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26.5.2002 | Von:
Patrice G. Poutrus
Jan C. Behrends
Dennis Kuck

Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern

V. Fazit

Vom grundlegenden Legitimationsdefizit der SED-Diktatur waren Fremde und Ausländer besonders betroffen. Jeder Ausländer galt immer auch als Repräsentant seines Landes, und der Aufenthalt der meisten wurde in irgendeiner Form aus der Solidaritätspolitik der DDR erklärt. Zu fragen ist in diesem Zusammenhang, inwieweit Ausländer aufgrund dieser 'Offizialisierung' in der Wahrnehmung vieler DDR-Bürger nicht auch zum Symbol sozialistischer Herrschaft wurden.

Fremde trafen in der DDR auf eine Gesellschaft, in der politisch motivierte Ausgrenzungsmechanismen eine historische Kontinuität darstellten. Während der Antifaschismus, Internationalismus und die internationale Solidarität in abstrakter Akklamationsrhetorik erstarrt waren, blieb die Nation trotz wechselnden Inhalts wichtiger Bezugspunkt für Regime und Bevölkerung. Die Klassengemeinschaft war zu allererst eine nationale der DDR-Deutschen. Die meisten Ausländer lebten dementsprechend von den DDR-Bürgern abgeschirmt. Im Alltag rieben sich dann die jeweiligen Rollen des demütigen Empfängers von Solidarität und des Solidarität gewährenden DDR-Bürgers an der Realität, ohne dass über Konflikte offen gesprochen werden durfte.

In der Versorgungskrise der achtziger Jahre folgte die SED den Vorbehalten aus der Bevölkerung und grenzte Ausländer als illegitime Konsumkonkurrenten aus. Und auch die Wiedervereinigungseuphorie Anfang der neunziger Jahre hat das nationalistische, fremdenfeindliche DDR-Potenzial bestätigt. Jetzt ist es die Transformationskrise, die den Wertewandel in Ostdeutschland hemmt, denn das System Demokratie mit all seinen Implikationen muss sich erst in den persönlichen Lebenssituationen der ostdeutschen Bürger bewähren, bevor es Akzeptanz findet [49] . Ohne den kritischen Blick zurück in die DDR aber wird nicht klar, welches Denken jetzt bei einem großen Teil der ostdeutschen Bevölkerung vorherrscht.

Fußnoten

49.
Diese Erfahrung machte auch die junge Bundesrepublik. Vgl. Carsten Pollnick/Renate Welsch, Auf dem Weg zu Demokratie und Wirtschaftswunder: die Jahre 1945 bis 1961 in Westdeutschland und in Aschaffenburg; vom Ende des zweiten Weltkrieges bis zum Bau der Mauer, Aschaffenburg 1999; Der schwierige Weg zur Demokratie: die Bundesrepublik vor 40 Jahren, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1990.