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26.5.2002 | Von:
Thomas Lindenberger

Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur

Das Alltagsleben der DDR und sein Platz in der Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands

II. Die Diktatur der Grenze(n)

Immer wieder begegnen wir bei unseren Streifzügen durch den DDR-Alltag diesen ehernen, die Lebenswelt in vielfacher Weise gliedernden und zerklüftenden Grenzziehungen, die den Nahbereich alltäglicher Beziehungen, in dem der "normale Sterbliche" eine gewisse Chance hatte mitzureden, von den gut abgeschirmten Bereichen des SED-Herrschaftsmonopols trennten. Die Durchgängigkeit dieser Strukturierung des sozialen Raumes in der DDR lässt es mir sinnvoll erscheinen, sie als eine "Diktatur der Grenzen" zu charakterisieren. Sie bezog ihre Wirksamkeit zunächst aus der Existenz der einen, uns allen sofort in den Sinn kommenden Grenze, der zum Westen. Bereits vor dem Mauerbau diente die permanente Abgrenzung vom "anderen" Deutschland als Hauptinstrument der politischen Stigmatisierung abweichenden und oppositionellen Verhaltens. Bekanntlich bekämpfte die SED unnachsichtig all diejenigen, deren Loyalität ihr zweifelhaft schien, als Agenten des westdeutschen Feindes. Als physische und mit Waffengewalt gegen "Durchbrüche" (von innen her) geschützte Absperrung prägte die Grenze nach 1961 das tägliche Leben fast aller DDR-Bürger in mehrfacher Weise: nicht nur durch die unterbundene Reisefreiheit, sondern zugleich als die äußerste Anstrengung der Partei, das gesellschaftliche Leben zu regulieren, seine Bewegungen zu kontrollieren und erforderlichenfalls stillzulegen, und dies bis in die Sphären der individuellen Lebensführung hinein. Jeder sollte an seinem Platz, dort, wo ihn die allwissende Partei hingestellt hatte, seinen Beitrag zum Aufbau des Sozialismus leisten - aber auch nur dort. Eigenmächtiges Handeln konnte immer als unbotmäßiger Eingriff in den der SED vorbehaltenen Machtbereich interpretiert werden: Jenseits von Brigade und Arbeitskollektiv, jenseits des Dorfs oder des Wohngebiets, jenseits der Schulklasse oder der örtlichen Kulturbundsparte usw. gab es so gut wie keine Institutionen, die sich für Aushandlungen materieller Interessen wie für die Artikulation sozialer und kultureller Bedürfnisse geeignet hätten. Das war nur in den Grenzen dieser Basisstrukturen zulässig und getreu der Parole "Arbeite mit, plane mit, regiere mit" auch gewünscht.

Dabei blieben die DDR-Bürger keineswegs in politikferner Idylle sich selbst überlassen. Der Begriff der "Nische" ist in dieser Hinsicht eher missverständlich. Natürlich trachtete die SED danach, auch in diesen untersten, dem Horizont der Lebenswelten angepassten Einheiten ihrer Herrschaft durch eigene Vertreter präsent zu sein. Nichts ging ihr über die alltägliche "enge Verbindung" mit den Werktätigen, und wenn diese auch nur durch ein Heer von "inoffiziellen Mitarbeitern" zu gewährleisten war. Über dieser mittlerweile recht gründlich untersuchten Form der Basisarbeit für das Regime [9] gilt es aber die Bedeutung der zahlreicheren "offiziellen" Mitarbeiter von Partei, Staat und Massenorganisationen nicht aus den Augen zu verlieren. Die Qualität einer Brigade bemaß sich unter anderem am Anteil der Parteimitglieder. Überall sollte die führende Rolle der Partei sichtbar sein, auch wenn die Genossen dabei oft eine schlechte Figur machten. Im staatssozialistischen Alltag fungierten solche Menschen häufig als "Grenzwächter", die für die weniger auf das Regime verpflichteten Bürger Drohung und Assistenz in einem bedeuten konnten. Im günstigsten Fall gelang es ihrem "Kollektiv", sie soweit auf seine Interessen zu verpflichten, dass sie unerwartete und chaotisierende Eingriffe "von oben" abfederten, und sei es nur, um die für die Planerfüllung und den Verdienst erforderliche Kontinuität und Ruhe am Arbeitsplatz zu gewährleisten. Im schlimmsten Falle fungierten sie als Aufpasser vor Ort, die das Kollektiv möglichst zu isolieren trachtete. Irgendwo in der Mitte zwischen den Extrempolen ist das Verhalten der Mehrheit dieser zahllosen beruflichen wie ehrenamtlichen Basisfunktionäre der SED-Herrschaft zu verorten, jener Hunderttausende von Parteisekretären, gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, Hausobleuten, Gemeinde-Bürgermeistern und Rat-der-Stadt-Abgeordneten usw. [10] .

Fußnoten

9.
Vgl. Helmut Müller-Enbergs (Hrsg.), Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, T. 1: Richtlinien und Durchführungsbestimmungen, Berlin 1996²; T. 2: Anleitungen für die Arbeit mit Agenten, Kundschaftern und Spionen in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1998.
10.
Jedes Staats"organ" und jede Massenorganisation in der DDR hatte seine bzw. ihre Fußtruppe "ehrenamtlicher" Helfer, deren tatsächliche Tätigkeit und Bedeutung bisher nur für einzelne Bereiche erforscht sind; vgl. z. B. Renate Hürtgen, Der Gewerkschaftsvertrauensmann des FDGB in den 70er und 80er Jahren: Funktionsloser Funktionär der Gewerkschaften?, in: dies./Thomas Reichel (Hrsg.), Der Schein der Stabilität - DDR-Betriebsalltag in der Ära Honecker, Berlin 2000 (i. E.); Thomas Lindenberger, Vaters kleine Helfer. Die Volkspolizei und ihre enge Verbindung zur Bevölkerung, 1952-1965, in: Gerhard Fürmetz u. a. (Hrsg.), Reform und Alltag der Polizei in West- und Ostdeutschland 1945-1969, Hamburg 2000 (i. E.).