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26.5.2002 | Von:
Thomas Lindenberger

Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur

Das Alltagsleben der DDR und sein Platz in der Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands

Viele Ostdeutsche halten an einem Punkt besonders fest: Ihr Leben in der DDR war mehr als unter einer Diktatur zu leiden.

Einleitung

Zehn Jahre nach ihrem Ende geht es bei der Diskussion über die DDR schon lange nicht mehr um die Frage: War sie eine Diktatur oder nicht? Selbstverständlich war sie eine Diktatur, zumindest als Staatsordnung wird ihr niemand ernsthaft diese Qualität abstreiten wollen [1] . Dennoch wehren sich viele ehemalige DDR-Bürger immer noch gegen ihre Einordnung unter die Diktaturen, und dies nicht, weil sie den grundlegenden Mangel an Grundrechten und demokratischen Prozeduren im SED-Staat verkennen. Sie wehren sich vor allem gegen die dieser Zuschreibung innewohnende Ausschließlichkeit. In den persönlichen Erinnerungen vieler sind Erfahrungen aufgehoben, die mehr bedeuten. Diese Gefühle und Wissensbestände übersteigen die Integrationsfähigkeit rein politikwissenschaftlicher Interpretationen der DDR als "Diktatur". Wohl war sie als Staat eine Diktatur, aber nicht alles, was sich auf ihrem "Territorium" ereignete und für diejenigen, die es erlebt haben, noch immer bedeutsam ist, war "diktatorisch".


Um diese Differenz auszuloten, schlage ich vor, zunächst zwischen "Herrschaft" und "Diktatur" zu unterscheiden. Als soziale Praxis einer auf ungleicher Machtverteilung beruhenden Beziehung betrachtet, ist Herrschaft nur unter bestimmten Bedingungen, jedoch nicht per se diktatorisch. Den sinnfälligen Gegensatz zur Diktatur bildet in dieser Hinsicht die Definition der Demokratie als "Herrschaft auf Zeit". Wie Herrschen in der SED-Diktatur tatsächlich funktionierte, lässt sich nicht allein aus den Beschlüssen und den Plänen ihrer Herrscher ableiten, denn zum Herrschen gehören immer zwei: Herrscher und Beherrschte. Und je mehr diese Beziehung auf dauerhafte Existenz und Stabilität gerichtet ist, um so weniger kann sie sich ausschließlich auf das Monopol der physischen Gewalt in den Händen der Herrschenden stützen. Ohne auf Letzteres je verzichten zu können, bedarf auch die Herrschaft der Diktatoren eines Zutuns der Beherrschten, das über die Kapitulation vor dem physischen Zwang hinausgeht. Die Rede ist von den Interessen und Bedürfnissen der Herrschaftsunterworfenen, ihren Weltsichten und Lebensentwürfen, ihrem Sinn für das, was sie selbst betrifft und was sie um ihrer selbst willen anstreben oder vermeiden. Auch eine Diktatur muss, um auf Dauer bestehen zu können, zusehen, wie sie diesen Eigen-Sinn der Individuen in ihre Herrschaftspraxis integriert [2] .

Um diese Betrachtungsweise auf die Gesellschaft der DDR anzuwenden, müssen wir uns mit ihrem Alltagsleben beschäftigen. Es gilt auf mikrohistorischer Ebene die Interaktion von Herrschenden und Beherrschten zu beobachten und mit unserem Wissen über die DDR als diktatorisches System zu verknüpfen. Die zu erwartenden "Unstimmigkeiten" zwischen Herrschaftsanspruch und sozialer Wirklichkeit - zwischen Design und Realisierung - liefern Ausgangpunkte für ein differenziertes, gängigen Schwarz-Weiß-Bildern entgegengesetztes Bild der DDR-Gesellschaft. Das Bild eines homogenen "Arbeiter- und-Bauern-Staates", wie es nicht zuletzt die SED selbst unablässig verbreitete und das noch immer so manchen rückschauenden Betrachter in seinen Bann schlägt, gilt es seiner Selbstverständlichkeit zu entkleiden. Mittlerweile liegen Ergebnisse zahlreicher sozialhistorisch angelegter Forschungsprojekte vor, die es erlauben, dieses Spannungsverhältnis von totalitärer Utopie und sozialer Praxis genauer zu betrachten, die Perspektive "von oben" also mit der "von unten" zu kombinieren. Um dies zu veranschaulichen, werde ich im Folgenden einige Befunde des am Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung durchgeführten Projekts "Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur" vorstellen [3]

I. Herrschaft im volkseigenen Betrieb

Beginnen wir mit dem Herzstück des DDR-Alltags, der Arbeit im produzierenden Gewerbe und der Mehrheit der dort Tätigen: den Arbeiterinnen und Arbeitern. Die SED bzw. der Staat als oberster Arbeitgeber der "volkseigenen" Industrie versuchten schon sehr früh, in den fünfziger Jahren, deren Beziehungen zum Betrieb und untereinander durch spezifische Organisationsformen zu regulieren und zu kontrollieren. Zugleich propagierten sie in ihrer politischen Symbolik den Industriearbeiter als Inkarnation der neuen Staatsmacht, bevorzugten Arbeiter gezielt in der Bildungs- und Sozialpolitik, versprachen unablässig, dass vor allem dieser Gruppe die "Vorzüge" des neuen Gemeinwesens zugute kommen würden. In den ab 1959 gebildeten "Brigaden der sozialistischen Arbeit" sollten sich beide Seiten dieser "Arbeiterpolitik" miteinander verbinden: Sie stellten der Form nach neue, obwohl vielfach an bereits vorhandene Strukturen der Arbeitsorganisation anknüpfende unterste Einheiten im Betrieb dar, die der SED und dem von ihr kontrollierten Gewerkschaftsbund FDGB im Rahmen des "sozialistischen Wettbewerbs" zusätzliche Ansatzpunkte zur politischen Bevormundung und Mobilisierung von Produktivitätsreserven zur Verfügung stellten.

Die mittlerweile recht umfangreichen Forschungen zu den Brigaden zeigen deutlich, wie unterschiedlich diese Institution den Alltag von DDR-Betrieben prägte [4] . Am einen Ende des Spektrums stehen Brigaden in Großbetrieben mit einem vorwiegend männlichen Stamm von Facharbeitern, wie der Schiffs- und Maschinenbau oder die Stahlerzeugung. Eine aus ost- und westdeutschen Wissenschaftlern zusammengesetzte Forschungsgruppe um den Göttinger Soziologen Peter Alheit hat zum Beispiel die Milieus von Werftarbeitern in Bremen und Rostock in den fünfziger Jahren miteinander verglichen. In ihrem Resümee betonen die Autoren anhand ihres ostdeutschen "Falls" - der Rostocker Neptunwerft - die beträchtliche Verhandlungsmacht der Brigaden bei der Festsetzung von Arbeitsnormen und Lohnzahlungen. Es handelte sich dabei nicht nur darum, dass der Brigadier die zu verrichtenden Arbeiten auf seine Brigademitglieder verteilte und abrechnete, sondern vor allem auch um die "richtige" Anwendung der Normen, deren regelmäßige Übererfüllung als ein das Einkommen erhöhender Besitzstand verteidigt wurde. Auf Grundlage dieser Facharbeiter-Verhandlungsmacht entwickelte sich - so eine der abschließenden Thesen der Autoren - die Brigade zum Kristallisationskern eines proletarischen Gegenmilieus zu den offiziellen Machthierarchien, zur Welt der Betriebsleiter und Ingenieure, aber vor allem auch der hauptamtlichen Funktionäre der SED und ihres "Transmissionsriemens" FDGB. Zwar entstammten Letztere überwiegend selbst der Arbeiterschaft und fühlten sich weiterhin als "Arbeiter". Dennoch prägte die Einbindung entweder in die Leitung oder in die Produktionsbasis die sozialen Beziehungen des Einzelnen so sehr, dass - so lassen sich Alheits Befunde interpretieren - von einer Milieugrenze gesprochen werden muss. Um ihren letzten Rest von Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, stellte die SED die relative Autonomie dieser Art von Brigaden nach dem Realitätsschock vom 17. Juni 1953 in den restlichen Jahrzehnten ihrer Herrschaft nie ernsthaft in Frage. Schließlich propagierte sie unablässig den "Arbeiter- und-Bauern-Staat" und musste daher wenigstens in der Produktion eine entsprechende "informelle Rätestruktur" (Alheit) akzeptieren. Zugleich gab sie damit als wirtschaftsleitende Instanz Machtmittel zur effektiven Steigerung der Produktivität aus der Hand, eine Hypothek, die die DDR-Volkswirtschaft bis zu ihrem Ende belastete [5] .

Im Gefolge der von ihr selbst 1959 inszenierten Bewegung der "sozialistischen" Brigaden, die nicht nur sozialistisch "arbeiten", sondern auch "lernen" und "leben" sollten, sah sich die SED im verstärkten Maße mit paradoxen Folgen ihrer Herrschaftspraxis konfrontiert. Gerade die umfassende, die Arbeitssphäre weit überschreitende Aufgabenbestimmung der Brigaden bot Ansatzpunkte zur Interessenartikulation, die über den Tellerrand des Betriebs hinausstrebten. 1960/61 forderten Brigaden und einige ihnen wohlgesonnene Wirtschaftsfunktionäre "Rechte", die ehedem Betriebsrätekonferenzen oder wirklich freien Gewerkschaften zugestanden hätten. Doch bevor sich daraus das Machtmonopol der SED in Frage stellende Ansätze entwickeln konnten, belegte die SED-Führung diese Ambitionen mit dem Stigma des "Syndikalismus", was in der leninistischen Tradition einer offiziellen Exkommunikation gleichkam. Unabhängig davon entwickelten sich die "sozialistischen Brigaden" aber zugleich zu dem Ort der arbeitsplatzbezogenen Geselligkeit schlechthin, an dem Arbeiter ihre Distanz zur "offiziellen" Politik lebten. Ein besorgter Betriebszeitungsredakteur im Stahl- und Walzwerk Brandenburg hat deren "Auswüchse" bereits 1959 an den Pranger zu stellen versucht, indem er das "Festblatt", das sich die Brigade "Glück auf" für ihre Brigadefeier geschrieben hatte, folgendermaßen zitierte und kommentierte:

"Legt heute Last und Sorgen nieder, gestattet ist heut freie Liebe. Singt mit uns die schmutzigen Lieder, freier Lauf für alle Triebe.

Jeder kann den Durst heut stillen, und die Intelligenz soll saufen. Wer grad Lust hat, kann auch brüllen, aus den Ohren muss es laufen.

Diese Zeilen schrieb nicht irgendein Verein, es war eine sozialistische Brigade, sie wollt auf ihre Art mal fröhlich sein, schade, schade, schade."

Es folgen noch drei weitere Strophen, in denen die Brigademitglieder ihren hedonistischen Fantasien freien Lauf lassen, eingerahmt vom missbilligenden Refrain (". . . schade, schade, schade"). Daran schließt sich eine dreistrophige Belehrung an, in der es unter anderem heißt:

"Wo bleiben all die edlen Ziele, von denen die Verpflichtung spricht? Aus einem Festsaal wird 'ne Nahkampfdiele, nein, Brigade, nein, so geht das nicht.

Ihr müsst das Alte überwinden, ihr müsst dem Neuen Beifall zollen, ihr werdet neue Wege finden, aber nur, wenn alle wollen." [6]

Das sich um die Brigaden kristallisierende Gegenmilieu, so zeigt dieses Beispiel, knüpfte zugleich an alte Spannungen zwischen organisierter Arbeiterbewegung und den Lebensweisen unorganisierter bzw. dem Bewegungsmilieu fern stehenden Arbeitern an. Der von Manfred Krug dargestellte Brigadier Balla im 1966 uraufgeführten und dann bis zur Wende 1989 verbotenen DEFA-Film "Spur der Steine" [7] verkörperte in besonders sinnfälliger (und sinnlicher) Weise die kaum zu überbrückende Distanz zwischen der SED und "ihrer" Arbeiterbasis. Sie wurzelte in der Arbeiterbewegung selbst und fand hier ausgerechnet in den institutionellen Rahmenbedingungen des SED-Staates ihre Fortsetzung. Was zur ultimativen Steigerung von Arbeitsproduktivität und Qualifizierung ersonnen war - immerhin ging es in jenen Jahren darum, binnen sieben Jahren das Lebensniveau der Bundesrepublik Deutschland zu erreichen -, entwickelte sich zu einer Arena lohnpolitischer Beharrungsmacht und geselligen Eigen-Sinns. Beides stellte aber nie das politische System als solches in Frage.

Ein solcher Befund kann aber nur für ein bestimmtes Segment der Arbeiterschaft sprechen, für den "klassischen" männlichen Industriearbeitertypus. Forschungen über andere Arbeitergruppen zeigen Brigaden, deren Handlungspielräume ungleich enger waren. Für die Arbeiterinnen des 1968 in der ländlichen Ost-Prignitz auf die "grüne Wiese" gesetzten Obertrikotagenbetriebs Wittstock, die sämtlich aus den umliegenden Dörfern stammten und auf keinerlei Erfahrungen mit industrieller Arbeit zurückgreifen konnten, boten Brigaden kaum Möglichkeiten zur Ausbildung ökonomischer Gegenmacht. Wohl erinnern sich die von Leonore Ansorg befragten Frauen auch an die gemeinsamen "Vergnügen" und den Zusammenhalt außerhalb der Arbeitszeit. Ansonsten vermitteln die von ihr berichteten Schilderungen des Arbeitsalltags in Wittstock das Bild eines aufgrund von Materialschwierigkeiten, mangelnder Qualifikation und schlechtem Management jahrelang gegen exorbitante Planschulden kämpfenden Betriebs. Dem permanenten Druck, die Norm zu erfüllen, hatten die Arbeiterinnen, ob sie sich nun auf Geheiß von oben schichtweise zu Brigaden zusammenschlossen oder in Gewerkschaftsversammlungen trafen, nichts entgegenzusetzen; allenfalls den Gruppenegoismus der Arbeitskollektive untereinander. Eine von ihnen, die 1979 im Obertrikotagenwerk als Lehrling angefangen und dort lange Zeit als Strickerin im Akkord gearbeitet hatte, antwortet auf die Frage, ob sie und ihre Kolleginnen in irgendeiner Weise Einfluss auf die Normfestsetzungen nehmen konnten:

"Man hat halt zwar drüber gesprochen, jetzt wenn Versammlungen angesetzt waren, dass die Norm nicht zu schaffen war. Und, ich meine, man stand ja in dem Moment nicht alleine da, also der größte Teil war das gewesen, der die Norm nicht schaffte. Aber da führte kein Weg rein. Die haben ihre Norm gesetzt, so, entweder man schafft sie oder man schafft sie nicht. So war das gewesen.

Irgendwie hat da kein Weg hin geführt, in dem Sinne, dass sie jetzt gesagt hätten, na gut, sehen wir ein, oder was weiß ich, müssen wir das runter schrauben. Nein irgendwie hat da nie ein Weg reingeführt. Man hat da zwar viel drüber gesprochen und gesprochen, aber es ist nichts passiert in dem Sinne." [8]

"Da führte kein Weg rein" - die in diesen Worten verdichteten jahrelangen Frustrationen verweisen auf die negative Seite der Brigade als unterster Ebene des Herrschaftsverbandes "Volkseigener Betrieb". Arbeiterinnen in Betrieben wie dem in Wittstock verfügten nicht über die typischen Erfahrungen männlicher Facharbeiter, die wussten, wie man soziale Beziehungen am Arbeitsplatz gestalten konnte, und die genaue Vorstellungen davon hatten, was für einen Arbeiter legitimerweise als erstrebenswert und befriedigend galt, zum Beispiel "ordentliche" Qualitätsarbeit abzuliefern. Ohne dieses über Generationen hinweg aufgehäufte soziale und kulturelle Kapital hatten sie angesichts der fehlenden Autonomie gewerkschaftlicher Organisationen weitaus weniger Chancen, die von der SED oktroyierten Organisationsformen eigen-sinnig zu nutzen. Diese fungierten in erster Linie als Instrumente zum lückenlosen Durchstellen von Arbeitsanforderungen, auch als Rahmen einer arbeitsplatzbezogenen Geselligkeit - von "Kristallisationskernen eines proletarischen Gegenmilieus" kann jedoch in solchen Fällen keine Rede sein.

Diese beiden Beispiele repräsentieren nur zwei Extreme, um die potenzielle Vielgestaltigkeit des Phänomens "Brigade" anzudeuten. Leider können wir bislang keine erschöpfende Typologie dieser den Alltag fast aller in der DDR Erwerbstätigen in der einen oder anderen Weise berührenden Organisationsform erstellen. Es fehlen beispielsweise noch immer Kenntnisse über den tertiären Sektor (Arbeitsplätze in den aufgeblähten Verwaltungen, im Bildungssektor, im Handel, ja selbst in den Sicherheitsapparaten . . .), in denen ebenfalls "Kollektive" nach dem Muster der Industriebrigaden um Plan(über)erfüllung und Titel wetteiferten. Dennoch sind die Brigaden in einem Punkt für die Art und Weise, wie alltägliche Herrschaftspraxis in der DDR-Gesellschaft organisiert war, typisch: Die Konfrontation und Interaktion mit den Ansprüchen der parteiamtlichen und staatlichen Autoritäten spielten sich immer in den kleinen Einheiten der vor allem durch den Betrieb oder den Wohnort vorgegebenen Grenzen ab. Eine über diese lebensweltlichen Erfahrungsräume der Individuen hinausreichende Praxis des Aushandelns war per definitionem nicht möglich. Dazu hätte es mit einem Minimum an Autonomie und Pluralität ausgestatteter Öffentlichkeiten etwa auf der Ebene eines Großbetriebs, Kombinats oder Industriezweigs bzw. auf der Ebene eines Kreises oder eines Bezirks bedurft - der von Ulbricht so energisch bekämpften "jugoslawischen Verhältnisse" gewissermaßen. Aber schon auf dieser untersten Ebene überindividueller Vergesellschaftung schloss das Machtmonopol des SED-Staats die eigenständige Artikulation und Repräsentation kollektiver Bedürfnisse weitgehend aus, ganz zu schweigen von den nächsthöheren Stufen des Herrschaftsaufbaus.

II. Die Diktatur der Grenze(n)

Immer wieder begegnen wir bei unseren Streifzügen durch den DDR-Alltag diesen ehernen, die Lebenswelt in vielfacher Weise gliedernden und zerklüftenden Grenzziehungen, die den Nahbereich alltäglicher Beziehungen, in dem der "normale Sterbliche" eine gewisse Chance hatte mitzureden, von den gut abgeschirmten Bereichen des SED-Herrschaftsmonopols trennten. Die Durchgängigkeit dieser Strukturierung des sozialen Raumes in der DDR lässt es mir sinnvoll erscheinen, sie als eine "Diktatur der Grenzen" zu charakterisieren. Sie bezog ihre Wirksamkeit zunächst aus der Existenz der einen, uns allen sofort in den Sinn kommenden Grenze, der zum Westen. Bereits vor dem Mauerbau diente die permanente Abgrenzung vom "anderen" Deutschland als Hauptinstrument der politischen Stigmatisierung abweichenden und oppositionellen Verhaltens. Bekanntlich bekämpfte die SED unnachsichtig all diejenigen, deren Loyalität ihr zweifelhaft schien, als Agenten des westdeutschen Feindes. Als physische und mit Waffengewalt gegen "Durchbrüche" (von innen her) geschützte Absperrung prägte die Grenze nach 1961 das tägliche Leben fast aller DDR-Bürger in mehrfacher Weise: nicht nur durch die unterbundene Reisefreiheit, sondern zugleich als die äußerste Anstrengung der Partei, das gesellschaftliche Leben zu regulieren, seine Bewegungen zu kontrollieren und erforderlichenfalls stillzulegen, und dies bis in die Sphären der individuellen Lebensführung hinein. Jeder sollte an seinem Platz, dort, wo ihn die allwissende Partei hingestellt hatte, seinen Beitrag zum Aufbau des Sozialismus leisten - aber auch nur dort. Eigenmächtiges Handeln konnte immer als unbotmäßiger Eingriff in den der SED vorbehaltenen Machtbereich interpretiert werden: Jenseits von Brigade und Arbeitskollektiv, jenseits des Dorfs oder des Wohngebiets, jenseits der Schulklasse oder der örtlichen Kulturbundsparte usw. gab es so gut wie keine Institutionen, die sich für Aushandlungen materieller Interessen wie für die Artikulation sozialer und kultureller Bedürfnisse geeignet hätten. Das war nur in den Grenzen dieser Basisstrukturen zulässig und getreu der Parole "Arbeite mit, plane mit, regiere mit" auch gewünscht.

Dabei blieben die DDR-Bürger keineswegs in politikferner Idylle sich selbst überlassen. Der Begriff der "Nische" ist in dieser Hinsicht eher missverständlich. Natürlich trachtete die SED danach, auch in diesen untersten, dem Horizont der Lebenswelten angepassten Einheiten ihrer Herrschaft durch eigene Vertreter präsent zu sein. Nichts ging ihr über die alltägliche "enge Verbindung" mit den Werktätigen, und wenn diese auch nur durch ein Heer von "inoffiziellen Mitarbeitern" zu gewährleisten war. Über dieser mittlerweile recht gründlich untersuchten Form der Basisarbeit für das Regime [9] gilt es aber die Bedeutung der zahlreicheren "offiziellen" Mitarbeiter von Partei, Staat und Massenorganisationen nicht aus den Augen zu verlieren. Die Qualität einer Brigade bemaß sich unter anderem am Anteil der Parteimitglieder. Überall sollte die führende Rolle der Partei sichtbar sein, auch wenn die Genossen dabei oft eine schlechte Figur machten. Im staatssozialistischen Alltag fungierten solche Menschen häufig als "Grenzwächter", die für die weniger auf das Regime verpflichteten Bürger Drohung und Assistenz in einem bedeuten konnten. Im günstigsten Fall gelang es ihrem "Kollektiv", sie soweit auf seine Interessen zu verpflichten, dass sie unerwartete und chaotisierende Eingriffe "von oben" abfederten, und sei es nur, um die für die Planerfüllung und den Verdienst erforderliche Kontinuität und Ruhe am Arbeitsplatz zu gewährleisten. Im schlimmsten Falle fungierten sie als Aufpasser vor Ort, die das Kollektiv möglichst zu isolieren trachtete. Irgendwo in der Mitte zwischen den Extrempolen ist das Verhalten der Mehrheit dieser zahllosen beruflichen wie ehrenamtlichen Basisfunktionäre der SED-Herrschaft zu verorten, jener Hunderttausende von Parteisekretären, gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, Hausobleuten, Gemeinde-Bürgermeistern und Rat-der-Stadt-Abgeordneten usw. [10] .

III. Die DDR als Volkserlebnis

Ein typischer Repräsentant der "Profis" unter diesen Basisfunktionären der SED-Diktatur war der Abschnittsbevollmächtigte der Deutschen Volkspolizei - der ABV -, jener für alle großen und kleinen Belange seines ein, zwei Häuserblocks oder drei, vier Dörfer umfassenden "Abschnitts" zuständige Polizeiangehörige im unteren Offiziersrang, dem der Schauspieler Detlef Buck unlängst in der Filmkomödie "Sonnenallee" ein kleines Denkmal gesetzt hat [11] . Hören wir uns an, wie Herr Rogge, ein von mir nach seinen Berufs- und Lebenserfahrungen befragter ehemaliger "Land-ABV" seinen Arbeitsalltag seit den späten fünfziger Jahren schilderte [12] :

Am Anfang, als er von der Bezirkshauptstadt ins Dorf bei Potsdam versetzt wurde, noch vor der Kollektivierung, hätten ihn die Bauern "nicht angeguckt". Er war isoliert, es gab "Schwierigkeiten" - aber nicht nur wegen des Misstrauens gegenüber einem Vertreter der das bäuerliche Eigentum bedrohenden Staatsmacht, sondern auch aus ganz handfesten Gründen. Das Wachtmeister-Gehalt betrug gerade mal 280 Mark. Doch als hinterpommerscher Bauernsohn wusste er sich zu helfen:

". . . und hab hier dann gearbeitet, hab in der Ernte geholfen, auch meine Frau, die haben es SEHR anerkannt hier. Ja? Die hat jeschindert wie ein Ochse bei den Bauern manches mal, es war ja nicht so viel Geld, was wir jekricht haben, ich sag Ihnen das. Ich habe vier Kinder jehabt, alles kleine Kinder, die wollten essen. Die haben so manches Mal Pellkartoffeln essen müssen, ich muss das mal so sagen. Es war nich alles Gold, was glänzte. Ich habe jekämpft, auch meine Kinder, dass die satt wurden, ne."

Der soziale Platz im Dorf konnte nicht allein durch die von oben verliehene Machtfülle erstritten, er musste allein schon aus materiellen Gründen in der örtlichen Landwirtschaft erarbeitet werden. Das brachte aber zugleich Ärger mit den Vorgesetzten ein. Wie viele andere Land-ABV betrieb auch Herr Rogge Viehhaltung zur Aufbesserung des Speiseplans und Einkommens: Schweine, Ziegen, Hammel, Hühner, Enten.

"Es sollte nich SEIN. Uns wurde es verboten, extra noch aus eigener Wirtschaft irgendwie was zu ziehen. Von meiner Dienststelle war's aus verboten, aber ich hab' es trotzdem jemacht. [. . .] Mir hat ja keiner was jegeben, ich musste sehen, wie ich erstmal durchkam, mit meine vier Kinder."

Wer zeigen konnte, dass er "richtig" arbeiten kann, also mit den Händen und hart, wie es auf dem Lande erforderlich war, hatte auch als von außen Kommender eine Chance, sich im Dorf einen gewissen Respekt zu verschaffen. Im Fall unseres ABV blieb dieses Verhältnis immer ambivalent: "Na, Rogge", habe ein Bauer mal zu ihm gesagt, "du hast in einer Hand die Friedenspalme und in einer Hand den Gummiknüppel". Aber ich hab es ihm ja nich für übel jenommen, ,gut', sag ich, ,wenn du das behauptest, dann wird es wohl wahr sein'. Hab ich ihm das so jesacht. Wir ham uns aber nachher trotzdem gut verstanden. Nich, die ganze Entwicklung. Und dann bin ich nachher in die Volksvertretung dieser Gemeinde jekommen." Dort, in der Volksvertretung leistete er jahrzehntelang allerhand nützliche Dinge für die öffentliche Sicherheit des Dorfes, ob es nun um den Brandschutz, die Vorbeugung von Kleindiebstählen oder die Verkehrssicherheit der Landfahrzeuge und der Dorfstraße ging, und erwarb sich damit auch die bis heute noch anhaltende Anerkennung seiner "Kundschaft". Die Fähigkeit dazu - die bei weitem nicht allen Land-ABV gegeben war - beruhte auf seiner intimen Kenntnis der Landwirtschaft und ihrer Probleme. Zu deren gerade unter DDR-Verhältnissen oftmals schwierigen Überwindung beizutragen stellte für ihn im Rückblick die besondere Herausforderung seines Berufes dar:

"Ich konnt' kommen, wo ich wollte, fragen Sie die Leute, ich konnt' gehen und kommen, ich hab mich mit jedem unterhalten, ich musst' des nachts raus, is egal, was das war, ob Entbindungen war, ob se sich geschlagen ham, musst' ich och öfter raus, ob irgendwas war, die LPG hat angerufen, ich musste dann manchesmal, da standen die Kühe in solch hohen Dreck, ja? Dann waren se besoffen, dann ham se die Kühe nich jemolken, da ham se nich ausjemistet, wer musste hin, ich musste wieder hin, ich muss zum Vorsitzenden gehn, ich sach, ,Du pass ma uff, die Kühe sind ge- nich, die stehen in hohen Dreck, die müssen ausjemistet werden', ja, ich war für alles zuständig, das war egal, was das war. Es hat uns das keiner abjenommen, wenn du das nich jemacht hast, dann warst du das schwarze Schaf, dann musste antanzen, ,Warum hast du das nich jemacht? Das is deine Aufgabe, was ham wer dir da hinjesetzt'. Nich?, also ich musst ALLES machen. Ja? Mähdrescher nich kam, warum nich, wenn irgendwas war, die Ernte, das musste einjebracht werden, musst ich mir drum kümmern, wie is egal, mit dem Vorsitzenden absprechen, wann, und dann, ich wollt das immer wissen und so weiter, die wollten ja och denn, die Parteien und wie se alle waren, wollten immer Meldung, Meldung, Meldung, jeder Ernteeinsatz war immer eine Abgabe von Meldungen, ja? Das wollten die alles wissen, was passiert und was wird. Ja? Wann die Ernte beendet is, wann se anfängt und so weiter und so fort, ja? Das war alles so meine Aufgabe, ja? Nich."

Diese auf die ökonomische Funktion des Dorfes ausgerichtete Berufsauffassung kam sowohl den Kontrollbedürfnissen der übergeordneten Instanzen in Partei- und Staatsapparat wie dem Eigeninteresse der LPG an Planerfüllung und deren Gratifikation entgegen. Das eine ist dabei vom anderen im Nachhinein kaum zu trennen. Darüber hinaus hielt aber gerade die engagierte Ausfüllung einer solchen in einem übersichtlichen, genau umgrenzten Bereich persönlicher stabiler Beziehungen angesiedelten Kontroll- und Herrschaftsfunktion zusätzliche Möglichkeiten der Sinnstiftung bereit. Als ich ihn nach einem besonderen "Erfolgserlebnis" in seiner langen Berufslaufbahn fragen wollte, lässt mich Herr Rogge gar nicht zu Ende formulieren, sondern fällt mir - "Erfolgserlebnis" genial missverstehend - ins Wort:

"Mein Volkserlebnis is das gewesen, mit der Bevölkerung zusammenjearbeitet hab. Die war aufjeschlossen, wir haben Vergnüjen jemacht hier in Niedt, wir haben Fasching jemacht, jedes, Jahr, ja? Die alte Frau iss mit 'n Hering hinten rumjelaufen und und am Fasching . . . also das war, mein - Volkserlebnis is die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung. Ich konnte kommen, wo ich wollte, ich bin in Häuser gegangen, Familien, ich konnte hinkommen, die ham sich jeprüjelt, nachher ham, sind se wieder zusammen jewesen, also das, das war mein Volkserlebnis. Die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung. Ja? Nich bloß die Diebstähle, das war das Wenigste. Nein, die Zusammen- ich war auf der Straße, ich hab mich unterhalten, kam dahin, jing mal auf de LPG oder ich jing in de Kneipe, da haste immer was Neues jehört." [13]

Auch wenn man berücksichtigt, dass der hier vorgestellte ehemalige ABV ein besonders erfolgreicher Vertreter seines Berufsstandes war - auch auf diesem Gebiet gab es Könner und Versager -, so scheint mir die Assoziation "Volkserlebnis" dennoch ein treffendes Sinnbild für das zu sein, woran sich zahlreiche ehemalige DDR-Bürger auch noch heute gerne erinnern. Die sozialen und beruflichen Beziehungen konzentrierten sich im persönlichen Lebensbereich und waren egalitär ausgerichtet. Zumindest unten, an der Basis der Gesellschaft, war es möglich, über Funktionen und Hierarchien, aber auch Generationen und Herkunftsgrenzen hinweg miteinander zu verkehren [14] und im kleinen Maßstab eigene Interessen und Bedürfnisse zu artikulieren - solange man tunlichst Konflikte mit den nächsthöheren Machtinstanzen vermied. Dass von dort, von oben her, immer wieder empfindliche Störungen und Eingriffe ausgingen, die diese sozialen Arrangements an der Basis bedrohten, gehörte zu dem, womit jeder DDR-Bürger Tag für Tag zu rechnen hatte. Ganz gleich, ob es die Auswirkungen der Planwirtschaft und ihrer nicht abreißen wollenden Kette von Versorgungsschwierigkeiten und Qualitätsmängeln waren oder die kampagnenartig verfügten Loyalitätsbekundungen, die dem Staatsvolk regelmäßig abgenötigt wurden, oder natürlich auch der repressive Durchgriff beim leisesten Verdacht der bewusst politischen Dissidenz, vor allem wenn diese in Gestalt der "Plattformbildung" auftrat - in dieses lebensweltlich erfahrbare Netz überschaubarer Sozialbeziehungen waren von vornherein der diktatorischen Herrschaft geschuldete Spannungslinien eingebaut [15] .

Damit sei zugleich hervorgehoben, dass diese hier anhand der Lebenserzählung eines Volkspolizisten umrissene Perspektive natürlich nur eine von mehreren möglichen Erfahrungen überliefert. Jede dieser lokalen "Gesellschaften" hatte auch ihre Außenseiter und Verlierertypen: Ob sie nun aus politischen und weltanschaulichen Gründen ihre Randständigkeit bewusst in Kauf nahmen oder sich der gesetzlichen Arbeitspflicht entziehend als "Asoziale" dem repressiven Umerziehungsdruck des Staats ausgeliefert waren - ihre Geschichten würden sich bestimmt anders anhören. Ich habe der Geschichte des ABV Rogge hier aus zwei Gründen so viel Raum gegeben: Zum einen zeigt sie sehr plastisch, dass diese kleinen Herrschaftsträger selbst einen permanenten Rollenwechsel zwischen oben und unten zu vollziehen hatten. Nicht zuletzt wegen seiner häufigen Disziplinarschwierigkeiten mit Vorgesetzten (wegen "Kumpelhaftigkeit" im Umgang mit den "Bürgern", aber auch wegen aufrechterhaltener Beziehungen zur Westverwandschaft) blieb Herr Rogge bis zur Verrentung im Januar 1989 ABV und stieg trotz seiner fachlichen Eignung nicht in der Volkspolizei auf. Genau diese konfliktträchtige und nervenaufreibende Art der Einbindung in die Verästelungen der SED-Herrschaft betraf aber viele DDR-Bürger. Der DDR-Alltag war übersät mit Funktionen und Pöstchen der "gesellschaftlichen Aktivität", denen sich generell zu verweigern Nachteile nach sich zog. Sie verwandelten die von der SED Kontrollierten immer auch in Kontrolleure im SED-Auftrag. Zugleich boten die beschriebenen kleinen Gesellschafts"inseln" Möglichkeiten des eigen-sinnigen Gestaltens sozialer Beziehungen - es gab trotz allem viel Gelegenheit zu "Volkserlebnissen" in der DDR, und es sind nicht zuletzt diese "Volkserlebnisse", die heute nostalgisch erinnert werden. Sie hatten eine für die SED-Diktatur lebensverlängernde Funktion, denn sie banden soziale Energie an begrenzte Räume und standen einer auf übergreifende Dissidenz ausgerichteten Politisierung entgegen. Die Tatsache, dass dort, wo politische Dissidenz sich dennoch dauerhaft ausbilden konnte, die evangelische Kirche als einziger eigenständiger, nicht von der SED beherrschter Sozialraum fast immer mit im Spiel war, bekräftigt diese Annahme ex negativo.

Die in diesem alltäglichen Nahkampf mit dem Regime gemachten Erfahrungen der DDR-Bürger lassen sich ausschließlich mit dem Begriff "Diktatur" nicht hinreichend beschreiben, so unverzichtbar diese Kategorie für das Verständnis der DDR als politisches System ist. Nicht weniger irreführend wäre es aber, sich den sozialen Alltag als vom diktatorischen Charakter des Regimes völlig losgelösten Zusammenhang, gewissermaßen als seine nichtdiktatorische Gegenwelt vorzustellen. Im Gegenteil: Je länger die internationale Mächtekonstellation den SED-Staat am Leben erhielt, desto mehr war er im Innern auf so etwas wie "Normalität" und Berechenbarkeit der Lebensverhältnisse angewiesen. Der gewaltsam-aktivistische Herrschaftsstil, mit dem die SED in den späten vierziger und fünfziger Jahren einschneidende Transformationen durchsetzte, aber auch der etwas "systematischere", darum nicht weniger utopische Reformeifer, der in den sechziger Jahren das wirtschaftliche "Einholen" der Bundesrepublik herbeizwingen sollte - diese Art zu regieren wich spätestens mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker jenem realsozialistischen Stillhalteabkommen, das den DDR-Bürgern die hier beschriebenen begrenzten Räume und Chancen der Einflussnahme auf eigene Angelegenheiten ließ, solange sie das politische Machtmonopol der SED nicht grundsätzlich in Frage stellten. Will man verstehen, wie diese Diktatur als ein Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse (Marx) funktionierte, so muss man den Blick auf diese unterste Ebene der Machthierarchie richten, denn dort - und nicht in den Fluren und Korridoren der "hauptamtlichen" Machtverwaltung - handelten die Partei und "ihre Menschen" Tag für Tag Ansprüche und Interessen aus, tauschten sie Gratifikationen gegen Loyalität, erneuerten sie jene zahlreichen kleinen Arrangements, die Berechenbarkeit und Überschaubarkeit des Status quo versprachen.

Unter diesen Bedingungen den staatssozialistischen Alltag eigen-sinnig gemeistert zu haben wird für viele Ostdeutsche eine Gewissheit bleiben, die sie um so beharrlicher verklären, je ausschließlicher die "herrschende" Meinung "die" DDR auf den Tatbestand der "Diktatur" reduziert. Das ändert nichts daran, dass die in diesen Erfahrungen aufgehobenen Handlungsweisen und Einstellungen im Rückblick kritisch zu bewerten sind. Welche Rolle "Gleichgültigkeit", "Opportunismus", "Verrat" auf der einen, "Solidarität", "Widerstand", "Opposition" auf der anderen Seite spielten - das muss weiterhin kontrovers diskutiert werden. Es geht mir hier keineswegs darum, Zonen einer moralisch unangreifbaren DDR-Identität zu propagieren. Die Schattenseiten dieser auf "Gesellschaftsinseln" fokussierten Lebensweise, zum Beispiel die Abwehr von Fremden und Nonkonformen, wirken noch heute in Ostdeutschland nach und dürfen auf gar keinen Fall bagatellisiert werden [16] . Dennoch sollten wir diese Erfahrungen in all ihrer Heterogenität und Vielschichtigkeit respektieren und sie nicht umstandslos mit der DDR als politischer Zwangsveranstaltung in eins setzen. Das ist notwendig, um über ihre Bewertung fair und mit offenem Ausgang zu streiten. Es erfordert zugleich die Bereitschaft zur (selbst)-kritischen Distanz, die sich weder mit der Verklärung des DDR-Alltags noch mit seiner voreiligen Entwertung verträgt. Erst dann werden die eigen-sinnigen Erfahrungen der Ostdeutschen mit "ihrer" Diktatur als legitimer Erinnerungsort Bestandteil der politischen Kultur des vereinten Deutschland.
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Fußnoten

1.
Auf die Frage, ob sie obendrein eine "totalitäre Diktatur" war, will ich an dieser Stelle aus Platzgründen nicht eingehen. Für in meinen Augen stichhaltige Einwände gegen die bloße Übertragung der klassischen Totalitarismustheorie auf den "Fall" DDR aus sozialhistorischer Sicht vgl. Ralph Jessen, DDR-Geschichte und Totalitarismustheorie, in: Berliner Debatte INITIAL, (1995) 4-5, S. 17-24. Eine auch aus meiner Sicht wünschenswerte und denkbare Dynamisierung des Konzepts totalitärer Herrschaft in sozialhistorischer Perspektive ist das Ziel eines im DFG-Sonderforschungsbereich 537 an der TU Dresden von Mitarbeitern des Hannah-Ahrendt-Instituts für Totalitarismusforschung (Klaus-Dietmar Henke, Christoph Boyer, Peter Skyba) durchgeführten Projekts "Sozial- und Gratifikationspolitik: weiche Stabilisatoren totalitärer Herrschaft in der späten DDR".
2.
Vgl. Alf Lüdtke, Herrschaft als soziale Praxis, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft als soziale Praxis, Historische und sozial-anthropologische Studien, Göttingen 1991, S. 9-63; ders., Eigen-Sinn, in: Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.), Alltagkultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte, Münster 1994, S. 139-153; Thomas Lindenberger, Die Diktatur der Grenzen. Zur Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln 1999, S. 13-44, hier S. 21-26.
3.
Zur mehrheitlich aus ostdeutschen Historikern und Historikerinnen zusammengesetzten Projektgruppe gehör(t)en Leonore Ansorg, Burghard Ciesla, Renate Hürtgen, Sylvia Klötzer, Dagmar Langenhan, Thomas Lindenberger, Patrice G. Poutrus und Thomas Reichel; erste Ergebnisse u. a. in Th. Lindenberger (Hrsg.) (Anm. 2), separate Monographien der Projektmitarbeiter werden 2001 erscheinen. Auf einen Vergleich mit Ergebnissen der mittlerweile recht zahlreichen Fallstudien zur Sozialgeschichte der DDR muss ich an dieser Stelle aus Platzgründen verzichten, vgl. dazu zuletzt insbesondere zwei umfangreiche Aufsatzsammlungen: Peter Hübner/Klaus Tenfelde (Hrsg.), Arbeiter in der SBZ - DDR, Essen 1999, sowie die "Beiträge zum Rahmenthema ,Sozialgeschichte der DDR'", in: Archiv für Sozialgeschichte, XXXIX (1999), S. 1-443, ferner meinen Literaturbericht "Current Research on the Social History of the GDR", in: German History, 19 (2001) (i. E.).
4.
Vgl. grundlegend Peter Hübner, Konsens, Konflikt und Kompromiss. Soziale Arbeiterinteressen und Sozialpolitik in der SBZ/DDR, Berlin 1995, sowie Jörg Roesler, Probleme des Brigadealltags. Arbeitsverhältnisse und Arbeitsklima in volkseigenen Betrieben 1950-1989, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 38/97, S. 3-17.
5.
Vgl. Peter Alheit u. a., Gebrochene Modernisierung: der langsame Wandel proletarischer Milieus. Eine empirische Vergleichsstudie ost- und westdeutscher Arbeitermilieus in den 1950er Jahren, Bremen 1998, hier S. 1010 f.
6.
Zit. nach Thomas Reichel, "Jugoslawische Verhältnisse"? - Die "Brigaden der sozialistischen Arbeit" und die "Syndikalismus"-Affäre (1959-1962), in: Th. Lindenberger (Hrsg.) (Anm. 2), S. 45-73, hier S. 70.
7.
Spur der Steine, DDR 1966, Regie: Frank Beyer, Buch: Karl Georg Egel/Frank Beyer nach einem Roman von Erik Neutsch, Verleih: Kinowelt/Progress, Icestorm (Video); vgl. Peter Alheits Interpretation der Romanvorlage als Beleg für seine These vom "Gegenmilieu", in: P. Alheit u. a. (Anm. 5), S. 1012 bis 1019.
8.
Zit. nach Leonore Ansorg, "Irgendwie war da eben kein System 'drin". Strukturwandel und Frauenerwerbstätigkeit in der Ost-Prignitz (1968-1989), in: Th. Lindenberger (Hrsg.) (Anm. 2), S. 75-117, hier. S. 101.
9.
Vgl. Helmut Müller-Enbergs (Hrsg.), Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, T. 1: Richtlinien und Durchführungsbestimmungen, Berlin 1996²; T. 2: Anleitungen für die Arbeit mit Agenten, Kundschaftern und Spionen in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1998.
10.
Jedes Staats"organ" und jede Massenorganisation in der DDR hatte seine bzw. ihre Fußtruppe "ehrenamtlicher" Helfer, deren tatsächliche Tätigkeit und Bedeutung bisher nur für einzelne Bereiche erforscht sind; vgl. z. B. Renate Hürtgen, Der Gewerkschaftsvertrauensmann des FDGB in den 70er und 80er Jahren: Funktionsloser Funktionär der Gewerkschaften?, in: dies./Thomas Reichel (Hrsg.), Der Schein der Stabilität - DDR-Betriebsalltag in der Ära Honecker, Berlin 2000 (i. E.); Thomas Lindenberger, Vaters kleine Helfer. Die Volkspolizei und ihre enge Verbindung zur Bevölkerung, 1952-1965, in: Gerhard Fürmetz u. a. (Hrsg.), Reform und Alltag der Polizei in West- und Ostdeutschland 1945-1969, Hamburg 2000 (i. E.).
11.
Sonnenallee, D 1999, Produktion: Boje Buck, Regie: Leander Haußmann, Buch: Thomas Brussig, Leander Haußmann, Verleih: Delphi. Vgl. Thomas Lindenberger, "Sonnenallee" - ein Farbfilm über die Diktatur der Grenze(n), in: WerkstattGeschichte, 9 (2000) 26, S. 97-106.
12.
Namen und Ortsangaben sind anonymisiert worden.
13.
Zit. nach Thomas Lindenberger, Der ABV als Landwirt. Zur Mitwirkung der Deutschen Volkspolizei bei der Kollektivierung der Landwirtschaft, in: ders. (Hrsg.) (Anm. 2), S. 167-203, hier S. 193-198.
14.
Vgl. dazu v. a. Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999, der in Anlehnung an Norbert Elias vorschlägt, aufgrund dieser egalitären Ausrichtung von Sozialbeziehungen die DDR als eine "arbeiterliche" (im Gegensatz zur "bürgerlichen") Gesellschaft zu bezeichnen. Aber auch hier stellt sich, ähnlich wie bei anderen summarischen Attributen, die Frage nach dem Verhältnis von Design ("Arbeiterlichkeit" als sozial- und kulturpolitisch gewünschte Norm) und der widersprüchlichen und vielgestaltigen Praxis.
15.
Vgl. Detlef Pollack, Die konstitutive Widersprüchlichkeit der DDR. Oder: War die DDR-Gesellschaft homogen?, in: Geschichte und Gesellschaft, 24 (1998) 1, S. 110-131.
16.
Vgl. die am Zentrum für Zeithistorische Forschung erarbeitete Studie S. Jan Behrends/Dennis Kuck/Patrice G. Poutrus, Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den Neuen Bundesländern, Thesenpapier für das Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit des Landes Brandenburg, Potsdam 2000, http://www.zzf-pdm.de/papers/thesp.html; siehe auch den Beitrag der Autoren in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 39/2000, S. 15-21.