion über die DDR schon lange nicht mehr um die Frage: War sie eine Diktatur oder nicht? Selbstverständlich war sie eine Diktatur, zumindest als Staatsordnung wird ihr niemand ernsthaft diese Qualität abstreiten wollen [1] . Dennoch wehren sich viele ehemalige DDR-Bürger immer noch gegen ihre Einordnung unter die Diktaturen, und dies nicht, weil sie den grundlegenden Mangel an Grundrechten und demokratischen Prozeduren im SED-Staat verkennen. Sie wehren sich vor allem gegen die dieser Zuschreibung innewohnende Ausschließlichkeit. In den persönlichen Erinnerungen vieler sind Erfahrungen aufgehoben, die mehr bedeuten. Diese Gefühle und Wissensbestände übersteigen die Integrationsfähigkeit rein politikwissenschaftlicher Interpretationen der DDR als "Diktatur". Wohl war sie als Staat eine Diktatur, aber nicht alles, was sich auf ihrem "Territorium" ereignete und für diejenigen, die es erlebt haben, noch immer bedeutsam ist, war "diktatorisch".


Um diese Differenz auszuloten, schlage ich vor, zunächst zwischen "Herrschaft" und "Diktatur" zu unterscheiden. Als soziale Praxis einer auf ungleicher Machtverteilung beruhenden Beziehung betrachtet, ist Herrschaft nur unter bestimmten Bedingungen, jedoch nicht per se diktatorisch. Den sinnfälligen Gegensatz zur Diktatur bildet in dieser Hinsicht die Definition der Demokratie als "Herrschaft auf Zeit". Wie Herrschen in der SED-Diktatur tatsächlich funktionierte, lässt sich nicht allein aus den Beschlüssen und den Plänen ihrer Herrscher ableiten, denn zum Herrschen gehören immer zwei: Herrscher und Beherrschte. Und je mehr diese Beziehung auf dauerhafte Existenz und Stabilität gerichtet ist, um so weniger kann sie sich ausschließlich auf das Monopol der physischen Gewalt in den Händen der Herrschenden stützen. Ohne auf Letzteres je verzichten zu können, bedarf auch die Herrschaft der Diktatoren eines Zutuns der Beherrschten, das über die Kapitulation vor dem physischen Zwang hinausgeht. Die Rede ist von den Interessen und Bedürfnissen der Herrschaftsunterworfenen, ihren Weltsichten und Lebensentwürfen, ihrem Sinn für das, was sie selbst betrifft und was sie um ihrer selbst willen anstreben oder vermeiden. Auch eine Diktatur muss, um auf Dauer bestehen zu können, zusehen, wie sie diesen Eigen-Sinn der Individuen in ihre Herrschaftspraxis integriert [2] .

Um diese Betrachtungsweise auf die Gesellschaft der DDR anzuwenden, müssen wir uns mit ihrem Alltagsleben beschäftigen. Es gilt auf mikrohistorischer Ebene die Interaktion von Herrschenden und Beherrschten zu beobachten und mit unserem Wissen über die DDR als diktatorisches System zu verknüpfen. Die zu erwartenden "Unstimmigkeiten" zwischen Herrschaftsanspruch und sozialer Wirklichkeit - zwischen Design und Realisierung - liefern Ausgangpunkte für ein differenziertes, gängigen Schwarz-Weiß-Bildern entgegengesetztes Bild der DDR-Gesellschaft. Das Bild eines homogenen "Arbeiter- und-Bauern-Staates", wie es nicht zuletzt die SED selbst unablässig verbreitete und das noch immer so manchen rückschauenden Betrachter in seinen Bann schlägt, gilt es seiner Selbstverständlichkeit zu entkleiden. Mittlerweile liegen Ergebnisse zahlreicher sozialhistorisch angelegter Forschungsprojekte vor, die es erlauben, dieses Spannungsverhältnis von totalitärer Utopie und sozialer Praxis genauer zu betrachten, die Perspektive "von oben" also mit der "von unten" zu kombinieren. Um dies zu veranschaulichen, werde ich im Folgenden einige Befunde des am Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung durchgeführten Projekts "Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur" vorstellen [3]

Fußnoten

1.
Auf die Frage, ob sie obendrein eine "totalitäre Diktatur" war, will ich an dieser Stelle aus Platzgründen nicht eingehen. Für in meinen Augen stichhaltige Einwände gegen die bloße Übertragung der klassischen Totalitarismustheorie auf den "Fall" DDR aus sozialhistorischer Sicht vgl. Ralph Jessen, DDR-Geschichte und Totalitarismustheorie, in: Berliner Debatte INITIAL, (1995) 4-5, S. 17-24. Eine auch aus meiner Sicht wünschenswerte und denkbare Dynamisierung des Konzepts totalitärer Herrschaft in sozialhistorischer Perspektive ist das Ziel eines im DFG-Sonderforschungsbereich 537 an der TU Dresden von Mitarbeitern des Hannah-Ahrendt-Instituts für Totalitarismusforschung (Klaus-Dietmar Henke, Christoph Boyer, Peter Skyba) durchgeführten Projekts "Sozial- und Gratifikationspolitik: weiche Stabilisatoren totalitärer Herrschaft in der späten DDR".
2.
Vgl. Alf Lüdtke, Herrschaft als soziale Praxis, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft als soziale Praxis, Historische und sozial-anthropologische Studien, Göttingen 1991, S. 9-63; ders., Eigen-Sinn, in: Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.), Alltagkultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte, Münster 1994, S. 139-153; Thomas Lindenberger, Die Diktatur der Grenzen. Zur Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln 1999, S. 13-44, hier S. 21-26.
3.
Zur mehrheitlich aus ostdeutschen Historikern und Historikerinnen zusammengesetzten Projektgruppe gehör(t)en Leonore Ansorg, Burghard Ciesla, Renate Hürtgen, Sylvia Klötzer, Dagmar Langenhan, Thomas Lindenberger, Patrice G. Poutrus und Thomas Reichel; erste Ergebnisse u. a. in Th. Lindenberger (Hrsg.) (Anm. 2), separate Monographien der Projektmitarbeiter werden 2001 erscheinen. Auf einen Vergleich mit Ergebnissen der mittlerweile recht zahlreichen Fallstudien zur Sozialgeschichte der DDR muss ich an dieser Stelle aus Platzgründen verzichten, vgl. dazu zuletzt insbesondere zwei umfangreiche Aufsatzsammlungen: Peter Hübner/Klaus Tenfelde (Hrsg.), Arbeiter in der SBZ - DDR, Essen 1999, sowie die "Beiträge zum Rahmenthema ,Sozialgeschichte der DDR'", in: Archiv für Sozialgeschichte, XXXIX (1999), S. 1-443, ferner meinen Literaturbericht "Current Research on the Social History of the GDR", in: German History, 19 (2001) (i. E.).