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26.5.2002 | Von:
Patrice G. Poutrus
Jan C. Behrends
Dennis Kuck

Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern

II. Antifaschistischer Gründungsmythos und mentale Kontinuität

Auch in der Sowjetischen Besatzungszone gab es 1945 keine Stunde Null, und auch die DDR war ein Nachfolgestaat des nationalsozialistischen 'Dritten Reiches'. Von Beginn der SED-Herrschaft an war jedoch in der SBZ/DDR keine öffentliche Debatte, sondern ein parteioffizieller Diskurs vorherrschend, der weniger der Auseinandersetzung der eigenen Gesellschaft mit dem NS-Regime als vor allem der polemischen Abgrenzung vom Westen diente. De facto war öffentliche Rede über den Nationalsozialismus (NS) identisch mit Brandmarkung des Westens als 'klerikalfaschistisch', 'Restauration' etc. - und das machte die Rede über den NS an sich bei der Mehrheit, die nicht antiwestlich zu stimmen war, unglaubwürdig [8] . Die drakonischen Säuberungen in der SBZ der unmittelbaren Nachkriegszeit galten nicht nur ehemaligen Nazis, sondern in zunehmendem Maße Gegnern der kommunistischen Herrschaft [9] . Das schnelle Bekenntnis zur neuen 'antifaschistischen Ordnung' und zur SED konnte dagegen eine Möglichkeit bieten, den Systemwechsel zu mildern und persönliche Konsequenzen abzufedern [10] . Es erscheint demnach fraglich, ob die rassistischen und nationalistischen Stereotype der NS-Propaganda, die in der Bevölkerung zweifelsohne verbreitet waren, allein durch die gebetsmühlenartige Wiederholung des antifaschistischen Gründungsmythos der DDR tatsächlich aus dem Wertekanon der Bevölkerung getilgt wurden. Es soll hier nicht geleugnet werden, dass zahlreiche derjenigen Menschen, die in dieser Zeit bewusst den 'Aufbau des Sozialismus' unterstützten, sich auch mit dem NS auseinander setzten. Diese stellten aber zu jedem Zeitpunkt eine Minderheit in der DDR-Gesellschaft dar. Zugleich ist auch zu fragen, wie die Erfahrungen und Prägungen aus der Zeit der NS-Herrschaft, die Erlebnisse mit 'Fremdarbeitern' während des Zweiten Weltkrieges und die traumatischen Erfahrungen in den Jahren der sowjetischen Besatzungsherrschaft mit den Aussagen der SED-Propaganda in Verbindung gebracht wurden. Jedenfalls hat die SED während ihrer Herrschaft stets die historische Mitverantwortung des von ihr beherrschten Teils Deutschlands für die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland bestritten und konsequenterweise auch (nach dem Ende der Reparationszahlungen an die Sowjetunion) keine Wiedergutmachungszahlungen geleistet [11] . Diese aus der Externalisierung der historischen Verantwortung abgeleitete Verweigerungspolitik konnte von der Bevölkerung auch als Freispruch der (ost-) deutschen Bevölkerung verstanden werden - ein attraktives Integrationsangebot gerade auch für diejenigen, die der SED sonst fern standen.

An die Stelle offener Rede über die Zeit des Nationalsozialismus trat vierzig Jahre lang der Versuch, die DDR-Bevölkerung auf die Minderheitenperspektive der kommunistischen Widerstandskämpfer, die in radikaler Opposition zum Nationalsozialismus standen, einzuschwören. Die Mehrheit der Deutschen hatte die NS-Diktatur aber eher als Unterstützer oder als Mitläufer erlebt, so dass schon früh eine Lücke zwischen den Erfahrungen und Einstellungen der Menschen und der Propaganda der SED entstand. Mit der Auflösung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) 1953 löste sich der Partei-'Antifaschismus' weiter von den konkreten Erinnerungen der kommunistischen Überlebenden und erstarrte in einer abstrakten Rhetorik. So vermochte sich die DDR-Bevölkerungsmehrheit 'ohne Gewissenskonflikte und ohne große Brüche in ihrer bisherigen politischen Mentalität mit dem antifaschistischen Selbstverständnis des Staates zu arrangieren bzw. es selbst verinnerlichen' [12] . Konkret gefragt war Loyalität zur SED-Politik und Konformität im Alltag.

Die Zwanghaftigkeit des Antifa-Mythos resultierte wesentlich aus dem ähnlich gelagerten Verhältnis der DDR-Bevölkerung zur Sowjetunion. 'Die Russen' kamen als fremde Sieger- und Besatzungsmacht, die ihr eigenes diktatorisches Herrschaftssystem mit Hilfe der deutschen Kommunisten in der SBZ implementierte [13] . Prägend für das Verhältnis der ersten Jahre waren die Gewalterfahrungen gegen Kriegsende, insbesondere die Massenvergewaltigungen von deutschen Frauen. Wilde Plünderungen, die Vertreibung aus den Ostgebieten und die anhaltende Demontage wurden auch östlich der Elbe nicht gutgeheißen und schadeten dem Ansehen der als 'Russenpartei' geltenden SED [14] . Weite Teile der Bevölkerung blieben auf Distanz zum neuen SED-Regime [15] . Die enge Kopplung an die Sowjetunion stellte für die SED ein Dilemma dar. Einerseits hätte sich die Einheitspartei ohne die Garantiemacht kaum halten können, andererseits war die Anwesenheit der 'Russen' in der DDR bis zu ihrem Ende ein Symbol für den 'Fremdherrschaftscharakter' des SED-Regimes.

Mit der Gründung der DDR entstand daher die Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) als gemeinsame 'Erfindung einer Tradition' [16] von Sowjetunion und SED. Doch die Dimension der Kontakte zwischen DDR und Sowjetunion, zwischen Deutschen und Russen erschöpfte sich nicht in den offiziellen Freundschaftsritualen der DSF. Vielmehr drangen Elemente der politischen und der Arbeitskultur der Sowjetunion in einem ambivalenten Prozess von Aneignung, Umformung und Ablehnung in das öffentliche Leben und den betrieblichen Alltag der DDR ein [17] . Das Paradox parallelen Zusammen- und Nebeneinanderlebens, von hermetischer Abschottung der sowjetischen Besatzungstruppen und oktroyierter Aneignung sowjetischer Arbeitsmethoden, von propagierter Fortschrittlichkeit des sowjetischen Gesellschaftssystems und erlebter Fremdheit und Rückständigkeit seitens der DDR-Bevölkerung ist bisher noch weitgehend unerforscht. Trotzdem erscheint uns zweifelhaft, ob angesichts dieses Spannungsfeldes von Ideologie und Alltagserfahrung tradierte Aversionen und Stereotype gegen den Osten, die Slawen, überwunden werden konnten.

Fußnoten

8.
Vgl. Olaf Groehler, Antifaschismus - Vom Umgang mit einem Begriff, in: Ulrich Herbert/Olaf Groehler, Zweierlei Bewältigung: Vier Beiträge über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in den beiden deutschen Staaten, Hamburg 1992, S. 29-40.
9.
Vgl. Dietrich Staritz, Geschichte der DDR, Frankfurt/M. 1996², S. 61-66; Falko Werkentin, Politische Justiz in der Ära Ulbricht, Berlin 1995.
10.
Vgl. Damian van Melis, 'Der große Freund der kleinen Nazis'. Antifaschismus in den Farben der DDR, in: Heiner Timmermann (Hrsg.), Die DDR - Erinnerungen an einen untergegangenen Staat, Berlin 1999, S. 245-265. Am Beispiel der Humboldt-Universität zeigt dies Patrice G. Poutrus, Vor der Spaltung kam der Klassenkampf, in: Burghard Ciesla u. a. (Hrsg.), Sterben für Berlin? Die Berliner Krisen 1948 : 1958, Berlin 1999, S. 101-132.
11.
Vgl. Constantin Goschler, Paternalismus und Verweigerung. Die DDR und die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte des Nationalsozialismus, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 2 (1993), S. 93-117.
12.
Jürgen Danyel, Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage in der DDR, in: ders. (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 45 f.
13.
Aufgrund der Willkür der Verhaftungen und Einweisungen in die sowjetischen Speziallager war an offene politische Auseinandersetzungen in der SBZ nicht zu denken. Vgl. Michael Klonovsky/Jan von Flocken, Stalins Lager in Deutschland, München 1993.
14.
Vgl. Norman Naimark, Die Russen in Deutschland. Die Geschichte der sowjetischen Besatzungszone 1945 bis 1949, Berlin 1997.
15.
Der Zusammenhang zwischen Distanz der Bevölkerung zum Regime und diktatorischer Herrschaft der SED in der DDR stellt das Untersuchungsgebiet der sozialgeschichtlichen Forschung zur DDR dar. Vgl. Richard Bessel/Ralph Jessen (Hrsg.), Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR, Göttingen 1996; Thomas Lindenberger (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Sozialgeschichte der DDR, Köln - Weimar - Wien 1999.
16.
Eric J. Hobsbawm, Das Erfinden von Traditionen, in: Christoph Conrad/Martina Kessel (Hrsg.), Kultur und Geschichte, Stuttgart 1998, S. 97-121.
17.
Vgl. Jan C. Behrends, Artikel Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Deutschland unter alliierter Besatzung: 1945-1949/55. Ein Handbuch, Berlin 1999.