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26.5.2002 | Von:
Martin Diewald
Anne Goedicke
Heike Solga

Arbeitsmarkt-Kompetenzen in Ostdeutschland - nicht vorhanden oder nicht gefragt?

Die schwierige Arbeitsmarkt- und Wirtschaftssituation in Ostdeutschland wird häufig darauf zurückgeführt, dass die Erwerbstätigen in der DDR nicht die Qualifikationen für die Marktwirtschaft hätten. Dieser Beitrag widerlegt das Vorurteil.

I. Einleitende Bemerkungen

Die DDR ist 1989 nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich gescheitert. Als eine Ursache ihres gebremsten Wirtschaftswachstums und ihrer Innovationsschwächen gelten planwirtschaftliche und politische Blockaden der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft ihrer Bürger, darunter die zu geringen, da nicht stimulierenden Lohnunterschiede, Organisationsprobleme und Ressourcenmängel im betrieblichen Alltag sowie die Politisierung von Berufslaufbahnen. Da die Aktivierung wirtschaftlicher Initiative als einer der entscheidenden Wettbewerbsvorteile von Marktwirtschaften gegenüber Planwirtschaften gilt, erhoffte man sich durch die rasche Wiedereinführung marktwirtschaftlicher Rahmenbedingungen, Selbstheilungskräfte in Gang zu setzen. Im Interesse der notwendigen gesellschaftlichen Erneuerung sollten schlummernde Leistungspotentiale der ostdeutschen Erwerbstätigen geweckt werden. Diese Hoffnungen sind nicht Realität geworden. So kann man sich zehn Jahre nach der deutschen Vereinigung fragen, ob es diese Leistungspotentiale der Ostdeutschen nicht gegeben hat oder ob sie sich nur nicht entfalten konnten.


Die Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsdaten der neuen Bundesländer sind alles andere als rosig. Die Zahl der regulär Erwerbstätigen ging von etwa 9,7 Millionen im Jahr 1990 auf 7 Millionen im Jahr 1996 zurück. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt seit Jahren um 15 Prozent. Das reale Arbeitsplatzdefizit ist weit größer, da beschäftigungspolitische Maßnahmen und Frühverrentungen eine Verringerung der Arbeitsplatznachfrage zur Folge haben. Obwohl Ostdeutschland mit bis zu 200 Milliarden DM Transferzahlungen pro Jahr [1] als eines der teuersten Wirtschaftsförderprojekte der Geschichte gelten kann, ist in den neuen Bundesländern noch kein selbsttragender Aufschwung erreicht.


Wogen also die Altlasten des DDR-Systems so schwer, dass die Ostdeutschen nicht in der Lage waren, ihr Geschick in die eigenen Hände zu nehmen? Waren sie zu inaktiv, die neuen Gelegenheiten zu nutzen? Oder blieben ihre Mobilitätskompetenzen durch die Begleitumstände des gesellschaftlichen Wandels in den neuen Bundesländern ungenutzt? Zur Beantwortung dieser Frage lassen sich, in Anlehnung an Detlef Pollacks Unterscheidung von Forschungspositionen zur ostdeutschen "Sondermentalität" [2] , zwei Erklärungsrichtungen unterscheiden:

Eine in Wissenschaft und Politik häufig vertretene Ansicht ist, dass die Ostdeutschen als "gelernte DDR-Bürger" nicht die Fähigkeiten und die notwendige Eigeninitiative für ein ostdeutsches Wirtschaftswunder mitbrachten, dass sie aufgrund ihrer Sozialisation für die Anforderungen moderner Marktwirtschaften schlecht gerüstet waren. "Die DDR als staatlich regulierte Gesellschaft garantierte einerseits sichere und stabile Erwerbsverläufe und versuchte andererseits, das Ausscheren aus vorgezeichneten Bahnen eher zu unterbinden. Daraus ergeben sich enorme Probleme bei der Umstellung auf marktwirtschaftliche Mechanismen, da diese ein selbstverantwortliches Management der eigenen Berufsbiographie erfordern." [3] Auf der anderen Seite hat sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder Kritik am Modus der ostdeutschen Transformation entzündet. Die rasche Übertragung westdeutscher Institutionen auf die DDR als "ready made state" [4] kann als Prototyp einer Transformationsstrategie gelten, die durch rasche Anpassung die Wanderung durch das "Tal der Tränen" begrenzen und ineffiziente Mischformen alter und neuer Institutionen [5] vermeiden sollte. Doch die Passfähigkeit dieser Institutionen war natürlich keinesfalls garantiert, denn etliche institutionelle Lösungen mussten als Reformvorlagen für die neuen Bundesländer herhalten, obwohl sie bereits in der alten Bundesrepublik in die Kritik geraten oder für die Transformationssituation nur bedingt geeignet waren. Möglicherweise hat die Situation eines raschen und exogen gesteuerten gesellschaftlichen Wandels den Ostdeutschen nach 1989 entgegen den ursprünglichen Erwartungen wenig Raum für die Entfaltung von Eigeninitiative gelassen und Leistungsbereitschaft zu wenig belohnt.


Ob das "DDR-Erbe" oder der rasche Institutionentransfer den Engpass für die Funktionsweise der neuen Gesellschaft in Ostdeutschland bildete, gehört zu den Schlüsselfragen der Transformation. Doch trotz einer Fülle von Literatur über den gesellschaftlichen Wandel in Ostdeutschland überwiegen in dieser Frage ideologisch vorgeprägte, polarisierende Diskussionslinien. Unser Beitrag nimmt diese Diskussion für einen Teilbereich auf. Wir untersuchen empirisch die Mobilität von Personen auf dem Arbeitsmarkt der Nachwendezeit und die Bestimmungsfaktoren dieser Mobilität. Dabei beschränken wir uns auf Personen, die bereits vor 1989 erwerbstätig waren, denn gerade auf diese bezieht sich der Vorwurf mentaler und qualifikatorischer "Altlasten" aus der DDR. Die bereits in der DDR Erwerbstätigen mussten zudem in besonderem Maße Träger des sozialen Wandels in Ostdeutschland sein, denn der gesellschaftliche Umbruch verlief zu rasch, als dass er sich vor allem auf die beruflichen Neueinsteiger hätte stützen können. Diskutiert wird in unserem Beitrag weniger das Niveau der Qualifikationen und Kompetenzen ostdeutscher Erwerbspersonen. Eine solche Bewertung ist schwierig und sollte zumindest im Ost-West-Vergleich erfolgen. Unser Ansatz ist deshalb, insbesondere die Wirksamkeit von individuellen Qualifikationen und Kompetenzen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt nach 1989 zu untersuchen. Die Biographie- und die Lebensverlaufsforschung haben seit langem gezeigt, dass Verhaltensroutinen und biographische Muster durch historische Ereignisse nicht einfach aufgehoben werden. Sie können sich unter gesellschaftlichen Bedingungen sogar verfestigen. Wenn also qualifikatorische Schwächen und mangelnde Flexibilität der ehemaligen DDR-Bürger den Engpass im Restrukturierungsprozess der ostdeutschen Wirtschaft darstellten, sollte es Erwerbstätigen mit Eigeninitiative, hoher Berufsorientierung und guter Qualifikation zu DDR-Zeiten auch nach 1989 besser als anderen gelungen sein, neue Berufsfelder zu erschließen sowie frei gewordene und neu geschaffene attraktive Berufspositionen zu füllen. Lässt sich nicht feststellen, dass die Personen, die sich bis 1989 durch hohe Flexibilität und Berufsorientierung auszeichneten, nach der Wende beruflichen Erfolg haben und seltener als andere arbeitslos wurden, spräche dies für eine mangelhafte Nutzung vorhandenen Arbeitsvermögens in der ostdeutschen Transformationssituation.

Unser Beitrag beruht auf Auswertungen der Ostdeutschen Lebensverlaufsstudie am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung [6] . Wir nutzen Lebensverlaufsinformationen von etwa 950 ehemaligen DDR-Bürgern, die um 1940, 1950 und 1960 geboren wurden und 1989 demzufolge etwa 29, 39 bzw. 49 Jahre alt waren. Diese Personen waren schon vor dem Mauerfall erwerbstätig und werden hier für den Zeitraum von Dezember 1989 bis März 1996 betrachtet. Die Ostdeutsche Lebensverlaufsstudie bietet die einmalige Möglichkeit, Informationen über Bildungslaufbahnen und berufliche Aktivitäten in der DDR mit Nachwendebiographien zu verbinden. Wir gehen in drei Schritten vor: Zunächst behandeln wir die beruflichen Kompetenzen und Mobilitätserfahrungen, die DDR-Bürger 1989 "mitbrachten". Anschließend fragen wir nach dem Ausmaß von Arbeitsplatz-, Betriebs- und Berufswechseln sowie nach Arbeitslosigkeitserfahrungen bei ostdeutschen Erwerbspersonen während der Transformation. Drittens wird untersucht, inwiefern berufliche Erfolge und Misserfolge nach 1989 von Mobilitätserfahrungen, beruflicher Eigeninitiative und beruflichen Netzwerken aus DDR-Zeiten abhingen. Ein Abgleich dieser Einflüsse mit der Bedeutung anderer Arbeitskräftemerkmale und Rahmenbedingungen leitet zur abschließenden Diskussion über [7]

Fußnoten

1.
Vgl. Herbert Brücker, Die Privatisierungs- und Sanierungsstrategie der Treuhandanstalt: Eine Analyse aus transaktionskostentheoretischer Sicht, in: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, (1995) 3, S. 445, Anm. 6.
2.
Detlef Pollack bündelte die diesbezügliche sozialwissenschaftliche Literatur in der Sozialisationshypothese und der Situationshypothese. Während erstere die Einstellungs- und Wertorientierungsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen auf deren Sozialisation in zwei unterschiedlichen Gesellschaften vor 1989 zurückführt, geht die Situationshypothese davon aus, dass es in erster Linie die unterschiedlichen Soziallagen von Ost- und Westdeutschen in der Gegenwart sind, die ihre Wertdifferenzen begründen. Vgl. Detlef Pollack, Sozialstruktureller Wandel, Institutionentransfer und die Langsamkeit der Individuen, in: Soziologische Revue, (1996) 19, S. 412-429. - Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Detlef Pollack in diesem Heft.
3.
Walther Heinz, Berufsverläufe im Transformationsprozess, in: Stefan Hormuth/Hans-Joachim Kornadt/Hubert Sydow/Gisela Trommsdorf (Hrsg.), Individuelle Entwicklung, Bildung und Berufsverläufe, Opladen 1996, S. 291; Gabriele Andretta/Martin Baethge, Zwischen zwei Welten: Berufliche Transformationsbiographien in den neuen Bundesländern, in: SOFI-Mitteilungen, (1995) 21, S. 17.
4.
Richard Rose, Between State and Market. Key Indicators of Transition in Eastern Europe, in: Studies in Public Policy, No. 196, University of Strathclyde, Glasgow 1991.
5.
Vgl. David Stark, Nicht nach Design: Rekombiniertes Eigentum im osteuropäischen Kapitalismus, in: Prokla, 24 (1994) 1.
6.
Am Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung wurde 1991/92 eine für die DDR-Bevölkerung im Jahr 1990 repräsentative Lebensverlaufsbefragung von 2323 ostdeutschen Männern und Frauen der Geburtsjahrgänge 1929-1931, 1939-1941, 1951-1953 und 1959-1961 durchgeführt. Ziel der Studie war ein tieferes Verständnis der sozialen Entwicklung der DDR sowie der Umbruchsprozesse im Zuge der deutschen Vereinigung. (Vgl. zum Datensatz: Heike Solga, Lebensverläufe und historischer Wandel in der ehemaligen DDR, in: ZA-Information, (1996) 38, Köln.) 1996/97 wurden etwa 1300 Personen aus der ersten Erhebung zu ihrem Leben nach 1989 wiederbefragt, wobei die um 1930 Geborenen bereits im Ruhe- oder Vorruhestand waren. Des Weiteren wurde eine neue Geburtskohorte interviewt (1971 Geborene, die zum Zeitpunkt der Wende 18 Jahre alt waren). Neben den Autoren dieses Beitrages gehörten in dieser zweiten Phase Bogdan Mach, Sylvia Zühlke und Britta Matthes zur Projektgruppe.
7.
Vgl. Martin Diewald/Heike Solga/Anne Goedicke, Back to labor markets: The Transformation of the East German Employment System after 1989, Arbeitsbericht 3/1999 des Projekts "Ostdeutsche Lebensverläufe im Transformationsprozess", MPI für Bildungsforschung Berlin, Berlin 1999; Martin Diewald, Entwertungen, Umwertungen, Aufwertungen. Ostdeutsche Erwerbsverläufe zwischen Kontinuität und Wandel, Habilitation, Freie Universität Berlin 1999; Anne Goedicke, Beschäftigungsfolgen betrieblichen Wandels. Eine Studie zu Betriebswechseln und Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland, Dissertationsschrift, Freie Universität Berlin 2000.