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26.5.2002 | Von:
Detlef Pollack

Wirtschaftlicher, sozialer und mentaler Wandel in Ostdeutschland

Eine Bilanz nach zehn Jahren

In Ostdeutschland ist im vergangenen Jahrzehnt die wirtschaftliche Entwicklung weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Allerdings haben sich die individuellen materiellen Lebensbedingungen der Ostdeutschen deutlich verbessert.

Einleitung

Wer zehn Jahre nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit eine Bilanz der wirtschaftlichen, sozialen und mentalen Wandlungsprozesse in Ostdeutschland ziehen will, wird sich um Ausgewogenheit bemühen. Er wird die Erfolge bei der Übertragung des westdeutschen Verwaltungs-, Rechts- und Politiksystems auf Ostdeutschland, bei der wirtschaftlichen Restrukturierung Ostdeutschlands sowie bei der Angleichung der materiellen Lebensverhältnisse zwischen Ost und West würdigen und zugleich darauf hinweisen, dass noch vieles zu tun bleibt. Möglicherweise wird er den Akzent seines Resümees auch stärker auf die negativen Aspekte des deutsch-deutschen Vereinigungsprozesses legen: auf das niedrige wirtschaftliche Wachstum im Osten Deutschlands, auf die geringe Akzeptanz von Marktwirtschaft und Demokratie in der Bevölkerung der ehemaligen DDR oder auf das Gefühl der Ostdeutschen, im wieder vereinigten Deutschland nicht gleichberechtigt zu sein. Aber auch in diesem Falle wird er nicht umhin können, die andere Seite der Medaille zu sehen: die enorme Erhöhung des Lebensstandards der ostdeutschen Bevölkerung, die Milliardentransfers von West nach Ost, die Verbesserung der staatlichen Sozialleistungen und nicht zuletzt auch die steigende Lebenszufriedenheit der Ostdeutschen.


Und dennoch. Irgend etwas an dieser ausgewogenen Bilanz stimmt nicht. Man kann die Erfolge des deutsch-deutschen Wiedervereinigungsprozesses mit Zahlen belegen, aber Euphorie oder Gefühle des Stolzes wollen sich nicht einstellen. Dabei waren es doch genau solche Gefühle der Begeisterung, mit denen die Ostdeutschen in die deutsche Einheit hineingegangen sind. Erinnern wir uns: Im Herbst 1989 gingen die Menschen in Leipzig, Dresden, Berlin und anderswo auf die Straße, um für mehr Demokratie und Freiheit zu demonstrieren. Nach dem Fall der Berliner Mauer jubelten sie und riefen "Wir sind ein Volk!". Im März 1990 wählten sie diejenige Partei, die ihnen den schnellsten Weg zur deutschen Einheit versprach. Zu dieser Zeit waren soziale Marktwirtschaft und liberale Demokratie in der ostdeutschen Bevölkerung hoch akzeptiert [1] . Die Menschen wussten, dass die Marktwirtschaft an den Einzelnen höhere Leistungsanforderungen stellen und dass die Differenzierung zwischen Leistungsstarken und Leistungsschwächeren schärfer sein würde [2] , aber sie waren der Meinung, den Herausforderungen der neuen Zeit gewachsen zu sein [3] . Heute, zehn Jahre danach, ist vom Schwung der Anfangszeit wenig geblieben. Gemessen an den Ausgangserwartungen könnte man geneigt sein, ein Katastrophenszenario zu entwickeln. Anstatt zu den versprochenen blühenden Landschaften hat die Verwandlung der Plan- in eine Marktwirtschaft zu einer umfassenden De-Industrialisierung Ostdeutschlands und zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt, zu einem wirtschaftlichen Einbruch, der Transferleistungen in Milliardenhöhe erforderlich machte. Und auch die Übertragung der parlamentarischen Demokratie, des westdeutschen Rechtssystems und Verwaltungsapparates hat andere als die intendierten Folgen mit sich gebracht. Mit der Demokratie der Bundesrepublik sind die Ostdeutschen nicht etwa hoch zufrieden, vielmehr stehen sie ihr überwiegend kritisch gegenüber [4] . Viele fühlen sich vom Rechtsstaat nicht beschützt und nicht gerecht behandelt [5] . Politikverdrossenheit und politische Apathie greifen um sich [6] .

Natürlich ist ein solches sich aus dem Kontrast speisendes Negativbild alles andere als gerecht. Die Lage ist viel besser als die Stimmung. Eine ausgewogene Bilanz der deutsch-deutschen Wiedervereinigung verlangt mehr Sachlichkeit und Nüchternheit, als in den Befindlichkeiten der Ostdeutschen zum Ausdruck kommt. Und so soll denn in diesem Aufsatz auch die These vertreten werden, dass es den Menschen in den neuen Bundesländern heute nicht nur wesentlich besser geht als vor zehn Jahren, sondern dass sie auch wesentlich zufriedener sind als damals, dass die Ostdeutschen zwar an der praktizierten Demokratie Kritik üben, aber insgesamt demokratisch eingestellt sind, dass sie zwar über einen Mangel an Gleichberechtigung zwischen Ost und West klagen, sich aber als Ostdeutsche mehrheitlich durchaus anerkannt fühlen. Mit einem Satz: Die Ostdeutschen sind in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit angekommen, sie akzeptieren sie und wollen keine andere Republik.

Zugleich wird man die gedrückte Stimmungslage im Osten Deutschlands ernst nehmen müssen. Auch wenn man die Ostdeutschen auffordert, ihre Wehleidigkeit endlich aufzugeben und dankbar auf das in den letzten zehn Jahren Geleistete zurückzublicken, hat man damit ihre Befindlichkeit noch nicht geändert. Vielleicht hat die schlechte Stimmungslage im Osten Deutschlands ja auch einen rationalen Kern, den es herauszufinden gilt. Eine differenzierte Beurteilung des gegenwärtigen Standes der deutsch-deutschen Vereinigung jedenfalls sollte sich um eine Analyse der Erfolge und der Misserfolge dieses Prozesses bemühen, und zu den nicht vorhergesehenen Misserfolgen gehört zweifellos auch die sich hartnäckig haltende Verdrossenheit vieler Ostdeutscher im vereinten Deutschland.

Für eine solche differenzierte Analyse des gegenwärtigen Standes der deutsch-deutschen Wiedervereinigung dürfte es sinnvoll sein, zwischen unterschiedlichen Bereichen des sozialen Wandels zu unterscheiden. Im Rahmen dieses Beitrages sei auf den Wandel der allgemeinen ökonomischen Lage, den der individuellen materiellen Lebensbedingungen sowie auf die mentalen Aspekte des Wiedervereinigungsprozesses eingegangen.

Fußnoten

1.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1993-1997, München 1997, S. 657, 670.
2.
Vgl. dies., Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1984-1992, München 1993, S. 582.
3.
Auf die Frage, ob man sich zutraue, im Westen Fuß zu fassen, antworteten 1990 58 Prozent der Ostdeutschen bzw. zwei Drittel der ostdeutschen Männer mit Ja. Vgl. SPIEGEL SPEZIAL, (1991) 1, S. 15.
4.
Vgl. Dieter Fuchs, Welche Demokratie wollen die Deutschen? Einstellungen zur Demokratie im vereinigten Deutschland, in: Oscar W. Gabriel (Hrsg.), Politische Orientierungen und Verhaltensweisen im vereinigten Deutschland, Opladen 1997, S. 81-113, hier S. 109 f.
5.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann, Kein Schutz, keine Gleichheit, keine Gerechtigkeit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. März 1995, S. 5.
6.
Vgl. Gert Pickel/Dieter Walz, Politikverdrossenheit in Ost- und Westdeutschland: Dimensionen und Ausprägungen, in: Politische Vierteljahresschrift, (1997) 38, S. 27-49.