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26.5.2002 | Von:
Thomas Lindenberger

Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur

Das Alltagsleben der DDR und sein Platz in der Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands

I. Herrschaft im volkseigenen Betrieb

Beginnen wir mit dem Herzstück des DDR-Alltags, der Arbeit im produzierenden Gewerbe und der Mehrheit der dort Tätigen: den Arbeiterinnen und Arbeitern. Die SED bzw. der Staat als oberster Arbeitgeber der "volkseigenen" Industrie versuchten schon sehr früh, in den fünfziger Jahren, deren Beziehungen zum Betrieb und untereinander durch spezifische Organisationsformen zu regulieren und zu kontrollieren. Zugleich propagierten sie in ihrer politischen Symbolik den Industriearbeiter als Inkarnation der neuen Staatsmacht, bevorzugten Arbeiter gezielt in der Bildungs- und Sozialpolitik, versprachen unablässig, dass vor allem dieser Gruppe die "Vorzüge" des neuen Gemeinwesens zugute kommen würden. In den ab 1959 gebildeten "Brigaden der sozialistischen Arbeit" sollten sich beide Seiten dieser "Arbeiterpolitik" miteinander verbinden: Sie stellten der Form nach neue, obwohl vielfach an bereits vorhandene Strukturen der Arbeitsorganisation anknüpfende unterste Einheiten im Betrieb dar, die der SED und dem von ihr kontrollierten Gewerkschaftsbund FDGB im Rahmen des "sozialistischen Wettbewerbs" zusätzliche Ansatzpunkte zur politischen Bevormundung und Mobilisierung von Produktivitätsreserven zur Verfügung stellten.

Die mittlerweile recht umfangreichen Forschungen zu den Brigaden zeigen deutlich, wie unterschiedlich diese Institution den Alltag von DDR-Betrieben prägte [4] . Am einen Ende des Spektrums stehen Brigaden in Großbetrieben mit einem vorwiegend männlichen Stamm von Facharbeitern, wie der Schiffs- und Maschinenbau oder die Stahlerzeugung. Eine aus ost- und westdeutschen Wissenschaftlern zusammengesetzte Forschungsgruppe um den Göttinger Soziologen Peter Alheit hat zum Beispiel die Milieus von Werftarbeitern in Bremen und Rostock in den fünfziger Jahren miteinander verglichen. In ihrem Resümee betonen die Autoren anhand ihres ostdeutschen "Falls" - der Rostocker Neptunwerft - die beträchtliche Verhandlungsmacht der Brigaden bei der Festsetzung von Arbeitsnormen und Lohnzahlungen. Es handelte sich dabei nicht nur darum, dass der Brigadier die zu verrichtenden Arbeiten auf seine Brigademitglieder verteilte und abrechnete, sondern vor allem auch um die "richtige" Anwendung der Normen, deren regelmäßige Übererfüllung als ein das Einkommen erhöhender Besitzstand verteidigt wurde. Auf Grundlage dieser Facharbeiter-Verhandlungsmacht entwickelte sich - so eine der abschließenden Thesen der Autoren - die Brigade zum Kristallisationskern eines proletarischen Gegenmilieus zu den offiziellen Machthierarchien, zur Welt der Betriebsleiter und Ingenieure, aber vor allem auch der hauptamtlichen Funktionäre der SED und ihres "Transmissionsriemens" FDGB. Zwar entstammten Letztere überwiegend selbst der Arbeiterschaft und fühlten sich weiterhin als "Arbeiter". Dennoch prägte die Einbindung entweder in die Leitung oder in die Produktionsbasis die sozialen Beziehungen des Einzelnen so sehr, dass - so lassen sich Alheits Befunde interpretieren - von einer Milieugrenze gesprochen werden muss. Um ihren letzten Rest von Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, stellte die SED die relative Autonomie dieser Art von Brigaden nach dem Realitätsschock vom 17. Juni 1953 in den restlichen Jahrzehnten ihrer Herrschaft nie ernsthaft in Frage. Schließlich propagierte sie unablässig den "Arbeiter- und-Bauern-Staat" und musste daher wenigstens in der Produktion eine entsprechende "informelle Rätestruktur" (Alheit) akzeptieren. Zugleich gab sie damit als wirtschaftsleitende Instanz Machtmittel zur effektiven Steigerung der Produktivität aus der Hand, eine Hypothek, die die DDR-Volkswirtschaft bis zu ihrem Ende belastete [5] .

Im Gefolge der von ihr selbst 1959 inszenierten Bewegung der "sozialistischen" Brigaden, die nicht nur sozialistisch "arbeiten", sondern auch "lernen" und "leben" sollten, sah sich die SED im verstärkten Maße mit paradoxen Folgen ihrer Herrschaftspraxis konfrontiert. Gerade die umfassende, die Arbeitssphäre weit überschreitende Aufgabenbestimmung der Brigaden bot Ansatzpunkte zur Interessenartikulation, die über den Tellerrand des Betriebs hinausstrebten. 1960/61 forderten Brigaden und einige ihnen wohlgesonnene Wirtschaftsfunktionäre "Rechte", die ehedem Betriebsrätekonferenzen oder wirklich freien Gewerkschaften zugestanden hätten. Doch bevor sich daraus das Machtmonopol der SED in Frage stellende Ansätze entwickeln konnten, belegte die SED-Führung diese Ambitionen mit dem Stigma des "Syndikalismus", was in der leninistischen Tradition einer offiziellen Exkommunikation gleichkam. Unabhängig davon entwickelten sich die "sozialistischen Brigaden" aber zugleich zu dem Ort der arbeitsplatzbezogenen Geselligkeit schlechthin, an dem Arbeiter ihre Distanz zur "offiziellen" Politik lebten. Ein besorgter Betriebszeitungsredakteur im Stahl- und Walzwerk Brandenburg hat deren "Auswüchse" bereits 1959 an den Pranger zu stellen versucht, indem er das "Festblatt", das sich die Brigade "Glück auf" für ihre Brigadefeier geschrieben hatte, folgendermaßen zitierte und kommentierte:

"Legt heute Last und Sorgen nieder, gestattet ist heut freie Liebe. Singt mit uns die schmutzigen Lieder, freier Lauf für alle Triebe.

Jeder kann den Durst heut stillen, und die Intelligenz soll saufen. Wer grad Lust hat, kann auch brüllen, aus den Ohren muss es laufen.

Diese Zeilen schrieb nicht irgendein Verein, es war eine sozialistische Brigade, sie wollt auf ihre Art mal fröhlich sein, schade, schade, schade."

Es folgen noch drei weitere Strophen, in denen die Brigademitglieder ihren hedonistischen Fantasien freien Lauf lassen, eingerahmt vom missbilligenden Refrain (". . . schade, schade, schade"). Daran schließt sich eine dreistrophige Belehrung an, in der es unter anderem heißt:

"Wo bleiben all die edlen Ziele, von denen die Verpflichtung spricht? Aus einem Festsaal wird 'ne Nahkampfdiele, nein, Brigade, nein, so geht das nicht.

Ihr müsst das Alte überwinden, ihr müsst dem Neuen Beifall zollen, ihr werdet neue Wege finden, aber nur, wenn alle wollen." [6]

Das sich um die Brigaden kristallisierende Gegenmilieu, so zeigt dieses Beispiel, knüpfte zugleich an alte Spannungen zwischen organisierter Arbeiterbewegung und den Lebensweisen unorganisierter bzw. dem Bewegungsmilieu fern stehenden Arbeitern an. Der von Manfred Krug dargestellte Brigadier Balla im 1966 uraufgeführten und dann bis zur Wende 1989 verbotenen DEFA-Film "Spur der Steine" [7] verkörperte in besonders sinnfälliger (und sinnlicher) Weise die kaum zu überbrückende Distanz zwischen der SED und "ihrer" Arbeiterbasis. Sie wurzelte in der Arbeiterbewegung selbst und fand hier ausgerechnet in den institutionellen Rahmenbedingungen des SED-Staates ihre Fortsetzung. Was zur ultimativen Steigerung von Arbeitsproduktivität und Qualifizierung ersonnen war - immerhin ging es in jenen Jahren darum, binnen sieben Jahren das Lebensniveau der Bundesrepublik Deutschland zu erreichen -, entwickelte sich zu einer Arena lohnpolitischer Beharrungsmacht und geselligen Eigen-Sinns. Beides stellte aber nie das politische System als solches in Frage.

Ein solcher Befund kann aber nur für ein bestimmtes Segment der Arbeiterschaft sprechen, für den "klassischen" männlichen Industriearbeitertypus. Forschungen über andere Arbeitergruppen zeigen Brigaden, deren Handlungspielräume ungleich enger waren. Für die Arbeiterinnen des 1968 in der ländlichen Ost-Prignitz auf die "grüne Wiese" gesetzten Obertrikotagenbetriebs Wittstock, die sämtlich aus den umliegenden Dörfern stammten und auf keinerlei Erfahrungen mit industrieller Arbeit zurückgreifen konnten, boten Brigaden kaum Möglichkeiten zur Ausbildung ökonomischer Gegenmacht. Wohl erinnern sich die von Leonore Ansorg befragten Frauen auch an die gemeinsamen "Vergnügen" und den Zusammenhalt außerhalb der Arbeitszeit. Ansonsten vermitteln die von ihr berichteten Schilderungen des Arbeitsalltags in Wittstock das Bild eines aufgrund von Materialschwierigkeiten, mangelnder Qualifikation und schlechtem Management jahrelang gegen exorbitante Planschulden kämpfenden Betriebs. Dem permanenten Druck, die Norm zu erfüllen, hatten die Arbeiterinnen, ob sie sich nun auf Geheiß von oben schichtweise zu Brigaden zusammenschlossen oder in Gewerkschaftsversammlungen trafen, nichts entgegenzusetzen; allenfalls den Gruppenegoismus der Arbeitskollektive untereinander. Eine von ihnen, die 1979 im Obertrikotagenwerk als Lehrling angefangen und dort lange Zeit als Strickerin im Akkord gearbeitet hatte, antwortet auf die Frage, ob sie und ihre Kolleginnen in irgendeiner Weise Einfluss auf die Normfestsetzungen nehmen konnten:

"Man hat halt zwar drüber gesprochen, jetzt wenn Versammlungen angesetzt waren, dass die Norm nicht zu schaffen war. Und, ich meine, man stand ja in dem Moment nicht alleine da, also der größte Teil war das gewesen, der die Norm nicht schaffte. Aber da führte kein Weg rein. Die haben ihre Norm gesetzt, so, entweder man schafft sie oder man schafft sie nicht. So war das gewesen.

Irgendwie hat da kein Weg hin geführt, in dem Sinne, dass sie jetzt gesagt hätten, na gut, sehen wir ein, oder was weiß ich, müssen wir das runter schrauben. Nein irgendwie hat da nie ein Weg reingeführt. Man hat da zwar viel drüber gesprochen und gesprochen, aber es ist nichts passiert in dem Sinne." [8]

"Da führte kein Weg rein" - die in diesen Worten verdichteten jahrelangen Frustrationen verweisen auf die negative Seite der Brigade als unterster Ebene des Herrschaftsverbandes "Volkseigener Betrieb". Arbeiterinnen in Betrieben wie dem in Wittstock verfügten nicht über die typischen Erfahrungen männlicher Facharbeiter, die wussten, wie man soziale Beziehungen am Arbeitsplatz gestalten konnte, und die genaue Vorstellungen davon hatten, was für einen Arbeiter legitimerweise als erstrebenswert und befriedigend galt, zum Beispiel "ordentliche" Qualitätsarbeit abzuliefern. Ohne dieses über Generationen hinweg aufgehäufte soziale und kulturelle Kapital hatten sie angesichts der fehlenden Autonomie gewerkschaftlicher Organisationen weitaus weniger Chancen, die von der SED oktroyierten Organisationsformen eigen-sinnig zu nutzen. Diese fungierten in erster Linie als Instrumente zum lückenlosen Durchstellen von Arbeitsanforderungen, auch als Rahmen einer arbeitsplatzbezogenen Geselligkeit - von "Kristallisationskernen eines proletarischen Gegenmilieus" kann jedoch in solchen Fällen keine Rede sein.

Diese beiden Beispiele repräsentieren nur zwei Extreme, um die potenzielle Vielgestaltigkeit des Phänomens "Brigade" anzudeuten. Leider können wir bislang keine erschöpfende Typologie dieser den Alltag fast aller in der DDR Erwerbstätigen in der einen oder anderen Weise berührenden Organisationsform erstellen. Es fehlen beispielsweise noch immer Kenntnisse über den tertiären Sektor (Arbeitsplätze in den aufgeblähten Verwaltungen, im Bildungssektor, im Handel, ja selbst in den Sicherheitsapparaten . . .), in denen ebenfalls "Kollektive" nach dem Muster der Industriebrigaden um Plan(über)erfüllung und Titel wetteiferten. Dennoch sind die Brigaden in einem Punkt für die Art und Weise, wie alltägliche Herrschaftspraxis in der DDR-Gesellschaft organisiert war, typisch: Die Konfrontation und Interaktion mit den Ansprüchen der parteiamtlichen und staatlichen Autoritäten spielten sich immer in den kleinen Einheiten der vor allem durch den Betrieb oder den Wohnort vorgegebenen Grenzen ab. Eine über diese lebensweltlichen Erfahrungsräume der Individuen hinausreichende Praxis des Aushandelns war per definitionem nicht möglich. Dazu hätte es mit einem Minimum an Autonomie und Pluralität ausgestatteter Öffentlichkeiten etwa auf der Ebene eines Großbetriebs, Kombinats oder Industriezweigs bzw. auf der Ebene eines Kreises oder eines Bezirks bedurft - der von Ulbricht so energisch bekämpften "jugoslawischen Verhältnisse" gewissermaßen. Aber schon auf dieser untersten Ebene überindividueller Vergesellschaftung schloss das Machtmonopol des SED-Staats die eigenständige Artikulation und Repräsentation kollektiver Bedürfnisse weitgehend aus, ganz zu schweigen von den nächsthöheren Stufen des Herrschaftsaufbaus.

Fußnoten

4.
Vgl. grundlegend Peter Hübner, Konsens, Konflikt und Kompromiss. Soziale Arbeiterinteressen und Sozialpolitik in der SBZ/DDR, Berlin 1995, sowie Jörg Roesler, Probleme des Brigadealltags. Arbeitsverhältnisse und Arbeitsklima in volkseigenen Betrieben 1950-1989, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 38/97, S. 3-17.
5.
Vgl. Peter Alheit u. a., Gebrochene Modernisierung: der langsame Wandel proletarischer Milieus. Eine empirische Vergleichsstudie ost- und westdeutscher Arbeitermilieus in den 1950er Jahren, Bremen 1998, hier S. 1010 f.
6.
Zit. nach Thomas Reichel, "Jugoslawische Verhältnisse"? - Die "Brigaden der sozialistischen Arbeit" und die "Syndikalismus"-Affäre (1959-1962), in: Th. Lindenberger (Hrsg.) (Anm. 2), S. 45-73, hier S. 70.
7.
Spur der Steine, DDR 1966, Regie: Frank Beyer, Buch: Karl Georg Egel/Frank Beyer nach einem Roman von Erik Neutsch, Verleih: Kinowelt/Progress, Icestorm (Video); vgl. Peter Alheits Interpretation der Romanvorlage als Beleg für seine These vom "Gegenmilieu", in: P. Alheit u. a. (Anm. 5), S. 1012 bis 1019.
8.
Zit. nach Leonore Ansorg, "Irgendwie war da eben kein System 'drin". Strukturwandel und Frauenerwerbstätigkeit in der Ost-Prignitz (1968-1989), in: Th. Lindenberger (Hrsg.) (Anm. 2), S. 75-117, hier. S. 101.