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26.5.2002 | Von:
Patrice G. Poutrus
Jan C. Behrends
Dennis Kuck

Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern

III. Vom Nationalismus in der DDR zum DDR-Nationalismus?

Folgte man offiziellen Verlautbarungen des SED-Regimes, so hatte der Nationalismus im Arbeiter- und Bauern-Staat durch die 'antifaschistisch-demokratische Umwälzung' endgültig sein Ende gefunden. Gleichwohl nutzte die SED während der gesamten Zeit ihrer Existenz nationale Legitimationsmuster, die inhaltlich variierten, deren Form aber beibehalten wurde [18] . In der Ikonographie der jungen DDR mischten sich nationale mit sozialistischen Komponenten [19] . Während Westdeutschland in der ostdeutschen Propaganda - an ältere antiwestliche und antiliberale Elemente des deutschen Nationalismus anknüpfend - als 'Kolonie des amerikanischen Imperialismus' angegriffen wurde, bezeichnete sich die Regierung der DDR als 'wahrhaft deutsche Regierung' [20] . Mit dem Appell an die nationalen Gefühle der Bevölkerung sollten die Zumutungen der kommunistischen Herrschaft überspielt und Zustimmung zur eigenen Staatsgründung geworben werden. Als die sozialliberale Bundesregierung Ende der sechziger Jahre ihre deutsch-deutsche Politik der Annäherung startete und die einheitlichen Kulturnation betonte, bemühte sich die SED-Führung mit einer Zwei-Nationen-Theorie um Abgrenzung. Zwischen der DDR als 'sozialistischer Nation' und der Bundesrepublik als 'bürgerlich kapitalistischer Nation' [21] bestünden nicht nur grundlegende Unterschiede der Wirtschafts- und Sozialordnung, sondern in deren Konsequenz differierten auch psychisch-moralische Eigenschaften und Gefühle, Kultur und Geschichte beider deutscher Bevölkerungen [22] . In der geänderten Verfassung von 1974 [23] und in programmatischen Texten wurde der Begriff deutsch getilgt und durch sozialistisch oder DDR ersetzt. Doch war dieser Kurs nicht unumstritten, selbst unter mittleren und unteren Kadern. So hieß es etwa kurz nach der Verfassungsänderung in einem der monatlichen Berichte an den SED-Generalsekretär, dass in der ostdeutschen Bevölkerung folgende Themen diskutiert würden: 'Sind wir noch Deutsche? Warum ist der Begriff ,Nation' nicht mehr in der Verfassung zu finden? Mit der Ergänzung und Änderung der Verfassung soll alles abgeschafft werden, was mit dem Namen ,deutsch' verbunden ist.' [24]

Ein Nachgeben gegenüber solchen Bedenken gab es erst, als der sozialistische Charakter des Staatswesens gleich einer Prämisse im Freundschaftsvertrag mit der UdSSR von 1975 und dem Parteiprogramm der SED von 1976 festgeschrieben war. Die Ideologen der SED nahmen die Begriffe 'nationale Gemeinschaft', 'Nationalbewusstsein' und 'nationale Identität' wieder auf und stilisierten die gesellschaftliche Entwicklung des Territoriums der DDR und in der DDR selbst zu einem neuen Nationsbildungsprozess. Das Bild eines durch die Weihen des Sozialismus von historischer Last gereinigten deutschen Ethnos' vereinigte das tradierte Identifikationsmuster, die exkulpierende Zugehörigkeit zu den Siegern der Geschichte und wiederum die Abgrenzung gegenüber der Bundesrepublik [25] .

Das Kalkül der SED, mit dem Appell an das nationale Empfinden der DDR-Bürger gewissermaßen über einen Anker in der Gesellschaft zu verfügen, erfüllte sich nur teilweise. Unabhängig vom SED-Bemühen erhielt sich eine nationale 'deutsche' Identität in verschiedenen Abbildungsfolien, bei Industriearbeitern etwa durch den Bezug auf die aus der Zeit vor 1945 tradierte 'Qualitätsarbeit' [26] . Im ländlichen Bereich bemühte sich die Bevölkerung trotz der mit der Kollektivierung verbundenen Zumutungen ihre Wertewelt von Bodenständigkeit und bäuerlichem Selbstbewusstsein zu erhalten [27] . Die patriotischen Gesten der SED gewannen dagegen nur an Glaubwürdigkeit, wenn sie mit der etablierten Vorurteilsstruktur der Bevölkerung korrespondierten. Hilflos gegenüber der Allgegenwart des Westfernsehens und der wirtschaftlichen Überlegenheit der Bundesrepublik, versuchte die Partei eher durch den Vergleich mit den sozialistischen Bruderländern, den Verweis auf die eigene Spitzenstellung (hinter der Sowjetunion), Punkte zu sammeln. Insbesondere in Krisensituationen war die Parteiführung auch bereit, ungeniert antipolnische Stereotype ('polnische Wirtschaft') zu bedienen [28] . Auch bei ihrem Bemühen um nationale Legitimation stand die SED vor dem Dilemma, entweder den sozialistischen Gehalt ihrer Herrschaftspraxis zurückzustellen oder aber mit ihrer Ideologie in Isolation von der Bevölkerung zu verharren. Gleichwohl konnten auch solch rasche Wandlungen in der Propaganda von der verordneten ,Völkerfreundschaft' zu nationalen Ressentiments die Erosion des SED-Regimes in den achtziger Jahren nicht aufhalten.

In der 'patriotischen Erziehung' der DDR wurden Begriffe wie 'Heimatliebe' oder 'Stolz auf die Errungenschaften' der DDR mit sozialistischer Ideologie aufgeladen. 'Sozialistischer Patriotismus', das hieß unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion, Liebe zur SED und Verehrung für die Parteiführung und Solidarität mit den 'unterdrückten' Völkern der Welt. Uns erscheint aber zweifelhaft, ob die Bevölkerungsmehrheit all diese Implikationen nachvollzog oder ob nicht eher nach der prägenden Kraft dahinterstehender tradierter Denkstrukturen, nämlich der kritiklosen Überhöhung des Eigenen und der exklusiven Identifikation mit dem eigenen Kollektiv zu fragen ist. Beruhte diese 'imagined community' (Benedict Anderson) also auf genau jenen Mechanismen, die für das Gefühl und das Erlebnis, einer ethnisch definierten 'Nation' anzugehören, typisch sind? Einige fachspezifische Forschungsergebnisse weisen in diese Richtung: Die bildungsgeschichtliche Studie von Helga Marburger und Christiane Griese attestiert der DDR-Pädagogik einen starken Homogenisierungsdruck nach innen. 'Das Eigene war kollektives Eigenes und als solches streng genormt.' [29] Lohnend ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf das Verhältnis der Stasi zu den auch in der DDR existenten Skinheadgruppen. In den Stasi-Akten zum Skinheadüberfall auf die Zionskirche von 1987 wird deutlich, wie stark die Denkschemata der Ermittler durcheinander gerieten. Waren doch die Opfer - Ziel des Überfalls war ein Punkkonzert - durch ihren Non-Konformismus bis dahin selbst Objekt von Beobachtung und Verfolgung der Sicherheitsorgane, weil ihre Einstellung als systemfeindlich galt. Was die rechten Schläger betrifft, so reichen die Akten über rechtsextreme Vorfälle bis 1978 zurück. Gleichwohl passte die 'faschistische' Orientierung dieser Tätergruppe nicht in das Raster der klassenkämpferisch geschulten Geheimdienstler, hatten die Skins doch wesentliche 'sozialistische Werte' wie Arbeitsliebe, Ordnung, Sauberkeit und Bereitschaft zum Militärdienst für sich angenommen [30] . Dieses Beispiel verdeutlicht die 'sozial-hygienischen' Gemeinsamkeiten staatssozialistischer und rechtsextremer Leitbilder. Diese Übereinstimmung war es, die eine couragierte und offene Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus unmöglich machte, wären damit doch die genannten Grundwerte der DDR und letztlich der beschriebene Herrschaftsmodus der SED in Mitleidenschaft gezogen worden.

Fußnoten

18.
Vgl. Ute Frevert, Die Sprache des Volkes und die Rhetorik der Nation. Identitätssplitter in der deutschen Nachkriegszeit, in: Arnd Bauerkämper u. a. (Hrsg.), Doppelte Zeitgeschichte. Deutsch-Deutsche Beziehungen 1945-1990, Bonn 1998, S. 18-31.
19.
Vgl. Dieter Vorsteher (Hrsg.), Parteiauftrag. Ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR (Ausstellungskatalog), München - Berlin 1996.
20.
Zit. in: Sigrid Meuschel, Legitimation und Parteiherrschaft in der DDR. Zum Paradox von Revolution und Stabilität in der DDR, Frankfurt/M. 1992, S. 110.
21.
Ebd., S. 277 f.
22.
Vgl. Hermann Axen, Zur Entwicklung der sozialistischen Nation in der DDR, Berlin (Ost) 1973, zit. in: S. Meuschel (Anm. 20), S. 279.
23.
Vgl Ingo von Münch (Hrsg.), Dokumente des geteilten Deutschland, Band II: seit 1968, Stuttgart 1974, S. 464-493.
24.
Bräutigam an Honecker, 26. 11. 1974, SAPMO-BArch DY 30-2219, Bl. 118.
25.
So etwa der Sammelband der Sektion Marxismus-Leninismus der Humboldt-Universität zu Berlin (Hrsg.), Zu theoretisch-weltanschaulichen und methodologischen Problemen der Erziehung der studentischen Jugend zum sozialistischen Patriotismus und proletarischen Internationalismus, Berlin (Ost) 1982.
26.
Vgl. Alf Lüdtke, 'Helden der Arbeit' - Mühen beim Arbeiten. Zur mißmutigen Loyalität von Industriearbeitern in der DDR, in: Hartmut Kaelble u. a. (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 188-213.
27.
Vgl. Dagmar Langenhan, 'Halte dich fern von den Kommunisten, die wollen nicht arbeiten!' Kollektivierung der Landwirtschaft und bäuerlicher Eigen-Sinn am Beispiel Niederlausitzer Dörfer (1952 bis Mitte der sechziger Jahre), in: Th. Lindenberger (Hrsg.) (Anm. 15), S. 119-165.
28.
Während der Streikbewegung der Gewerkschaft Solidarität in Polen startete die SED eine antipolnische Kampagne. Vgl. Erhard Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Bonn 1997, S. 385.
29.
Christiane Griese/Helga Marburger, Zwischen Internationalismus und Patriotismus. Konzepte des Umgangs mit Fremden und Fremdheit in den Schulen der DDR, Frankfurt/M. 1995, S. 115.
30.
Vgl. Heinrich Sippel/Walter Süß, Staatssicherheit und Rechtsextremismus, Bochum 1994.